Das Bauhaus der grünen Idee

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Biotope. Wir verändern die Ökologie der Erde stetig. Und hoffen vergeblich, die Natur bliebe am Ende stärker als der Mensch

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Schloss Alsheim bei Worms, Gartenpark


Der Soziologe Ulrich Beck hat schon vor Jahren beschrieben, wie sehr wir uns mit scheinbar kardinalen Begriffen irren und uns ins eigene Fleisch schneiden. Nicht einmal Risiken können wir sinnvoll einschätzen.


So ergeht es auch den Begriffen von der Natur, von den Biotopen, von der Natürlichkeit jener natura naturans, die sich ohne uns fortentwickelt. Wir verlieren Beurteilungs- und Prognosemaßstäbe, weil wir uns um sie nicht wirklich sorgen. Natur soll funktionieren, beständig verfügbar sein, aber bitte nicht stören und nicht in der Produktion der Nicht-Natur hindern.

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Nahelandschaft bei Oberhausen

Ein Biotop in Mitteleuropa aber ist deshalb etwas ganz anderes als eine Biotop in den tropischen Regenwäldern oder in der Antarktis. Zwischen der Taiga, der Tundra, den Permafrostgebieten der Nordhalbkugel oder den Shelf- und Tiefmeeren der Ozeane und einer deutschen Streuobstwiese besteht kein natürlicher Zusammenhang. Ein paar Jahrhunderte post und ante Christum natum fand ein Machtwechsel statt. Erst mühsam, dann im Eilschritt, wurden sämtliche Naturräume Mitteleuropas ein einziges großes Menschenwerk, und die Idee, aus der Welt ein Menschenwerk zu machen, war nicht nur erfolgreich, sondern sie treibt weiter aus und an.


Jedoch, die tiefgreifendsten Veränderungen erfolgten völlig ohne einen Blick auf die Folgen für die Natur und uns selbst, als Teil der Natur, als Naturwesen. Sie enstanden aus der Herrschaft der Ökonomie.

Schon ganz früh verschwanden mit den Hochkulturen rund um das Mittelmeer ganze Wälder im Schiffsbau, die meisten Sümpfe wurden großflächig trockengelegt. Das Paradox: Die Menschen Mitteleuropas dehnten gerade nicht die artenarmen Flächen aus, sondern verhalfen durch Mühe und Sorge der Artenvielfalt zur Ausbreitung, in der sonst übermächtigen Einfalt. Erst in jüngerer Zeit kehrt sich der Trend um, weil die wirtschaftlichen Ansprüche die Flächen zusätzlich belasteten und die Möglichkeiten, in die großen Naturräume einzugreifen, so überdurchschnittlich anwuchsen.

Ohne den Menschen gibt es bei uns keine Chance für den Auenwald. Aber sobald ein Nutzen, eine Funktion für den Menschen, zumindest für seine Vorstellung, gefunden ist, sollte es Auwald selbst für die Utilitaristen wieder geben dürfen, als Teil der Vielfalt, aus Restbeständen an Rhein (Kühkopf), Donau (Straubing bis Vilshofen) und Elbe. Die Auenlandschaft ist heute ein ästhetisches Wunschprodukt, und sie hat einen Zusatznutzen für den Hochwasserschutz, weil die extensiv bewirtschafteten Flächen und ihre unscharfen Grenzen kostengünstigere Flutungsräume bilden als Dämme um jede Siedlung und jeden Hochleistungsacker.

Geht es ohne Artenvielfalt? Ja!

Wir werden die Flutungsräume wohl brauchen, angesichts der vermehrten Starkregenereignisse und der Schmelzprozesse in den Alpen. Die Lichtung, wieder ein philosophisch aufgeladener Begriff, ist in Mitteleuropa eine menschliche Tat, während der neben dem praktischen Überleben auch eine kurzzeitige Symbiose mit all’ den Tier- und Pflanzenarten eintrat, die ansonsten, in der Sukzession, hin zum ganz anders aussehenden Laub-Urwald der Vorgeschichte, keine langfristige Chance gehabt hätten. Selbst verheerende Feuer bildeten nur Brachen, die innerhalb weniger Jahrzehnte wieder gleichmäßig überwucherten.

Freiflächen und Wiesen, ganz wörtlich, lichte Wälder, mit hohem Artenreichtum, mit breiten Grenzflächen, die den Artenreichtum fördern, schuf vor allem der Mensch. Er wollte Kultur und wollte (über-)leben. Hätte es diese Eingriffe nicht gegeben, Germanien wäre eine weithin undurchdringliche Laubwaldlandschaft, bis hinauf auf die Gipfel der Mittelgebirge.

Fernab schauen wir Zivilisierten jedoch zu, wie mit weitgehend von uns finanzierten Mitteln welt- und menschenerhaltenden Großökosysteme vernichtet oder stark geschädigt werden. Der Prozess ist trotz vollmundiger politischer Ankündigungennirgendwo zum Halten gekommen. Der Nutzungsdruck führte zu mehr Arten in den lichten Flächen, während in den wichtigen Ökozonen der Nutzungsdruck die Arten massiv vernichtet und reduziert und auch die Böden und die Ökosystemfunktionen großflächig schädigt.

