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GESCHICHTE "Zeitfunken", die Biografie einer Familie mit couragierten Frauen

Diesem Buch fehlt der "Mut zur Lücke". Hunderte von Namen und Episoden bevölkern es, von Robespierre bis Helmuth von Moltke, aber sie bleiben zu oft nur Namen, oberflächlich erwähnt.

Aufregend erzählt die Journalistin erst, als die beschriebene Zeit ihrer eigenen näherrückt. Das Buch fesselt durch genaue und anschauliche Schilderungen der Nazizeit: Karin Friedrich beschreibt die illegale Arbeit der Gruppe "Onkel Emil", der ihre aktive, mutige Mutter Ruth Andreas-Friedrich und sie selbst angehörten. Zum Höhepunkt, zu dem man sich allerdings durcharbeiten muss, werden so die Kapitel über die Befreiung durch die Rote Armee, die heute schon schwer vorstellbare Zeit danach und die Nachkriegsjahre in der jungen Bundesrepublik, in denen sich zur namenlosen Enttäuschung der Autorin und mehr noch ihrer Mutter Nazis auf gesetzlicher Grundlage wieder etablieren konnten.

Aber das Buch will eben nicht nur die faszinierende Mutter der Autorin porträtieren, leider, sondern die jahrhundertelange Geschichte der Familie erzählen. Einer Familie, in der man stolz ist, den Kindern keine Märchen, sondern Fakten und Legenden aus dem Leben der Vorfahren zu erzählen. Karin Friedrich hat viele Dokumente und Fotos, vor allem von den Frauen ihrer deutsch-französischen Familie, in das Buch aufgenommen. Aber reichen Fotografien, die Aneinanderreihung von Bildbeschreibungen und vermutete Bekanntschaften für ein solches Buch aus?

Karin Friedrich versucht, Verbindungen zur Gegenwart herzustellen, bemüht die Methode von Christa Wolfs "Kindheitsmuster": eine Reise mit den Töchtern in das Land der Vorfahren. Bei Friedrich aber bleiben die geschilderten Fahrten banal, die Reflexionen, der Vergleich der modernen jungen Frauen mit der Urgroßmutter am Ende des 19. Jahrhunderts, bringt nichts Originelles.

Dabei bieten die kühnen Frauen ihrer Familie Stoff in Fülle. Aber Karin Friedrich vertraut ihm nicht genug. Statt zu erzählen erteilt sie Geschichtsnachhilfe. Alles will sie erfassen, die Französische Revolution, den Krieg von 1870/71, den Kreisauer Kreis und die Weiße Rose, de Gaulle und Adenauer, Audrey Hepburn, die Dreigroschenoper, Hoyerswerda, Bosnien. Vieles, wie das Berlin der zwanziger Jahre, wird dann nur noch in Aufzählungen zusammengefasst. Der leise Hang zum Belehren, der Hang, Leserinnen und Leser zu unterschätzen, schimmert durch. Friedrich erklärt selbst, was NSDAP heißt; sie räsonniert wenig originell: "Zweier welterschütternder Kriege hatte es noch bedurft, Millionen Menschen mußten sterben, bis die von Victor Hugo so oft beschworene Völkerfreundschaft realisiert ... wurde." Ein Hochzeitsfoto von 1897 kommentiert sie: "Wem das alles reichlich altmodisch gefühlig vorkommt, sollte bedenken: so waren sie nun mal, die Urgroßeltern, noch nicht so cool wie heute." Wenn doch jemand im Manuskript gestrichen hätte!

Die Heldin der Familiengeschichte ist Karin Friedrichs Mutter. Auf ihr Buch über die Erfahrungen im deutschen Widerstand ("Der Schattenmann") macht "Zeitfunken" neugierig.

Karin Friedrich, Zeitfunken. Biographie einer Familie Verlag C.H.Beck, München 2000, 367 S., 28 Abb., 39,80 DM.

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