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Das Große im Kleinen finden. Einzelne Romanpassagen und Filmszenen durchleuchten. Twitter: @CloseViewing (Filme und Fotografie)
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RE: Wer zockt uns ab, Monsieur Piketty? | 26.11.2014 | 12:20

Piketty widmet Deutschland in seinem Buch ja nicht GANZ so viel Aufmerksamkeit - umso interessanter ist es, hier lesen zu können, was er der deutschen Politik "empfehlen" würde.

Dennoch sind mir die Ausführungen über die Unmöglichkeit eines globalen Steuersystems immer wieder zu kurz/ungenau:

"Aber ernsthaft, ich glaube nicht, dass wir auf eine globale Regierung oder inter-nationale Einheitssteuern warten müssen. Es gibt eine Menge Dinge, die man auch auf nationaler Ebene machen kann. Deutschland könnte beispielsweise eine progressive Vermögenssteuer einführen, auf europäischer Ebene ließe sich vieles vorantreiben."

Was genau ließe sich denn vorantreiben, wenn internationale Konzernen immer noch die Option bleibt, auf Länder mit laxeren Steuersystemen zurückzugreifen? Das ist doch einer der wichtisten Punkte in der Debatte überhaupt, wieso begnügt man sich immer wieder mit einem kurzen Verweis auf nationale und transatlantische Abkommen? Klar, es wäre ein Anfang - aber was bringt es, ein paar Länder zu impfen, wenn weltweit eine "gesündere Gesellschaft" erst mit einer Impfquote von 90% + erreichbar wäre?

RE: Märchen vom Kapital in einfacher Sprache | 07.11.2014 | 08:47

Interessant und anregend!

Ich kenne auch ein Buch, in dem eine Psychologin "Rumpelstilzchen" als Parabel auf die Entscheidungen von Filmproduzenten anwendet und ausführlich erläutert: Cemile Tamboga - "Diagnose Drehbuch - Wie insider Spielfilmdrehbücher beurteilen".

RE: Das Anti-Facebook | 01.10.2014 | 22:20

Ich hab mich vor 2 Tagen eingetragen - bisher aber noch keine Einladungs-Email erhalten. :)

RE: Netflix kauft den TV-Markt leer | 16.06.2014 | 00:06

Mich würde ja interessieren, ob Netflix vor hat, auch Eigenproduktionen speziell für den deutschen Markt herzustellen. Hätte sicherlich den Vorteil, dass sie sich dadurch zusätzlich von Watchever und Co abheben könnten.

Aber wahrscheinlich reicht es auch schon, wenn - wie hier beschrieben - Netflix einfach die interessantesten Produkte zusammenkauft (plus die eigenen amerikanischen Produktionen exklusiv anbietet) und sich dadurch schon genug Vorteile zu verschaffen.

Dennoch ist der Rechtemarkt in Deutschland ja schon recht weit aufgeteilt, hier z.B. hier beschrieben wird. Man muss sich also tatsächlich fragen, wie viel Netflix zusammenkaufen können wird.

RE: Thomas Piketty vs. Chris Giles – noch Fragen? | 07.06.2014 | 11:48

Danke, bin jetzt endlich zum anschauen gekommen - sehr interessant!

Im Zeit-Blog gibt es inzwischen eine Antwort auf Bofingers Spiegel-Interview --> Man beachte vor allem, dass sich Bofinger offenbar gleich im ersten Kommentar zu Wort meldete, um dananach (für immer?) zu schweigen:

http://blog.zeit.de/herdentrieb/2014/06/05/verschaerft-der-kapitalismus-die-ungleichheit-oder-nicht-thomas-piketty-vs-peter-bofinger_7448

RE: Thomas Piketty vs. Chris Giles – noch Fragen? | 02.06.2014 | 20:35

Danke für den Link - für mich bisher einer der Artikel mit größtem "Neuigkeitswert", da starke eigenen (Meta-)Sicht auf die Debatte. Auch ich war zunächst überrascht, dass in der WiWo so viel über die WiWi (Wirtschaftswissenschaft) geschimpft wird und die Sozialwissenschaften sozusagen in den Himmel gelobt werden. Kenne das Heft allerdings auch kaum.

