CloseReading
22.09.2013 | 13:33 22

What's so Freaking Good about Breaking Bad?

TV-Serien In den USA läuft heute die vorletzte Folge von Breaking Bad. Die Quoten sind besser denn je. Was ist das Geheimrezept der Serie? Und ließe es sich irgendwie nachkochen?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied CloseReading

Walter White, die Hauptfigur von Breaking Bad, kocht das beste Crystal Meth im ganzen Land. Es ist so gut, dass er sich innerhalb weniger Monate vom überbegabten Chemielehrer in einen Drogenboss verwandeln konnte. Natürlich sind jetzt alle hinter seiner einmaligen Rezeptur her. Doch Walter White weiß: Nicht nur das richtige Rezept ist entscheidend, sondern auch die richtige Arbeitsweise.

Vince Gilligan, der „Creator“ von Breaking Bad, hat die beste Serie der Filmlandschaft entwickelt. Sie ist so gut, dass er sich innerhalb weniger Jahre vom überbegabten Akte-X-Autor in einen Medienstar verwandeln konnte. Natürlich sind jetzt alle hinter seiner einmaligen Rezeptur her. Der amerikanische Fernsehsender AMC hat vor kurzem einen Spin-Off angekündigt. Ein mexikanischer Remake ist bereits in Vorbereitung. Und auch hierzulande kündigte der ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler kürzlich vollmundig an, man plane für 2014 „Breaking Bad auf deutsch.“

Das alles liegt daran, dass Breaking Bad mindestens genauso süchtig macht wie die Droge, um die sich in ihr alles dreht. Und daran, dass Vince Gilligan sich absolut sicher ist, dass nach der 5. Staffel Schluss sein soll. Was bleibt den Sendern also anderes übrig, als verzweifelt nach Ersatzstoffen zu suchen?

Was aber ist das Erfolgsgeheimnis von Breaking Bad?

Im Internet streiten sich Laien und Profis über genau diese Frage. Man findet umfangreiche Listen, ebenso wie universell einsetzbare Kalendersprüche („It constantly pushes its own boundaries.“)

Unter der Zutatenliste gibt es einige wiederkehrende Kandidaten: Die starke Prämisse, der konsequent schwarze Humor, die abgründige Figurenzeichnung und auch der hohe Produktionswert (obwohl der mit ca. 3 Millionen Dollar pro Folge nicht unbedingt rekordverdächtig ist).

Die Zutaten sind natürlich enorm wichtig. Und doch wird meiner Meinung nach ein ganz entscheidender Punkt systematisch übersehen: Das unnachahmliche Gespür für Rhythmus.

Als ich die Pilotfolge 2009 zum ersten Mal sah, hatte ich zwei Gedanken. Der erste war: „Man, erzählen die schnell.“ Und der zweite: „Man, lassen die sich viel Zeit!“

Das hört sich widersprüchlich an, aber genau so war es. Innerhalb von nur 90 Minuten habe ich miterlebt, wie ein ohnehin schon bemitleidenswerter Chemielehrer eine Krebsdiagnose bekommt, über seinen Schwager Verbindungen ins Drogenmillieu aufbaut, mit einem seiner Ex-Schüler einen Wohnwagen kauft und darin im großen Stil Cystal Meth kocht, sich mit Cops und Druglords in eine schier auswegslose Situation hineinmanövriert - und am Ende doch noch den Kopf aus der Schlinge zieht.

Und gleichzeitig hatte ich miterlebt, wie eben dieser Chemielehrer minutenlang nichts anderes tut, als auf seinem Stepper zu marschieren und Streichhölzer in seinen abgehalfterten Pool zu werfen.

Kurzum: Ich kenne keine Serie, die so genau weiß, wann sie einen stillen Moment über Minuten hinweg ausdehnen darf – und wann sie eine furiose Szene frühzeitig beenden kann. Falls es so etwas gibt wie ein absolutes „Gespür für Rhythmus“, dann hat Breaking Bad genau das.

Doch wie kriegt man das hin?

Liegt es wirklich einfach nur am Genie der amerikanischen Autoren (auch Vince Gilligan arbeitet natürlich in einem Team)? Wäre ein – wie auch immer geartetes – deutsches Imitat also schon allein deshalb von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil man keine ähnlich talentierten Autoren auftreiben kann?

So leicht ist es glaube ich nicht. Anders als beim absoluten Gehör handelt es sich beim „absoluten Gespür“ meiner Meinung nach nicht um eine angeborene Fähigkeit. Vielmehr braucht man: Viel Erfahrung, viele Freiheiten, viel Arbeit, viel Zeit, und vor allem: Viel Zeit zum Überarbeiten.

In dieser Ausgabe von Close Reading will ich deshalb eine zunächst ziemlich unscheinbare Szene aus der Pilotfolge von Breaking Bad genauer unter die Lupe nehmen. Sie ist ruhig, handlungsarm und fast völlig dialoglos. Und doch ist es eine „Wegscheideszene“, denn sie zeigt genau diejenigen Sekunden, in denen sich Walter White entscheidet, seinem alten Leben good-bye zu sagen.

Die Streichhölzer im Pool

Auf YouTube findet sich leider nur eine verfälschte Version dieser Schlüsselszene (es wurden andere Szenen dazwischen montiert und ein neuer Soundtrack gewählt). Deshalb muss ich sie hier beschreiben. Sie folgt direkt auf die Szene, in dem Walt mit dem denkwürdigen Satz „Fuck you – and your eye brows!“ seinen Zweitjob in der Waschanlage gekündigt hat:

Blaue Morgendämmerung. Walter White sitzt im Morgenmantel vor seinem Pool. Beide – Walt und Pool – haben schon mal bessere Zeiten gesehen. Auf dem Tisch neben ihm eine einsame Bierflasche. Wahrscheinlich hat sie nicht geholfen. Walter entzündet ein Streichholz und betrachtet die Flamme, die zuerst stolz auflodert, dann aber schnell zusammenschrumpft. Ehe sie erlischt wirft Walter das Streichholz mit einer müden Handbewegung in den Pool. Sofort lässt er das nächste Hölzchen über die Reibefläche gleiten. Diesmal betrachtet er die Flamme etwas genauer (die Handkamera wechselt in eine nahe Einstellung), doch auch dieses Streichholz landet im Pool. Das gleiche geschieht mit dem dritten Streichholz – nur dass die Handkamera diesmal die Wurfbewegung aufgreift, kurz auf den Pool schwenkt, und dann wieder bei Walter landet, der mit den Fingern bereits nach dem vierten Streichholz sucht. Nun aber hält Walt inne und steckt es wieder zurück in die Schachtel. Er lehnt den Kopf zurück, schaut kurz in den sich schwach rötenden Himmel. Dann fällt sein Blick auf den Beistelltisch, auf dem – wir erkennen es erst jetzt – ein Telefon liegt. Walter tauscht Streichholzschachtel mit Telefon und ruft seinen Schwager Hank an. Er hat sich entschieden, auf die dunkle Seite zu wechseln.

