Bobbes an Bobbes babbeln

Nicht in Berlin Im Mainzer Weinhaus Bluhm sind sogar Wiesbadener willkommen. Nun macht die Institution wohl dicht

Minister Goethe, nebenberuflich Schriftsteller und eingebetteter Journalist, trank 1793, im Feldlager über Mainz, jeden Tag ’ne Flasche Wein. Vor seinen Augen brannte die kurfürstliche Stadt und fiel in Schutt und Asche. Die Franzosen zogen ab. Die Mainzer Republik, erste Demokratie Deutschlands, gab auf. Mainz litt auch später. Fliegerbomben fielen systematisch. Nicht unbedingt hübsch geflickt, verblassten die Narben des Krieges.

Seit den 1980er Jahren strömen Besucher durch die sanierte Altstadt. Gäste, Zugezogene und Meenzer treffen sich am besten bei einem Schoppen. Weinhäuser, die Bobbes- oder Bobbe-Stibbcher (Hintern- oder Puppenstübchen), eignen sich dafür besonders gut, denn Kontakte zu Wildfremden sind hier geradezu Pflicht. Auf schmalen Holzbänken, an hölzernen Tischen, vor Holzvertäfelungen, unter vielem Krimskrams, sitzen sie Bobbes an Bobbes, eng an eng, im langen rheinhessischen Sommer direkt uff de’ Gass’. Empfindliche Hinterteile schonen heute Sitzkissen. Nahe an Holz und Wein lassen sich Beichten ablegen oder einer Blinzelmaus, ’nem hübschen Mädchen, Blicke zuwerfen.

Gänschenmelancholie

Eine dieser Weinstuben, das Weinhaus Bluhm, genießt unter Meenzern, Neubürgern, Studierten und Geplagten einen legendären Ruf. Weil hier alle zusammenkommen. Verklärte und verlängerte Jugendzeiten leben auf. Die Stimmung lässt auf den ewigen Lebensfrühling hoffen. Früher trank man im Bluhm Mainzer Aktienbier, heute herrscht, mit Recht, der Wein. Selbst einfache Schoppenweine sind heute gut, en digge Kerwes (Kopfschmerzen) bekommt kaum noch jemand.

Silvia und Roland Ladendorf, die die Kneipe seit 2003 als Pächter betreiben, sind ursprünglich gar keine Mainzer, sondern Zugereiste aus Frankfurt. Sie reagierten auf den verbesserten Weinanbau in der Region. Eigentlich sind die Ladendorfs jedoch nur zur Tradition der Goethezeit zurückgekehrt. Das Interieur ihres Weinhauses, nebst Jukebox untergebracht in einem Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert, blieb im Stil der 50er Jahre, als es eröffnet hat, erhalten. Tischplatten, geschätzt fünf Zentimeter dick, ein paar Mainzer Veduten an der Wand, ausgetrunkene Weinschätzchen entlang der Fensterbänke und eine altmodische Theke aus der Bierstubenzeit. „Die Weinhauskultur ist friedlich“, meint Herr Ladendorf, „weil der Wein hier eher selig macht.“ Der angeschickerte Gast sucht nach passenden Worten, Meenzer und Gäste sind im Bluhm miteinander direkt. „Wo kommst du dann her? Aus Meenz bestimmt net. Macht nix. Steh net rum, hogg dich!“ Angepöbelt oder vergrault wird hier niemand. Keiner muss Wein trinken, keiner muss was essen. Meist wird gelacht und selbst bei großer Melancholie höchstens mit dem Summen des Liedchens Heile, heile Gänsje tiefer ins Glas geschaut.

An einem warmen Nachmittag und Abend sitze ich neben einer Saxofonistin und Musikstudentin. Neben ihr ein SWR- Redakteur und eine pensionierte Krankenschwester, die sich mit Anna Seghers und Carl Zuckmayer genauso auskennt wie mit Umberto Eco. Eine kluge Geschäftsfrau aus Düsseldorf, die weiß, was wegfällt, wenn nur noch Bimbes (Geld) in der Stadt zählt, sitzt gegenüber.

