Columbus
29.08.2010 | 19:26 9

Der Bolzenschuss für unsere Intelligenz

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Columbus

Mythos Intelligenz und Mythen um die Bedeutung der Forschung im Bereich der Kognition

Die Wiese der Spekulation

Was kann man zu Intelligenztests und deren praktischer Anwendung sagen? Wo beginnt die Sturheit und Verblendung, bei der mit einer wissenschaftlichen Methode, die dafür bestimmt ist, eng umgrenzte Probleme für Einzelpersonen zu lösen, nur noch gesellschaflicher Schindluder getrieben wird?

Intelligenz ist auch erblich. Dazu kann es gar keinen Streit geben, denn diese generelle kognitive Fähigkeit, einst g-Faktor genannt, ist wie andere psychologische Funktionen an ihre biologischen Wurzeln gebunden.- Selbstverständlich ist auch Emotionalität erblich. - Sicher ist auch, dass bisher weder der Grad der Abhängigkeit bestimmt ist, noch Ergebnisse der generellen Intelligenztests zu mehr in der Lage sind, als bei einer bekannten Testpopulation die Extreme, im Positiven, wie im Negativen sicher heraus zu finden.

Auch spielt die Frage nach dem Grad der Erblichkeit eine viel weniger wesentliche Rolle für die Entwicklung unserer Pädagogik und unserer Bildungsanstrengungen, als es uns der Apokalyptiker Sarrazin einreden möchte. - Die Erklärung, warum das so ist, sie folgt ein wenig später.

Intelligenzmessung, die Geschichte einer Einengung

Während der über hundert Jahre andauernden Forschung auf diesem Gebiet, kam es immer wieder zu heftigen Streitereien zwischen Anhängern der Umwelt- und der Erbhypothese. Die Ich-, Persönlichkeits- und Gestalttheorien, blieben jedoch, das sollten aufgeklärte Zeitgeister im Hinterkopf behalten, weitgehende davon frei. Sie beteiligten sich nicht am Kesseltreiben.

Bemerkenswerter Weise, sind das bevorzugt diejenigen Forscher gewesen, die dann vor den Mega-Eugenikern am Volkskörper fliehen mussten.

Selbst ernannte Elitentheoretiker berufen sich gerne auf Intelligenzforscher, derzeit ist Thilo Sarrazin, einer dieser Selbsternannten, denn manche Wissenschaftler leiteten in der Vergangenheit selbst ethnische und rassistische Thesen aus ihren Forschungen ab.

Die Nachhutgefechte heute erinnern doch an den großen Streit, den einst eine Koryphäe der Intelligenzforschung auslöste. Als Arthur Jensen seinen Artikel „How much can we boost IQ and scholastic achievment?“ (1969) schrieb, versuchte die Nixon- Regierung gerade die von den ermordeten Kennedy-Brüdern, sowie dem Nachfolgepräsidenten Lyndon B. Johnson und dessen Berater Sargent Shriver initiierte Head-start-Förderung für schwarze Amerikaner weiter auszubauen und Affirmative-action Programme in die Wege zu leiten. Nixons Experte war der hoch angesehene Edward Zigler (Yale-University), der schon bei der Initiierung des Programms unter Johnson mitgewirkt hatte.

Head-Start und affirmative action zielten darauf ab, aktiv, d.h. durch gewollte Begünstigung, bisher unterprivilegierte und bildungsferne Schichten auszubilden.

Das war natürlich nicht im Sinne der Republikaner, der Parteifreunde des Präsidenten, die deshalb viel Honig aus Jensens Aufsatz zogen. Wenn Farbige genetisch dumm sind, dann lohnt kein Dollar Investition in deren Förderung und Bildung.

Jensen vertrat die These, diese Programme seien ineffizient, weil Intelligenz hauptsächlich genetisch bedingt sei und Afroamerikaner nun einmal konsistent schlechtere IQ-Tests, vor allem im so genannten Level II dem Konzeptlernen ablieferten, während Asiaten, Westeuropäer und weiße Amerikaner dabei besser abschnitten. Bei Level I, dem assoziativen Lernen, seien keine Unterschiede der Ethnien feststellbar.