Ich beschreibe das deshalb so ausführlich, weil ich zeigen will, wie viel Zeit sich die Serie nimmt, um diesen entscheidenden Moment wirken zu lassen. Noch Sekunden zuvor hat Walt seinen Chef zur Sau gemacht und Produkte aus dem Verkaufsregal geschleudert. Doch hier ist er ganz bei sich und seiner auswegslosen Situation. Und auch wir sind ganz bei ihm. Wir achten auf jedes Detail. Wir spüren die Anspannung. Und das, obwohl doch angeblich auf diesen kleinen TV-Bildschirmen nicht genug Platz ist, um „episch“, oder „kinohaft“ zu erzählen.

Wieso gelingt diese Szene so gut?


Wieso glauben wir einerseits zu spüren, was Walt denkt – und finden ihn gleichzeitig auf faszinierende Weise unergründbar?

Zunächst einmal muss man vorausschicken, dass diese Szene in einer vorhergehenden Szene gut vorbereitet wurde. Knapp 15 Minuten zuvor sahen wir Mr. White dabei zu, wie er einer typisch indifferenten Schulklasse vermitteln wollte, was an Chemie so faszinierend ist. Da sagte er: „Chemistry is the study of change. Electrons change their energy levels. Molecules change their bonds. Elements – they combine and change into compounds. Well that's – that's all of life, right? It's the cycle, it's solution, dissolution – just over and over and over.“

Während Walt sich in diesen Monolog hineinsteigerte, bemerkten wir, dass er mehr mit sich selbst sprach als mit seinen Schülern. Die Flamme des Bunsenbrenners, an der er diesen Gedankengang demonstrierte, loderte vor seinem Gesicht Gesicht. Ganz ähnlich wie die Flamme des Feuerzeugs in der entscheidenden Szene 15 Minuten später.

Ganz ohne Worte begreifen wir also, was in Walters Kopf vorgeht, als er da alleine am Pool sitzt. Er denkt über die Veränderungen des Lebens nach. Die Veränderungen, die ihn einst, als renommierten Chemiker, endlos faszinierten, und die nun, nach seiner Krebsdiagnose, in seinem eigenen Körper stattfinden. Er entscheidet sich, diesen Veränderungen nicht länger nur zuzusehen. Er entscheidet, selbst etwas zu verändern.

Ganz simpel und naheliegend, eigentlich. Wussten die Macher von Breaking Bad von Anfang an, dass es nur so funktionieren kann? War es ihr angeborenes Talent, von dem die Amerikaner so viel zu haben scheinen und wir Deutschen – unserem Fernsehprogramm nach zu urteilen – so wenig?

Oder haben sie es sich im Gegenteil hart erarbeitet?


Ein Blick in eine frühere Fassung des Pilotdrehbuchs kann hier Abhilfe verschaffen. Zum Glück findet man derartiges ja schnell im Netz. In dieser Fassung finden sich jedenfalls einige sehr aufschlussreiche Unterschiede zur letztendlich abgedrehten Folge.

Möglichst kurz zusammengefasst: In der früheren Fassung flippt Walt beim Car Wash nicht aus, sondern verlässt lediglich wortlos das Gebäude.

Walt fährt nachhause. Er ist sonderbar apatisch. Er wird es den gesamten Abend über bleiben.

Zuhause angekommen fragt ihn seine Frau Skyler über seine Kreditkartennutzung, nicht aber über sein Wohlbefinden (diese Szene findet sich auch im fertigen Piloten, jedoch an anderer Stelle). Das Gespräch wird von dem Geknatter eines Maschinengewehrs unterbrochen – Walter Jr. schaut im Nebenzimmer Scarface.

Es läuft gerade das große Finale, in dem Al Pachino sein eigenes Himmelfahrtskommando noch mit ein paar Ausrufezeichen versieht. Walt redet kurz mit seinem Sohn, schaut dann gedankenverloren auf den TV-Bildschirm.

Beim nächsten Schnitt klingelt sein Wecker. Walt steigt im Morgengrauen vor allen anderen aus dem Bett und macht Morgensport auf seinem Stepper. Er steppt sich in Rage, bis der Stepper zerbricht. Walt murmelt zu sich selbst „Two years“ - die ungefähre Zeit, die er noch zu leben hat. Im nächsten Bild sitzt er allein in der Küche und wählt Hanks Nummer.

In dieser Drehbuchsequenz hat Walt letztlich die gleiche Entscheidung getroffen wie im fertigen Film. Auch diese Szenen sind keineswegs gehetzt, sondern einfühlsam geschrieben. Man hätte es dabei belassen können. Aber dann wären wir nicht so nah an Walts Innenleben herangekommen. Anstatt seine Gedanken aus seinem Gesichtsausdruck im Licht der Streichholzflamme ablesen zu dürfen hätten wir dabei zuschauen müssen, wie Scarface seine Gedanken mittels Maschinengewehr in Walts Kopf einhämmert.

Es wäre auch gutes Fernsehen gewesen. Vielleicht sogar sehr gutes. Aber kein brillantes.

Wie kam es zu diesen Änderungen, wie kam es zu der „Entdeckung“ der Pool-Szene? Natürlich kann man darüber nur mutmaßen. (Schließlich wissen wir nicht einmal, wie viele weitere Fassungen zuvor und danach geschrieben werden mussten.) Aber es scheint offensichtlich, dass man schneller auf den Punkt kommen wollte. Die Sequenz musste einfach kürzer werden. Schließlich gibt es im Fernsehen strike Zeitvorgaben.

Doch derartige Kürzungen gelingen natürlich nur, wenn man es schafft, einen guten Ersatz zu finden. Wenn man ein einziges Bild findet, das in der Lage ist, alle vier anderen zu ersetzen. Ein Bild, das Walts gesamte Entwicklung einfängt – und zwar, indem es geschickt einige Lücken lässt, und gleichzeitig geschickt an zuvor Gesehenes anknüpft.

