Zentralasiens Terror braucht Bin Laden nicht

Terror ohne Chef Bin Laden ist tot. Die Terroristen Zentralasiens kommen ohne ihn aus. Pakistan bleibt eines der Hauptländer dieser Terrorspielart, denn der Staat ist schwach.
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Bin Laden ist tot. - Das Netzwerk des zentralasiatischen, radikalislamischen Terrorismus funktioniert längst ohne ihn.

In Usbekistan finden sich nicht weniger radikale Kräfte, ebenso in Belutschistan und Südwaziristan. Die genannten pakistanischen Provinzen sind von grundsätzlich gewalt- und terrorgeneigten Gruppen der Taliban und der Paschtunen durchsetzt, die Madrassas (Religionsschulen) in den Hauptstädten Islamabad, Quetta, Peschawar, Kohat, gelten als geschützte Orte für Radikale, von denen aus sogar der pakistanische Staat und dessen höchste Repräsentanten angegriffen werden.

Vieles an diesem Netzwerk existiert erst gar nicht als fester Zusammenschluss. Nicht einmal feste Kommunikationsleitungen sind noch wirklich notwendig. Zusammenhänge wurden auf Seiten der Terroristen behauptet, um sich auf das Charisma des prominenten Flüchtlings beziehen zu können, oder, um auf der Gegenseite weltweit den Willen der demokratischen Regierungen, sich schärfere Sicherheits- und Überwachungsgsetze geben zu können, zu legitimieren.

Polizeiaktion, oder wieder ein Schritt im alten "Great Game"?

Trotzdem ist die Aktion gegen Bin Laden ein großer und begrüßenswerter Gewinn für die Glaubwürdigkeit der USA. Die hat unter Präsident Obama das ursprüngliche Ziel, nämlich den politischen Befürworter und Antreiber der Anschläge vom 11. September 2001 und weiterer Terrortaten davor, wie danach, endlich dingfest zu machen, oder ihn auszuschalten, also eine Polizeiaktion zum Abschluss zu bringen, erreicht.

Eine Sache wird im eher unvorsichtigen und gar nicht angebrachten, lauten Jubel untergehen: Offenbar saß Osama bin Laden in Pakistan auf einem Anwesen, das unmöglich ohne die Einwilligung und Zustimmung des pakistanischen Militärs und des pakistanischen Geheimdienstes ISI, ohne das Wissen hoher pakistanischer Behörden, sein Wohnsitz hätte werden können.

Pakistan erweist sich einmal mehr als zerfallener, zumindest schwacher Staat, der über weite Gebiete (sogar per Gesetz!) die Kontrolle an Stämme und Clans abgegeben hat, bzw. Teile des Staates (Militär, Geheimdienste, Grenztruppen) als eigenmächtige Institutionen existieren lässt.

Einflussreiche Leute (Händler), Provinzgouverneure und radikalislamische Politiker sind dort in ein weitreichendes Geldbeschaffungs- und Korruptionswesen eingebunden, das sowohl die Transportwege für Waren aus und nach Zentralasien, als auch die Drogenhandelswege und Waffengeschäfte mit kontrolliert und die Gewinne aus diesen Geschäften abschöpft. Daraus lässt sich der Terrorismus immer finanzieren. Als letzte Sicherheit existiert weiterhin der stehte Strom an privatem Kapital und Stiftungsgeldern aus dem wahhabitischen Saudi-Arabien, dessen Hauptprotektor die USA weiterhin sind.

Die Operation in Abbottabad, ungefähr 100 Kilometer von Islamabad entfernt gelegen, konnte nur ohne Information der pakistanischen Regierung erfolgen, weil dort zu viele Leute nichts Besseres zu tun gehabt hätten, als Bin Laden rechtzeitig zu warnen. - So steht es im eigentlichen Kernland der ganzen Destabilisierung am Hindukusch und Kaschmirgebirge, so sind die Verältnisse in diesem modernen Heart of Darkness, ganz in der Nähe atomarer Sprengköpfe. - Letztere können von den Militärs und Geheimdienstlern dieses Landes weiterhin als Faustpfand ihrer Unabhängigkeit und Unkontrollierbarkeit eingesetzt werden. Denn sie müssen nicht einmal laut damit drohen, ihr Wissen und ihre Möglichkeiten einfach nur über irgend eine weißgetünchte Mauer irgend einer der zahlreichen Luxuseinfriedungen, weiter zu reichen.

Christoph Leusch

13:44 02.05.2011
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig. Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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