Ein kleiner Aufstand der Zeichen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ende der Neunziger sah der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg aus, als wäre dort eine Chrom-Schwarz-Bombe explodiert, mit hitzeroten Splittern. Graffitis, Tags (Schriftzüge der Sprüherpseudonyme) und bunte Bilder auf allen bröckelnden Fassaden. Mittlerweile wurden die bröckelnden Fassaden größtenteils neu verputzt und großflächig bonbonbunt gestrichen, andere Zeitzeugen in Schriftform wurden gebufft, sprich professionell von den Wänden gewaschen. Der übrige Rest verwittert, was einst silber leuchtete, verwest mit den Jahren bis zur Unkenntlichkeit auf und in den Gemäuern.

Allerdings werden jetzt Geister gerufen, die man dann, um die Floskel zu bemühen, nicht mehr so schnell los wird. Ein sympathischer Buchladen auf der Kastanienallee bietet mang verschiedener Berliner Streetart-Bildbände folgendes Buch feil: "Graffiti-Ausmalbuch - Malen wie die Profis" (Verlag From Here To Fame). Weiter steht auf dem Einband: "Ausmalbuch für <del>harte</del> kreative Kids". Drinnen findet man in schwarzweiß gehaltene Graffitis mehr oder weniger namhafter Graffitikünstler, an denen sich Kinder austoben können. Cooles Geschenk, denke ich. Cooles Geschenk, schließlich fördere es die Kreativität, wird sich auch das ein oder andere coole, kreative "Prenzlberg"-Elternpaar gedacht haben. So landeten mit Sicherheit einige Exemplare unter den heimischen Weihnachtsbäumen, die ja meist nicht in Prenzlauer Berg stehen, aber das ist eine andere Geschichte.

http://augen-auf-berlin.de/__oneclick_uploads/2011/01/cm_d_300.jpg

Nun ist Weihnachten schon wieder seit einigen Wochen Geschichte, die <del>harten</del> kreativen Racker werden sich über die Styles, Pieces und Characters im Buch hergemacht, sie mit Fill-ins, Secondlines, Schatten und 3-D-Blocks versehen haben, auch wenn ihnen das alles noch keine Begriffe sind und nur bedeutet, dass sie die Vorlagen farblich gestalten. Die Kleinen werden Spaß daran gefunden und die Eltern noch nicht im Geringsten ahnen, was sie da in ihren Kindern wachgekitzelt haben. Das Graffiti-Ausmalbuch könnte der Urknall gewesen sein, alles danach die klassische Evolution des Sprühers werden.

Zunächst reicht ein Blatt Papier und viele bunte Fine Liner, dann geht alles ganz schnell. In der Schule haben die Kids täglich zwischen fünf und sieben Mal 45 Minuten Zeit, ihre graphisch-gestalterischen Fertigkeiten zu trainieren, die Buchstaben auf den Blättern im Mathe- oder Bio-Schnellhefter lernen laufen. Dass die Mitschüler auf dem Pausenhof, allen voran die süße Blonde aus der Parallelklasse, die ersten Graffiti-Gehversuche auf Papier mit zwölf Karo Rand als "voll cool" würdigen, ist schon bald nicht mehr genug des Fames, sprich der Anerkennung in der Szene. Schnell landet der erste Stift mit dicker Miene in der Federtasche und die ersten krakeligen Tags auf den Türen und Wänden der Schultoilette. Die müssen sich die kreativen Kinder dann schlimmstenfalls, stets peinlich berührt bis hin zur Selbstverleugnung und Quellenamnesie - "Nee, dit is nich von mir!!!" - noch bis zum Abitur anschauen. Schulklo wird allerdings auch schnell langweilig, da muss mehr gehen, die Kids wollen ihren Namen in die Stadt schreiben. Also Sparschwein plündern und ab in den Baumarkt, Kannen kaufen, sprich Sprühdosen und raus auf die Straße, die Stadt bietet doch soviel Fläche.

In Prenzlauer Berg tauchen in jüngster Vergangenheit immer mehr Tags und Graffitis auf, die zweifelsohne die ersten Gehversuche kindlich verfremdeter Handschriften spiegeln. Da stehen die <del>kreativen</del> harten Racker mit der Sprühdose vor der weißen Wand, geplagt von den gleichen Unsicherheiten, Ängsten und Wünschen wie ihre Eltern vor ihren weißen Macbooks. Sie wollen ihren Namen in der Öffentlichkeit lesen, zweifeln insgeheim an ihren Fähigkeiten, tun dabei aber verdammt cool.

http://augen-auf-berlin.de/__oneclick_uploads/2011/01/foto3.JPG

http://augen-auf-berlin.de/__oneclick_uploads/2011/01/foto2.JPG

Die ersten Bilder der Kinder der "Mütter vom Kollwitzplatz" sind wahrlich keine Augenweide, aber es gibt wieder etwas zu lesen auf den sauber verputzen Fassaden in Prenzlauer Berg, die Kinder fangen an zu strampeln in der bourgeoisen Blase. Von einer Renaissance des Graffitis in Prenzlauer Berg zu sprechen, wäre zuviel des Guten, aber es ist ein kleiner Aufstand der Zeichen.

Problematisch wird es für die Kids aber spätestens, wenn Mama und Papa, die das Graffiti-Ausmalbuch geschenkt haben, von der neuen Leidenschaft ihres kreativen Nachwuchses nach Lack riechenden Wind bekommen. Klar sollen sich die Kinder kreativ entfalten, künstlerisch tätig sein, unbedingt, aber doch bitte nicht gerade auf der Fassade, deren Reinigung Papa als Teil der Eigentümergesellschaft gerade teuer bezahlt hat. Aber wenigstens kann Papa die Anzeige wegen "Sachbeschädigung durch Farbschmiererei" zurückziehen, wenn die Kids erwischt werden und der Brief vom Polizeipräsidenten in seinem eigenen Briefkasten landet.

file:///Users/conrad/Library/Caches/TemporaryItems/moz-screenshot.png

16:16 17.01.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Augen auf(!) Berlin

"Berlin is keen Sanatorium!"
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 11