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Das Große im Kleinen finden. Einzelne Romanpassagen und Filmszenen durchleuchten. Twitter: @CloseViewing (Filme und Fotografie)
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RE: LESEN IST SCHWITZEN – Das Buch als "Heatmap" | 18.10.2013 | 20:23

Sehr schön, wie sich die alten Damen/Herren Munro und Marx hier in die moderne digitale Diskussion eingemischt haben.

Zu der sehr wichtigen und vielseitigen Diskussion hier hätte ich noch eine Anmerkung und eine Frage.

1) Was Sobooks meiner Meinung nach erreichen KÖNNTEN ist, dass mehr und genauer über tatsächliche einzelne Textpassagen diskutiert wird statt immer nur über das "Große und Ganze" eines Romans. Der "link" könnte somit dazu beitragen, dass man mehr über konkrete Textstellen spricht als über Verallgemeinerungen ohne Stellennachweis, die den Roman allzuoft verzerrt darstellen oder ihn in die Wunschträume des Rezensenten entführen. (Klar gibt es in der Literaturwissenschaft Fußnoten, aber gerade bei Gegenwartsliteratur kriegt man doch meistens allenfalls kurze Kritiken zu lesen).

(Ich weiß, ich reite hier mal wieder mein Steckenpferd, aber es passt so gut :))

2) Frage: Wie hat man sich denn die Veranstaltung von Lobo vorzustellen? Gab es auch dort Q&A, vielleicht sogar eine Diskussionsrunde über Sobooks - wie es in Zeiten von Social Media ja eigentlich zu erwarten wäre?

RE: Schule Schloss Salem: "Finsterworld" | 17.10.2013 | 20:38

Schöne Hintergründe zum Film, interessant verwoben.

(Auch wenn Kracht es bestreitet könnte ich mir jedoch sehr gut vorstellen, dass der Hydromane heute Romane schreibt...)

Ist neben der Schule Schloss Salem nun auch der Film empfehlenswert?

RE: What's so Freaking Good about Breaking Bad? | 12.10.2013 | 17:40

Sorry für die späte Antwort - bin gerade im Urlaub, wollte die Diskussion aber eigentlich nicht verebben lassen.

0) Wenn einer ein Kunstwerk betrachtet und nur nach den "Einnahmen" fragt, wie es dir in NYC passiert ist, dann disqualifiziert sich der Frager natürlich selbst. Wenn er Kunst nur auf das Business reduziert, erstickt er es im Keim. Deshalb eben dann die wichtige Frage, ob sich "Kommerz" und Kunst vereinen lassen: Geld sollte niemals der entscheidende Faktor sein, aber ein Faktor unter vielen bleibt er bei den meisten Formen von Kunst - ob man es mag oder nicht - dennoch.
Eine interessante Gegenfrage ist natürlich: Wie sieht es dann bei deutschen Fördergremien aus, die ja (zumindest laut ihren Satzung) fast alle expliziert "Kunstwerte" fördern, und nicht nur "Geldwerte". Kommen dadurch am Ende bessere Filme heraus? Die meisten würden glaube ich sagen: nein. Ergo: Ebensowenig wie das reine "Vorhaben", Kunst zu schaffen, schon "gute" Kunst produziert schließt das reine "Vorhaben", dabei auch Geld zu verdienen, das Entstehen von "guter" Kunst aus.

Überhaupt gibt es natürlich den Ansatz, Kunst über die Intention des Erschaffers zu definieren (ein Kochrezept in einem Kochbuch ist keine Kunst, das gleiche Kochrezept in einem Gedichtband, verfasst von einem Dichter, kann Kunst sein). Aber der ist meiner Meinung nach nicht hinreichend. Es gibt genug Künstler (wie beispielsweise James Nachtwey), die ihre Werke explizit als "Handwerk" bezeichnen - aber da der Rezipient Nachtwey's Fotos beispielsweise als Kunst rezipiert (und seine Fotos z.B. in Gallerien ausgestellt werden), ist es eben doch Kunst.

1) Der Einschätzung, dass Walter White als Drogendealer in den USA ohnehin schon für ein Publikum interessant genug gewesen wäre, kann ich nicht zustimmen. Walter White ist deshalb für so viele Menschen so interessant, weil er so viele Widersprüche in sich vereint - der "gutmütige Nachbar" auf der einen Seite und der "machtgeile Psychopath" auf der anderen (zumindest in den ersten paar Staffeln).
Das ist für mich ein absolut essenzieller Teil der Serie und kann nicht einfach als Kompromiss zuliebe der gierigen Geldgeber abgetant werden können.

