2013, unser gefühltes 1913

Neue Genderkriege? Was könnte im Jahr 2013 ansatzweise besser werden, in der besten aller möglichen Geschlechterwelten? Der Rückblick auf 2012, ein bisschen Geschichte, Ausblicke.
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2013, unser gefühltes 1913

"Love me Gender, / Love me sweet, / Never let me go. / You have made my life complete, /And I love you so.(Reichlich verwitterte Inschrift auf der Gruft des Hohepriesters El Vis zu Memphis)"

"Das ist ein funkisches Commercial der Eigentlichkeit. (Adorno, Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie)"

Ich hoffe für 2013, weil ich so viel von 1913 weiß. 2013 soll mir daher ein Jahr des Unisex werden, bevor noch der Gender-Krieg ausbricht. Ruhig dürfen auch, das Jahr, die Kommentare und alle fleißigen Meinungen kalauernd und schon wieder karnevalistisch daher kommen, aber bitte ohne dieses Gender! - Allein, mein Wunsch bleibt, wie jedes Jahr, ein gut aussehender, männlicher Irrtum, eine Schwäche des Geschlechts.

Warum? Ziemlich einfach: Im abgelaufenen, ausgelaufenen und abgerissenen Kalenderjahr 2012 erwiesen sich erstmals in der Geschichte der Gattung, Mann und Frau als gleichermaßen dämlich. - Bisher galt als stilles Vereinigungsgeheimnis, dass der Feminist immer noch ein bisschen klüger auf der Erde ist, als es die Maskulinistin je sein könnte. - Wahrhaftig verhält sich aber in etwa so, wie mit Treckerfahrern und Traktoristen.

Nun endlich, gehen die auseinandergefallenen Hälften, die so eilfertig zeitgeistige Wortekriege führen, als sei das Jahr 68 und ff, sowie ein bisschen quo ante, völlig folgenlos in der Zeitgeschichte untergetaucht, zu den gleichen Schönheitschirurginnen. Endlich, endlich fahren alle gleich schnell und schneller, wenn keiner hinschaut. Endlich verspießern Männer über Frauenzeitungen und Frauen üben sich beim Web-Tratsch als Tabakskollegiatinnen. Stolz berichten sich die so separierten WortführerInnen in ihren Jakobinerklubs und schimpfen dann am liebsten aufeinander. Manche jammern gar invers, was sich dann reichlich sirenenmäßig anhört, „aUa, aUa, “, sie seien bei der diesjährigen Abschiedsklage zu kurz gekommen.

Diesen ständigen offiziellen und inoffiziellen Gender-Kongressen und Workshops fehlen allzu häufig einfach die vorzeigbaren Werkstücke und es fließt nur noch wenig Hirnschweiß. Nicht einmal getanzt wird noch. Das kommt davon, dass sich nur jene grüßen, die sowieso schon alles zu wissen glauben.

Mann und Frau waren 2012 geradezu verheiratet mit dieser eigenartigen Form der Diskursivität. Ein Tipp für Zukünftige: Schaltet die Straßen- und Telefonbefragungen 2013 einfach ab! Verlernt, die daraus geplotteten Balkendiagramme zu lesen! Auf Meinungen kommt es realweltlich gar nicht an, auch wenn die derzeit inflationär im Schwange sind und nie leichter einem imaginären Publikum vorgestellt werden können. Erklärt eurem Nachbarn, man könne zusammen auch ein Bierchen trinken, ein Törtchen essen oder Tee durch Bio-Würfelzucker saugen, aber um Himmels willen, redet nicht mehr über Genderfragen. - Wenigstens so nicht!