Genau das ist es, was die Streichholz-Idee leistet. Hat man diese Idee erst einmal gefunden – diese eine Idee, die Großes im Kleinen erzählt – dann, und nur dann, kann man es sich auch wieder erlauben, ihr die entsprechende Zeit zu gewähren, damit sie sich voll und ganz entfalten kann.

Genau das ist es, was mir beim ersten Zuschauen den paradoxen Eindruck einer langsamen Hetzjagd vermittelte.

Was kann man aber tun, um auf derartige Ideen überhaupt erst einmal zu kommen?


Die Schritte, die hier wie gezeigt zwischen der Drehbuchfassung und der verfilmten Szene liegen, zeigen beispielhaft auf, dass kommerzieller Druck (die Sendelänge) nicht zwangsläufig der erzählerischen Qualität (einfühlsames, präzises Erzählen) schaden muss. Im Gegenteil, die beiden Faktoren scheinen sich geradezu gegenseitig zu befruchten - wenn die Voraussetzungen stimmen.

Diese Voraussetzungen sind eigentlich altbekannt, scheitern allem Anschein nach hierzulande jedoch noch immer an der Umsetzung. Es muss eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Produzenten, Autoren und „Creator“ bestehen. Der „Creator“ braucht die nötigen Freiheiten. Die Autoren brauchen den nötigen Austausch – möglicherweise eben den oft zitierten „writer's room“. Und alle gemeinsam brauchen sie die nötige Risikobereitschaft, neue Wege zu beschreiten.

So kann ein kreatives Millieu entstehen, in dem tatsächliche Originalität heranwächst. Und diese Originalität muss nicht immer aus dem ganz großen Wurf bestehen – sie kann, wenn es um einzelne Szenen geht, auch in ganz simplen, aber einfühlsamen Einfällen liegen.

In einem Interview mit der FAZ (leider nicht online verfügbar, hier aber folgerichtig umschrieben) erzählte Norbert Himmler von seinem Besuch in einem Serienlabor von HBO. Er war fasziniert davon, wie viel Vertrauen der Sender der Autorin und Darstellerin Lena Dunham bei der Produktion der Serie Girls entgegen bringt. Seine Schlussfolgerung: „Ich glaube, so muss im fiktionalen Bereich die Beziehung zwischen einer guten Redaktion und einem guten Produzenten aussehen.“

Dass er den Autoren aus dieser Gleichung - anscheinend ohne es überhaupt zu bemerken! - herauskürzte, ist allzu bezeichnend. Ob unter dieser Prämisse wirklich eine gute Serie entstehen, kann bleibt deshalb (noch) zu bezweifeln.

Eins nämlich weiß Vince Gilligan genau so gut wie seine Kreation Walter White: Ohne die richtige Arbeitsweise ist auch die beste Rezeptur nichts wert.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (22)

Majus 22.09.2013 | 16:08

Ganz tolle Analyse der Streichholz-Pool-Szene! Bevorzuge diese Szene sehr der Drehbuch-Version, da sie bildlich und akustisch ganz wundervoll ist. Das zischen der Streichhölzer, die auf das Wasser treffen...

Übrigens kommt die Scarface-Szene dann doch noch in der Serie vor. Und zwar in der ersten Hälfte von Staffel 5 irgendwann. Diese konzentriert sich aber auf Skylers Gesinnung, und nicht auf Walts.

Und zum Thema "Writing Room": Vince Gilligan erzählt gerne, wie sein komplettes Schreiber-Team einmal gegen eine Idee von ihn gestimmt hat. VORSICHT, SPOILER! Unbedingt die zweite Staffel zuende schauen, bevor man weiterliest:

Es ging um die furchtbare Szene, als Jesses Freundin Jene stirbt, und Walt daneben steht und es geschehen lässt. Die Szene ist so grausam, dass ich persönlich erst einmal nicht weiterschauen wollte.
Vince jedenfalls wollte die Szene einen ticken schlimmer machen: Seine Idee war es, dass Walt Jane eine Überdosis Heroin spritzt, während sie schläft. Ach du lieber Himmel...
Das Schreiberteam war einstimmig dagegen, und Vince ist glücklich, dass sie ihn überreden konnten. "You are drunk!" haben sie gesagt :)

Jedenfalls eine der tollen Momente, bei denen ich die Idee des "Writing Rooms" einfach nur feiern kann.

annawi 22.09.2013 | 16:20

Tolle Analyse.

Ich persönlich finde die Serie ehrlich gesagt ziemlich schrecklich (was den Inhalt betrifft). Was mich natürlich nicht davon abgehalten hat, die ganze erste Staffel an einem Wochenende zu verschlingen. Ironie off.

Vor Allem die Ausführung mit den Überarbeitungen finde ich sehr spannend. Wir haben von Autoren doch immer noch dieses Klischee im Kopf, das es alles Talent ist: entweder man wird als Genie geboren oder sein Leben lang in der Mittelmäßigkeit versumpfen. Und Genies schreiben nunmal das (Dreh-)Buch in einem Rutsch runter und müssen es danach nur noch auf Kommafehler überprüfen lassen.

Die Frage ist auch, wer überhaupt die Chance bekommt, soviel Erfahrung zu sammeln wie er braucht um ein wirklich gutes (Dreh-)Buch zu schreiben. Bzw. geben wir uns selbst die Chance, soviel Zeit in etwas und uns selbst zu investieren, das es irgendwann mal richtig gut werden könnte?

Als Laie, der sich in der Film- und Fernsehproduktionsszene nicht auskennt: wie genau läuft es hier in Deutschland denn anders als in Amerika?

Ach ja, habe ich schon erwähnt, wie grauenhaft ich die Serie finde? Statt einen Spin-Off doch bitte lieber eine Serie, die noch an das Gute im Menschen glaubt! Muss doch irgendwie möglich sein, auch das spannend zu verpacken!

annawi 22.09.2013 | 16:20

Tolle Analyse.

Ich persönlich finde die Serie ehrlich gesagt ziemlich schrecklich (was den Inhalt betrifft). Was mich natürlich nicht davon abgehalten hat, die ganze erste Staffel an einem Wochenende zu verschlingen. Ironie off.

