Eine 'kleine' Blattkritik: Das Papier nicht wert

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Es gibt ein neues Kiezmagazin in Berlin-Prenzlauer Berg. Der Trend geht zum Mikrolokaljournalismus und an Trends läuft man hier nicht vorbei. Hier wird alles aufgehoben und in den Mund genommen, was auf der Straße liegt. „Berg.Link“ heißt das publizistische Erzeugnis, das nicht nur kostenlos, sondern auch umsonst im Kiez herumliegt. „Menschen. Projekte. Kiez. Das Magazin für Prenzlauer Berg“ lautet der hochtrabende Untertitel. Da hat sich jemand den, nein, falscher Artikel, die Latte hochgelegt und schlägt dann doch nur weichen (Milch-)Schaum. Eine ‚kleine’ Blattkritik.

Mit einer ambitionierten, pseudo-politischen Finte wird der Leser ins Heft gezogen. „Kastanienallee 5 vor 21“ tönt die Überschrift des ersten redaktionellen Beitrags, nachdem man sich an den schönen Blümchen auf dem Cover sattgesehen hat. Auf zwei Seiten brutto bleiben netto eine knappe halbe Seite Text zum geplanten Umbau der Kastanienallee, die der Autor, ganz nah am Sprachschatz der Zeit, als „Castingallee“ bezeichnet. Die Bürgerinitiative „Stoppt K21“ sähe in dem Umbau „eine Vernichtung des Ursprünglichen“. Wer hier Selbstkritik vermutet, hegt falsche Hoffnungen. Ich erinnere mich an eine Zeit, da gab es auf der Kastanienallee noch einen Fleischer und frage mich, wann das angefangen hat, mit der Vernichtung des Ursprünglichen und dem Einzug der Befriedigung künstlicher Bedürfnisse. Mit Sicherheit schon vor den Umbauplänen zur Kastanienallee. Der Autor schließt seinen Beitrag mit den Sätzen: „Wenn im Frühjahr die Bagger anrollen, ohne dass ein tragfähiger Kompromiss auf dem Tisch liegt, kann der Prenzlauer Berg einmal mehr auf seine Schwaben zählen. Dann tobt ‚Stuttgart21’ im Schatten der Zionskirche.“ Man muss nicht Stadtsoziologe sein, um zu wissen, dass Stuttgart hier schon lange tobt und es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um zu wissen, dass Stuttgart mit Kind und Plastebagger im Sandkasten tobt, wenn auf der Kastanienallee die echten Bagger anrollen. Ganz zu schweigen von der Frage, wann „der Prenzlauer Berg“ zuletzt auf seine Schwaben gezählt hätte. Oder seine Bayern. Oder Sachsen. Oder Berliner.

Doch genug von Kiezproblemen und Politik-Getöse, ein kleiner Hauch Revolution sollte genügen, um sich anschließend ein windstilles publizistisches Plätzchen zu suchen. Also widmet sich das Blatt auf den folgenden 20 Seiten dem Titelthema, dem absolut atemberaubend überraschenden und einzigartigen Ereignis „Frühling“. Kann ja keiner ahnen, dass der kommt, und dann steht man da, mit jeder Menge Frühling und weiß nicht, was tun. Da muss der Nutzwertjournalismus in die Bresche springen. „Früh.Link im Kiez“, da stockt einem der Atem angesichts der Sprachspielgewalt(tätigkeit). (Randbemerkung für alle, die auf dem Subtilitäts-Auge gänzlich blind sind: Es gibt jede Menge ‚hilfreiche’ Links im Heft, daher der Wink mit allen Zäunen im Titel)

Grün und Rosa seien die Trendfarben im Frühling, erfährt man. Das sei übrigens in jedem Frühling so, schon immer, gesteht ein Experte für Kreativität und Farben, der im Rheinland von einer zur Legitimation erwähnten „Ur-Berliner Mutter“ geboren wurde, an der englischen Ostküste lebt und gerade an einem Roman schreibt, der teilweise in Prenzlauer Berg spielt. Verrückt. Übrigens: „Zurzeit gibt es die Modefarbe Nude, Das ist ein rosa-brauner Ton, sehr mit Erotik aufgeladen.“ Also bestimmt nicht der Teint der anämischen Mütter vom Kollwitzplatz. Nach ein paar gehaltvollen Zeilen zu Goethes Farbenlehre und zur Symbolik der Farben geht es zurück ins Kleinod Prenzlauer Berg, in dem amerikanische Touristen als „Greenhorns“ flink entlarvt sind, „im wilden Osten“. Hallo? Jemand zu Hause? Aufwachen! Ihr habt verschlafen, ungefähr zehn Jahre. Wild war vor euch und mit euch vorbei.

