Alles Anti. Dann gewinnen die Polemiker

Schildchenkleben Die Zeremonienmeister der Gesprächskultur anempfehlen den Eklat, statt die Empörung gegen das Unrecht. Das färbt populär ein und ab.
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Alles Anti, dann gewinnen die Polemiker


I Ach wie gut, dass niemand weiß

https://www.freitag.de/autoren/ed2murrow/broder-augstein-grote-die-unterscheider

Ich würde mich sehr wundern, wenn Jakob Augstein tatsächlich Henryk M. Broder toll fände (Eher glaube ich, J. A. meinte Tollheit). Umgekehrt möchte H.M.B. ausgerechnet die guten Manieren des "Salon-Antisemiten" J. A. besondes schätzen gelernt haben. - Das also sind die Foppereien und Spielchen vor einer Öffentlichkeit, die genau dieses Spiel so sehr liebt und daraufhin gleich mitmacht.

Auf die Dauer und mit Wiederholung, ist das ein sehr gefährlicher Zeilensport, der da so leichtfertig anempfohlen wird, weil er tatsächlich immer mehr Leute zu Nachahmertaten anregt. Die Nachahmung kennt bekanntlich keine Grenzen und ist leider weder mimetisch, noch kathatisch. Sie muss auf Dauer zur Steigerung greifen, denn zu viele Stimmen gehören übertönt.

Dieses Publikum (hier in der dFC, aber auch sonst) weiß zwar längst, dass auch der mediale Alpha-Adel im gegenseitigen vergifteten Titulieren und im Lob mit angefügter, ziserlierter Beleidigung nur allzu menschlich auftritt. Aber, wenn die dazu schon mutwillig in der Lage sind, genau so zu reden und zu schreiben, dann kann ich das doch schon lange!


II Mitagieren im Vorhaut-Streit

Höchst unglücklich fand ich die Parallelaktion Georg von Grotes. Mitagieren nennt sich das, schaute man mit der psychologischen Brille drauf.

Vorweg: Georg von Grote ist niemals ein Antisemit, war es nie und wird es nie sein, auch nicht mit der Ergänzung "Salon" oder auch nur als Anlass für Beobachtung. Schon einen Anschein davon in die Welt zu setzen, ist eher unfair und auch ein wenig böse.

Aber nach dem Motto Aug´um Aug´, Zahn um Zahn, antwortete er auf offensichtliche Plattheiten und Schnellschüsse Kramers, Nachamas und Graumanns, mit ebensolchen Plattheiten. Kramer, Nachama und Graumann handelten jedoch mit einfühlbaren Motiven. Sie wissen sich ganz persönlich in ihrem Glauben bedroht und vertreten ihre Gemeinschaft. Ob sie das geschickt, klug oder sachgerecht machen, ist eine ganz andere Frage. - Wo aber, zeigt sich das persönliche Motiv Georg von Grotes, nun ebenso altestamentarische Antworten zu tippen?

Da fehlte am Ende nur noch einer, der sich noch besser im Verfassen solcher Sottisen auskennt, der daraus sein Geschäftsmodell entwickelte und heute diesen Markenkern als Achsmacht des Guten hegt und pflegt. Schriebe er für den dF als Kolumnist, als Wochenbeobachter, die Auflage stiege, die Eklats ließen sich bei einem Kaffee und einem Schokoeclair schon vorher sagen, und der Freitag hätte neben einem Verleger, der seine journalistischen Kunststückchen meist beim Spiegel abliefert, eine publizistische Aufschlagmaschine.

Ich bin mir nicht sicher, ob das viele dFCler bedauern würden, aber hoffe doch, es gibt genügend verantwortliche Redakteure, die diesen Versuchungen widerstehen können.

III Juristen und ihr Damoklesschwert

Das Kölner Urteil löste die Lawine aus und ein paar alte, lose umher liegende Gerölle, aufgestauter und angestaubter Vorurteile kamen gleich mit zu Tal.

Das Urteil wirkt so unselig, weil seine Begründung Wege aufzeigte, wie Anzeigen und Ermittlungen nach Willkür möglich werden. Das Ermessen hat ab jetzt viel zu viel Raum.

Fürsorglichen und zugewandten jüdischen und muslimischen Eltern, Ärzten ihres Vertrauens, einigen Kliniken und den Beschneidern mit Kompetenz, droht nun die Kriminalisierung. Bei all´ jenen Bürgern des Landes, die als Juden und Muslime einen Ritus beachten, der zu ihrer religiösen Identität einfach dazu gehört, musste dieses Urteil Furcht und Beengungsgefühle auslösen.

Die "blanken Nerven" der derzeit zuständigen Sprecher der jüdischen Gemeinden und des Zenralrates wurden von Herrn v. Grote nicht nur prompt in seinen Blogs ausgestellt, sondern ihnen gleich einmal Kompetenz und Berechtigung ganz allgemein und persönlich abgesprochen, weil sie das umgekehrt, z.B. für den Kölner Landrichter und seine Schöffen, auch taten. Es flog noch Oberrabbiner Yona Metzger aus Israel ein, -durchaus nicht zum ungeteilten Vergnügen der hier lebenden Juden-, und gleich bot sich, weil der nun ganz besonders orthodox ist, noch mehr Gelegenheit die eigenen blanken Nerven auszustellen.