Vor Allem die Ausführung mit den Überarbeitungen finde ich sehr spannend. Wir haben von Autoren doch immer noch dieses Klischee im Kopf, das es alles Talent ist: entweder man wird als Genie geboren oder sein Leben lang in der Mittelmäßigkeit versumpfen. Und Genies schreiben nunmal das (Dreh-)Buch in einem Rutsch runter und müssen es danach nur noch auf Kommafehler überprüfen lassen.

Die Frage ist auch, wer überhaupt die Chance bekommt, soviel Erfahrung zu sammeln wie er braucht um ein wirklich gutes (Dreh-)Buch zu schreiben. Bzw. geben wir uns selbst die Chance, soviel Zeit in etwas und uns selbst zu investieren, das es irgendwann mal richtig gut werden könnte?

Als Laie, der sich in der Film- und Fernsehproduktionsszene nicht auskennt: wie genau läuft es hier in Deutschland denn anders als in Amerika?

Ach ja, habe ich schon erwähnt, wie grauenhaft ich die Serie finde? Statt einen Spin-Off doch bitte lieber eine Serie, die noch an das Gute im Menschen glaubt! Muss doch irgendwie möglich sein, auch das spannend zu verpacken!

CloseReading 22.09.2013 | 17:53

Danke für die sehr klugen Hinweise/Ergänzungen :)

Stimmt, ein ganz entscheidendes Element ist ja Walts Abgründigkeit. ("Wandel von Protagonist zu Antagonist" schreiben einige). Die Autoren schaffen es wirklich, immer wieder einen draufzusetzen - und ihn noch böser werden zu lassen. Interessant ist, dass Vince Gilligan sagt, er hätte sich am Anfang mit der Abgründigkeit noch viel zu sehr zurückgehalten: "Ich habe diesem Mann also viel auf die Schultern geladen, damit die Zuschauer mit ihm mitfühlen können, doch in der Rückschau betrachtet: Ich hätte mir vermutlich gar nicht so viel Mühe damit geben müssen, die Zuschauer wären Walt auch so gefolgt." (link)

Ich glaube aber, dass er da ein bisschen übertreibt: Dass Walt am Anfang sehr viel Leid erfahren muss, ist für den Einstieg glaub ich schon extrem wichtig. Außerdem gibt es ja wirklich einige Zuschauer, die mittlerweile zu sehr abgeschrenckt sind von dem ganzen. Viele haben das während der 3. Staffel gesagt. Oder (wie Annawi) tatsächlich schon nach der Pilotfolge.

richard 22.09.2013 | 18:40

Gerade gestern die ersten 4 Folgen der ersten Staffel gesehen (hör schon das Pfeifen in den Rängen, aber alternde Cineasten finden den Zugang zum Serienhimmel nur schwer).

Schrecklich und unwiderstehlich...

... das ist mein spontaner erster Eindruck von Breaking Bad. CloseReading hat den antagonistischen Ansatz mit "langsame Hetzjagd" auf den Punkt gebracht. Ich denke auch "brutal gemütlich" ist ein tragendes Element. Hitchcock hat das Prinzip in Frenzy perfektioniert: Die brutale Darstellung des ersten Mordes wirkt im ganzen Film nach, obwohl es kaum noch schreckliche Szenen gibt. Bei Breaking Bad sitzt das schreckliche Geschehen der 2. und 3. Folge dem Zuschauer in den eher soapigen Szenen der 4. Folge noch unterschwellig in den Knochen.

Team & Zeit

Ich denke da hat CloseReading einen wunden Punkt unserer Medienlandschaft getroffen. Gerade beim europäischen Film wird die Liste der Produzenten (fast immer auch Fernsehanstalten) und der beteiligten Fördertöpfe länger und länger.

Diese Beteiligten sitzen nicht in einem Writers Room, sie werfen ihre Vorstellungen und Erwartungen in den Topf, den Regisseur und Autor dann rühren müssen. Ein wunderbares - zumindest für mich - Beispiel dieser Suppe ist der neue Film Exit Marrakech von Caroline Link, den ich gerade auf der Filmkunstmesse in Leipzig sehen konnte.

Das Gegenstück dazu ist Elter,der neue Film von Robert Thalheim. Er hat das Buch über Jahre entwickelt und diese Investition zahlt sich aus. Aus dem Stoff könnte man auch eine originäre deutsche Serie entwickeln; so durchlässig ist der deutsche Medienbetrieb aber wohl nicht.

Und zum Schluss noch einen Dank an den Autor: sein Ansatz an Werke heranzugehen (die großen Zusammenhänge am kleinen Detail erarbeiten) ist schlicht faszinierend.

barbarab 22.09.2013 | 19:05

close reading bedeutet ja ganz genaues Hinsehen, Lesen und dabei auf alles achten, was "zwischen den Zeilen" steht. Das ist für mich immer noch die beste Art, auf ein Kunstwerk zuzugehen!

Hier scheint mir das vorbildlich gelungen zu sein. Nicht einfach nur eine Meinung, die häufig auf dem ersten Eindruck beruht, äußern, sondern sich auf das Bild, den Text, den Film einlassen und dem nachspüren, was es in einem auslöst. Das ist meist ein etwas langwieriger Prozess, der sich aber lohnt.

Das spontane Assoziieren ist dabei als Auslöser komplexerer Vorgänge durchaus erwünscht.

Freu mich daruf, mehr in der Art zu lesen.

silvio spottiswoode 22.09.2013 | 23:27

Oh, wie schön! Freude :-)))))

Als "Breaking-Bad-Fan", der aber noch nicht alle Staffeln gesehen hat, schreibe dann mal ein paar Gedanken zu dieser großartigen Filmbesprechung auf.

>>So leicht ist es glaube ich nicht. Anders als beim absoluten Gehör handelt es sich beim „absoluten Gespür“ meiner Meinung nach nicht um eine angeborene Fähigkeit. Vielmehr braucht man: Viel Erfahrung, viele Freiheiten, viel Arbeit, viel Zeit, und vor allem: Viel Zeit zum Überarbeiten.<<

Stimmt schon. Aber vor allem braucht man einfach Leute, die keine Angst vorm Scheitern haben, die keine Grenzen akzeptieren. Denn letztlich geht es – wie bei aller Kunst – darum neue Sehgewohnheiten, neue Perspektiven zu schaffen. Das passiert nur, wenn die Leute, die an den Sachen arbeiten auch in der Lage sind Dinge erstmal radikal infrage zu stellen.