2) --> Deshalb finde ich auch, speziell im Fall von "Breaking Bad" war das kein "Verwässern" und kann deshalb wie gesagt als Beispiel gelten, wie "kommerziell Sinnvolle Überlegungen" auch durchaus sinnvolle Überlegungen für die Qualität der Serie sein können (wie gesagt, Grund hierfür: Walts "nette Seite" steigert die Qualität der Serie, obwohl sie sicherlich auch aus finanziellen Überlegungen heraus so stark exponiert wurde).
Aber du magst Recht haben, dass "Breaking Bad" eine seltene Ausnahme ist. Das müsste man mal genauer untersuchen...

3) Mir sind "kleine Produktionen" ebenfalls in den allermeisten Fällen lieber. Gebe dir also Recht. Aber: Manche Stoffe benötigen schon von der Grundidee her mehr Geld als andere. Manche tollen Science-Fiction Filme wären womöglich mit einem "Gießkannenprinzip" nie realisierbar gewesen. Erneut das Gegenbeispiel deutscher Filmförderung: Dass die Produktionen dadurch besser werden, ist zumindest sehr sehr schwer zu beweisen - subjektiv glauben viele Menschen genau das Gegenteil. Außerdem heißt RISIKO (in der Diskussion weiter oben) doch auch, auch einmal viel Geld in die Hand zu nehmen, statt sich per Gießkannenprinzip gegen alles abzusichern.

RE: Die Anti-Le Clézio | 11.10.2013 | 00:04

Hehe, witzig: Auch meine Erste Begegnung mit Munro war der Band Tricks (jedoch auf Englisch, wo er Runaway heißt) - und zwar ein Geschenk (oder verlängerte Leihgabe) meiner Schwester.

Noch witziger: Im Vorwort zu meiner Ausgabe von Runaway schreibt Jonathan Franzen ein Lobhymne auf Munro und zählt dabei die Gründe auf, was ihre Geschichten so einzigartig macht - die aber seiner Auffassung leider gleichzeitig die Gründe sind, warum sie wohl nie den Literaturnobelpreis kriegen wird.

Empfehlung jedoch: Runaway ist noch nichtmal der beste Band. The Progress of Love (dt. Der Mond über der Eisbahn) ist inzwischen mein persönlicher Favorit. Dicht gefolgt von Too much Happiness.

RE: What's so Freaking Good about Breaking Bad? | 27.09.2013 | 19:28

Wie passend, dass sich nun auch der "Economist" die wirtschaftlichen Aspekte von Breaking Bad analysiert: http://www.economist.com/news/business/21586801-best-show-television-also-first-rate-primer-business-breaking-bad-school

Zu der Diskussion, die wahrscheinlich wirklich ein Thema für sich ist - aber Streiten macht ja so viel Spaß:
Klar verfolgen Business und Kunst grundsätzlich unterschiedliche Ziele. Aber das heißt noch nicht, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Die Tatsache, dass viele Kunstformen viel Geld benötigen, um überhaupt exisitieren zu können, heißt ja noch nicht, dass man die höchstmögliche Rendite erwirtschaften muss. Aber man muss sehr wohl darauf achten, dass das Geld nicht einfach nur versickert. Insofern war Kunst schon immer auf Geldgeber angewiesen, und viele Meisterwerke gäbe es ohne die Mäzene nicht - und das weitgehend unabhänigig davon, welches Ziel diese Mäzene gerade verfolgten.

Und hier liegt glaube ich auch ein großer Unterschied zwischen "europäischer" und "amerikanischer" Kunst: Die Amerikaner unterscheiden weniger zwischen U und E. Wir streiten selbst hier darüber, ob Breaking Bad nun Kunst ist oder gute Unterhaltung. Für viele Amerikaner hingegen stellt sich diese Frage gar nicht erst. Wer keine Grenzen zieht tut sich auch leichter, diese zu überwinden :)

RE: What's so Freaking Good about Breaking Bad? | 24.09.2013 | 22:29

Naja, okay, ich meinte "risikoreich" jetzt im Vergleich zu anderen Investitionen. Natürlich betrachten Künstler ihre Kunst nicht als Investition, aber Produzenten (die ja immerhin sehr viel Geld aus sehr vielen verschiedenen Quellen verteilen) sind zum großen Teil natürlich dazu gezwungen - sonst würden sie wahrscheinlich nicht lange im Spiel bleiben.

Du hast natürlich ganz Recht - es kommt eben darauf an, welche Art von Kunst man machen will. Freie Kunst mag da anders sein. Aber bei der speziellen Kunstform Film kommt man eben ab einem bestimmten Level (alles, was über NoBudget liegt) schlechterdings nicht drum herum, das Ganze auch von der geschäftlichen Seite her betrachten zu müssen. Und da wir ja doch anscheinend alle ganz gern Filme und Serien schauen, müssen wir eben doch froh sein, dass es Menschen gibt, die darin "investieren".