IV Entschiedenheit statt Abwägung, macht das Leben schwer

Man könne nicht schnell ein Gesetz machen, so G.v.G. -
Tatsächlich muss das Parlament gerade jetzt ganz schnell eines hinbekommen, weil sonst der unerträgliche Ist-Zustand der anhaltenden Drohung bestehen bleibt. Jederzeit kann momentan ein Bürger anzeigen und kann daraufhin ein Staatsanwalt auf Straftäterjagd unter jüdischen und muslimischen Mitbürgern gehen, weil diese ihre Religion traditionell leben.

Das kommende Gesetz kann unmöglich die rituelle Beschneidung grundsätzlich verbieten, das weiß jeder. Jeder kennt auch die de facto-Konsequenzen, die ein solches Gesetz nach sich zöge.

Diskutiert wird aber anders. So, als ginge es genau darum, grundsätzlich und eindeutig zu entscheiden.

Unser Grundgesetz, bzw. das europäische höchste Recht, kennen weder eine solche Entschiedenheit, noch beflügelte das GG juristische oder gesellschaftliche Kompromisslosigkeiten. Es fordert konsequent zur Abwägung auf. Das ist bisher die erfolgreichste Strategie, auf die sich Deutsche je einlassen konnten und sie hat was Weltläufiges.

V Richter, nicht Verfassungsrichter

Warum soll ein in dieser Sache unvorsichtig argumentierender Andreas Nachama ("Dieses Urteil ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar und – bei aller Unabhängigkeit, die einem Richter grundsätzlich zusteht – dieser Richter sollte seines Amtes enthoben werden"/Interview AchGut) deswegen als Leiter der Gedenkstätten zur Topographie des Terrors zurücktreten?

Da geht es ersichtlich nicht um die Beschneidung, sondern nur um die Fakten, wer wem die Luft zu Leben ein für alle Mal nehmen wollte und warum. Was und wen soll Andreas Nachama da indoktrinieren? Die grausliche Topographie existiert und diejenigen, die sie aus grundsätzlich verbrecherischem Willen einrichteten sind zwar allermeist schon tot, aber ihr geistiges Erbe leider nicht im genügendem Maße mit abgestorben. Als Jude wird er sich wohl noch aufregen dürfen, wenn es um seine Angelegenheiten geht.

Das Problem Nachamas: Er verkannte in seiner Entrüstung, dass Richter in Deutschland durchaus grundgesetzwidrige oder EU-gesetzwidrige Urteile fällen können, ohne ihre Befähigung für das Amt zu verlieren. Das ist nämlich so normal, wie Parlamentarier mit Mehrheiten und auf Geheiß der Kanzlerin verfassungswidrige Gesetze verabschieden. Das kommt in jedem Land mit einer unabhängigen Judikative, die den Namen auch verdient, genau so vor. Richter können irren, schlechte und ungerechte Urteile fällen und sogar schreckliche Juristen sein. Allein wichtig ist, dass einseitige und schlechte Urteile schnell korrigierbar sind.


VI Gerichtsurteile nötigen

In unserem Fall hat ein Gericht ein Urteil gefällt, das im Einzelfall sogar gut war, aber in den viel weitreichenderen Folgerungen aus seiner Begründung zukünftig alles gefährlich in der Schwebe lässt. Dieser merkwürdige juristische Zustand kann und darf überhaupt nicht andauern. Er entwickelt sich tagtäglich zu einer stillen Nötigung für jeden Muslim und Juden in Deutschland.

Das Kölner Urteil, -es enthielt ja nicht einmal eine materiell wirksame, nachteilige Entscheidung für den Beklagten-, wirkte also durch seine in die Welt gesetzten Andeutungen, wie nun zukünftig in Deutschland gerichtet werden kö


VII Der Sieg der Drastik

Auf eine grobe, sicher auch uninformierte Meinung mit Grobheit zu reagieren, bringt keinen Fortschritt und eben keinen Kompromiss, sondern verschärft nur den Konflikt. G. v. G. verweist selbst auf die Polemiker, mit denen er sich unbedingt streiten möchte. Er klingelte folgerichtig bei dem kongenialen Partner und unbestrittenen Meister jeder rhetorischen Brandstiftung direkt an der Haustüre. So kam, was kommen musste.

Wie blank allerdings die Nerven auch bei G.v.G. liegen, -So recht herausgefunden warum das so ist, außer dass es sehr viel Aufmerksamkeit schafft, habe ich bisher heute nicht.-, zeigen dann Titelwahl und Sprache in seinem Stück zu Judith Butler: Die Fantasie, mit Mossad und Killerkommando, die "Zirkumzision deutscher Souveränität", etc. - Das liest sich doch wie so mancher drastische Schmock auf der Achse der Guten, nur mit inversem Vorzeichen. Israel als 51. Staat der USA, ein bisschen schmuddelig und ungeliebt wegen allzu vieler Eigenmächtigkeiten. Ei, das ist ja fast schon Standard an schlechter und übler Rede.

Warum, so frage ich mich, müssen in all´ diesen Fragen, die rhetorischen Blitzmerker und Schnelltipper, die Polemiker und die medialen Fensterredner so sehr die Regie übernehmen? Warum wird das zugelassen, von uns, den Lesern, von Redakteuren die ihr Medium, auch ein Meinungsmedium mit Netzanschluss, doch gestalten wollen?

Christoph Leusch



20:59 06.09.2012
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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