Ministerpräsidentin

Wir babbeln über Gott und die Welt. Wer vom Alkohol pausiert, trinkt Klickerwasser (Sprudel) oder eine Schorle, die in Mainz immer mit Wasser und Wein angesetzt wird. „Wir haben hier ständig Gäste aus der ganzen Welt. Finnland, Südafrika, USA … sogar aus Wiesbaden!“, sagt Wirtin Silvia und setzt sich mit an den Tisch. Mainzer und Wiesbadener pflegen, perfekt geschauspielert, ihre gegenseitige Abneigung, weil halb Mainz, rechtsrheinisch gelegen, nach dem Zweiten Weltkrieg zur hessischen Hauptstadt geschlagen wurde. Prominente kommen auch ins Bluhm. So wie Malu Dreyer, amtierende Ministerpräsidentin. Oder jüngst Feridun Zaimoglu, der Mainzer Stadtschreiber. Eine Extrawurst oder ein Bild an der Wand bekommt niemand. Einsam steht auf der Jukebox, wie beiläufig angelehnt, ein Pärchenfoto Kardinal Lehmanns, der selbst noch nie hier war, und seines noch leibmächtigeren Obermessdieners aus der Mainzer Fastnacht,der auch sonst für die Kirche anschafft – er ist beim Bistum für IT-Technik zuständig.

In großen Stangengläsern kommen die Viertelliter-Schoppen, im Bluhm selbstverständlich Qualitätsweine. Alles, die einfachen Speisen, die offenen Weine und selbst manche bessere Flasche Riesling, Müller-Thurgau oder Grauburgunder, wird brüderlich geteilt. Die Salzbrezeln neben dem Spundekees verschwinden in alle Richtungen. Dieser Käse, ehemals Brotaufstrich der Fuhrleute, ist ein Quark, mit Ei, Salz, Pfeffer und süßem Paprikapulver, wahlweise gewürzt mit Kümmel, Knoblauch, Schnittlauch, eiweißreich und fettarm. Noch fettärmer fällt der Mainzer Handkees in verschiedenen Reifegraden aus. Er gehört in eine Marinade aus Essig, Wein, Öl und Kümmelsamen. Kommt er „mit Musik“, sind reichlich Zwieblen dabei, die, um schicklich verdaut zu werden, den Wiesenkümmel nötig haben.

Warum hält sich so ein kleines Wirtshaus über 50 Jahre? Es fand Wirtsleute, die ihm ein Gesicht und eine Identität geben, die Leute zusammenbringen. Sie hielten die Preise zivil, was möglich war, weil das Bluhm nicht auf der Hauptachse der Altstadt liegt und die Pacht erträglich blieb. Passé.Die neuen Eigentümer, die das Haus von den Bluhms gekauft hatten, kündigten den Mietvertrag zum Ende des Jahres. Alle Verhandlungen um eine Pachtverlängerung zu erträglichen Konditionen sind wohl gescheitert. Das Bluhm hat gerade seine letzte Johannisnacht gefeiert. Und es welken die Ideen, an welchem neuen Ort sich nun Arm und Reich, Einfach und Üwerzwerch, Fremd und Einheimisch begegnen sollen.

Christoph Leusch bloggt als Columbus auf freitag.de

Kleine Ergänzung, 08.07.2015:

Mainzer, Määnzer und Meenzer aller Geschlechter wundern sich nicht, dass es um die Darstellung des rheinhessischen Dialekts die schönsten Streitereien oder eben fröhliches Gebabbel bei einem guten Schoppen, geben muss. Was für die Schreibung des Stadtnamens gilt, trifft auch auf die Verschriftlichung von "Kääs", "Kees", das ist Käse, zu.

Der Autor schreibt "Handkees" und "Spundekees", nach dem autoritativen "Mainzer Wörterbuch" Karl Schramms, neubearbeitet von Manfred von Roesgen.

Da heißt es für den Spundekees:

"Spundekees, der, die Spundekees, u kurz und betont, e in >>kees<< lang."

"Spunde" am Kees, gibt die übliche Form an, in der der Kees, der ja eher ein Quark ist, serviert wurde, nämlich groß und rund wie ein Fassspund, ein Fassverschluss. Analog gilt das auch für die Schreibung "Handkees" (Mainzer Käse).

Wie die Mainzer so sind, akzeptieren sie aber alle Schreibungen, die sie verstehen und "dischbediern" (diskutieren) allenfalls im Weinhaus und "uff de Gass" ein wenig.

Christoph Leusch

Für das Redigat, Maxi Leinkauf (dF). Daumen hoch.

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06:00 08.07.2015
Geschrieben von

Ausgabe 32/2020

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