Die Argumentation im Artikel ist aber tatsächlich ein bisschen hohl bzw. irreführend. Es werden Piketty sehr viele Vorwürfe gemacht (Suche nach Weltformel, die Wirstschaftswissenschaft als mathematische exakte Wissenschaft betrachten etc.), die gar nicht auf das Buch zutreffen.

Schon in der Einleitung schreibt Piketty nämlich unter anderem, dass die Weltwirtschaft von einer riesigen Vielzahl von Faktoren bestimmt wird. Deshalb ist er KEINESWEGS auf der Suche nach einer Weltformel. Er will nur historische Muster ausfindig machen, um die richtigen FRAGEN an die Zukunft stellen und gff. und HandlungsALTERNATIVEN aufspüren zu können. (Das kann man übrigens auch auf Herrn Bofingers erwähnte Kritik anwenden: r>g MUSS nicht zum "Gesetz" werden - doch es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie es wird, wenn sich an den derzeitigen Mechanismen nichts ändert.)

Der Artikel hat jedoch Recht, dass Ökonomen sich nicht im rechthaberischem Kleinklein verlieren sollten. Dazu übrigens ein Zitat direkt von Piketty, aus Seite 3 (!) seines Buches: "Given this dialogue of the deaf, in which each camp justifies its own intellecutal laziness by pointing to the laziness of the other, there is a role for research that is at least systematic and methodical if not fully scientific."

--> Für mich heißt das: Wenn wir schon streiten, dann sollten wir über Pikettys Methodik streiten. Versuche, mich dran zu halten :)

RE: Thomas Piketty vs. Chris Giles – noch Fragen? | 02.06.2014 | 10:46

Jetzt ist mir gerade untergekommen, dass Peter Bofinger sich im aktuellen Spiegel äußert. Auch er kritisiert eine spezielle Grafik, allerdings eine andere - und zwar geht es HIER tatsächlich um die Hauptthese des Buches r>g. Zitat: Wer sich die Mühe macht, in Pikettys Buch nicht nur das Vorwort zu lesen, findet auf Seite 356 eine Schautafel. Sie zeigt, wie sich r und g historisch entwickelt haben. Demnach stimmt Pikettys Theorie von Christi Geburt bis zum Jahr 1913: Die Rendite des Kapitals lag tatsächlich über dem realen Wirtschaftswachstum; r war größer als g. Doch seit 1913 ist es genau andersherum: Die Kapitalrendite liegt deutlich unter der realen Wachstumsrate, also: r kleiner als g.

Mein erster Verdacht hierzu: Das wichtige an Pikettys Daten ist ja, dass er mit ihnen die LANGE SICHT ("very long run") begreifen will. Piketty geht es ja GERADE darum, zu zeigen, dass die Zeit 1913 bis ca. 2000 einen AUSNAHME der historischen Größe r > g war. (Hauptsächlich bedingt durch die Auswirkungen der beiden Weltkriege). Seine BEFÜRCHTUNG ist, dass wir im 21. Jahrhundert zu r > g zurückkehren könnten, FALLS wir nichts unternehmen.

Werde, um das präzisieren zu können, aber erstmal das Spiegel-Interview auftreiben müssen...

RE: Thomas Piketty vs. Chris Giles – noch Fragen? | 02.06.2014 | 10:40

Stimmt. Ein bisschen Debatte (zum Buch) gab es allerdings auch in Deutschland. Die FAZ hat relativ ausführliche Stimmen gebracht, der Spiegel brachte die Titelgeschichte "Die Wohlstandslüge" - und eben auch die Anne Will Ausgabe war ja von Piketty ausgelöst worden. Das nur die Beispiele, dir mir aufgefallen sind.
Stimmt, es bleibt abzuwarten, was nach Erscheinen der deutschen Ausgabe passiert. (Beck hat die Veröffentlichung anscheinend von Frühjahr 2015 auf Herbst 2014 vorgezogen). Könnte allerdings gut sein, dass sich die Debatte durch die große zeitliche Lücke tatsächlich "zerfastert".

