Unterwegs

Eating out Warum hat Berlin eigentlich keine Buffets? Oder Deutschland überhaupt? Ich meine nicht die dunklen, schweren Möbel, die im Märkischen Museum und in ...

Warum hat Berlin eigentlich keine Buffets? Oder Deutschland überhaupt? Ich meine nicht die dunklen, schweren Möbel, die im Märkischen Museum und in manchen Wohnungen stehen, auch nicht das Frühstücksbuffet, das als Brunch im »Oswald« (Prenzlauer Berg, falls es jemand ausprobieren will) jeden Sonntag Scharen von Leuten glücklich macht. Ich meine Restaurants, die nur in dieser Form existieren, als Buffet. Deren Karte nichts als Getränke offeriert, deren Kellner die Gäste nur zum Tisch führen und benutzte Teller in Windeseile abräumen, deren Menü nirgendwo beschrieben, aber im Fenster platziert ist, damit man es von draußen gut sehen kann. Acht oder mehr Meter Buffet - zum Abschreiten, wie eine Parade. Dutzende von oben und unten heiß gehaltene Metallschalen, an denen die Gäste entlang schlendern, in denen Curry- und Safranreis, Gemüsepfannen, Glasnudeln, exotische Teigtäschchen und Sechuan-Huhn dampfen. Denn es handelt sich wahlweise um indische oder chinesische Küche, in der nicht nur Anderes gekocht wird, in der man auch die Zeitgesetze der Pubs boykottiert.

Seit ich diese Art von Kneipen in England entdeckt habe, kann ich gelassen bleiben, wenn mich wieder mal Leute bedauern, weil es auf der Insel mit dem Essen ja wirklich schwierig sei, ewig die Einheitssauce Gravy, ewig Chips und zerkochtes Gemüse. Nicht zu vergessen mashed potatoes und steak-and-kidney-pudding (für alle, die diesen exotischen Höhepunkt nicht kennen: kidney heißt Niere). Recht haben sie, die Leute, die mich deshalb trösten wollen. Ich bin trostbedürftig angesichts der englischen Speisen und die Situation wird noch schwieriger durch die strikte Entscheidung der Gastwirte, wann es etwas zu essen gibt und wann nicht. Lunch bekommt man eben von 12 bis 14 Uhr, allenfalls bis 14.30 Uhr. Dann wird geschlossen oder nur Bier serviert, bis endlich diner-time ist, die abgezirkelte drei Stunden dauert. Der Befehl »last orders please« ist sprichwörtlich und sicher auch komisch, aber wenn man im Alltag damit leben muss und gern nach dem Kino essen geht, kann man nicht immer darüber lachen.

Also ja, alle haben Recht, die mich in England bemitleiden, wenn es um Gastronomie geht. Und auch wieder nicht! Ich wünschte, Berliner Gastronomen kämen her und lernten von England. Was für ein unglaubwürdiger Satz. Aber diese Buffets wären ein Erfolg, auch »in Europa«, wie man hier sagt, selbst dann, wenn man mit Kindern essen geht. Nein, es ist nicht das Prinzip: pro Gast ein Kellner, der einem im Extremfall sogar die gestärkte Serviette auf den Schoß legt, und pro Gang wenige Scheibchen auf riesigem Teller. Man schlendert stattdessen an den immer wieder frisch gefüllten Schalen mit duftenden Speisen vorbei, liest die knapp orientierenden Schilder (manchmal reicht der warnende Hinweis »very hot«) und rät, was da nun wieder in roter Sauce ruht oder ob die knusprigen grünen Blätter Gemüse oder frittierte Algen sind. Es ist kein Risiko, man nimmt nur einen neuen Teller, probiert einen Bissen und entscheidet sich für etwas Anderes - oder holt sich mehr davon. Das Letztere kommt häufiger vor. Dieses Gefühl von Freiheit: alles testen zu können. Denn der Preis für den genussreichen Nachmittag oder Abend bleibt gleich, egal wie viel jemand schafft und ob am Ende sogar noch die europäischen Torten ausprobiert werden, die allerdings nicht zu dem Übrigen passen. Ja, also Freiheit. War es nicht Engels, der die Einsicht in die Notwendigkeit beschwor? Hier verlangt die Einsicht in die Notwendigkeit, freiwillig rechtzeitig aufzuhören oder am nächsten Tag strikt bei Salat zu bleiben. Also genug des Mitleids. Eating out in England kann Spaß machen, es muss ja nicht englische Küche sein.

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