Claudia Reinhard
Ausgabe 1016 | 14.03.2016 | 06:00 9

Terrorwarnung in Bayern

Porträt Olivier Ndjimbi-Tshiende wurde von der CSU beschimpft und erhielt Morddrohungen. Jetzt gibt der Pfarrer auf

Zorneding bei München präsentiert sich auf seiner Homepage als bayrisches Idyll. Kinder in Trachten spielen händchenhaltend auf der Gemeindewiese, ein Kirchturm thront vor blauem Himmel. Hier trat ein Pfarrer kongolesischer Herkunft vor vier Jahren sein Amt an. Er fühlte sich, wie er noch vergangenen Sonntag in seiner Predigt versicherte, „gut und freundlich“ aufgenommen. Jetzt tritt Olivier Ndjimbi-Tshiende zurück und verlässt die Stadt. Rassistische Stalker haben ihn monatelang mit Morddrohungen terrorisiert. „Nach der Vorabendmesse bist du fällig“ oder „Ab mit dir nach Auschwitz“ stand auf Postkarten und in Briefen.

Ndjimbi-Tshiende ist Deutscher. Er zog 1986 aus der heutigen Demokratischen Republik Kongo nach München, wo er als Kaplan arbeitete, Philosophie studierte und sich später auf dem Gebiet der Werteethik habilitierte. 2011 nahm er dann die deutsche Staatsbürgerschaft an, weil er sich „hier zu Hause“ fühlte, wie er der Süddeutschen Zeitung sagte. In einem Leserbrief äußerte er sich besonders begeistert über Angela Merkels Flüchtlingspolitik: „Sie wissen, dass die Ereignisse in dieser Welt sich wiederholen, aber nicht ewig sind, Sie wissen, dass die Erde uns allen gehört, gleichsam die Früchte dieser Erde, Sie wissen, dass keine Grenzen zum Helfen gezogen werden dürfen, sondern dass diese sich selbst zeigen.“

Die verstörenden Anfeindungen gegen den Pfarrer begannen im vergangenen Oktober, nachdem er in seinen Predigten und Interviews Stellung zu den rassistischen Äußerungen der damaligen CSU-Ortsvorsitzenden von Zorneding Sylvia Boher genommen hatte. Sie hatte in der Rubrik „Kritisch angemerkt“ im regionalen Parteiblatt Zorneding-Report über eine „Invasion“ von Flüchtlingen geschrieben und solche aus Eritrea generell als „Militärdienstflüchtlinge“ bezeichnet. Verbale Entgleisungen zu dem Thema haben bei Boher Tradition: Schon 1997 schrieb sie von Asylbewerbern, die sich „auf Kosten der deutschen Beitragszahler die Zähne sanieren lassen oder Stammesfrisuren für viel Geld vom Sozialamt“ bezahlt bekämen. Ihr Stellvertreter Johann Haindl übertraf die Hetze in der Ebersberger Ausgabe des Münchner Merkur dann noch mal an Geschmacklosigkeit: „Der [Olivier Ndjimbi-Tshiende] muss aufpassen, dass ihm der Brem [Altpfarrer von Zorneding] nicht mit dem nackerten Arsch ins Gesicht springt, unserem Neger.“

Ndjimbi-Tshiendes Reaktion auf die Hetze aus der CSU fiel gefasst aus. Er bekundete Mitleid mit der örtlichen CSU-Chefin Boher. Ihm war es wichtig, zwischen ihrer Person als Mensch und ihren Äußerungen zu unterscheiden – da diese „nicht auf aktuelle Tatbestände, sondern nur auf Emotionen aufgrund falscher Wahrnehmungen“ bezogen seien. Nachdem die Wirtschaftsministerin Ilse Aigner das Verhalten ihrer Parteikollegen als inakzeptabel verurteilte, traten Boher und Haindl zurück – ohne Entschuldigung. Dass der Pfarrer nun vor dem Rassismus kapituliert, kommentierte Sylvia Boher so: „Im Leben gibt es immer Ankünfte und Gehen. Das ist ein normaler Prozess.“ Der bedrohte Pfarrer mochte sich nicht mehr äußern.