* * *

>> Falls es so etwas gibt wie ein absolutes „Gespür für Rhythmus“ (…) <<

Ja, das gibt es: Man nennt es im allgemeinen "Timing". :-))))
Ganz spontan muß ich jetzt an Amy Winehouse denken, die, wenn sie gut drauf war ein atemberaubendes Timing an den Tag legen konnte. Dieser Raum, zwischen zwei Tönen, in dem einem der Boden unter den Fußen schwindet … Schwer zu erklären wie das funktioniert, dafür gibt es kein Rezept. Ist einfach nur Gefühl. Vor allem hat es was mit Risiko, Loslassen und der Möglichkeit des Scheiterns zu tun. In Deutschland ist man jedoch in kommerziellen Erfolg und Sicherheit verliebt. (Siehe das Wahlergebnis, heul, schnüff)


Eine gute Serie braucht irgendwie auch Atem, einen längeren als ein Spielfilm beispielsweise. Eine sehr gelungene TV-Serie, die auch gerade in Deutschland läuft – die ich vor ein paar Jahren in Sydney das erste mal sah – ist "The Slap"/Die Ohrfeige. Da wird eine Situation – eine aus dem Ruder gelaufene Grillfeier bei der ein freches Kind geohrfeigt wurde – in jeder Folge aus einer anderen Position der Anwesenden beleuchtet. Das ist insofern irre spannend, als dass das selbe Geschehen sich für jeden in ganz unterschiedlicher Wahrnehmung darstellt; es also keine eine, singuläre Wahrheit gibt.

Hier wird formal schon die lineare Erzählperspektive infrage gestellt, nur um dann inhaltlich Themen wie Migration und häussliche Gewalt aufzugreifen. Aber eben nicht so ARDZDF-mäßg didaktisch, ideologisch, dogmatisch, wertend. Stattdessen begegnen einem detailreiche Figuren und ihre Lebensläufe, eingebettet in ganz wunderbar wahrhaftige, widersprüchliche Handlungen aus denen heraus selbst die "verkehrtesten Dinge" noch nachvollziehbar erscheinen.

Toll an solchen Sendungen ist, ähnlich wie bei guter Kunst oder beeindrckendem Theater, dass man als Betrachter seinen Standpunkt ändert. Man beginnt Dinge zu verstehen, emotional nachzuvollziehen, die einem vorher fremd waren. …


Warum gibt es davon in Deutschland so wenig? Weil die falschen Leute die Sendungen machen. Weil hierarchisch strukturierte Arbeitsprozesse und ein System des Protektionismus jegliche Entwicklung und Innovation verhindern. Dafür leben ein paar Leute ganz gut von sicheren Jobs und kontinuierlichen Aufträgen. Das ist auch irgendwie was Schönes.

Nur so entsteht eben kein gutes Fernsehen sondern nur ein großer Verwaltungsapparat. Deshalb müssten in Deutschland die unabhängigen Projekte noch viel mehr gefördert werden. Denn da entsteht die Kultur. Nicht in den hochsubventionierten Einrichtungen.

* * *


>> Liegt es wirklich einfach nur am Genie der amerikanischen Autoren (auch Vince Gilligan arbeitet natürlich in einem Team)? Wäre ein – wie auch immer geartetes – deutsches Imitat also schon allein deshalb von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil man keine ähnlich talentierten Autoren auftreiben kann? <<


Tja, das kommt natürlich darauf an, wo man nach den Autoren sucht. Hihi.

Also beim ARD&ZDF sind sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu finden. Das zeigen uns ja die Sendungen, die da allabendlich laufen ganz erschreckend deutlich.


Und es ist auch ein gaaaanz schlechtes Zeichen, wenn jemand eine andere Serie eindeutschen will. "Breaking Bad" auf deutsch, ich meine echt jetzt, da bekommt man bei dem Gedanken doch schon Pickel. Da weiss man doch schon wer in den Hauptrollen spielen wird. Arrrgh. :-Ö Hilfe.

Als Hätten wir hier nicht jede menge eigene Themen und Rhythmen, die es nur aufzusammeln gilt. Nur das traut sich mal wieder keiner. *grummel, grummel* :-))))))))

CloseReading 24.09.2013 | 15:53

Ah ja - timing könnte man es nennen, stimmt :D

Risikoscheu
Weil das Argument öfters auftaucht, das Problem liege in der Risikoaversion: Dazu hab ich neulich in anderem Zusammenhang eine interessante Statistik gesehen, in der die Umsatzrendite verschiedener Filmgenres und deren Volatilität (also Schwankungen) aufgelistet wurde. (z.B. für das Genre Komödie: 11,4% Umsatzrendite bei 38,3% Volatilität). Unterm Strich kommt dabei heraus, dass Filme insgesamt mit Abstand risikoreichere Unterfangen sind als beispielsweise Aktienhandel - und das selbst bei massentauglicheren Genres wie eben "Komödien".

Das gilt jetzt erstmal für Kinofilme. Im TV (insbesondere öffentlich-rechtlich) gelten natürlich andere Risikoverteilungen - dazu sind mir aber keine Zahlen bekannt. Dennoch muss man das natürlich im Hinterkopf behalten, wenn man sich mal in die Perspektive der Produzenten versetzen will - die sich natürlich zu Recht denken dürfen: "wenn ich schon in einer der risikoreichsten Branchen überhaupt agiere, wieso sollte ich mir dann ausgerechnet auch noch die risikoreichsten Produktionen aufhalsen?"

Aber - leider - die Konsequenz ist eben, das wenig Innovatives produziert wird... auch Tykwer hat mal gesagt: "Es gibt kaum starke Stoffe, kaum starke Scripts, nicht, weil es keine Ideen gibt, sondern weil sich keiner traut, sie wirklich zu Ende zu denken oder zu Ende zu entwickeln." Dieses Zu-Ende-Denken ist immerhin bei der Pool-Szene meines Erachtens nach gelungen :)

(Sorry, dass ich hier TV und Film unzulässigerweise durcheinanderwerfe)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 24.09.2013 | 17:34

Stimmt es, dass BB anfangs als Kurzserie (höchstens 5-10 Folgen) geplant und schon durchkonzipiert war?

Und erst der Erfolg des Piloten das alles über den Haufen warf?

Angeblich soll es auch zwischenzeitlich immer offen gewesen sein, ob weitere Staffeln folgen (was unter den herrschenden ökonomischen Bedingungen ja auch Normalfall wäre), was die Arbeit ja nicht gerade leichter macht .