„Zeit des Neubeginns“ trumpft der nächste redaktionelle Beitrag auf. Auf die Plätze, fertig, assoziieren! Halt!! Stopp!!! Kommen Sie zurück mit ihren Gedanken, aus Tunesien, Ägypten, Lybien, ganz kalt. Mikrolokaljournalismus! Auch hier geht’s um Frühling im Kiez und darum, dass man doch mal einen Frühjahrsputz machen kann, viel besser aber noch sei die innere Reinigung. Katharsis. Schön wär’s. Das macht nur dummerweise keine Putzfrau für vier Euro die Stunde. Hier gibt es Tipps, wie man entschlackt in den Mai kommt. Steht nichts davon drin, dass man vielleicht eine oder zwei der 98 Versicherungspolicen kündigen könnte, um den Haushalts-Etat zu verschlanken, „im wilden Osten“. Viel besser: Hier wird eine Saftfastenkur ans Herz gelegt, mit detailliertem Fastenplan. Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihnen in den nächsten Wochen schlecht gelaunte, paranoid um sich schauende Ehemänner in der Schlange bei Konnopke begegnen. Die sind nicht auf Freigang, die sind auf Fastenkur.

In der sechsseitigen Foto-Anleitung „Übungen für den Frühling“ geht es nicht darum, wie man das hochbegabte Kind mal aus der Watte packt und Kind sein lässt. Es geht um Yoga. Yoga in allen Ehren. Aber diese Namen der Yoga-Figuren - Faust auf’s Auge - sind doch immer wieder amüsant. Da wäre „Das schwankende Meer“. Sicherlich ein metaphorischer Rückbezug auf den Kastanienallee-Artikel, zur Vorbereitung auf die Chaostage, wenn die Bagger auf der „Castingallee“ auftauchen. Auch gut: „Zurückschauen und loslassen“. Die Übung soll emotionaler Unruhe Abhilfe schaffen. Ja, genau! Schaut zurück, in die alte Heimat, und lasst los, kommt an. Das hier ist Berlin. „Zurückschauen und loslassen“ sollte das wiederkehrende Mantra eines Jeden sein, der hier dazu ansetzt, seinen Kombi vorwärts in drei Parklücken zu manövrieren, weil er es nicht anders kennt von der elterlichen Hauseinfahrt im Heimatdorf.

Einen „Wertewandel“ verspricht der nächste Artikel. Politikverdrossene können aufatmen, wir befinden uns auf der materiellen Ebene. Es geht um eine Frau, die durchgescheuerte Lieblingsklamotten restauriert und aus gebrauchten Kleidungsstücken Kunst macht, die dann wiederum als Kleidungsstück oder Accessoire genutzt wird, wenn ich das richtig verstanden habe. Lichtgestalt gegen die Wegwerfgesellschaft macht „Pimp-Art“. Zu deutsch: Aus Scheiße Bonbons. Wo die Menschen sich in ihrem angestrengten Naturell dermaßen gleichen, diffundiert Individualität von innen nach außen und reagiert in Verbindung mit Stadtluft zum extravaganten Outfit, das nach Aufmerksamkeit schreit. Man kann der Frau nur gratulieren, dass sie mit diesem Bedürfnis Geld macht.

Mit sprachlichem Lokalkolorit trumpft der Beitrag „Kolle Vierundfuffzich“ auf. Ein Mann zeichnet Haustüren, weil diese wie Buchdeckel seien. „Man öffnet sie – und steht am Anfang einer langen Geschichte.“ Das Bild ist, wenn auch nicht originell, zumindest stimmig, hinkt aber in Prenzlauer Berg. Hier sind die Häuser eher wie die Tagebücher pubertierender Mädchen mit Schlössern versehen, verriegelt und verrammelt. Der Autor steht vor einem Haus und vergleicht die Zeichnung des Künstlers mit dem Original. Er beginnt zu phantasieren, übermannt von der gutbürgerlichen Aura des Hauses, sinniert einen Mann herbei, der auf den Balkon tritt und eine „markerschütternde Rede“ auf das Volk loslässt. Ich steige ein in seine Phantasie und sehe den Mann, ja, ich sehe ihn ganz genau, den Mann „mit gezwirbeltem Schnauzbart“ auf dem Balkon in der ersten Etage der Kollwitzstraße 54 im Jahr 2011. Er steht da und brüllt in schwäbischem Dialekt: „Ruhe da unten, sonst ruf ich die Polizei.“ Der Autor entdeckt eine Videokamera an der Haustür und kann sich „gerade noch bremsen“, eine Grimasse zu schneiden, benennt damit sein Problem, erkennt es aber nicht.

