Auf Sendung: die anderen USA

Medien In Amerika läuft doch nur seichte Massenware? Nein, man kann dort bestens nicht kommerzielles Radio hören. Und überall im Netz
Auf Sendung: die anderen USA
Wie einst die Peel-Sessions: „Tiny Desk“-Konzert der Indie-Folk-Band Typhoon bei NPR Music
Foto: NPR

Wir sind in einen Informationskrieg verwickelt. Tatsächlich sind private Medien, ganz besonders Kulturprogramme, oft kontraproduktiv zu dem, was wir als Amerikaner wirklich sind und was unsere Werte ausmacht.“ Hillary Clinton hielt sich 2011 vor dem Senatskomitee für Außenbeziehungen nicht zurück. Gerade sollten wieder einmal Dollarmillionen für die öffentlich-rechtlichen Sender aus dem US-Haushalt gestrichen werden. Dabei erhält NPR, National Public Radio, das öffentliche Radio der USA, gerade einmal 180 Millionen Dollar jährlich aus der Staatskasse, und das, obwohl jede Woche mindestens 35 Millionen US- Bürger, vor allem junge und gebildete, das Angebot intensiv nutzen.

Andererseits wird in den Vereinigten Staaten wie in kaum einem anderen westlichen Land die Kultur- und Mediennutzung der breiten Bevölkerung von privaten Industrien und deren Angebotsstruktur bestimmt. Die chartfähige und massentaugliche Kultur, das Infotainment, bestimmen die großen Fernseh- und Radio-Networks, Hollywood und die Musikindustrie. Blickt die restliche Welt auf die US-Medienkultur, dann glotzt sie die Serien der Networks, sieht und hört CNN, Fox News oder ABC, sieht, hört, beschreibt und sendet die allfälligen Media-Awards, von den Oscars bis zu den Grammys. Die Medien außerhalb der USA fördern damit den einseitigen Blick; das breite Publikum beschwert sich nicht – das andere Amerika bleibt unbekannt. Schade.

Zur Historie: Die US-Radio- und Fernsehlandschaft wurde erst nachträglich und zögerlich ein bisschen öffentlich-rechtlich. Sonst herrschte, wie traditionell bei der Presse des Landes, das freie Unternehmertum. 1926 gab es, neben 15.000 Amateurfunkern, bereits 536 private Radiostationen. Sie mussten sich die raren Frequenzen mit dem Schiffs- und dem technischen Funk teilen. Es fehlten freie Sendeplätze und eine geeignete Rechtsgrundlage.

Während der Ära Franklin D. Roosevelts, in den 30er Jahren, stellte sich die Systemfrage. Wie können uferlose Unterhaltung, endlos lange Werbung, viel Sport, Kriminalstorys und Gesellschaftsklatsch aus der Massenproduktion der Networks (AT & T, ABC, CBS, Fox – ehemals DuMont–, NBC) durch Bildung, Kultur und Wissen ergänzt werden? Eine breitere, gebildete Mittelschicht stellte nun Forderungen. Die Bürgerrechtsgesellschaft nutzte die neuen, billigen, überall verfügbaren Möglichkeiten, die vor allem das Radio bot. College-Radios und lokale Kleinstsender bildeten den Urkern dessen, was erst seit 1967, mittels Lyndon B. Johnsons Public Broadcasting Act, gewissen Bestandsschutz genießt und heute NPR ausmacht. Seit seiner Entstehung wird das öffentliche Programm von der privaten Medienindustrie und von konservativen Politikern angefeindet. Man hält NPR und Konsorten für homosexuell unterwandert, feministisch, antidiskriminatorisch, intellektuell – was es offenbar besonders hassenswert macht – und für allzu offen gegenüber der Wissenschaft und jeder Art fremder Künste und Kulturtechniken. Eine gute Sache also.

1.300 Stationen

Ronald Reagan startete einen letzten Versuch, dem öffentlichen Rundfunk das Licht auszublasen, und ausgerechnet der Demokrat Bill Clinton unterzeichnete 1996 jenen Telecommunications Act, der die Absicht beinahe vollendet hätte. Das neoliberale Machwerk erlaubte einem einzigen Eigentümer den Besitz mehrerer Medieneinheiten und unterschiedlicher Kommunikationskanäle. Der Telecommunications Act richtete sich klar gegen die kleinen, unabhängigen und öffentlichen Radios und das rechtliche Modell des NPR. NPR, ursprünglich ein erzieherisches und sehr sprachlastiges nationales Programm, entstand unter diesen schlechten Bedingungen. Trotzdem sammelte es, nach und nach, ein lokales Radio nach dem anderen ein. Heute sind von 1300 nichtkommerziellen, öffentlichen und unabhängigen Sendern mehr als 900 über NPR miteinander verbunden.

