Thomas Piketty vs. Chris Giles – noch Fragen?

Piketty Seit Monaten wird in den USA über Thomas Pikettys "Capital in the 21st Century" diskutiert. Doch erst seit einer Woche findet ein „close reading“ seines Buches statt.
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Thomas Piketty vs. Chris Giles – noch Fragen?
Thomas Piketty sorgt mit seinem Buch "Capital in the 21st Century" für Aufsehen

Foto: Justin Sullivan /AFP / Getty Images

Es begann mit Chris Giles und der Financial Times. Pünktlich zum amerikanischen Memorial Day Weekend publizierte die Zeitung einen von Giles verfassten Artikel, der großmündig verkündete, Pikettys zentrale Thesen in Frage zu stellen. Chris Giles habe sich die statistischen Daten, mit denen Piketty seine anschaulichen Grafiken unterfüttert, genauer angesehen – und sei dabei auf eine Vielzahl von Ungereimtheiten gestoßen.

Die Liste der Fehler ist lang und systematisch gegliedert. Sie reicht von simplen Abschreibfehlern („fat fingers“) bis hin zu dem Vorwurf, Piketty habe sich aus den zur Verfügung stehenden Studien und Datenerhebungen jeweils die herausgepickt, die für seine zentrale Thesen am zuträglichsten seien („cherry picking“).

Die Reaktion auf diese Veröffentlichung war heftig. Viele Beobachter sahen schon Parallelen zum Fall Kenneth Rogoff. Vor gut einem Jahr war es einem Doktorand gelungen, Fehler in den Spreadsheet-Datein einer einflussreichen Veröffentlichung des Starökonomen Rogoff et al. nachzuweisen – Fehler, die so groß waren, dass sie die zentrale These der Veröffentlichung unhaltbar werden ließen.

Chris Giles' wichtigste Vorwürfe

In aktuellen Fall verändern viele der angeblichen Fehler den Gesamtverlauf von Pikettys Grafen jedoch nur sehr geringfügig. Noch dazu beschäftigt sich Giles im Grunde ausschließlich mit Daten aus dem 10. Kapitel des Buches. Dieses Kapitel analysiert Ungleichheiten in der Einkommensverteilung. Einkommensunterschiede sind jedoch nur ein Faktor unter vielen in Pikettys Buch. Dennoch ist Giles' Artikel so geschrieben, den Leser glauben zu machen, mit dieser einzigen Kurve stehe und Falle Pikettys gesamte Theorie.

Aber: Auch wenn es sich nur um einen Teil des Gesamtzusammenhangs handelt, sollte man sich selbstverständlich in der Frage der Einkommensverteilung keine Fehler erlauben. Und hier stößt man in Giles' Artikel unter der Fülle von mehr oder weniger haltbaren Argumenten immerhin auf zwei Aussagen, die auf den ersten Blick sehr einleuchtend erscheinen:

1) Behauptet Giles, es gebe eine aktuellere Erhebung zu den Daten aus Großbritannien, die Piketty aus nicht nachvollziehbaren Gründen ignoriere. Diesen Daten zufolge liege der Anteil des Einkommens, den die reichsten 10% der Bevölkerung verdienen, bei lediglich 44%. Die von Piketty bevorzugte Erhebung liefert hingegen einen Wert von 71%. Ein enormer Unterschied.

2) Ist Giles nicht damit einverstanden, wie Piketty die Durchschnittswerte für Europa ermittelt. Piketty erreicht seine Werte nämlich, indem er die Daten für Frankreich, Großbritannien und Schweden addiert und anschließend durch drei teilt – eine einfache Durchschnittsrechnung also. Dies ist Giles zufolge jedoch unzulässig, da mit dieser Methode die unterschiedlichen Bevölkerungszahlen der drei Ländern völlig ignoriert werden. Dies führe dazu, dass der „Wert“ eines schwedischen Bürgers sieben mal so stark ins Gewicht falle wie der eines Briten.

Erst durch die Kombination dieser beiden Argumente gelingt es Giles, Pikettys Werte für Gesamteuropa in Frage zu stellen. Gewichtet man nämlich die 44% aus der von Giles bevorzugten Erhebung mit den Bevölkerungszahlen Großbritanniens und lässt diese in die Durchschnittsrechnung für ganz Europa einfließen, so ergibt sich auch für den gesamteuropäischen Trend ein Wert, der die aktuelle Lage der Einkommensverteilung sehr viel weniger brisant erscheinen lässt als Pikettys Zahlen.

Pikettys Reaktion

Im Laufe der Piketty-Giles Debatte schlugen sich jedoch weitaus mehr Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler auf Pikettys denn auf Giles' Seite. Selbst wenn sich einige der angesprochenen Probleme tatsächlich als Fehler entpuppen sollten, so die meisten Kommentatoren, würde dies Pikettys Gesamteinschätzung keineswegs in Frage stellen. Vielmehr seien es Chris Giles und die Financial Times, die die Daten zurechtbiegen (also ihr eigenes „cherry picking“ betreiben), um ihren Frontalangriff auf Piketty zu rechtfertigen.

Vorgestern nun veröffentlichte Piketty eine detaillierte 10-seitige Antwort auf die Vorwürfe der Financial Times. Diese nimmt, meiner eigenen Einschätzung nach, Giles nahezu vollständig den Wind aus den Segeln.