Schließlich galoppiert er durch die Geschichte des Prenzlauer Bergs. Das ist für jemanden, der sich mit dem Ort, an dem er lebt, schon einmal beschäftigt hat, nicht sonderlich spannend. Es besitzt aber durchaus pädagogischen Wert, als Fußnote darüber, dass das hier alles schon etwas älter ist als seine berufsjugendlichen Bewohner. Leider beißt er sich in der Geschichte des Gemäuers fest, so bleibt dieses „Buch“ ein eher lebloser Historienschinken, angereichert mit einem inhaltsleeren Zitat auf drei Seiten. Zum Schluss noch der obligatorische Hinweis auf die Debatte „Gentrifizierung vs moderater Wandel“ und die Rechtfertigungsfloskel, dass die DDR-Altbauten doch auch dringend renovierungsbedürftig gewesen seien. Keine Einwände. Luxusmodernisierung. Einspruch. Er verabschiedet sich von dem Gemäuer mit den Worten „Mach’s gut, altes Haus!“. Schöne Worte, aber nicht von ihm, sondern von einem Schablonen-Graffiti auf der Fassade eines mittlerweile im Schatten von Neubauten verschwundenen oder sogar abgerissenen Altbaus am Senefelder Platz.

Zuschlechterletzt informiert uns das Blatt noch darüber, wie man sein Drahtesel wieder fit macht, für den „Früh.Link“. Ein Wunder, dass hier nicht auch noch das Sprachspiel „Früh.Lenk“ bemüht wird. Wenn man schon auf Kiez-Support macht, hätten hier vier Zeilen gereicht: Holen Sie das Rad aus dem Keller, bringen Sie es zum Schrauber ihres Vertrauens. Zu einem fairen Preis wird er es Ihnen wieder fit machen und kann von seinem Handwerk auch die nächste Miete bezahlen. Arbeitsteilung, uraltes Modell.

Dann erfährt der abgeneigte Leser noch von einem Versicherung-Experten, dass Kinder und Radfahrer bei Unfällen in der Freizeit statistisch ganz vorne mit dabei seien. Was für eine Überraschung, was für ein absurder Gedanke, da kommt ja keiner drauf! Fahrradfahren auf der Schönhauser Allee ist laut Versicherungs-Experte übrigens ein „messerscharfer Überlebenskampf“. Das soll mal einer dem nordafrikanischen Flüchtling erklären, der auf Deck eines Kutters im Mittelmeer in der Sonne brät.

Kleine Tipps am Rande für den messerscharfen Überlebenskampf auf der Schönhauser: Augen auf, in einer Stadt fahren Autos! Und Straßenbahnschienen quert man im Sinne der gesundheitlichen Nachhaltigkeit in nicht allzu spitzem Winkel.

„Berg.Link“ sei das Heft zum Aufbruch, schreibt eine Frau, deren redaktionelle Funktion Frage bleibt, im Editorial. „Denkende und Anders-Denkende“ sollen beschrieben werden, da wird auch noch die alte Luxemburg an den Haaren herbeigezogen. Alle Kulturen der Welt träfen sich in Prenzlauer Berg. Stimmt, wenn man alle westlichen Konsens-Kulturen meint. Ich hätte dort gern angerufen, in der „Berg.Link“-Redaktion, um zu fragen, ob mit denen noch alles in Ordnung ist, ob man vielleicht helfen kann, überhaupt würde ich gern wissen, ob die noch ganz rund laufen oder ob das eine Satire-Nummer ist. Aber zwischen den Beiträgen und Anzeigen für Naturkost-Lieferservice und nachhaltige Kapitalanlagen, „grüne Finanzen“, konnte ich kein Impressum finden. Die Editorial-Dame wünscht zum Ende ihres einleitenden Geschwafels noch eine „erhellende Lektüre“, selbst die größten Optimisten sehen für Prenzlauer Berg zunehmend schwarz. Zu Recht, mit solchen Nachbarn. Ich geh jetzt ein Bier trinken, oder zehn, ich muss vergessen.

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P.S.:

An die Berg.Link-Redaktion,

wenn Sie nicht gerade in irgendeiner tiefen Katakombe stehen, zum Beispiel unter dem Pfefferberg, dann sind sie nicht „IM“ Prenzlauer Berg. Wenn Sie nicht gerade einen Drachen auf der Oderbruchkippe steigen lassen, dann befinden Sie sich auch nicht „AUF DEM“ Prenzlauer Berg. Sie, die sie auf der Kastanienallee im Café sitzen und mit Transparenten auf die Bagger warten, befinden sich „IN“ Prenzlauer Berg. Das neue, so praktisch zentrumsnahe IKEA-Möbelhaus steht ja auch nicht im Lichtenberg, ebenso wenig auf dem Lichtenberg, sondern in Lichtenberg.

Mit einigen Grüßen

Augen auf Berlin

21:19 03.03.2011
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Geschrieben von

Augen auf(!) Berlin

"Berlin is keen Sanatorium!"
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