Es wird also hohe Zeit, die passenden Konsequenzen aus allen Beobachtungen zu ziehen und der klugen Adorno-Preisträgerin des verabschiedeten Jahres zu folgen. Die beharrte, gegen alle Widerstände, zum Zwecke einer wirklichen Aufklärung, zum Zwecke des Fortschritts der seine Richtung wieder kennt, auf ein radikales „Undoing gender“ in den wirklich lebenswichtigen Fragen des Planeten. Während nämlich der reale und spektakuläre Einzelfall sehr viel von Selbstverstümmelung mit sich führte und daher, als ein Lebensschicksal, durchaus Warnungen an uns aussendete, wird das verbreitete Denken in Gendergegensätzen, gerade weil es viel wirkmächtiger tut, zunehmenden zu einem vorbelastenden und wenig reflektierten Jargon.

Ja, man sollte „Gender“ zum eigentlichen Unwort des abgelaufenen Jahres ernennen, das nichts erklärt, obwohl mit ihm und an ihm viel herumpalavert wird.

Ja, man sollte ohne Scham und mit viel Charme, Mann und Frau sagen, statt beständig Mann oder Frau zu denken. In diesem „oder“ steckt, vom fehlenden Babyschrei, bis zum unausgesprochenen Hass gegen die eigene und die rückspiegelnde, fremde Natur, so ziemlich alles was vergiftet ist.

Trotzdem wollen erstaunlich viele Leute, auf den Sofas, an den Fernbedienungen und vor den Web-Tastaturen, genau damit alt werden. - Wie schade! - Auch wenn das, wie das Rauchen, von manchem Alten und mancher Alten überlebt wird und Jüngere, nur weil die Zeit noch nicht den Horizont sieht, daran dann fest glauben, entsteht keine neue Welt, kein neues Leben, keine Sinfonie, nicht ein Fitzel Poesie und auch kein Krümmelchen an Wissen. - Wir wussten das einmal instinktiv, es ist schließlich Teil unserer Natur.

Mit der bisherigen Vorgehensweise im Meer der Meinungen und Ansichten um Geschlechterfragen, geht es aber bestimmt bergab, sowohl in der realen Bioproduktion, wie in der Welt der Sachen, im Umgang mit diesen, und mit jenen vielen Kasterlschildern voller Bedeutung, die ihnen im Reich des Geistes aufgeklebt wurden. Namen verdienen Respekt und nicht das allgemeine Mobbing und Bashing, das letztlich nur eine große Krise der Ersatzindividualität offen legt, den kleinen Ideologiekritiker von Gnaden, als gemeine Spezies. Sapiens sapiens ist was anderes.

Bei den nicht lebenswichtigen Sachen machen uns Unterschiede hübsch, angenehm, anziehend, regelrecht magnetisch. Seien es die rechten Kurven, sei es die Stimme, sei es das schöne Haar, sei es die charaktervolle Nase und jeder nur denkbare, modische Buckel. Sei es auch nur die Art und Weise, den Teller immer noch mit Messer und Gabel und nicht mit den Fingern zu leeren, wohltemperierten Wein aus Gläsern, nicht direkt aus der Pak-Tüte zu trinken und das Glas am Stiel, nicht am Kelch, zu greifen. - Sei es doch, was es und wie es wolle, Hauptsache ohne Currywurst- Weltbürgertum, ohne Piercing und Bauchnabelschau, ohne all´ die beständigen Präsentationen schlecht und nicht artgerecht gehaltener, privater Goldfisch- und Koi-Zuchten im Web, immer in der Hoffnung, dafür gäbe es einen zählenden Erkenntnispreis. - Das lenkt alles nur ab, von der ingrimmigen Langeweile, die selbst solchen, eher wenig gemütsbewegten und täglich gefütterten Schwimmtieren geradezu ins Gesicht gestanzt steht, welcher Spezies sie auch immer angehören.

2012, das Jahr der Mädchen?

2012 war ein Tiefpunkt für Mädchen und Mannschaften, aber ebenso für Burschenschaften, die nicht einmal männliche Schlitzaugen, seien sie auch wachsam, und dächten sie noch so tief deutschnational, bei sich akzeptieren wollen. Die Mädchen verkrachten sich und Frauen rauften sich die Haare, wenn sie noch welche hatten. Die Mannschaften verspielten sich zumeist und ganz wider eigenes Erwarten, und die Männer hatten, so hörte ich, ein schlechtes Jahr und sind nun ebenfalls gespalten. Jetzt kann alles besser werden.