Assoziatives Lernen meint Verknüpfungslernen. Konzeptlernen, so meinte Jensen damals, liege auf einer höheren Ebene und sei entscheidender, weil es die Grundlage der Bewertung und Auswertung von assoziativem Lernen liefere. Jahre später nahm Jensen seine drastischen Thesen zurück und sprach davon, die Frage trait versus state, Erbe oder Umwelt, sei nicht entschieden, man könne aber die weiter konsistent feststellbaren Unterschiede nicht an äußeren Faktoren fest machen.

Irgendwem müsste doch ein Licht aufgehen, dass Sarrazin sich auf mindestens dieses miese Niveau hinab begeben hat.

Die Nixon Regierung hielt übrigens, gegen die „Silent majority“, die sie doch im Wesentlichen vertrat, durch. Die Folgeregierungen hielten es ebenso. Head-start wurde fortgesetzt. - Ein wenig weiter gedacht, ist dieses Bildungsförderungsprogramm einer der Bausteine für eine breitere schware Mittelschicht die Barack Obama Jahrzehnte später ins Weißen Haus tragen sollte.

HAWIE- und Stanford-Binet-Test

Der IQ wurde damals im wesentlichen mit zwei Tests bestimmt, die auch heute noch große Relevanz haben, weil sie über die Historie der Intelligenzforschung Auskunft geben und gleichzeitig mit einigen Untertests ganz gut geeignet sind schwere Minderbegabungen und auch Hochbegabte, die aber wegen sozialer und psychologischer Probleme nicht so eingeschätzt wurden, zu entdecken.

Der Stanford-Binet- und der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest sind Klassiker und sehr umfangreich. Bei all den, zu Testbatterien zusammengefassten Subtests, war das für Praktiker noch zu viel an Zeitaufwand. Schließlich lag das, was sie an Ergebnissen mit den Tests erhielten, bezüglich der groben Einschätzung von Probanden, nicht wesentlich ab von dem, was die Anamnesen, also Befragung und Ermittlung der Lebensgeschichte und des bisherigen Lebensverlaufs, sowie die Explorationen, die Erstinterviews mit den Patienten/Klienten/Probanden/Schülern erbrachten.

Das ist auch heute noch so. Die IQ-Tests werden vornehmlich dazu eingesetzt, bei Verdacht Minderbegabung oder Hochbegabung aufzudecken und sie dienen als Absicherung bei gerichtlichen Fragestellungen zur Schuldfähigkeit. Ein spezielles Feld hat sich dann im Bereich der Wirtschaft- und Organisationspsychologie aufgetan, wobei, wie auch bei den andern Gebieten, häufig Kurzformen und Abwandlungen der IQ-Tests eingesetzt werden, die gegen die vollständigen Tests und gegen andere Verfahren mehr oder weniger gut validiert und auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft sind.

Wenn etwas für die 70er Jahre als Kontrastprogramm zu Flower Power und dem Streben nach Bewusstseinserweiterung gelten kann, so ist es jene Manie in der soziologischen und psychologischen Forschung, sich einem besonderen Effizienzdenken und einer besonderen Nützlichkeitsphilosophie verbunden zu fühlen. Das hat etwas damit zu tun, aus dem Ruch der „weichen“ Geisteswissenschaften ins heller scheinende Reich der „harten“, an empirischen und experimentellen Ergebnissen orientierten Naturwissenschaften zu gelangen,die ihre Ergebnisse immer wieder an beobachtbaren Fakten überprüften. - Es wirkt bis heute nach.

Im Grunde sind beide Schulen, der strenge Behaviorismus Skinners, „Gebt mir ein Kind (für ihn eine Black box) und ich mache daraus, was ich will“, und andererseits eine Intelligenzforschung, die nicht mehr zuwege bringt als die Aufmerksamkeitsspanne und Kurzzeit-Merkfähigkeit als einzig wesentliche, messbare Intelligenzfaktoren zu testen, eine ziemlich armselige Ausbeute, nach so vielen Jahrzehnten der Forschung. Ebenso armselig versandeten die verhaltenspsychologischen und pragmatistisch orientierten Erziehungsexperimente, z.B. Lerneinheiten in Fließplan-Schemata anzubieten. Ausgedünnte Versuchsumfelder und ausgedünnte Anwendungsmöglichkeiten der kybernetisch und systemtheoretisch untermauerten, extrem artifiziellen Theorien, führten zu weniger Effizienz im Alltag und zu katastrophalen Fehleinschätzungen.