Vielleicht weißt Du ja mehr darüber.

Falls das so ist kann man sich nur noch mehr verneigen – uneingeschränkt allerdings nur bis zur Endfolge der 4. Staffel, die doch ziemlich offensichtlich auch wie ein (gelungenes) Ende dieser ganzen Geschichte aufzufassen ist.

Die erste Hälfte der 5. Staffel (die Zweite kenne ich noch nicht) konnte in vielerlei Hinsicht nicht mit ihren Vorgängern mithalten und wirkte ein wenig „angehängt“.

Schöner Beitrag übrigens…

silvio spottiswoode 24.09.2013 | 18:32

Naja, so ziehmlich alles dürfte risikoreicher sein als Aktienhandel, oder nicht? :-)))))

"Zahlen der Risikoverteilungen"?Ehm, so risikomanagementmäßig? So, stochastische Berechnungen: Ab wann man von etwas die Finger lassen sollte, aus finanziellen Erwägungen? Hihi.

Nur es funktioniert alles genau so eben gerade nicht.

Stochastik ist die eine Sache, das wirkliche Leben aber was ganz anderes. Keiner wird je eine maßstäbesetzende, allesverändernde Serie machen – noch den Filmgeschichte prägenden Film –, wenn er/sie nicht in der Lage ist Grenzen hinter sich zu lassen. Und, ganz ehrlich, ab einem gewissen Punkt stellt sich die Frage "ob" und "inwieweit etwas mit Risiken behaftet ist" doch einfach überhaupt nicht mehr, oder?

Das ist dann immer der Punkt, an dem einem alles um die Ohren fliegt. An dem man mit allem, was einem lieb und teuer ist – den gesammelten Überzeugungen und hart erlittenem Wertesystem – einfach nur noch baden geht. Zack. O_o

Und immer wenn man wieder genau diesen Punkt erreicht, dann weiss man, dass gute Arbeit geleistet wird. Dass man was richtig macht. Genau dann, wenn die Dinge so existenziell sind, dass Scheitern, Aufgeben, nur noch die einzig rationale Option ist. Dann nochmal die Kurve zu kriegen, das ist eeeeechte Qualität. Nur davor habe ich wirklich den absoluten Respekt. Alles andere ist einfach uninteressant. Finde ich. Deswegen arbeite ich wahrscheinlich aber auch nicht an der Börse, oder beim Fernsehen oder beim Film. Sondern in der freien Kunst. Nichts ist risikoreicher als Kunst, wenn sie gut ist. Wenn.


silvio spottiswoode 24.09.2013 | 19:00

Correction :: zie h mlich :-))))))))))))))))))))))



>> "Es gibt kaum starke Stoffe, kaum starke Scripts, nicht, weil es keine Ideen gibt, sondern weil sich keiner traut, sie wirklich zu Ende zu denken oder zu Ende zu entwickeln." (Tykwer) <<

Ja. Es gibt auch ganz wenig gute Kunst und noch weniger gute Literatur ... Künstler, Filmemacher, Autoren wollen in erster Linie eben erfolgreich sein. Kann man ja auch verstehen.

Aber Erfolg und Sicherheit sind genau diametral entgegengesetzt zu schöpferischer Arbeit. Welchem künstlerischen Werk hat kommerzieller Erfolg je gut getan? Welche Künstler/innen vermochten es vom gemütlichen Sofa aus den Dialog mit dem Abgund zu führen? Selbstkritik ist auch nicht unwichtig, glaube ich. Die Fähigkeit sich und die eigene Arbeit einigermaßen einzuschätzen und aus den gemachten Fehlern vielleicht auch zu lernen?

Erfolg und Sicherheit sind eben nicht der Humus bedeutender künstlerischer Arbeit. Leider. Und gottseidank. So bleibt alles offen und lebendig.

Den Guardian Artikel hatte ich schon gesehen, kam aber noch nicht zum lesen. Das mache ich jetzt. Thanks for sharing!

CloseReading 24.09.2013 | 22:29

Naja, okay, ich meinte "risikoreich" jetzt im Vergleich zu anderen Investitionen. Natürlich betrachten Künstler ihre Kunst nicht als Investition, aber Produzenten (die ja immerhin sehr viel Geld aus sehr vielen verschiedenen Quellen verteilen) sind zum großen Teil natürlich dazu gezwungen - sonst würden sie wahrscheinlich nicht lange im Spiel bleiben.

Du hast natürlich ganz Recht - es kommt eben darauf an, welche Art von Kunst man machen will. Freie Kunst mag da anders sein. Aber bei der speziellen Kunstform Film kommt man eben ab einem bestimmten Level (alles, was über NoBudget liegt) schlechterdings nicht drum herum, das Ganze auch von der geschäftlichen Seite her betrachten zu müssen. Und da wir ja doch anscheinend alle ganz gern Filme und Serien schauen, müssen wir eben doch froh sein, dass es Menschen gibt, die darin "investieren".

Was ich aber eben an Breaking Bad (und vielen anderen Produktionen auch) schätze und im Artikel auch irgendwie ausdrücken wollte ist, dass "Business" und "Kunst" sich eben nicht radikal ausschließen müssen. Deine Meinung, dass das eine zwangsläufig auf Kosten des anderen gehen muss, kann ich also nicht teilen. (Natürlich will ich Breaking Bad damit jetzt nicht in den Rang der unsterblichen Kunstwerke erheben - aber es ist eben auch nicht einfach bloße Unterhaltung).