Wolf im Schafspelz

Aigner bezeichnete es diese Woche in einer Erklärung als „böswillig“, den Skandal mit der CSU in Verbindung zu bringen. Das sehen viele Menschen anders. Angelika Burwick etwa, Vorsitzende des Helferkreises für Flüchtlinge in Zorneding, trat nach den Anfeindungen aus der CSU aus. Der Rücktritt des Pfarrers überraschte sie trotzdem: „Ich bin aus allen Wolken gefallen. Ich kann es nicht nachvollziehen, wie so was in Zorneding möglich ist“, sagte sie dem Freitag. Ndjimbi-Tshiende empfand sie als Bereicherung für die Gemeinde: „Er ist ein sehr gelehrter Mensch, und es macht viel Spaß, sich mit ihm zu unterhalten.“ Von den Anfeindungen will sie nicht auf die Grundstimmung im Ort schließen lassen: „Wir haben 9.000 Einwohner und einen Helferkreis von weit über 150 Personen für aktuell 50 Flüchtlinge. Die Stimmung ist Flüchtlingen gegenüber unglaublich offen.“ 2014 machte Zorneding allerdings bereits einmal mit Rassismus Schlagzeilen. Als die Leiterin der Grundschule unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ein Klassenzimmer bereitstellte, wiesen die Betreiber einer islamfeindlichen Internetseite darauf hin. Die Frau bekam eine Reihe aggressiver Mails, der Staatsschutz ermittelte.

Auch Olivier Ndjimbi-Tshiende musste in der Vergangenheit gravierende Erfahrungen mit deutschem Rassismus machen. In Restaurants wurde er nicht bedient, ein Mitarbeiter in der Pfarrei Buch am Erlbach wollte nicht „unter einem Neger“ arbeiten. Ein junges Ehepaar weigerte sich, sein Kind von einem Pfarrer afrikanischer Herkunft taufen zu lassen. Sein Amt in Zorneding trat er 2012 trotzdem hoffnungsvoll an. In seinem Vorstellungstext formulierte er seine „Vision für die Gemeinde“: „Wo Menschen sind, entstehen auch Probleme, diese sind mit der Vernunft zu lösen, Emotionen lassen eher die Lage explodieren.“ Die guten Wünsche des Zorneding-Reports der CSU an den Pfarrer klangen da schon seltsam zweideutig: „In Büchern, allen voran der Bibel, findet er wohl Hilfe und Kraft, an der Zornedinger Alltagsfront siegreich zu bestehen.“

Ndjimbi-Tshiende will nicht mehr kämpfen. Der Philosoph hat Sachtexte über die Entwicklung des moralischen Gewissens veröffentlicht, jetzt ist seine Schmerzgrenze offenbar erreicht. „Ich weiß, dass er Angst hatte“, berichtet Angelika Burwick. Die Online-Petition „Unser Pfarrer soll in Zorneding bleiben“ haben in wenigen Tagen über 34.000 Menschen unterschrieben. Olivier Ndjimbi-Tshiende aber wird seine Entscheidung lange durchdacht haben. In seiner letzten Predigt sprach er von seiner großer Erleichterung. Er wird die Gemeinde Ende März verlassen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 10/16.

Kommentare (9)

anne mohnen 14.03.2016 | 09:52

Im Fall des 66jährigen Philosophie-Professors Ndjimbi-Tshiende ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung.

>>Unser Pfarrer tritt zurück", titelte Zornedings Kirchengemeinde im Internet und fügte hinzu: "Wir sind schockiert und traurig über diese Drohungen." Wut im Bauch spürte am Montag auch die Fraktionschefin der bayerischen Landtags-Grünen. Auslöser der Affäre sei eine "abstoßende, rassistisch motivierte Privatfehde von CSU-Funktionären mit dem Geistlichen" gewesen, sagte Margarete Bause. Die oberbayerische CSU-Bezirksvorsitzende Ilse Aigner teilte mit, sie bedauere den Rücktritt von Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende zutiefst und verurteile die Umstände, die dazu geführt hätten, auf das Schärfste.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) reagierte empört auf die Morddrohungen gegen den Priester. "Das ist völlig inakzeptabel", sagte Seehofer in München. "Ich verurteile das total." Polizei und Justiz müssten alles daran setzen, die Vorgänge aufzuarbeiten. "Null Toleranz ist in Bayern der Maßstab."<<

Inzwischen verwahrt sich das Erzbistum München-Freising gegen das Gerücht, >>die rassistische Hetze gegen den dunkelhäutigen Priester sei nicht der wahre Grund für den Rücktritt. Der Priester sei vielmehr mit der Verwaltung seiner Pfarrei überfordert gewesen. "Fakt ist, dass es mehrere Morddrohungen und übelste rassistische Beleidigungen gab", sagt Bistumssprecher Kellner dazu.<<