Der virtuelle Einkaufskorb gegen Alzheimer:

Ein Beispiel: Als das Problem der an der Alzheimer-Demenzform Erkrankten immer mehr zunahm, Anfang-Mitte der 90er Jahre, etablierte sich in einigen geriatrischen und psychiatrischen Kliniken, die sich nun den zunehmenden Patientenzahlen ausgesetzt sahen, ein labornahes, kognitives Training. Ältere Damen und Herren saßen an den Lerncomputern und Konsolen und mussten z.B. einen virtuellen Einkaufswagen mit Lebensmittelsymbolen und mit Zeichen für andere Einkäufe füllen. Die Lernerfolge wurden natürlich überprüft und protokolliert, sogar als Fortschritte in die Patientenakte und den Entlassbrief übernommen. - 15 Jahre später weiß man, die Mühen, die das auch zeitlich für die chronisch unterbesetzten Stationen machte, waren es nicht wert.

Warum? Den Patienten die trainierten, fehlte die vertraute Umgebung und die Realität an ihrem Wohnort. Wie sollten sie je etwas in das Langzeitgedächtnis übernehmen, was mit ihrem Alltag nichts zu tun hatte? Was sie in einer völlig fremden, klinischen Umwelt, vor einem Bildschirm erlernten oder ankonditioniert hatten, half ihnen vor Ort nicht mehr. -Der Flugsimulator für demente Senioren funktionierte nicht wie erhofft. Die Drehtürpsychiatrie hatte einen zusätzlichen Beschleuniger aus der Wissenschaft erhalten.

Was diese Patienten für eine Zeit lang auch zu Hause noch beherrschten, wenn es ihnen denn als ganz simples Videospiel zur Verfügung stand, war, virtuelle Einkaufskörbe mit Waren zu füllen. Wenn man so will, ist das eine Erweiterung des heute noch praktizierten Servietten-Zusammenlegens, zu dem Sarrazin nun einen ganzen Teil der Bevölkerung, von dem er nichts hält, verdonnern möchte. - Einkaufen gingen die trainierten Senioren trotzdem nicht, und zurecht fanden sie sich zu Hause auch nicht. Wenn sie kauften, dann vergaßen sie was sie brauchten.

So geht es auch mit vielen Spielzeugen der Organisations- und Arbeitspsychologie, deren Fragebogen und Tests zwar weiterhin breit gelehrt und auch angewendet werden, während das Assessment für qualifizierte Berufe, z.B. in der Finanzwirtschaft und im Gewerbe, trotzdem stärker von völlig anderen Faktoren, nämlich dem Auswahl- und Kontaktgespräch mit dem Personalleiter und der jeweiligen Leitung, bei höheren Positionen, hauptsächlich durch Referenzen und Beziehungen, ja Verwandtschaften und Bekanntschaften, beeinflusst wird. - Das ist doch für die Anhänger der Kybernetik und vorgeblich exakten Kognitionspsychologie ein herber Schlag.

Intelligenz ist, was der Test misst:

Historisch waren IQ-Tests eine Lösung für das Problem, mit wenigen Untersuchern die Schuleignung an kindlichen Probanden, später auch, die soldatische Eignung bei großen Reihenuntersuchungen, zu ermitteln. In Frankreich gelang das Binet, in den Staaten Terman und später Wechsler.

Eine Zeit lang dachte man in den Staaten so sehr eugenisch wie im Mutterland der Intelligenzforschung, England (F.Galton), und versuchte daher, die Immigrantenströme, die vor und nach dem ersten Weltkrieg nach Übersee aufbrachen, mit den Tests zu durchforsten.

Schnell stellte sich heraus, die Formulare waren nicht kulturfair konzipiert. Z.B. zeigte eine Testaufgabe die Kopfprofile unterschiedlicher Ethnien. Die Probanden sollten angeben, welches Profil am besten proportioniert sei. Die richtige Lösung mit den meisten Punkten war die, die den Europäer zeigte. Bildertests oder Bildgeschichten bezogen sich auf Szenen aus einer angelsächsisch-europäischen Welt, mit Five o´ clock tea and white linen diner table. Sie sollten forterzählt oder ausgelegt werden, bzw. galt es, Vorantworten zu verwerfen oder anzukreuzen. Die Immigranten kannten kaum etwas von dieser Welt, sie wollten aber unbedingt in die Neue.