Ich stimme absolut zu, dass Breaking Bad hohe Risiken eingeht und dafür zurecht belohnt wurde. Aber wie das oben als Antwort auf Marius verlinkte Zitat von Vince Gilligan zeigt, musste natürlich auch er die "Risiken" abwägen und einschätzen, wie weit er gehen darf. Walter White anfangs mit so vielen "Problemen" auszustatten war Gilligans Art der "Risikominimierung", sozusagen: "Wenn wir schon Helden haben wollen, der eine bitterböse Droge kocht - dann muss er zu Anfangs wenigstens richtig viel durchleiden, damit man als Zuschauer mitgeht."

silvio spottiswoode 25.09.2013 | 01:06

Also die Geld-/ Investitionsseite kenne ich kaum, da ich auf der anderen Seite sitze. Mein Job ist es in derRegel die Gelder zu akquirieren; wenn ich Ausstellungsprojekte organisiere oder Bücher mache. Im Film ist das Finanzvolumen nur sehr viel höher, als in bei dem durchschnittlichen Kunstprojekt. In Filme investiert ja auch erstmal keine Privatperson, sondern das sind - in Deutschland die Förderfonds (Steuergelder) - und großteils Venture Capital Firmen, die Geld in Filmprojekte reinschiessen. Und wenn was floppt, meldet die Firma Insolvenz an. Es läuft ja eben in der Regel gerade nicht so, wie beispielsweise bei Wenders und DAS WERk. In Film zu "investieren" halte ich nur in ganz ganz seltenen Ausnahmen für gerechtfertigt, also eher gar nicht, weil es einfach zu viele unbekannte Variablen gibt. Krönende Beispiele fuer grandios finanziell gescheiterte Filmproduktionen wären hier vielleicht Orson Wells mit "Citizen Cane" und Jacques Tati mit "Playtime". "Risikoreich" ist dafür der falsche Begriff. Finanziell selbstmörderisch wäre treffender. In Filme und Serien investieren Unternehmen, die genau darauf auch spezialisiert sind. Ähnlich wie Verlage in Buchveröffentlichungen investieren. Produzenten sind da eher wie Agenten oder Galeristen, die Geldgeber und Talent zusammenbringen. Dann gibt es Finanzierungspläne und Renditeszenarien mit Minimum-Medium-High Return on Investment Visualisierungen. Das ist Big Big-Business. Inwiefern "Business" und "Kunst" sich ausschließen wäre ein Thema fuersich. Aber ich würde sagen sie tun das, schließen sich aus. Beiden liegen vollkommen unterschiedliche Überlegungen und Herangehensweisen zugrunde. Doch "Breaking Bad" ist bloß Unterhaltung! Saugeile. Supergut gemacht auf der Hoehe der Zeit, einen Nerv treffend. So wie gute Unterhaltung immer sein sollte. :-)))

CloseReading 27.09.2013 | 19:28

Wie passend, dass sich nun auch der "Economist" die wirtschaftlichen Aspekte von Breaking Bad analysiert: http://www.economist.com/news/business/21586801-best-show-television-also-first-rate-primer-business-breaking-bad-school

Zu der Diskussion, die wahrscheinlich wirklich ein Thema für sich ist - aber Streiten macht ja so viel Spaß:
Klar verfolgen Business und Kunst grundsätzlich unterschiedliche Ziele. Aber das heißt noch nicht, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Die Tatsache, dass viele Kunstformen viel Geld benötigen, um überhaupt exisitieren zu können, heißt ja noch nicht, dass man die höchstmögliche Rendite erwirtschaften muss. Aber man muss sehr wohl darauf achten, dass das Geld nicht einfach nur versickert. Insofern war Kunst schon immer auf Geldgeber angewiesen, und viele Meisterwerke gäbe es ohne die Mäzene nicht - und das weitgehend unabhänigig davon, welches Ziel diese Mäzene gerade verfolgten.

Und hier liegt glaube ich auch ein großer Unterschied zwischen "europäischer" und "amerikanischer" Kunst: Die Amerikaner unterscheiden weniger zwischen U und E. Wir streiten selbst hier darüber, ob Breaking Bad nun Kunst ist oder gute Unterhaltung. Für viele Amerikaner hingegen stellt sich diese Frage gar nicht erst. Wer keine Grenzen zieht tut sich auch leichter, diese zu überwinden :)

silvio spottiswoode 27.09.2013 | 22:14


>> Wer keine Grenzen zieht tut sich auch leichter, diese zu überwinden.<<

You mean like, it's not about the destination, it's about the passengers you travel with?

"Wer selbst keine Grenzen zieht, für den werden sie gezogen!" :-)))))

Reibungsarmer live- und workstyle ist nicht meins. Denn 1. bin ich der Meinung, dass man im Leben Entscheidungen treffen muss und 2. schliesst das schnelle Richtungswechsel kategorisch aus. Heisst, dass man dann die Materie solange durchdringen sollte, bis man sie verinnerlicht hat. Bin aber sicherlich ein "hard-core purist" come absolut believer in the "nobility of intent and purpose".*


Breaking Bad ist keine Kunst, weil die Macher nicht als Künstler antreten, sondern als Unterhaltungsproduzenten. Damit ist das Thema komplett vom Tisch, da es keine künstlerische Intension gibt. Es gibt finanzielles Kalkül.

>> Für viele Amerikaner stellt sich die Frage ob U oder E gar nicht erst.<<

So absolut halte ich das für eine gewagte These. *chuckle*

Nicht weil sie das bewusst entschieden hätten, sondern weil sie gar nicht in der Lage sind etwas ohne Pragmatismus zu denken. Das ist also nicht unbedingt schon eine Qualität, oder? Bleiben wir bei der Kunst. Let's talk Money and U.S.. Gehen wir auf eine x-beliebige Eröffnung in einer x-beliebigen Galerie, Downtown, Manhatten. Der erste Satz, den einen der Galerist beim Essen fragt: "How much did you make with your last show?" Ich bin das wirklich mehr als einmal gefragt worden. Kein Scherz. Kunstbetrieb. Das hat mit Kunst nicht das Geringste zu tun. Obwohl schlichte Gemüter dies stets hartnäckig behaupten.

____________________________________________________

* "James Watt, Richard Arkwright, Samuel Crompton and Josiah Wedgewood wanted to embrace the new and to change the world. They collaborated and shared. There was a nobility of intent that united them, even while they made fortunes. Nobility of intent is not usually associated with successful capitalism. For the ideologues of the right, cargo cult worshippers at the shrine of Mrs Thatcher, successful capitalism is about less state, more market and no Europe. To be value-driven or care about purpose is for hippies and socialists. But successful entrepreneurship is about using frontier technologies to address human need and ambition. It understands it is part of society and owes a debt to the culture and public infrastructure that create it. Unless an entrepreneur is rooted in society, his or her chance of spotting needs and wants for which there is a market is very much reduced."(Will Hutton, Observer)

silvio spottiswoode 28.09.2013 | 18:06

Es lässt mir keine Ruhe. :-))))

Zurück zum Risiko und "Breaking Bad".

1) >>Walter White anfangs mit so vielen "Problemen" auszustatten war Gilligans Art der "Risikominimierung"<<

… und der Zugeständnisse an Sony Television, die keine Serie über einen drogendealenden, psychopathischen Killer im US Abendprogramm finanziert hätten. Kompromisse, die eingegangen werden, um die Geldgeber bei der Stange zu halten.