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Kiesgarten, Flörsheim

Kämen wir mit einer artenarmen Welt aus? Ja. Denn es gibt eine wachsende Anzahl Menschen, Künstler, Wissenschaftler, die sich die Natur in einer Form der ästhetischen und synthetischen Reduktion nicht nur vorstellen können, sondern diese sogar schön und erstrebenswert finden. Geordnete Fluren, asphaltierte, geschotterte und gekieste Wanderwege, Bäume in Reih’ und Glied, klare und einfache Strukturen gefallen vielen Menschen, auch ohne allzu großes Grübeln und Nachdenken, während ihnen andererseits Wildnis als „Gestrüpp“ erscheint. Wiederum gilt das nur hier bei uns, während selbstverständlich die Serengeti nicht sterben darf und die Elefanten, auch in Überpopulation, dort hochleben sollen. Die gleichen Ordnungsfanatiker, die hier das Gestrüpp zähmen, entdecken dort plötzlich ihr Herz und bestehen auf ein Safari-Erlebnis.

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Römerstadt, F.a.M., nicht Bauhaus, aber neues Bauen, Ernst May, 1927-1929

Wir halten es doch mit dem Naturverständnis häufig so wie mit der Bauhausidee, die einstmals Vielfalt, Farbigkeit, Veränderbarkeit, Sparsamkeit, Sozialität und ein Mitbedenken des Umfeldes einschloss, jedoch von uns, vorwiegend aus einer ästhetischen und nutzenorientierten Betrachtung heraus, zu einer Reduktions- und Schwundbaukunst verballhornt wurde. Da hocken design-affine Menschen heute auf harten Hölzern und starren des Abends auf künstlich freigeräumte karge Interieurs. Da freuen sich Architekten immer noch an Beton-Plattenbau, riesigen Glas- und Alufassaden, und betonen, sie hätten diese Ideen aus dem Bauhaus. Der einzige Ausweg für das Alte und das Moderne am Alten ist sein Schutz als Denkmal, als Wahrzeichen im öffentlichen Raum, als privates Ausstellungsobjekt, als Erinnerungsort.

Auf die Natur übertragen bedeutet das: Derzeit gibt es keine reelle Chance, ohne den Natur- oder Landschaftsschutz, ohne die Einrichtung von ökologischen Sonderzonen und Naturreservaten auszukommen, weil kein allgemeines Bewusstsein für den Wert der Natur besteht. Es droht ja eher ein Rückschritt, weil im globalisierten Kapitalismus Natur nur als wertschöpfende und handelbare Materie von Wert ist. Dazu kommt: Die vollständige Kontrolle über den Naturprozess entängstigt enorm, selbst wenn die eigentlichen Risiken des Lebens längst nicht mehr aus der Natur stammen. Nur streichelzarte Knuddeltiere, die Nutztiere und Nutzpflanzen bleiben übrig. Nirgendwo bleibt etwas Fremdes, nirgendwo etwas potenziell Gefährliches, nirgendwo etwas die Wahrnehmung Verstörendes. Tatsächlich bräuchten Bürger für die Natur Leitbilder, so wie Ärzte und Biologen sie für die angegriffene, schwindende Natur, für die Gesundheit dringlich brauchen. Die Leitbilder sind an sich nicht komplex, aber die Folgehandlungen sind es auf jeden Fall. – In etwa geht es so zu, wie bei den zehn Geboten oder den goldenen Regeln fürs soziale Zusammenleben.

Die Natur hat ein Eigenrecht und auch eine biologische Eigengesetzlichkeit, aber weder ist ein Ziel, noch eine menschliche Handlungsanweisung davon abzuleiten. Wer also Ziele und Anweisungen für Naturräume formuliert, der muss zumindest bedenken, was die Einengung der natürlichen Möglichkeiten bedeutet und wie die Gefahr, eine selbstproduzierte Sackgasse zu beschreiten, gering gehalten werden kann. Das gilt umso mehr, weil die Mittel für die Veränderungen längst stärker sind als die Mächte der Natur.

Gerne wird nach Naturkatastrophen, nun dem Oder-Weichsel-Hochwasser, leichtfertig gesagt, die Natur sei letztlich immer stärker, man sehe, wie wenig der Mensch zu seinem eigenen Schutz vermag. In Wahrheit ist das nur eine Beruhigungstablette, ein ruhigstellendes Argument, zu behaupten, es sei egal, was menschlich getan werde, am Ende setze sich die Natur gegen die Eingriffe durch, verschwände eben der Mensch wieder aus der Erdgeschichte.

Naturschutz als Künstlichkeit


Ärzte und Biologen sind, wenn sie gut sind, zumindest vorsichtig in der Anwendung ihrer Mittel. Die Vorsicht erwächst ja auch aus dem Wissen, meist nicht heilend, sondern eher lindernd, helfend und auch tröstend aufzutreten. Häufig dazu noch in Stellvertreterfunktionen, also bei Angelegenheiten, die nicht mehr genügend sozial untereinander abgehandelt werden. Die Gründe dafür sind jetzt hier kein Thema.