Nachdem nun die Forscher die ersten Peinlichkeiten in den Aufgabenbögen beseitigt hatten und die unterschiedlichen Aufgaben zu ganzen Testbatterien ausbauten, um größere Spektren der Intelligenzstruktur abzubilden, entschieden sie sich bald wieder für mehr, sehr reduzierte Verfahren, die hauptsächlich das Formerkennen, die Aufmerksamkeitsspanne und das Speichervermögen für willkürliches und nicht zusammen hängendes Material prüften. Z.B. die Merkfähigkeit für Zahlenketten, die Fähigkeit abstrakte Figuren unterschiedlicher Komplexität nachzumalen oder analoge Strukturen einander zu zu ordnen, Rechenaufgaben unter Zeitvorgabe zu lösen, oder in gleichförmigen Reihen Abweichungen zu markieren. - Diese Aufgaben waren natürlich schon viel fairer, ließen aber, noch mehr als schon zuvor, die Feststellung des IQ zu einer arg artifiziellen und beschränkten Angelegenheit werden.

Selbst der HAWIE und der Stanford-Binet, die in geübten Händen innerhalb von 45 Minuten bis zu einer Stunde abzuwickeln sind, waren viel zu komplex, um sie massenhaft weiter durchzuführen. Sie sind auch ausdrücklich als Individualtests konzipiert.

Heute kann kein Zweifel daran bestehen, dass Menschen sich vor allem durch ihre intra- und interindividuell sehr unterschiedliche Intelligenzstrukturen in bestimmten Situationen auszeichnen. Kein Zweifel besteht auch daran, dass Intelligenz, sofern sie vorhanden ist, sich nur in einer angereicherten Umwelt, die genügend Anregung bietet, auswirkt. Einsehbar erlernbare Inhalte und soziale Kontakte die von echter Empathie füreinander geprägt sind, wirken wirklich produktiv. - Der gezwungene und unter Druck gesetzte Lateinschüler, diese Interview-Fantasie unseres Volksaufklärers aus Frankfurts Bundesbank, seine Erziehung zum „harten Hund“, die ist kein Beispielmodell und bringt nun eben, im Alter den Beißer, die immer unterdrückte Aggressivität des ästhetisch fühlenden Bürgers, in steilen Thesen ans öffentliche Licht.

Die Feststellung des IQ ist nur unter Inkaufnahme großer Reduktionen und großer Künstlichkeit bei der Erhebung zu gewährleisten. Das bedingt die tatsächlich geringe Aussageweite der gesamten IQ-Forschung, die sich auf ganze Populationen und Ethnien stürzte. Die Begeisterung der Forscher hält sich jedoch merklich in Grenzen, denn reine Intelligenzforschung betreiben nur sehr wenige Wissenschaftler.

So ist es bis heute ein Rätsel und Versäumnis, dass ansprüchlichere psychologische Modelle, wie z.B. der Ansatz der Gestaltpsychologie und der Ebenenpsychologie der Persönlichkeit bei den Wissenschaftlern die unbedingt als naturwissenschaftsnah angesehen werden wollen, kaum Anerkennung und Weiterentwicklung erfuhr. Zu komplex, zu wenig effizient, zu schlecht überprüfbar (reproduzierbar), hieß es da zumeist.

Der Hauptgrund allerdings, steckt im Wörtchen Effizienz. Forschern, die ja ursprünglich mit der Behauptung antraten, besonders effiziente Verfahren zur Intelligenzleistungsmessung entwickelt zu haben und vor allem daraus sichere Prognosen für Eignung und Entwicklung stellen zu können, lief schlicht die Zeit und das Geld davon. Zeitersparnis gab es nur um den Preis der großen Reduktion dessen, was der Test wirklich misst.

Es ist aber die Komplexität der sozialen Realität das, was heute zu schaffen macht und irgendwie doch als Aufgabe für jeden denkenden Menschen in dieser Welt zu bewältigen ist. Weil das so ist, vertrauen diejenigen, die sich einst die empirische und kognitive Psychologie zu nutze machen wollten, weiterhin mehr ihrer Intuition und der Face-to-face Überprüfung.

Die Macht der Gene, oder die Macht der Genetiker?

Zunächst einmal entwickelte sich die Genetik ziemlich unabhängig von den Fragen der Intelligenzforschung. Die frühe, vormolekulare Genetik, eher eine Art Vererbungsreligion, förderte letztlich nur schon bestehende, ideologische Elite- und Überlegenheitsfantasien. Man schloss von äußeren Zuständen, z.B. dem Entwicklungsstand eines Landes, einer Ethnie, auf die Intelligenz der Bevölkerung. Die anerkannten Forscher des späten 19.Jh. und des beginnenden 20.Jh, glaubten durch die Bank an die Überlegenheit des Weißen Mannes, und sie ließen auch vor Zeitungspublikum oder bei Vortragsreisen keinen Zweifel daran, dass es vor allem um die Besserzüchtung des Menschen ginge.