Außerdem ist es wahrscheinlich sogar ein eher geringes Risiko ausgerechnet in LA – mit Nähe zu Mexico; einer der größten, am heissesten umkämpften Absatzmärkte für Narcotics in den USA – eine Serie über einen Dealer zu machen. Dass es ein Publikum dafür gibt liegt in der Natur der Sache. Die einzige Herausforderung war – würde ich mal sagen –, für ein so "schmutziges Thema" Geldgeber zu finden. Und dies wird natürlich so nicht in der Öffentlichkeit thematisiert, weil man dann über Geld und dröge Finanzierungsstrategien sprechen müsste. Stattdessen wird von "kreativen Risiken" gesprochen. Kommt einfach besser. :-)))))

* * *

2) >> Klar verfolgen Business und Kunst grundsätzlich unterschiedliche Ziele. Aber das heißt noch nicht, dass sie sich gegenseitig ausschließen.<<

Es so zu formulieren ist schon ganz schön optimistisch. Kompromisse und Zugeständnisse – Abstriche –, die gemacht werden, sobald Geldgeber im Spiel sind. Stoff, der verwässert wird. Immer. Jedes Mal.

silvio spottiswoode 28.09.2013 | 18:13

3) >> Die Tatsache, dass viele Kunstformen viel Geld benötigen, um überhaupt exisitieren zu können, heißt ja noch nicht, dass man die höchstmögliche Rendite erwirtschaften muss.<<

Stimmt. Und das halte ich absolut für eines der allergrößten Probleme: Teure Produktionen. Denn durch ein "mehr" an Geld werden Dinge in der Regel nicht besser. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Geld fördert selbstgefällige Stagnation. Ich bin für Vielfalt und Quantität; kleine Budgets, viele kleine Produktionen. Viele Leute, die alle an ihren Werken arbeiten können.

So wie beispielsweise in Melbourne, wo mit der Filmförderung und dem ABC in den letzten 10 Jahren eine regelrechte Flut an guten, kritischen Filmen und Serien gemacht wurde. The Slap ist nur die letzte in einer langen Reihe (The Rake, The Dish, Seachange).

Ich bin für das Giesskannenprinzip in der Förderung. Und also ein entschiedener Gegner von verwertungsorientierter, für wirtschaftliche Profilierung missbrauchter "Leuchturmkultur".

CloseReading 12.10.2013 | 17:40

Sorry für die späte Antwort - bin gerade im Urlaub, wollte die Diskussion aber eigentlich nicht verebben lassen.

0) Wenn einer ein Kunstwerk betrachtet und nur nach den "Einnahmen" fragt, wie es dir in NYC passiert ist, dann disqualifiziert sich der Frager natürlich selbst. Wenn er Kunst nur auf das Business reduziert, erstickt er es im Keim. Deshalb eben dann die wichtige Frage, ob sich "Kommerz" und Kunst vereinen lassen: Geld sollte niemals der entscheidende Faktor sein, aber ein Faktor unter vielen bleibt er bei den meisten Formen von Kunst - ob man es mag oder nicht - dennoch.
Eine interessante Gegenfrage ist natürlich: Wie sieht es dann bei deutschen Fördergremien aus, die ja (zumindest laut ihren Satzung) fast alle expliziert "Kunstwerte" fördern, und nicht nur "Geldwerte". Kommen dadurch am Ende bessere Filme heraus? Die meisten würden glaube ich sagen: nein. Ergo: Ebensowenig wie das reine "Vorhaben", Kunst zu schaffen, schon "gute" Kunst produziert schließt das reine "Vorhaben", dabei auch Geld zu verdienen, das Entstehen von "guter" Kunst aus.

Überhaupt gibt es natürlich den Ansatz, Kunst über die Intention des Erschaffers zu definieren (ein Kochrezept in einem Kochbuch ist keine Kunst, das gleiche Kochrezept in einem Gedichtband, verfasst von einem Dichter, kann Kunst sein). Aber der ist meiner Meinung nach nicht hinreichend. Es gibt genug Künstler (wie beispielsweise James Nachtwey), die ihre Werke explizit als "Handwerk" bezeichnen - aber da der Rezipient Nachtwey's Fotos beispielsweise als Kunst rezipiert (und seine Fotos z.B. in Gallerien ausgestellt werden), ist es eben doch Kunst.

1) Der Einschätzung, dass Walter White als Drogendealer in den USA ohnehin schon für ein Publikum interessant genug gewesen wäre, kann ich nicht zustimmen. Walter White ist deshalb für so viele Menschen so interessant, weil er so viele Widersprüche in sich vereint - der "gutmütige Nachbar" auf der einen Seite und der "machtgeile Psychopath" auf der anderen (zumindest in den ersten paar Staffeln).
Das ist für mich ein absolut essenzieller Teil der Serie und kann nicht einfach als Kompromiss zuliebe der gierigen Geldgeber abgetant werden können.

2) --> Deshalb finde ich auch, speziell im Fall von "Breaking Bad" war das kein "Verwässern" und kann deshalb wie gesagt als Beispiel gelten, wie "kommerziell Sinnvolle Überlegungen" auch durchaus sinnvolle Überlegungen für die Qualität der Serie sein können (wie gesagt, Grund hierfür: Walts "nette Seite" steigert die Qualität der Serie, obwohl sie sicherlich auch aus finanziellen Überlegungen heraus so stark exponiert wurde).
Aber du magst Recht haben, dass "Breaking Bad" eine seltene Ausnahme ist. Das müsste man mal genauer untersuchen...

3) Mir sind "kleine Produktionen" ebenfalls in den allermeisten Fällen lieber. Gebe dir also Recht. Aber: Manche Stoffe benötigen schon von der Grundidee her mehr Geld als andere. Manche tollen Science-Fiction Filme wären womöglich mit einem "Gießkannenprinzip" nie realisierbar gewesen. Erneut das Gegenbeispiel deutscher Filmförderung: Dass die Produktionen dadurch besser werden, ist zumindest sehr sehr schwer zu beweisen - subjektiv glauben viele Menschen genau das Gegenteil. Außerdem heißt RISIKO (in der Diskussion weiter oben) doch auch, auch einmal viel Geld in die Hand zu nehmen, statt sich per Gießkannenprinzip gegen alles abzusichern.