In Bezug auf die oben dargestellte Argumentationskette stellt Piketty Folgendes dar.

1) Hält er die Zahlen, die Giles bevorzugt hätte, für extrem unzuverlässig. Und zwar deshalb, weil sie auf dem sogenannten “wealth and assets survey“ des britischen Office of National Statistics (ONS) beruhen. Diese Erhebung geht auf freiwillige Antworten der Befragten zurück und beruht auf einer Beantwortungsquote („response quote“) von lediglich 64%. Erfahrungsgemäß liefert diese Erhebung – insbesondere, wenn es um 'hohe' Einkommensschichten geht – deutlich verzerrte Ergebnisse. Diese verstärken sich selbstverstänlich nur noch, wenn man - wie Giles es tut - diese Daten ohne Weiteres für das Jahr 2010 in den Grafen einfügt. Denn dann "springt" man vom Jahr 2000 zum Jahr 2010 in einen völlig neuen Datensatz hinein. Darüber hinaus wäre Großbritannien mit 44 % eines der egalitärsten Ländern der Welt – noch vor Schweden. Dies deckt sich Piketty zufolge in keiner Weise mit dem Großteil aller bisherigen Erhebungen.

2) Könne man die Einkommensdaten durchaus nach Bevölkerung gewichten. Jedoch ergebe dies rechnerisch betrachtet keinen besonders großen Unterschied, da die Trends in allen drei Ländern weitgehend identisch sind. Zumindest wenn man eben die Daten zugrunde Legt, die Piketty bevorzugt.

Das Argument steht und fällt Piketty zufolge also damit, welcher Erhebung man den Vorzug erteilt. Und hier muss ich Piketty eindeutig beipflichten. Die von ihm bevorzugte Variante basiert nämlich auf Erbschaftssteuerdaten („estate tax records“) und ist somit – wenn auch nicht völlig unbedenklich, wie Piketty selbst einräumt – so doch weitaus verlässlicher als rein freiwillige Angaben einer beschränkten Anzahl von britischen Bürgern.

Es bleibt abzuwarten, was die Financial Times dieser Stellungnahme entgegenzuhalten hat. Für mich scheint es im Moment so, als habe Piketty alle Angriffe vorerst erfolgreich abgewehrt.

Ich stelle mir jedoch eine zusätzliche Frage zu Pikettys Daten bezüglich Europa. Und zwar: Wie kommt er zu dem Schluss, die drei Länder Frankreich, Großbritannien und Schweden könnten ganz Europa repräsentieren?

Eine weitere Frage

Hier erst beginnt mein persönliches „close reading“. Und es fällt, aufgrund mangelnder Antworten, äußerst kurz aus. Die Grafik, die den Fall für Europa darstellt – und um die es in diesem ganzen Streit vornehmlich geht – ist „Figure 10.6.“ und findet sich in Capital in the 21st Century auf Seite 349. Auf dieser Seite entdeckt man keine weiteren Erläuterungen zu der Durchschnittsrechnung, sondern lediglich die Fußnote 15, deren Inhalt wiederum auf Seite 613 zu finden ist. Hier nun liest man:

„The European average in Figure 10.6 was calculated from the figures for France, Britain, and Sweden (which appear to have been representative). See the online technical appendix“ (eigene Hervorhebung).

Es wird also ohne weitere Erklärung behauptet, diese drei Länder seien für Europa als repräsentativ zu betrachten. Jedoch muss man natürlich auch den Verweis auf den zusätzlichen technischen Anhang, den Piketty kostenlos auf seiner Website zur Verfügung stellt, berücksichtigen.

Diesen Appendix habe ich mir heruntergeladen und die entsprechende Tabelle geöffnet. (Es handelt sich um die Tabelle TS10.1) Hier werden alle verwendeten Daten für Frankreich, Großbritannien, USA und Schweden für die Jahre 1810 bis 2010 aufgelistet. Direkt darunter finden sich detaillierte Quellenangaben zu den einzelnen Datensätzen.

Jedoch finde ich nirgends eine Erläuterung dazu, wie Piketty zu dem Schluss kommt, dass die genannten drei Länder ohne Weiteres für ganz Europa stehen können.

Dies soll kein eigener Angriff auf Pikettys Daten sein. Im Gegenteil hat mich, wie hier verkürzt dargelegt, seine Stellungnahme durchaus davon überzeugt, dass er sich die Auswahl seiner Datenmengen überaus gut überlegt hat. Noch dazu hat Piketty viel Lob dafür bekommen, die Transparenz seiner Arbeit zu erhöhen, indem er den großen Korpus seiner Daten online zur Verfügung stellt – ein Vorgehen, das für alle Wissenschaftler Vorbildcharakter haben sollte.

Ich will also nur sagen: Ich stehe hier mit dieser Frage, finde keine Antwort auf sie – und wäre dankbar, wenn mir jemand bei diesem Versuch, auch ein Wirtschaftsbuch dem „close reading“ zu unterziehen, behilflich sein könnte.

15:21 31.05.2014
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Das Große im Kleinen finden. Einzelne Romanpassagen und Filmszenen durchleuchten. Twitter: @CloseViewing (Filme und Fotografie)
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