Noch ein Kind vom Alex

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"Sie leben in Berlin-Mitte, am Rand der Gesellschaft.", klingelt ein kürzlich im Freitag gelesener Satz, zugleich die Tür der Straßenbahn und das Handy des Mädchens gegenüber in den Ohren. Sie ist jung, 14 vielleicht, und schminkt sich alt. Zwei silberne Kugeln blitzen in der einfallenden Mittagssonne ober- und unterhalb ihrer schmalen Lippen. Die Haare gefärbt, die enge Leggings drückt den Hüftspeck über den Hosengummi und der pinkschwarz gestreifte Pulli verleiht ihr eine dezente Hummel-Optik. Ein ganz gewöhnliches Mädchen, denke ich, während sie da so sitzt.

Immer noch Handyklingeln. Hektisch kramt Sie ein Mobiltelefon nach dem anderen aus ihrer Tasche, sie flucht, "Scheiße!", errötet, vermutlich, unter der Schminke. Es liegen nunmehr vier Handys auf ihrem Schoß verteilt, Handys, die allesamt schweigen. Schließlich fischt sie das fünfte, blechern kreischende Gerät aus den Tiefen ihrer Tasche.

"Ja?...Wer?...Ach du...Ja, oh Mann ey, tut mir ja leid, ick hab jetze fünf Nummern, aber ick bin doch dran, jetze, also, wat is los?...Wat?...Ja, könn wa machen!...Aber kannste denn den Kleenen alleene lassen?...Na jut, wenn de meinst...Wo ick bin?...Fahr zum Alex, bin glei da!...Ja, die Andern sind och da!...Nee, heut Nachmittag jeht nich...Ick muss mit meene Mutter zu'n Bullen!...Ja, ick hab doch schon wieder drei Anzeigen!...Ey, ick find dit jar nich lustich, ick bin uff Bewährung....Ja, Körperverletzung, alle drei...Ey, na wat kann ick denn dafür, wenn der in meene Faust läuft?...Aber wenn die doch dit Maul uffreißt!"

Straßenbahnhaltestelle Alexanderplatz. Hektisch verstaut sie die vier Mobiltelefone, das fünfte noch am Ohr und verlässt die Bahn. Kein ganz gewöhnliches Mädchen, hoffe ich, während sie so davonläuft. Sie rempelt sich durch die Menschen, ein Mann steigt zu und versperrt mir für einen Moment die Sicht. Ich denke an die kürzlich gelesenen Protokolle, Sehnsüchte, Hoffnungen der gestrandeten Kinder, die den Ausweg vom Alex nicht finden. Der Mann ist weg, sie auch. Nur zwei, drei Sekunden ließ ich den Blick von ihr, ich suche und kann sie nicht mehr finden. Als habe der weite Platz sie verschluckt. Wie so viele.

19:46 17.08.2010
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Geschrieben von

Augen auf(!) Berlin

"Berlin is keen Sanatorium!"
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