2012 war ein persönliches Festjahr für das Mädchen

Ganz ohne Frage, -ihm drängten sich zwar keine triftigen auf-, saß es, nach kargem Kommuniqué, in der großen Presserunde: „Noch Fragen, bitte?“ Es kamen wenige echte und ein paar rhetorische. So saß es standhaft, einsam und erhöht, recht leer umher, mit genau drei Knöpfen am Jacket. Die Hände musste es auch nicht aufhalten, sondern, sie nur wie ein magisches Chakra vor der DOB zusammenlegen. Die Goldtaler der Macht fielen fast unfreiwillig, am rechten Ort, zur rechten Zeit. Darauf kommt es an, auch wenn das Faktum vorwiegend an den folgsamen Buben von der Unopposition lag. Niemals wird dieses Mädchen noch einmal Schwefelhölzchen verkaufen müssen.

Für die drei konkurrierenden Buben in den rosaroten Hosen und den rosanen Wämsern, wird es hingegen schwer, 2013 das Jahr 2012 vergessen zu machen. - In Wahrheit und aus Scham, weil sie viel lieber erfolgreich, statt sozialdemokratisch, aussehen wollen, tragen sie meist nur Krawatten von dieser arg verblichenen Farbe, aus der alten Qualm-Helmut-Brioni-Gerhard-Zeit.

Der Peer unter ihnen, klingt derweil eher wie ein toxisches Versprechen der beiden anderen zartrosa Zocker und jenes delphischen Rauchkringels aus Hummelburg. Er wirkt mindestens so unheimlich, wie die Papiere dieses Namens. Was aber, bleibt von diesem schachspielenden Steinchen hängen, trifft es nicht einmal zum Jahreswechsel den rechten Ton oder wenigstens einen passenden Inhalt und spielt stattdessen schon wieder lieber Schach auf den falschen Feldern? Solche Spieler annulieren ihre Partie, bevor sie begonnen hat!

Warum sollten Wähler, vor die Wahl zweier großer Leeren gestellt, nicht bei der hergebrachten Ödnis bleiben? Das verschafft zwar keine innere Ruhe, aber doch ein gutes Gefühl, denn diese große Wüste Rub al-Chali kennen Mann und Frau. - Zumindest mehrheitswählerisch kann man also dieses Mal, wie schon die letzten Male, gar nicht richtig verlieren. Selbst wenn wir nicht wählen, wählen wir alternativlos. Das ist das neue Wahlgesetz. Man ist halt immer bei den Siegern, in Deutschland, zumindest in der Urne.

Der soziale Friede von Schnitzelberlin und Leberkäshausen

"Einzig noch einen Unterschied von Versiertheit und Einkommensgruppe macht es aus, ob man geborgen oder erst einmal ungeborgen auftritt; auch den Ungeborgenen kann nichts passieren, sobald sie in den Chor einstimmen (Adorno, Jargon der Eigentlichkeit)."

2013 wird das Jahr der geistigen Wiederkunft des Friedens von Hubertusburg, in seiner bürgerlichen Version. Weil alle erschöpft sind nach so vielen Krisenjahren, und trotzdem die Weihnachtskekse nach der Gans auch im abgelaufenen Jahr, entgegen aller öffentlichen Bekundungen, man fühle die Enge im Halse, man spüre förmlich das Ende der Mittelschichten, einen neuen, feisten Ring ansetzten, schmerzt zwar das Bauchgefühl ein wenig, es gehe allzu viel schief in Deutschland, aber die vorgelagerten Stollen, ein paar Bethmännchen, Bittermandelzuckerl und ausreichend Digestif, helfen über so manche Seelennot hinweg.