Eugenik, also die Überzeugung man könne wie ein Tierzüchter gute und schlechte Genträger identifizieren und dürfe dann sortieren, wer sich vermehren soll und wer nicht, wer leben darf und für wen der Aufwand, er wurde meist mit Pseudogenauigkeit bestimmt (siehe Sarrazin), nicht lohnt, war ein gängiges und gesellschaftsfähiges Denkmodell.

Ob in Frankreich oder England, ob in Deutschland oder Italien, ob im zaristischen Russland oder in der von Gott ausgewählten Bevölkerung der neuen Welt, überall glaubte man an Rassen und vor allem an große Intelligenz- und Kognitionsunterschiede zwischen Rassen und Hautfarben. Selbstverständlich gingen auch leninistisch-stalinistische Materialisten in diese Kirche und predigten das Superprogramm zur Zuchtwahl. Sie glaubten, fast wie unser Bundesbanker, an die biologische Vererbung erworbenen materiellen und geistigen Besitzes. - Unmöglich, hier den Weg dieser Forschung, hin zur Eugenik- und Züchtungsfantasie vorzustellen. Es ist dazu massenhaft publiziert worden.

Mit der molekularen Genetik kam ein neues Feld auf. Die Suche nach dem Intelligenzgen, später nach der Vielzahl der Gene, noch später nach den Gen-Clustern und Musterkonstellationen, die mit hoher Intelligenz irgendwie und eventuell zusammen hingen.

Was die Genetik zuerst lernte, das war, sich bestimmte Subpopulationen zu suchen, die sich nicht allzu stark mit anderen mischten. Es boten sich jüdische Gruppen an, dann bestimmte Inselbewohner, dann religiöse Gruppen, die selten das Einheiraten gestatteten.

Intelligenzgene sind bis heute nicht gefunden worden, während natürlich die Zahl der Erbkrankheiten und Stoffwechselstörungen, die verheerende Wirkung von Akohol und Nikotin, von Medikamenten und Umweltgiften auf die Entwicklung der Intelligenz eines Menschen mittlerweile bekannt ist. Genau so wie man längst weiß, dass Hunger, Mangelernährung und sehr enge, d.h. einschränkende Lebensumstände, zu mentaler Rückständigkeit (Retardierung), häufig sogar zu bestehen bleibenden Defekten führt, die sich durch Nachlernen und Nacherleben schwer oder nie mehr auffangen lassen.

Völlig destruktiv für die Genies unter uns, wie für uns ganz Durchnittliche, etwas mehr zu leisten als notwendig, ist allerdings ein Klima der allgemeinen Angst, und die Furcht, in der Differenz zu anderen stigmatisiert zu werden.

Wollen wir also wirklich unsere Mitbürger, die Sarrazin auf den Index setzte, ängstigen und zwingen, und glauben wir an die Produktivität dieser Methode? - Sarrazin glaubt jedenfalls daran. Er wurde so, wie er ist.

Zwillingsforschung, die Verschmelzung von Humangenetik und Intelligenzmessung:

Von je her sind Zwillinge ein sehr geeignetes Objekt der Genetik, besonders natürlich die Forschung an eineiigen Zwillingen. Das genetische Material eineiiger Zwillinge ist weitgehend identisch, obwohl in jüngster Zeit trotzdem noch Unterschiede festgestellt werden konnten. Denn kein Erbmaterial aus der Verschmelzung von Ei und Samenzelle entstanden, faltet sich bei den frühen Stadien der Teilungen in der Keimbahnentwicklung auf exakt die gleiche Art und Weise. Mittlerweile ist auch bekannt, dass die jeweilige Protein- und Energiestoffwechselsituation in den frühen Stadien der Vermehrungsteilungen eine sehr große Rolle für die Keimgesundtheit spielt. Nicht umsonst arbeiten Klonierungsforscher immer im Überschuss des Materials und beobachten die Entwicklung der Klone genau.

