"Blutgrätsche vorm Melis-Bild"

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Gleich eines der ersten Bilder der Roger-Melis-Retrospektive im Berliner Postfuhramt verlangsamt den fliehenden Schritt, den man noch draußen auf der Oranienburger Straße vorlegte. „Ostbahnhof“ von 1974. Zug ‚35 1052-6’ steht am staubig-hellen Tage auf dem Gleis, bereit zur Abfahrt, niemand steigt ein. Ein Kind sitzt auf einem Gepäckwagen unter dem Schild „Fernzüge Richtung Osten“. Zwei, drei Leute stehen weit hinten zwischen den Gleisen. Reise bedeutet Aufbruch und Hektik, dieses Bild erzählt ganz leise, dass Aufbruch hier nicht Ausbruch ist. Es strahlt Gelassenheit aus, als haben die Leute auf dem Bahnsteig sich damit arrangiert, dass Fernzüge hier nur nach Osten fahren..

Ein paar Schritte weiter ist es vorbei mit der Ruhe. Am Bild „Vor dem Jugendclub“ von 1977, das einen Bengel zeigt, der dem Betrachter eine riesige Kaugummiblase ins Gesicht bläst und dabei von fünf Gören bestaunt wird, stehen drei Personen, zwei Frauen, ein Mann. Man weiß erst bei näherem Hinsehen, wer hier welchen Geschlechts ist, was nicht einem Ausdruck von Orientierung, sondern der Mode geschuldet ist. Viel Röhrenjeans, viel Lila, viel komische Frisur, viel V-Ausschnitt. Sie sehen aus wie American-Apparel-Models und hier, vor der Tür zum Postfuhramt, somit wie alle.

Ich schaue auf das Bild mit den Kindern aus einem stillen Land, und sehe mich in den bunten, aber nicht farbenfrohen Anoraks, die ich als Kind trug. Ich spüre die Wunden am Kinn, die der Plastereißverschluss hinterließ, wenn man den Anorak treppab rennend im Hausflur zu schnell schloss. Ich erinnere mich an die Frage der Kumpels, wenn jemand eine Packung Westkaugummis mitbrachte: „Kannste Blasen machen?“, Blasenmachen war sowieso nur mit Westkaugummis möglich und durchaus ein Gradmesser von Coolness, auch wenn das damals noch nicht „cool“ war, sondern „fetzte“. Ich schaue auf die drei Leute vor dem Bild und denke, ihr könnt auch Blasen machen, riesige Blasen. In denen könnt ihr sogar leben, die fetzen allerdings mal gar nicht, die sind heute nur cool. Sie schmunzeln vor dem Bild, bis eine sagt: „Verrückt, ey, diese Jacken, das könnte doch echt original von heute sein, das Foto, total super!“ Dieser Anflug von Erkenntnis macht sie nicht einmal stutzig.

Auf dem nächsten Bild, „Holzbeizen-Händler“ von 1972, sieht man einen Herrn mit breitem Schnauzer am Tresen eines verschwundenen Ladens. Er steht vor einem Regal mit lauter kleinen und großen braunen Fläschchen. Er schaut drein, als gefalle es ihm nicht sonderlich, von Roger Melis fotografiert zu werden. Fast so, als habe er eine Vorahnung, wer sich das in 40 Jahren anschaut. Die Drei stehen vergleichsweise lange drei Sekunden vor diesem Bild, bis eine von ihnen sagt: „Dem sieht man die Berliner Schnauze ja total an!“ Die anderen beiden lachen ahnungslos zustimmend, und im Kopf fängt die Frage Feuer, woran man das denn erkennen könne, diese ‚Berliner Schnauze’. Doch man läuft Gefahr, ein Paradebeispiel zu liefern.

Das Bild, „Beim Besuch Leonid Breschnews“ von 1979, zeigt ein altes Paar, das mit Wimpeln unter der U-Bahn-Trasse auf der Schönhauser Allee steht. Hoher Besuch, sagte man, die Drei sehen sich wohl zu einer Übersetzung in Berlin-Mitte-Agenturdeutsch genötigt und der Typ tut es auch noch: „Haha, voll das Happening!“

Gnadenlos tippeln sie in ihren engen Hosen, die keine größeren Schritte zulassen, zum nächsten Bild. „Ackerstraße“, von 1985, zeigt eine Oma in Kittelschürze, die vor der Haustür der Ackerstraße 29 den Bürgersteig fegt. Im Hintergrund die nackte Fassade, am Straßenrand Wartburg und Trabant. Das Bild wird mit den Sätzen „Oh, wie süß!“ und „Ist denn die Ackerstraße eigentlich im Osten oder Westen!“ kommentiert. Der Typ vermutet die Straße, die einen Steinwurf von hier entfernt liegt, im Osten. Nur die halbe Wahrheit in einer einst geteilten Stadt. Derweil ist das schrille Kichern der Drei zum unangenehmen Klangteppich geworden, der Fluchtreflexe auslöst.

Die Flucht gelingt jedoch nur kurz, sie folgen vehement in den nächsten Raum. Eine Vitrine zeigt Plattencover, die Melis für Wolf Biermann fotografierte. Ein ermüdendes „Achso, ja, der hier, der muss Musiker gewesen sein, cooler Schnauzer!“ schallt durch den Raum, in der Phantasie gewinnt die Skulptur „Blutgrätsche vorm Melis-Bild“ Kontur.

Es folgt einZwischenraum mit Leinwand und Projektor, kurze Verschnaufpause für das erhitzte Gemüt. Ein Film veranlasst die Verirrten zumindest eine kleine Weile dazu, die Fressen zu halten.

Im letzten Raum des Erdgeschosses landen die Drei vor einem Foto namens „Punk“. Sie amüsieren sich köstlich über den Paradiesvogel, „Wie geil ist das denn?“ und „Wie der aussieht!“. Wie der mit seinen babyspeckigen Wangen versucht, einen rebellischen Eindruck zu erwecken. Sie zeigen mit dem Finger auf ihn, den Punk von 1987, Sven Marquardt von heute. Sie haben keinen blassen Schimmer, dass der gleiche Punk sie jedes Wochenende an der Tür dieses sagenumwobenen Berghains mit einem grantigen Kopfschütteln abweist und ohne jede Erklärung wieder hinaus in die Nacht am Wriezener Bahnhof schickt. Sie verstehen ja nicht einmal, dass sie die Erklärung nicht verstehen würden.

Die Melis-Retrospektive im Postfuhramt ist unbedingt sehenswert, die Porträts von Heiner Müller, Helene Weigel, eine Wand Thomas Brasch, Wolf Biermann steht auf der Brücke und steckt das ND in die Tasche. Die Bilder aus Berlin und der Uckermark, die auf subtile und durchaus auch amüsante Art den Missstand transportieren. Und die Menschen in ihm, wenn zum Beispiel ein Kind am Rande einer Militär-Parade dem Bild von Breschnew ins Gesicht tritt.

„Auf meinen Fotografien ist zu sehen, was dem Flaneur begegnet, dem Spaziergänger, der ja Zeit ausgerechnet dadurch zurückerobert, dass er sie verschwendet.“, sagte Roger Melis. In diesem ganz speziellen Fall schenken die Bilder nicht nur Zeit zurück. Mit diesen drei Flachpfeifen an der Seite geben sie einem zudem das gute Gefühl, dass man heute nebeneinander über die gleichen Dinge lachen kann.

Und das noch bessere Gefühl, dass man aus gänzlich verschiedenen Gründen lacht.

13:21 07.04.2010
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Geschrieben von

Augen auf(!) Berlin

"Berlin is keen Sanatorium!"
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