RE: Thomas Piketty vs. Chris Giles – noch Fragen? | 01.06.2014 | 21:04

Wow, danke für die ausführliche Linksammlung. Sie belegt wirklich recht anschaulich, dass seit dieser Woche eine Art "close reading" stattfindet - allerdings mehr im englischsprachigen Raum. Einige der Artikel sind mir bekannt. Auch die Anne Will Sendung habe ich gesehen - ein paar nützliche Häppchen waren tatsächlich dabei. Die restlichen werde ich mir demnächst genauer durchlesen.

"...ein Beispiel für das anglo-amerikanische Kapitalismus-Modell, eines für den nordeuropäischen Umverteilungsstaat und eines für den staatsinterventionistischen Kapitalismus."

Das ist ein ganz guter Erklärungsansatz, finde ich! Allerdings könnte Piketty dies schon kurz erwähnen, meiner Meinung nach. In anderen Beispielen zieht er auch die Trias England-Frankreich-Deutschland heran. Auch an dem Argument "verfügbare Daten" ist sicherlich etwas dran. Es macht auf mich allerdings nicht den Eindruck, dass in diesem Fall wirklcih ausschließlich verlässliche Daten für FR, UK, SWE verfügbar sein sollten. Piketty beschreibt in seinem Buch die Datenlage recht ausführlich - beispielsweise auch, wenn er darlegt, warum Frankreich für ihn eine solch enorm wichtige Quelle darstellt (u.a. da es hier schon seit der Franz. Revolution teilweise Daten gibt). Auch verweist er oftmals darauf, wenn die Datenlage etwas dünn ist. Wenn er nun 3 Länder als Grundlange für ganz Europa heranzieht, wäre vielleicht auch an dieser Stelle ein kleiner Hinweis hierauf angebracht.

Ich stimme einerseits zu: Klar, Haarspalterei wäre kontraproduktiv. Andererseits handelt es sich - wenn auch nur um eine Grafik unter vielen - so eben doch um eine, die den gesamten Einkommensverlauf für "Europa" von 1810 bis 2010 dokumentiert und somit einen sehr großen historischen Überblick gibt, auf den sich immerhin ein wichtiger Teil von Pikettys Argumentation stützt. Allein in das Ansammeln und handhabbar Machen dieser Daten müssen Monate bis Jahre an Arbeit geflossen sein. Also ist es meiner Meinung nach schon legitim, danach zu fragen, welche Logik hinter der Selektion steckt.

Außerdem verweist Piketty im gesamten Buch immer darauf, dass seine Analysen keineswegs der Weisheit letzter Schluss sind und dass er sich wünscht, dass seine Arbeit in Zukunft fortgesetzt und präzisiert wird. Das ist ja ein Mitgrund, warum er seine Spreadsheets und Anmerkungen online verfügbar macht. Deshalb ist es glaube ich auch nicht verfehlt, ihn hier beim Wort zu nehmen.

Ein letzter Punkt noch. Es mag utopisch klingen, aber vielleicht hat dieser Streit ja auch etwas Gutes. Klar, die hardliner werden sich jeweils auf die Seite schlagen, die besser in ihre Ideologie passt. Aber für den Rest könnte das "close reading", das nun stattfindet, auch eine Art Probe aufs Exempel darstellen: Wenn Piketty seine Daten in dem hier vorliegenden - anscheinend besonders sensiblen - Punkt erfolgreich "verteidigen" kann, dann könnte man daraus folgern, dass seine Daten und Schlussfolgerungen wohl insgesamt recht durchdacht sind.

Ich für meinen Teil, sehe seine Chancen darauf gar nicht mal als so gering an.

RE: Thomas Piketty vs. Chris Giles – noch Fragen? | 01.06.2014 | 17:33

Inzwischen gibt es übrigens auch wieder eine Antwort von Chris Giles auf Pikettys ausführliche Stellungnahme: hier.

Zitat: I would urge those interested, who have the time, to read Prof Piketty’s technical annexes, the source data and the spreadsheets and decide whether his graphs on wealth concentration are a reasonable summary of the sources he used.

This is a fascinating and important debate.