Was ich aber eben an Breaking Bad (und vielen anderen Produktionen auch) schätze und im Artikel auch irgendwie ausdrücken wollte ist, dass "Business" und "Kunst" sich eben nicht radikal ausschließen müssen. Deine Meinung, dass das eine zwangsläufig auf Kosten des anderen gehen muss, kann ich also nicht teilen. (Natürlich will ich Breaking Bad damit jetzt nicht in den Rang der unsterblichen Kunstwerke erheben - aber es ist eben auch nicht einfach bloße Unterhaltung).

Ich stimme absolut zu, dass Breaking Bad hohe Risiken eingeht und dafür zurecht belohnt wurde. Aber wie das oben als Antwort auf Marius verlinkte Zitat von Vince Gilligan zeigt, musste natürlich auch er die "Risiken" abwägen und einschätzen, wie weit er gehen darf. Walter White anfangs mit so vielen "Problemen" auszustatten war Gilligans Art der "Risikominimierung", sozusagen: "Wenn wir schon Helden haben wollen, der eine bitterböse Droge kocht - dann muss er zu Anfangs wenigstens richtig viel durchleiden, damit man als Zuschauer mitgeht."

RE: What's so Freaking Good about Breaking Bad? | 24.09.2013 | 15:53

Ah ja - timing könnte man es nennen, stimmt :D

Risikoscheu
Weil das Argument öfters auftaucht, das Problem liege in der Risikoaversion: Dazu hab ich neulich in anderem Zusammenhang eine interessante Statistik gesehen, in der die Umsatzrendite verschiedener Filmgenres und deren Volatilität (also Schwankungen) aufgelistet wurde. (z.B. für das Genre Komödie: 11,4% Umsatzrendite bei 38,3% Volatilität). Unterm Strich kommt dabei heraus, dass Filme insgesamt mit Abstand risikoreichere Unterfangen sind als beispielsweise Aktienhandel - und das selbst bei massentauglicheren Genres wie eben "Komödien".

Das gilt jetzt erstmal für Kinofilme. Im TV (insbesondere öffentlich-rechtlich) gelten natürlich andere Risikoverteilungen - dazu sind mir aber keine Zahlen bekannt. Dennoch muss man das natürlich im Hinterkopf behalten, wenn man sich mal in die Perspektive der Produzenten versetzen will - die sich natürlich zu Recht denken dürfen: "wenn ich schon in einer der risikoreichsten Branchen überhaupt agiere, wieso sollte ich mir dann ausgerechnet auch noch die risikoreichsten Produktionen aufhalsen?"

Aber - leider - die Konsequenz ist eben, das wenig Innovatives produziert wird... auch Tykwer hat mal gesagt: "Es gibt kaum starke Stoffe, kaum starke Scripts, nicht, weil es keine Ideen gibt, sondern weil sich keiner traut, sie wirklich zu Ende zu denken oder zu Ende zu entwickeln." Dieses Zu-Ende-Denken ist immerhin bei der Pool-Szene meines Erachtens nach gelungen :)

(Sorry, dass ich hier TV und Film unzulässigerweise durcheinanderwerfe)

RE: What's so Freaking Good about Breaking Bad? | 23.09.2013 | 22:25

Gerade entdeckt: beim Guardian gibt es einen sehr aufschlussreichen Bericht über die Arbeitsweise von Gilligan's Team im writer's room. Interessant ist, dass beschrieben wird, wie sich die Autoren an einem "Detail" der 4. Staffel die Zähne ausbeißen und am Ende eine recht simple Lösung benutzen. ("Unfolding as a montage, it took up 82 seconds of screen time.")

RE: What's so Freaking Good about Breaking Bad? | 22.09.2013 | 17:53

Danke für die sehr klugen Hinweise/Ergänzungen :)

Stimmt, ein ganz entscheidendes Element ist ja Walts Abgründigkeit. ("Wandel von Protagonist zu Antagonist" schreiben einige). Die Autoren schaffen es wirklich, immer wieder einen draufzusetzen - und ihn noch böser werden zu lassen. Interessant ist, dass Vince Gilligan sagt, er hätte sich am Anfang mit der Abgründigkeit noch viel zu sehr zurückgehalten: "Ich habe diesem Mann also viel auf die Schultern geladen, damit die Zuschauer mit ihm mitfühlen können, doch in der Rückschau betrachtet: Ich hätte mir vermutlich gar nicht so viel Mühe damit geben müssen, die Zuschauer wären Walt auch so gefolgt." (link)

Ich glaube aber, dass er da ein bisschen übertreibt: Dass Walt am Anfang sehr viel Leid erfahren muss, ist für den Einstieg glaub ich schon extrem wichtig. Außerdem gibt es ja wirklich einige Zuschauer, die mittlerweile zu sehr abgeschrenckt sind von dem ganzen. Viele haben das während der 3. Staffel gesagt. Oder (wie Annawi) tatsächlich schon nach der Pilotfolge.