SigismundRuestig 15.03.2016 | 18:28

Von örtlicher CSU ausgebrachte Saat ist aufgegangen. Jetzt duckt sich die CSU.Zu kurz gesprungen! Das war mein Kommentar vom letzten November:"Oh ihr Kurzsichtigen von der CSU!Und wie wollt Ihr verhindern, dass sich die beiden Rücktrittskandidaten bei den nächsten Vorstands-Wahlen wieder in ihre Ämter wählen lassen?Die bei Vielen - dankenswerter Weise auch offen - zur Schau gestellte rechte Gesinnung in Zusammenhang mit den rassistischen Entgleisungen beider Ex-CSU Vorstände ist ja mit deren Rücktritt nicht verschwunden!Und nach wie vor kann die Ex-Vorständlerin auch weiterhin im Zornedinger Gemeinderat ihre rassistischen Parolen verbreiten!"Und was erleben wir heute?Der Ortspfarrer tritt zurück und die Auslöserin dieser rechten Hassorgie behält ihre Ämter als CSU-Gemeinderat, im CSU-Kreisvorstand Ebersberg und im CSU-Bezirksvorstand Oberbayern! Die CSU-Protagonisten Seehofer, Aigner, Huber, Niedergesäss können sich nicht schnell genug distanzieren von den Entgleisungen gegen den Ortspfarrer und rasche Aufklärung fordern. Dabei ist längst aufgeklärt, wer Auslöser dieser üblen Hetzkampagne war! Im übrigen hat sich CSU-Frau Boher, entgegen anderer Aussagen aus der CSU-Führung bis heute weder von ihren Aussagen distanziert noch sich dafür öffentlich entschuldigt! Im Gegenteil!
"Die Kommentare anderer Leute:teils Verschwörer der übelsten Sorte,teils dumpfbackige, hirnlose Beuteeiner versponnenen, verbohrten Kohorte."
In seinem Song "Der Tastatur-Revoluzzer" hat Sigismund Ruestig das hemmungslose Posten und Kommentieren in den digitalen Medien - wie derzeit speziell bei Flüchtlingsthemen anschaulich in vielen Communities dokumentiert - aufs Korn genommen:
http://youtu.be/sBom50KrkBk

Viel Spaß beim Anhören.

SigismundRuestig 15.03.2016 | 18:32

Von örtlicher CSU ausgebrachte Saat ist aufgegangen. Jetzt duckt sich die CSU.Zu kurz gesprungen! Das war mein Kommentar vom letzten November:"Oh ihr Kurzsichtigen von der CSU!Und wie wollt Ihr verhindern, dass sich die beiden Rücktrittskandidaten bei den nächsten Vorstands-Wahlen wieder in ihre Ämter wählen lassen?Die bei Vielen - dankenswerter Weise auch offen - zur Schau gestellte rechte Gesinnung in Zusammenhang mit den rassistischen Entgleisungen beider Ex-CSU Vorstände ist ja mit deren Rücktritt nicht verschwunden!Und nach wie vor kann die Ex-Vorständlerin auch weiterhin im Zornedinger Gemeinderat ihre rassistischen Parolen verbreiten!"Und was erleben wir heute?Der Ortspfarrer tritt zurück und die Auslöserin dieser rechten Hassorgie behält ihre Ämter als CSU-Gemeinderat, im CSU-Kreisvorstand Ebersberg und im CSU-Bezirksvorstand Oberbayern! Die CSU-Protagonisten Seehofer, Aigner, Huber, Niedergesäss können sich nicht schnell genug distanzieren von den Entgleisungen gegen den Ortspfarrer und rasche Aufklärung fordern. Dabei ist längst aufgeklärt, wer Auslöser dieser üblen Hetzkampagne war! Im übrigen hat sich CSU-Frau Boher, entgegen anderer Aussagen aus der CSU-Führung bis heute weder von ihren Aussagen distanziert noch sich dafür öffentlich entschuldigt! Im Gegenteil!
"Die Kommentare anderer Leute:teils Verschwörer der übelsten Sorte,teils dumpfbackige, hirnlose Beuteeiner versponnenen, verbohrten Kohorte."
In seinem Song "Der Tastatur-Revoluzzer" hat Sigismund Ruestig das hemmungslose Posten und Kommentieren in den digitalen Medien - wie derzeit speziell bei Flüchtlingsthemen anschaulich in vielen Communities dokumentiert - aufs Korn genommen:
http://youtu.be/sBom50KrkBk