Wie dem auch sei. Eineiige Zwillinge, die man über längere Zeit ihres Lebens begleitete und dazu noch regelmäßig untersuchen konnte, es sind, auf die ganze Menschheit bezogen, nur einige hundert Paare, die schon auch aus biologischen Gründen keine, für Populationen repräsentativen Modelle abgeben, gleichen sich in den Testergebnissen bei Intelligenzmessungen zu einem hohen Maße. Die Vorhersagesicherheit, dass ein Zwilling die bekannten Ergebnisse des anderen Zwillings erreicht, beträgt tatsächlich, je nach Untersuchungsstudie 75- 85 %, bei zweieiigen Zwillingen immerhin noch 40-60 % . Eineiige Zwillinge erreichen auch sehr häufig die gleichen Abschlüsse und pflegen die gleichen Interessen.

Was lag also näher, als die Schlussfolgerung, die Intelligenz sei eine Eigenschaft, die für Populationen so vererbt würde, wie die Intelligenz von Eltern zur Twin-Kindergeneration?

Bis zur Feststellung, alle eineigen Zwillinge ähnelten sich und der Binsenwahrheit, dass jeder Mensch auch aus seinem ererbten genetischen Material lebt, ist alles irgendwie konsistent. - Leider vergessen die selbsternannten Theoretiker, dass mit der Vorhersage ein eineiiger Zwilling erreiche zu 85% den Intelligenzwert des anderen, nur die Varianz im messbaren IQ zwischen diesen beiden Blutsverwandten erfasst wird. Eine Reihenuntersuchung des IQ an einer Schülerpopulation erfasst also für jeden einzelnen Schüler dessen Abweichung von einem Mittelwert und das Ergebnis der Untersuchung ist, die Varianz der allermeisten Ergebnisse ist eher gering.

Doch nun kommt die Intelligenztestforschung ins Spiel. Bei den Untersuchungen mit den gängigen Testverfahren schnitten nun einmal Farbige, Menschen aus Afrika und aus den arabischen Staaten und Südamerikaner signifikant schlechter ab, als der Weiße Mann und Asiaten. Die Ergebnisse der Intelligenzmessung und der Zwillingsforschung wurden gekoppelt und sie dienen so heute noch, bis hin zu unserem Oberaufreger Thilo Sarrazin, als Hauptbegründung für biologistisch begründete Thesen von der Gefährdung der Volksintelligenz. - Dass es auf Biologie hinaus läuft, das war klar.

Selbst Frank Schirrmacher von der FAZ roch den Braten und schrieb nun in der Frankfurter Allgmeinen Sonntagszeitung dazu. Allerdings fällt er auch gleich auf Sarrazin herein, weil er sogar dessen krude Biologie zunächst einmal ernst nimmt und an die Argumentation glaubt.

Am Ende flüchtet er sich gar in den Gedanken, es gebe ja die Hoffnung und zahlreiche Belege für „spontane Ausbrüche von Begabung und Talent“, die Sarrazin unberücksichtigt lasse. - Eine irre Flucht und leider wenig intellektuell. - Nach diesem Motto bliebe uns nur, unter den so verunglimpften Immigranten und beleidigten deutschen Türken, unter den von Sarrazin zur erblichen „Schicht“ gemachten Sozialleistungsempfängern, nach den „spontanen Ausbrüchen“ zu suchen und den großen Rest zum Arbeitshaus und/oder nach Hause zu schicken.

Um es noch einmal deutlich zu sagen. Wer intelligente Eltern hat, der hat durchaus eine bessere Chance, sich selbst intelligent zu entwickeln, als wenn er von minderbegabten Eltern in die Welt gesetzt wird. Das sind aber überhaupt nicht die Fragestellungen, um die es in unserer Gesellschaft für die Integration und Multikulturalität geht, sondern das sind Fragen, die sich mit Extremen und Einzelfällen beschäftigen. Dort gehören sie hin, dort muss mit aller Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit auch auf ein individuelles Problem eine individuelle Antwort gefunden werden.

Was der Intelligenztest, jeder Intelligenztest dieser existierenden Welt nämlich misst, das sind individuelle, sehr synthetisch konstruierte Leistungswerte für einen Menschen, die bei 94,4% der meisten Menschen auf diesem Globus innerhalb von zwei Standardabweichungen nach oben und unten liegen.

Von diesen Menschen kann weder wissenschaftlich gesagt werden, sie seien zu dumm oder zu unfähig in eine allgemeinbildende Schule zu gehen und einen Abschluss zu erwerben, noch, sie seien aufgrund einer tatsächlich höheren Intelligenz mit den Leistungsanforderungen der Schule unterfordert.