Bedenkenswert ist, dass der Naturschutz in Europa ein Ausdruck extremer Künstlichkeit und Kunstfertigkeit ist. Um die verbliebenen Reservate zu erhalten, vom Watt bis zur Voralpen-Eiszeitlandschaft, von den Fluss-Auen bis zu den Trockenwiesen und Industriebrachen in der Nähe der Urbanität, müssen an vielen Orten beständig Eingriffe durchgeführt werden, die einmal die Sukzession (die Abfolge von sich wandelnden Biotopen) verlangsamen oder gar stoppen und einen Naturzustand geradezu einfrieren, andererseits die Nutzung durch den Menschen deutlich begrenzen. Dort, wo derzeit das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel steht, wäre aber eine andere Verhaltensweise notwendig, nämlich, sich einem Eingriff bewusst zu verweigern! Reduktionisten wären gefragt: ein Ziel, eine Idee! Wie kann das umgesetzt werden? Aber Leute die so denken, haben eine sehr persönliche Nützlichkeitsvorstellung und halten sich lieber an den jährlichen Profiten und an der Verwirklichung rein privater Welten fest. Businesspläne schreiben sich leichter als Handlungsanleitungen für den Regenwaldschutz.

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Die Nahe bei Oberhausen

Auch in Europa gibt es noch Hinterwelten: hinter Dukla, hinter Wasserburg, hinter Bitburg und Prüm, hinter Regen, auf den Hochebenen Spaniens, in den Karparten, im schottischen Hochland oder am Donaudelta. Märchenreiche und Naturtankstellen, die den Geist zumindest mit einem Gefühl für Wildnis versorgen. Das ist notwendig, denn der meiste Schaden an und in der Natur, der meiste Frevel im zwischenmenschlichen Handeln, stammt aus einem Verlust an persönlicher Vorstellungs- und Empfindungskraft. Psychiater sprechen von Einengung. Was an Möglichkeiten in der Person, aber auch außerhalb der eigenen Monade noch liegen könnte und was dieses Fremde, dieses gänzlich Andere für seine Existenz bedarf, was es letztlich am Leben erhält, wird verkannt.

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Schloss Alsheim bei Worms, Gartenpark

Die Menschen landen in der Anstalt, die Natur bleibt im Reservat. Beide harren auf eine neue Enquete. Goethe reiste mit seinem Italienbild und war angenehm überrascht vorzufinden, was er schon zu Hause ge- und erkannt hatte. Der vorgebliche Weltbürger mied es, dem Neuen und Neuartigen, abseits der schon beschriebenen Wege allzu nahe zu kommen. Wenig später reisten die Romantiker, und sie hatten eine gute Idee, sich nämlich auf eine Eigenschaft zu verlassen, die aus der Not hilft. Zauberworte müssen gefunden werden, und den schlafenden Liedern in den Dingen ist zu lauschen. Das wäre dann schon näher an jener mit Sinnlichkeit affizierten Vernunft, die doch das eigentliche Agens einer heilenden und kritischen, aber auch noch erstaunbaren, überhaupt beeindruckbaren Geisteshaltung ist. Wie so oft empfinde ich unseren übermächtig zitierfähigen Edelklassiker als eher eingeengt und starr, gar als ein wenig behandlungsbedürftig. Wer zieht schon los, um seine Bild- und Vorstellungswelt völlig bestätigt zu erhalten? Da sitzt doch die Angst und Enge bei einem, der heute als Olympier vermarktet wird.

Christoph Leusch

Das ist der gekürzte und redigierte Artikel aus "der Freitag", Nr. 25, 24.Juni 2010, S.18, Wissen. Wer sich für den ursprünglichen Kommentartext interessiert, es sind da noch einige interessante Nebenargumente und formale Doppelungen angeführt, die der ursprünglichen Funktion des Textes als langem, argumentierenden Kommentar zu Jakob Augsteins "Gibt es die Natur überhaupt?" geschuldet sind, der schaue hier nach: www.freitag.de/alltag/1023-gaertner?searchterm=Augstein . Ich bedanke mich ganz herzlich bei Frau Zinkant (Wissen) für das Redigat und bei der Layout-Redaktion, die den Artikel mit einer griffigen Überschrift und einem treffenden Bild versahen.

Es liegt sozusagen in der Natur der Sache, dass eine Kolumne und ein längerer Artikel zur Natur als Künstlichkeit, zur Notwendigkeit, eine solche naturschützende Kunst zu betreiben, viele Fragen zum Naturbegriff aufwirft und dann dazu reizt, genau diese Fragen abzuhandeln. Ich denke, in den mittlerweile mehr als 100 Kommentar-Beiträgen zum o.g. Blog, findet sich dazu beachtlich viel Anregendes, auch wenn es, was bei Kommentar-Threads häufig der Fall ist, vom Kernthema weit weg führt.

Weiteres Bildmaterial, zur Veranschaulichung:

haendlerundheldenmbh.blogspot.com/

16:16 28.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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