"Verrückt bleiben, bitte!"

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Der Berliner Untergrund ist eine Parallelwelt. Die U-Bahnen verkehren in kilometerweit verzweigten dunklen Tunneln, verschlucken an den Haltestellen Passagiere, um sie an einem anderen Ort, irgendwo in dieser Stadt, wieder auszuspucken. Wie auf Fließbändern schieben sich die Massen durch unterirdische Gänge und in den nächsten gelben Blechwurm, der sich durch das Mark der Stadt frisst. Im Feierabendverkehr liegt Schweißgeruch in der Luft, am frühen Morgen schwängern die letzten Nachtgestalten die Luft mit dem beißenden Geruch verbrennenden Alkohols. Die U-Bahn ist Pulsschlag, Blutbahn der Stadt. Kommt der Untergrund aus dem Takt, gerät auch das Leben oben, im Tageslicht, schnell aus der Bahn.


Doch ist die U-Bahn nicht nur Transportmittel, zugleich ist das verzweigte Netz unter der Erde ein Hort für die skurrilsten Gestalten der Stadt. Harmlose Durchgeknallte zieht es ebenso hinab in die Tiefe wie Bettler, Kleinkriminelle und Ganoven schwereren Kalibers. "Die im Dunkeln sieht man nicht." Man trifft den ewig gestrigen, dürren Greis im Rock, der auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz nach Zigarettenstummeln sucht und stets mit dem Hitlergruß salutiert. Auf der Linie U8 tauschen Dealer und ihre Klientel nicht einmal mehr unauffällig Geldscheine gegen das kurze Glück des Abhängigen. Auch die BVG tut ihren Dienst, schickt Halbstarke auf Schwarzfahrer-Safari, bei denen man selbst im Besitz einer gültigen Fahrkarte befürchtet, jeden Moment eins auf die Fresse zu bekommen. Einfach nur so. Dann gibt es noch die Gestalten, von denen man immer nur hört. Freunde erzählen von Gestalten und Begebenheiten im U-Bahn-Netz, die zu absurd scheinen. Man tut diese Geschichten als Räuberpistolen, städtische Spinnerei ab, und wird dann doch selber Zeuge. Seit Jahren erzählen Freunde von einem Mann, der in der Bahn stets an der Tür stehe und bei der Einfahrt in die Bahnhöfe die Stationen ansage, wie es sonst eine sanfte Damenstimme aus den Lautsprechern tut. Kürzlich bin ich ihm begegnet.

Am Potsdamer Platz, dieser hässlichen Stadt inmitten der Stadt, flüchteten wir die Treppen hinab in den Untergrund, um nach Hause zu fahren,. Wir setzten uns in die Ecke unseres Waggons, in Gedanken versunken, unter Fremden. “Zurückbleiben!”, spricht eine Männerstimme mit rheinischem Akzent. Kurz darauf die gleiche Ansage von einer Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Verwundert schaue ich hoch, vermute einen technischen Defekt und rutsche wieder in den Sitz. Kurz vor der Einfahrt in den nächsten Bahnhof wieder:

“Nächste Station: Mohrenstraße.” ”Nächste Station: Mohrenstraße.”

Einmal Mann, einmal Frau. Ich strecke meinen Kopf über die anderthalb Meter hohe Trennwand und erblicke einen Mann, der zum Sprechen ansetzt:

“Zurückbleiben, bitte!”

Grinsend schaut sich der schwarzhaarige Mann mit Schnauzbart um, ob seiner Anweisung Folge geleistet wird. Der Herr im beigefarbenen Anorak nimmt der sanften Frauenstimme vom Band die Ansagen vorweg und immer mehr Mitreisende Notiz von ihm, dem "Ansager".

“Aussteigen, bitte!”

Einige Passagiere amüsieren sich, ohne ihn auszulachen. Andere ignorieren ihn, wieder andere senken den Blick pikiert in den Schoß, wünschen sich woanders hin.