Viel Spaß beim Anhören.

anne mohnen 16.03.2016 | 11:06

Um so wichtiger, dass Kardinal Marx, sich die Kritik zu eigen macht, die in der Causa inzwischen an ihm geübt wird und die Kassian Stroh von der SZ ganz gut zusammenfasst:

>>Zweimal hat sich Marx nun zu Wort gemeldet, er hat klar verurteilt, wie übel dem aus dem Kongo stammenden Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende mitgespielt wurde. Aber er hat dies erst getan, nachdem Ndjimbi-Tshiende um seine Versetzung gebeten hatte. Im Herbst, als die ersten rassistischen Ausfälle gegen ihn publik wurden, schwieg Marx; nur die Pressestelle des Erzbistums verschickte eine - wenn auch scharf missbilligende - Mitteilung. Am Sonntag nun ist Generalvikar Peter Beer nach Zorneding gefahren. Zuvor aber hatte sich dort keiner der Kirchenoberen blicken lassen - als Zeichen der Solidarität oder als Signal gegen Rechtsextremisten.

Das hat sicher Gründe gehabt. Vielleicht war Marx in seinen Funktionen als Papst-Berater und Bischofskonferenz-Vorsitzender einfach zu sehr mit den Belangen der Welt- oder der bundesdeutschen Kirche beschäftigt, als dass er Augen für diesen Fall in seiner Diözese gehabt hätte. Das wäre für einen Bischof fatal.

Vielleicht wollte er auch nicht den Konflikt mit der CSU über die Asylpolitik weiter anheizen und ließ hinter diese strategischen Erwägungen die Fürsorgepflicht für seinen Mitarbeiter und Mitbruder zurücktreten. Das wäre für einen Vorgesetzten fatal.

Vielleicht aber empfand er es auch als gar nicht so außergewöhnlich, dass Priester (wie er selbst ja auch) oder in der Flüchtlingsarbeit Engagierte in E-Mails und Briefen bedroht werden - darauf deutet Marx' Äußerung hin, er habe den Angriffen nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken wollen.

Wann aber, wenn nicht hier, wäre ein klares Wort, eine eindeutige Geste zugunsten des Bedrohten richtiger und wichtiger gewesen? Um deutlich zu machen, dass niemand bereit ist, derlei Hetze einfach als normal hinzunehmen. Schließlich rühren die Angriffe gegen Ndjimbi-Tshiende an den Kern der Botschaft der Kirche; sie widersprechen allem, wofür sie eintritt.

Man weiß nicht, aus welchem dieser drei Gründe Marx geschwiegen hat. Falsch wären sie alle drei.<<

Allerdings "Schwamm drüber" wird es nicht geben. Marx, u.a. als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bezieht klare Kante in Sachen Rassismus, Flüchtlingspolitik (...) und vor allem- AfD.

Lethe 16.03.2016 | 14:59

Letztlich sagen Sie damit, dass es eigentlich unmöglich ist, von außerhalb zu erkennen, dass Deutschland eine Nation mit erheblichen Anteilen rassistisch gesonnener Menschen ist. Und dass es unmöglich zu erkennen ist, dass die ländlicheren Gebiete von Bayern neben Sachsen und Meck-Pomm denkbar ungünstige Gegenden sind, um sich als Mensch mit nichtweißer Hautfarbe niederzulassen. Nun ja. Wahrscheinlich sind dann auch die derzeit beobachteten "Auswüchse" des Rassismus im Rahmen der "Flüchtlingskrise" vollkommen überraschend.

Klar- u.a. zwischen all den Frauen, die dort massenhaft vergewaltigt werden. :(

Ich nehme an, das ist ein Argument. Ich verstehe nur nicht, wofür oder wogegen.

Außerdem, ich bitte das zu bedenken, habe ich nicht davon gesprochen, dass Olivier Ndjimbi-Tshiende sein Land zu Unrecht verlassen habe. Der Kongo ist eine menschengemachte Hölle.

Nur wie irgendjemand darauf kommt, Deutschland als eine Zuflucht aufzufassen, verstehe ich immer noch nicht.