Diese Mehrheit der Menschheit erreicht nicht den gleichen Schul-bzw. Notenabschluss, nicht die gleichen Berufszugänge und Berufskarrieren, zumal noch mannigfach andere, viel gewichtigere, äußere Faktoren dabei eine große Rolle spielen. - Für eine Vielzahl Kinder auf diesem Globus ist schon der Fußweg zur Schule zu weit. - Natürlich bleiben Intelligenz- und Leistungsunterschiede bestehen. Aber, wir alle, wir Durchschnittlichen, können mit der Schule, wie mit dem Leben fertig werden, egal welche Kultur oder Religion wir bevorzugt leben wollen. Darauf kommt es an.

Von dieser Mehrheit kann auch kein Bürger in Deutschland, nicht einmal ein gebildeter Bürger, nicht einmal ein Weltbürger behaupten, er kenne und erkenne sie, als Teil der nicht Bildungsfähigen oder der unterforderten Hochintelligenten. Darin liegt die Wahrheit der Biologie, die uns alle verbindet und nicht trennt.

Der türkische Gemüsehändler und Thilo Sarrazin sind sich bezüglich ihrer Intelligenz ebenso ähnlich, wie das Kopftuchmädchen und seine Skin-Head oder Gothic-Nachbarin auf der Schulbank im Wedding. - Was uns ungleich macht, das sind die sozialen und materiellen Verhältnisse, das sind manche Teile einer Kultur, die wir mit Vorurteilen als minderwertig oder nicht-passend einordnen. Das ist vor allem die Ökonomie, zu dumm.

Was wir brauchen ist ein erweitertes „Head-Start“-Programm für die wenigen problematischen Bezirke unserer Großstädte und den Mut, die Ausdauer und die Zielstrebigkeit bei dieser aktiven und vor allem positiven politischen Antwort, nicht schon nach einer Legislaturperiode die Flinte ins Korn zu werfen.

Da sollte es doch selbst dem spießigsten Bildungs- und Kleinbürger, dem abgedrehtesten Banker, gelingen, darin eine Hauptaufgabe der Deutschen zu sehen, die doch sonst vor nichts in der Welt Angst haben.

Christoph Leusch

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (9)

Sebastian Dörfler 30.08.2010 | 14:18

Lieber Herr Leusch,

vielen Dank dafür!

Da Sie Schirrmachers Text erwähnen – ich finde hier greift wieder ein typisch konservatives Motiv: selbst Sarrazins Buch wird am Schluss als "sehr hilfreich" bezeichnet, es "wird einen Wendepunkt markieren" – anstatt die unsinnige Argumentation und die Ursache des Problems aufzuzeigen, wie Sie das tun, muss es bei Schirrmacher der Weltgeist wieder irgendwie richten.

Beste Grüße
SD

Columbus 30.08.2010 | 15:07

Lieber Herr Dörfler,

Genau so ist es. Ein passiver, geradezu zurückweichernder, konservativer Reflex, das ist die Antwort Schirrmachers.

Geschickt ist es allenfalls publizistisch, weil so Sarrazin in nächster Zeit auch wieder bei der FAS oder FAZ mit einem Beitrag oder Inerview auftauchen kann. Herr Schirrmacher hält sich die Wege offen und bekennt selbst kaum Farbe.

Über das Mittagsmahl habe ich mir gerade die Pressekonferenz Sarrazin-Klelek angeschaut und bin erstaunt, dass die großen Presseargenturen und Zeitungen nur ihre Berlin-Korrespondenten hin schickten, die das Genetik- Argument, Sarrazin hat es wiederholt und begründet er stütze sich auf die Wissenschaft, ohne Reaktion schluckten. Mit dem Vorlauf auf das Ereignis hätte ich zur Fragerunde ein paar Experten aufgeboten. - Sarrazin machte eine hervorragende Figur. Es war auch nicht schwer, denn nur wenige trauten sich inhaltlich zu fragen und bezogen sich eher auf die Gerüchte und Ankündigungen zur Bundebankreaktion und zum recht sicheren SPD-Ausschluss , obwohl doch bei vielen Sarrazins Buch mit Anmerkungen auf dem Schoß lag oder Auszüge in den Mappen unterm Arm lagerten und einschweißten.