Deutschlands Bürger entwickeln sich zu Mehlsäcken des Geistes und der Materie. Man schlage gut drauf, es kommt dabei immer noch was heraus. Ob fürs Elbphilharmonien der First-class Geschäftskunden aus aller Welt, ob für Flughäfen im Streusand für Tout le monde, ob für Rennstrecken um Eifelburgruinen zu Bernies Shareholding Value oder für die schwäbischen Eisenbahnfestspiele jener diffus unbestimmt bleibenden, aber sicher zahlungskräftigen Anlegergemeinschaft mit eintausend Töchtern, die am Ende, fahren erst einmal die Busse, vom Steuerbürger gerettet werden muss. Es herrscht kein Mangel an nachträglich bewilligten, öffentlichen Geldern und auch nicht an zustimmungswilligen Bürgern.

Ein Teil der größenwahnsinnigen und verkorksten Unternehmungen soll uns gar gehören, auch wenn nicht einmal der Einblick in die Geschäftsbücher demokratisch geregelt ist und parlamentarische Prüfer regelmäßig den Zugang einklagen müssen. Selbst wenn wir die Eintritts- und Fahrpreise nicht mehr bezahlen können und kaum einer nachvollzieht, über wie viele Haushaltsjahre die Mehrkosten öffentlich abgerechnet und an anderer Stelle eingespart werden, interessiert uns solcher Kram weniger, als jeder Vogelschiss am Fahrzeuglack unseres Lieblingsbabys.

Ausgerechnet hier herrscht auf einmal kein belangloser Streit der Landsmannschaften, ausgrechnet hier beißen alle ins gleiche trockene Brot, obwohl doch sonst, als hätte sich ein xenophobes Virus eingeschlichen, die Schribbenköstler, Weckvertilger, Semmelnbestreicher und Knüppelkauer, kaum ein gutes Haar aneinander lassen.

Was stört es hingegen, wenn bei einer erklecklichen Zahl der Bürger, Tische und Stühle vom Amt oder von gütigen Sozialinitiativen bezahlt werden müssen oder die Einrichtung auf Raten längst schon verpfändet ist, wenn der Strom regelmäßiger abgestellt wird und die Winterheizung, ganz nach Sarrazin, wieder eine Frage des Durchhaltewillens im Stickpullover wird? Was interessieren Suppenküchen und ein Siebtel Arme im sonst doch reichen Land, für das, vor allem dem Süden und tiefen Südwesten, glorreiche Zeiten von einer Zeitung vorhergesagt werden, die kaum je irren kann?

Die Plünderer mit klangvollen Namen, es gibt heute mehr als genug vom Stamme des Quintus Icilius*, erwerben sich selbst aus Schrott noch ein Hofgut Wassersuppe. Diesesmal südlich der Donau, denn diese Leute glauben zu wissen was kommt.

Amerika lebt doch seit der Unabhängigkeitserklärung mit diesem Zustand und mit dieser Haltung, und ist noch immer die Stadtlandschaft auf dem Sehnsuchtshügel, der Zielwunsch vieler Wanderer, von Gott, so wird mehrheitlich dort noch geglaubt, als iridisches Propädeutikum auf die kommende Welt erdacht, weil er, ganz erschöpft und ohne innere Ruhe, sich am Ende besonders Auserwählte schuf. - Sein linkes Auge und seine rechte Schlaghand auf Erden wurden die Tapferen und Vogelfreien, global dazu auch fähig.

