Zurückbleiben, bitte!

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Ein Donnerstag im Dezember. Eine S-Bahn ruht mittags am Gleis, alle Türen stehen offen. Man hört keine Signaltöne schließender Türen, keine knarzenden Lautsprecher. Hier und dort schaut jemand aus der Tür. Nichts bewegt sich. Der Bahnsteig ist voller Menschen. Stell dir vor, es ist der S-Bahnhof Friedrichstraße und keiner kommt weg. In schweigsamer Ratlosigkeit vereint stehen hunderte Menschen auf dem Bahnsteig und die Stadt auf ihren Trassen still. Totalausfall bei der Berliner S-Bahn.

Unter den Gestrandeten am Bahnhof Friedrichstraße ist auch die Verkäuferin einer Obdachlosenzeitung. Sie geht von Waggon zu Waggon und bietet ihre Zeitung an. Das demonstrative Wegschauen der Nichtkäufer muss sie heute nicht bis zur nächsten Haltestelle ertragen. „Bumerang“, brüllt sie plötzlich, als sie aus dem zweiten Waggon kommt. Sie sucht ihren Hund, aber es klingt wie ein politisches Statement in Richtung Bahn.

"Wir haben versucht, uns weiter in der Vorbereitung zu verbessern, um durch den Winter zu kommen", sagte Bahn-Sprecher Burkhard Ahlert gestern in einer Berliner Boulevardzeitung. „Sehr geehrte Fahrgäste, das gesamte Berliner S-Bahn-Netz ist von einem Totalausfall betroffen. Es gibt keine Informationen, wie lange es dauert, bis die Störung behoben ist“, schallt es heute aus den Lautsprechern auf dem Bahnhof Friedrichstraße. Ein Raunen schwappt über den Bahnsteig, der Zug leert sich. Trotz Ausfall wird kaum einer ausfällig. Die S-Bahn hat die Nerven der Kunden schon im vergangenen Winter anscheinend derart strapaziert, dass sie, einem Muskel gleich, in diesem Winter mehr aushalten dürften. Wahrscheinlich ist der Totalausfall sogar ein solcher Vorbereitungsversuch, um durch den Winter zu kommen: Man treibe den Kunden in diesem Jahr frühestmöglich die Flausen aus, dass sie sich auf die S-Bahn verlassen können.

Viele Fahrgäste – diese Bezeichnung gerät in einem Satz mit „S-Bahn“ und „Winter“ langsam zum Anachronismus - verweilen auf dem Bahnsteig, in der vagen Hoffnung, es könnte gleich weitergehen. Andere mit einem Plan B ziehen sich geordnet über die Rolltreppe nach unten zurück. In anderer Richtung stürzen nach wie vor ahnungslose Passagiere die Rolltreppe hoch, um die Bahn noch zu erwischen. Zwei gut gelaunte, ältere Damen amüsieren sich: „Wat macht der denn die Türe nich zu, sach ma, damit da keener mehr einsteigt?“. Aber wie denn, ohne Strom?

Mittlerweile erreichen die ersten Medienvertreter den S-Bahnhof Friedrichstraße. Ein Lokalreporter protokolliert mit Notizblock, sprich Smartphone, die Meinungen aus dem Volk. EB-Teams setzen ihre Kameras auf Stative und produzieren Standbilder, indem sie filmen, wie nichts passiert. Ein anderer Pressefotograf knipst ausländische Touristen beim sinnlosen Fahrscheinkauf und lässt sie unwissend zurück. Was unter anderem die Frage aufwirft, ob das Erschleichen von Leistungen nicht auch zur Anzeige gebracht werden kann, wenn man dafür zahlt, dass nichts fährt.

Nach wie vor rennen Menschen nach der stillen Bahn, die nicht fahren wird, springen außer Atem in den leeren Zug und verstehen nicht, worauf der Zugführer wartet, jetzt, wo sie drin sind. Abfahrt, bitte! Nichts da, Zurückbleiben! Wenigstens lässt das Wetter Gnade mit jenen walten, die nun laufen müssen. Es hat aufgehört zu regnen, die Sonne scheint durch die gelben Glasdächer des S-Bahnhofs Friedrichstraße.

Was macht das mit der Stadt, wenn die S-Bahn stillsteht, der Kreislauf ins Stocken gerät? Wieviele Flüge werden hier wohl verpasst, wieviele Termine nicht wahrgenommen, wieviele Vorstellungsgespräche platzen? Wieviele große Lieben bekommen keine Chance, weil man beim ersten Date zu spät kommt? Kurz: Wieviele Schicksale hängen an der S-Bahn, wenn sie nicht fährt? Ein Fernsehteam führt ein Interview mit einem Bauarbeiter. Er sagt: „Wenn ick Pech habe, bin ick jetzt meene Arbeit los.“ Und wieviele arme S-Bahn-Mitarbeiter fragen sich wohl, warum sie den Mist immer ausbaden müssen? Eine Frau muss nach Charlottenburg. „Aber dit is doch keen Problem“, beruhigt ein S-Bahn- Mitarbeiter und fährt in Rain Man-Manier fort, „ fahrn se mitte U6 bis Stadtmitte, da inne U2 bis Bismarckstraße und dann noch eene Station mitte U7, da fängt die Wilmersdorfer doch schon an!“ Mit Engelsgeduld erteilen die Mitarbeiter vor den U-Bahnplänen nützliche Auskünfte. Aber fünfzehn Minuten und geschätzte 50 Auskünfte später hat auch deren Nervenkostüm verständlicherweise Federn gelassen.

Plötzlich knarzt es wieder aus dem Lautsprecher. Der Ansager öffnet das Mikro, atmet schwer und wiederholt, was die meisten jetzt schon wissen. „Sehr geehrte Fahrgäste, das gesamte Berliner S-Bahn-Netz ist von einem Totalausfall betroffen.“ Er macht eine Pause und schlägt dann einen anderen, weniger offiziellen, mehr persönlichen Ton an, um seiner Ratlosigkeit Ausdruck zu verleihen. „Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis die Bahnen wieder fahren. Ich empfehle Ihnen dringend auf alternative Verkehrsmittel umzusteigen.“ Es klingt, als spräche er nicht mehr im Namen der S-Bahn. Es klingt so, als meine er das grundsätzlich. Und man könnte sich vorstellen, dass er jeden Moment aus seinem Glashäuschen kommt, auf die Gleise springt, S-Bahn-Jacke und Mütze von sich wirft und in der Wintersonne zu Fuß und erhobenen Hauptes zwischen den glänzenden Gleisen in Richtung Hackeschen Markt verschwindet. Verstehen könnte man das.

(Foto Startseite: John MacDougall/AFP/Getty Images)

16:55 15.12.2011
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Geschrieben von

Augen auf(!) Berlin

"Berlin is keen Sanatorium!"
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