“Achtung, auf dem U-Bahnhof Hausvogteiplatz finden derzeit Bauarbeiten statt. Beachten Sie eventuelle Unwegsamkeiten im Bahnsteiggelände.”

Die Arbeit des Mannes bekommt nun Service-Charakter, er hat auch die tagesaktuellen Durchsagen im Kopf. Wer die BVG nicht kennt, könnte meinen, dies sei tatsächlich Dienst am Kunden. Meine Begleitung kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen, als der “Ansager” auf eine quietschende Tür aufmerksam wird. Er geht in die Hocke, schaut sich das mal von Nahem an und nuschelt in seinen Schnauzer, dass man da doch mal etwas machen müsse. Ein lautes Lachen prustet aus meiner Begleitung heraus, was die geballte Aufmerksamkeit des “Ansagers” weg von der Tür, hin zu ihr lenkt.

“Was gibt es zu lachen?”

“Nichts, entschuldigen Sie bitte.”

“Ich muss sie leider bestrafen!”

Für eins, zwei Sekunden wird es gespenstisch ruhig im Waggon. Ein leicht durchgeknallter “Ansager” droht Strafe an, das weckt Assoziationen, man hat die Schlagzeilen der Revolverblätter dieser Stadt vorm geistigen Auge. Der Mann greift in die Innentasche seines Anoraks - Anspannung flirrt durch den Waggon - und zieht einen Notizblock hervor.

“Das ist das Strafbuch! Wo steigen Sie aus?”

“Rosa-Luxemburg-Platz.”

Er zieht einen Zettel aus jenem Strafbuch, darauf sind zahlreiche U-Bahn-Stationen und Linien notiert.

“Sie stellen sich dann bitte auf den U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz und lernen diese Daten auswendig. Zuvor muss ich aber noch testen, ob Sie schreiben können. Schreiben Sie mir doch bitte mal das Wort ‘Zug’ hierher, ja, sehr schön, das sieht gut aus, das funktioniert also. Sie lernen das hier also bitte auswendig! Haben Sie Zeit?”

“Nein!”

“Tut mir leid!”

Hilfe suchend schaut mich meine Begleitung an, ich lache, weil ich nicht weiß, wie ich sie aus dieser Situation befreien kann. In diesem Moment klingelt ein paar Meter weiter ein Handy. Der “Ansager” sucht den Waggon ab, entdeckt eine junge Dame, die nach ihrem Telefon kramt.

“Junge Frau, das Telefonieren in der U-Bahn ist verboten. Ich muss Sie leider bestrafen!”

Er wendet sich der Handy-Sünderin zu und nimmt neben ihr Platz.

“Sie können schreiben?”

„Ja.”

„Wo steigen Sie aus?”

“Eberswalder Straße.”

“Na dann legen wir mal los.”

Er legt ihr das Strafbuch auf den Schoß, dazu einen Kugelschreiber und beginnt zu diktieren. Die junge Frau wirkt ebenso hilflos, wie es meine Begleitung eben noch war. Sie beginnt zu schreiben. Für die nächsten drei Stationen sind dem “Ansager” seine Ansagen unwichtig, er sanktioniert. Klosterstraße, Alexanderplatz, Rosa-Luxemburg-Platz - das Ziel unserer Reise. Wir erheben uns aus den Sitzen, die junge Frau beschreibt derweil die zweite Seite im Strafbuch. Hoffentlich lässt er sie gehen, denken wir, bis zur Eberswalder Straße sind es nur noch zwei Stationen.

Man meint immer, U-Bahnfahren wäre trostlos, weil man nichts sieht. Im Gegenteil: Die Ohren bekommen dort unten, unter der Erde, einiges zu sehen.

"Verrückt bleiben, bitte!"

13:49 05.08.2010
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Geschrieben von

Augen auf(!) Berlin

"Berlin is keen Sanatorium!"
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