Amerika hat es selbst im Leiden besser

2012 war das Jahr des schwarzen Mannes und der schwarzen Frau im weißen Haus, die nun wissen sie können nicht viel ausrichten, aber trotzdem den Unterschied ausmachen. Das lässt ein wenig hoffen. Der Sklave im Amt, man merkt es ihm an, will mehr und könnte mehr, auch für die weißen Schlüsselverwalter jener heute weniger gut sichtbaren, weil besser getarnten Kettenschlösser, für die Frauen, für den Frieden und die allgemeine Zukunftszuversicht. Es bewegte sich zum Guten, hieße es Friede den Hütten und Krieg den Palästen. Aber wehe, es wird je so ausgesprochen. Dann denkt eine Mehrheit aus den besseren weißen Häuschen im großen, weiten Land an seine persönliche Steuerhinterziehung auf den Cayman Islands, sein vorteilhaftes Geschäftchen mit Derivaten, und sieht vor dem bestgesicherten Zaun seines Vermögens überall schwarze und mexikanische Kommunisten der US-Treasury-Behörde lauern.

So fest geschmiedet sind die Ketten, die Schlüssel müssten schon entwendet werden, sonst geht da nicht mehr viel. Einige Sklaventreiber glauben fest, sie seien die erwählte Ausgeburt der Freiheit. Aber wie fidel klingt das Rasseln der Freitheitsketten, wenn diese zum einzig käuflichen Spielzeug auf dem Markt werden? - Die Erde ward wüst und leer und wird auch wieder so, inmitten aller bunter China-Toys unter den Weihnachtsbäumen. Selbst das Coco-Parfüm steht unter Echtheitsvorbehalt, nicht nur in der Werbung, die aus Fünfzigern falsche Dreißiger macht. Dafür wird ein echter Schweiger Tatortreiniger. - Letzteres dürfte mehr einfache Menschen beschäftigen.

Wir wollen nicht ohne Möpse sein. Aber Suhrkamp, was ist das?

2012 war nicht das Jahr jener großen Verlegerin wider eigenen und dafür zu des verstorbenen Mannes Willen. Es war nicht das Jahr jener weniger erfolgreichen, dafür aber kräftig unterschätzten Schriftstellerin. Seltsame Umkehr der Emanzipation: Ein Mann fürchtete um sein Erbe und die Zukunft seines Hauses. Er erzwingt von seiner höllisch schönen und superklugen Frau eine Geschäftstätigkeit die sie gar nicht anstrebte. - Wäre nicht allein das Material für einen Schlüsselroman?

Ulla Berkéwicz hat zwar die Unterstützung des meisten Geistes. Solche Freunde zählen jedoch nur noch bedingt, im Lande der geistigen Eigentümer mit den charakterlich eingebauten Gewinnmaximierungs- und Optimierungsfantasien. Zum Bergrün, Highstreet, Benko und Barlach nocheinmal, Suhrkamp soll tatsächlich wie Karstadt sein?

Vom Sex her gedacht, ist Liebe naiv

2012 wird in Erinnerung bleiben, als das Jahr, in dem sich erneut, eine längst überwunden geglaubte Scheineinheit des Eros und der Agape im Wort Sex so ausgespielt fand, dass irgendwie die Inhalte der restlichen Buchstaben verloren gingen. Spielzeugliebe ersetzt aber nicht das echte und süchtig Gesuchte, jenen widerständigen und erneuernden Trotz der Liebe, gegen alle Sachzwänge, Dogmen und Absolutismen.

Kommunismus 2013, das revolutionäre Feuer zur nächsten passenden Zeit, muss heute gesucht werden, wie jene Oklo-Naturreaktoren in Gabun. Das Wort heißt in seiner ureigensten Bedeutung nämlich gemeinsames Wollen und ist angeboren. Es ist viel leibnäher als jene Hobbeschen Anteile in der modernen Menschennatur, damit auch besser und tiefer begründet, als das politologische Standardtheorem. Aber alles was so tief gründet und so viel Entdeckerzeit beansprucht, weil es gattungsmäßig verankert ist, überfordert so manche Ungeduldige.