Ein Flickenteppich innovativer Kleinsender produziert für den nationalen Syndikus Einzelbeiträge und ganze Sendeformate und erhält im Gegenzug eine Programmauswahl der anderen Bündnispartner, die nie und nimmer vor Ort entwickelt, geschweige denn finanziert werden könnten. Wer stimmberechtigtes Mitglied der NPR- Familie werden will, der muss mindestens fünf Vollzeitmitarbeiter beschäftigen und für 18 Stunden am Tag ein Programm anbieten.

NPR sammelt akademische, wirtschaftliche und philanthropische Sponsoren und beteiligt sich selbst an großen und kleinen, alternativen Kulturereignissen. Was 1971 klein begann und 1983 knapp der Pleite entging, ist heute für Politik und Kultur ein wesentlicher Fixpunkt der anderen Vereinigten Staaten. Selbst diejenigen Netzwerke und unabhängigen Sender, die ohne die Hilfe von NPR produzieren, zum Beispiel PRI, Public Radio International, oder das famose Democracy Now! von Pacifica Radio, tauschen mittlerweile ihre Formate mit dem kleinen Riesen, der von Alaska bis New Mexico, von New York bis Mendocino Politik, Wissen und Kultur unter die Leute bringt. Es ist unmöglich, alle Sender und Programme vorzustellen. Zum Einstieg lohnt es sich, weil es leicht zugänglich ist und viel Freude bereitet, das jüngste Kind des Netzwerks, NPR Music, gegründet 2007, zu besichtigen.

Es gibt praktisch keine ideologischen Grenzen für die Moderatoren, Gastgeber und Organisatoren dieses öffentlichen Musiksenders. Einzig auf den Qualitätsanspruch wird dort niemals verzichtet. Dem Glücksfall Internet sei es gedankt. Die ganze Welt kann heute mithören, zusehen und mitlesen. Einfach npr.org/music oder auch nur „NPR music“ in die Suchmaske des eigenen Webzugangs eingeben und stöbern, oder direkt aus den Podcasts auswählen (nprpods.habilis.net/) oder die Partnersenderliste auf NPR abklappern – glauben Sie mir, ich weiß, was ich empfehle! Die anderen USA reichen vom Vergnügen, die großartige, selbstironische Bluegrass-Musikerin und Songwriterin Brandi Carlile in der Wits Game Show kennenzulernen, bis zum höchst seriösen From the Top, einem Klassikprogramm, das sich ganz der musikalischen Nachwuchsförderung verschrieben hat. World Cafe richtet, naturgemäß, den Blick auf die ganze Welt, und All Songs Considered stellt nicht nur die besten Songs und Musiker vor, sondern erklärt auch deren Hintergründe, Motive und Bezüge und hat ein Herz für die nationale Musikgeschichte.

Bob Boilen zum Beispiel

Gerade dagegen wird von kommerziellen Medienleuten immer wieder mit beißendem Spott vorgegangen: „Quatscht nicht so viel, spielt gefälligst die Charts, die hören alle, die sollen und wollen alle kaufen!“ NPR und seine Partner mit den vielen seltsamen Regionalkennzeichen und Eigennamen (KEXP, KEEP, KUSP, KCRW, PQ2-WQXR, opbmusic.org, Moca, 99percentinvisible.org, radiolab.org und so weiter) verweigern sich dieser Forderung aber beharrlich. Das nationale Radio ermutigt, fördert und sendet, vom unabhängigen Festival bis zur gewagten Kunstperformance alles, was sich nicht nach Discount und Industrieware anhört oder so aussieht. KEXP kennen Fans von Independent-Musik vielleicht schon, speziell die Full Performances, kleine Studiokonzerte, die an das Prinzip MTV unplugged oder auch an John Peel erinnern. Man kann dort Entdeckungen machen oder bekannten Acts wie Jon Spencer Blues Explosion über die Schultern schauen.

NPR Music verfügt über charismatische Moderatoren und Programmmacher. Derzeit ist vielleicht Bob Boilen der bekannteste Name aus der Riege der gut ausgebildeten und oft selbst musizierenden Redakteure und Programmverantwortlichen. Boilen ist ein öffentlich-rechtliches Urgewächs und hat die Musiksparte des Senders mit aufgebaut. Besonders seinen Tiny-Desk-Minikonzerten (9 bis 18 Minuten), bei denen hinter und manchmal auch auf seinem Redaktionsschreibtisch in einem sonst unspektakulären Großraumbüro des Hauptsenders live performt wird, merkt man an, wie sehr die Künstler sich geehrt fühlen, eingeladen zu sein. Weil es außer der minimalistischen Studioausstattung wenige Grenzen gibt, spielen dort klassische Musiker wie der Cellist Yo-Yo Ma Crossover, singt der fantastische Männerchor Cantus aus Minnesota a cappella die Werke deutscher und englischer Komponisten oder berührt die britische Soulsängerin Laura Mvula, der aktuelle Exportschlager Birminghams, mit ihren Eigenkompositionen. Hört, hört!

Christoph Leusch bloggt als Columbus auf freitag.de

06:00 07.10.2014
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