Nur Idioten glauben, die Menschheit hätte es auf sieben, neun, vielleicht bald zwölf Milliarden Seelen bringen können, wenn es die ganze historische und prähistorische Zeit wesentlich um Auslese, Selektion, Kampf, Geschlechterkrampf und Gewinn gegangen wäre, zu dem heute nur ein monströses Idealbild von Staat noch passte, der einzig die Spielregeln liefert, damit die mörderische Konkurrenz nach Spielanleitung abläuft und sich die Marktteilnehmer, also wir, sich nicht allzu ungeordnet gegenseitig die Gurgeln durchbeißen. Was für die Natur des Wolfes schon falsch interpretiert war, wird als Unterstellung für die Menschennatur nicht einen Deut wahrhaftiger, dafür aber gefährlich, als Anschein einer Ideologiefreiheit der so Auserwählten. Das hatten wir zuletzt im 16. Jahrhundert. Es nannte sich Reformation und wird, horribile dictu, seit geraumer Zeit für 2017, als wiederkehrendes Jubelfest vorbereitet.

2012 war auch das Jahr, in dem so genannte Publizisten, Blogger und sonstige, die die Klappe nicht mal für einen Tag halten können, all´ die alten, übrig gebliebenen Polemik-Knallfrösche und geistigen Fehlzündungen des 20. Jahrhunderts, die sich allmählich und über die Jahre in ihren hintersten Kellerregalen ablagerten, noch vor Jahresende verballerten. Deutschland hat nun wieder ausreichend viele Antisemiten, Antiisraeliten, Antizionisten, Antifeministen und dazu noch ein paar böse Kommunisten, die es auf ewig zu entlarven gilt, damit die Mauern ewig stehen bleiben, -selbst wenn wir sie nicht sehen wollen-, auf die man solche Dummheiten schreiben kann.

Ein besseres Jahr 2013

Christoph Leusch

*Quintus Icilius: Das ist Karl Theophil Guichard, war ein preußischer Offizier und Befehlshaber eines Freibattalions im Siebenjährigen Krieg, der das sächsische Schloß Hubertusburg auf Geheiß Friedrichs II plündern ließ, nachdem General Johann Friedrich Adolf von der Marwitz den unehrenhaften Befehl verweigert hatte. Guichard erhielt zum Dank das Schloß als Eigentum und verspielte es später an Von der Marwitz.

Postskriptum:

Zum neuen Jahr vergebe ich, Urbi et orbi, die schlimmsten Sünden und segne pauschal gleich alle: Männliche, Weibliche, Zwitter und Geschlechtslose, arme Redakteure und Redaxen, jede treue Autorenseele, usw. Die Absolution ist auch ohne Pfaffensegen gültig. - Man traut sich ja fast nicht mehr, diesen Schmu einfach weg zu lassen, sonst ist man gleich irgendwie ein Anti- und wird nicht etwa mit Frau Butlers Gedanken in eine gewisse Nähe zu dem schönen Wiesengrund gebracht, sondern schamlos und frech zu irgend einem bösen Amoralisten und Gedankenverbrecher erklärt.

Die Unverdrießlichen, die kernigen, ewig Eigentlichen unter uns, die solches Übel leider täglich stiften, sie sind längst schon weiter und schreiben auch viel schneller als je in der Geschichte. Fehlende professionelle Filterfunktionen rächen sich und die Chance zu viel Bla, bla, bla gilt leider vielen schon als Beweis für große Freiheit und viel Demokratie, was ich nun wirklich so wenig leiden mag, wie Fertiggerichte aus der Dose.

Die Eigentlichen haben lange schon einen Gestaltwandel durchgemacht und nennen sich nun Polemiker oder Kritiker. - Was solls? Ich kann es nicht ändern und brauche mir nur ein wenig Turmtäubchen und Franzenbrot zur Strafe antun. Das ist genug Kasteiung.

Zu dem Berufspolemiker Deutschlands, dem letzten, öffentlich noch bekannten Vertreter dieser Gattung im Lande, -In den USA bevölkern solche urtümlichen Wesen, zumeist sind es rechte Idioten, Fernsehnetze und Rundfunkanstalten. -, fällt mir schlichtweg nichts mehr ein.

18:22 06.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig. Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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