Traurig, wenn Pressekonferenzen in Berlin immer so stattfinden.

Liebe Grüße

Christoph Leusch

merdeister 05.09.2010 | 16:34

Lieber Christoph Leusch,

Teil der Logik Sarrazin muss in diesem Falle sein, Menschen mit höherer Intelligenz hätten eine bessere Chance sich fortzupflanzen, als Menschen mit geringerer Intelligenz. So funktioniert Selektion im Sinne der Evolution.
Ich habe ernsthaft Zweifel daran, dass Intelligente Menschen, vor allem Hochintelligente es leichter hatten, wenn es um die alltäglichen Probleme geht. Je weiter der Blick zurückreicht, desto größer meine Zweifel.
Wenn ich an meine Schullaufbahn zurückdenke, waren es nicht die (zugegeben gefühlt oder mit Blick auf Schulnoten) Intelligenten Jungen und Mädchen, die sich früh um potentielle Reproduktionspartner bemühten und vor allem Erfolg damit hatten. Das ist natürlich nur mein persönlicher Eindruck.
Leider weiß ich nicht mehr wo, doch ich las, im 1. Weltkrieg sei die Wahrscheinlichkeit zu sterben, mit dem IQ gestiegen. Das ist zugegeben erst mal nur eine Korrelation.
Kurz, ich bezweifle überdurchschnittlich hohe Intelligenz stellt einen Selektionsvorteil dar.
Mein Eindruck ist, Menschen, die sich über den Vorteil von hoher Intelligenz auslassen, empfänden die Ignoranz der Evolution gegenüber dem eigenen Testergebnis als Kränkung.

Es gibt den Film „Blue Eyed“ der auch im Netz verfügbar ist. In ihm werden Menschen, die sich (freiwillig) auf ein Experiment einlassen in blauäugige und braunäugige aufgeteilt. Den Braunen werden höhere intellektuelle Fähigkeiten zugesprochen, die blauen sind die Dummen. Wenn die Menschen es oft genug gesagt bekommen, werden Ihre Ergebnisse schlechter.
Es gibt Experiment in denen den Testteilnehmern vorher mitgeteilt wurde, die Gruppe zu der sie gehören (z.B. Frauen) wären aus genetischen Gründen schlechter/besser in Mathe. Aber ich will natürlich nicht die Pointe verraten.

Columbus 06.09.2010 | 02:16

Lieber Merdeister,

Es ist eine vertrackte Sache mit der Evolution. Ständig beugt sich irgend ein kluger Menschenkopf über den bisherigen Gang der Dinge. Bei jedem fünften oder zehnten Nerd der das tut, brennt die Sicherung durch, findet eine Erleuchtung statt, und plötzlich leitet er aus den sehr wahrscheinlich günstigen Bedingungen, gleich eine Notwendigkeit ab.

Aber, lieber Merdeister, mich interessieren die Durchschnittlichen. Also ich interessiere mich für mich, und meine 94,4% Nachbarn, die so sind wie ich. Die 2,8 Prozent Hochbegabten (immer nach den auch schon wieder umstrittenen Kriterien und Ergebnissen der IQ-Testung) sind einfach in meiner Welt so selten und auch für Genetiker, Verhaltensforscher und Psychologen Raritäten. Manchmal frage ich mich schon, woher plötzlich so viele Intelligenzforscher und Experten herkommen? Wer beschäftigt sich noch mit den Normalen?

Man sagt in diesen Kreisen, diese hochbegabten Menschen hätten häufiger Anpassungsprobleme. Das ist wohl wahr und deckt sich vielleicht mit Schulerlebnissen, die man noch im Gedächtnis hat.
Gerne gestehe ich ein, es sind Leute an der Schule verzweifelt, die ich für 10x intelligenter halte, als meine Wenigkeit. Vielleicht liegt es an mir.

Allerdings ist längst nicht klar, ob es die Durchschnittlichen sind, die ihnen, den ganz Intelligenten im Wege stehen oder eher umgekehrt.

Die höhere Wahrscheinlichkeit im Kriege zu sterben war lange Zeit das Privileg des Offiziers. Der war, sagen wir einmal vorsichtig, gebildeter als seine Mannschaft und musste voraus, nicht hinterher gehen.

Im ersten Weltkrieg war das so, aber auch später noch bei den so genannten Elitetruppen, bei denen alle Ränge bis zum Hauptmann und Major vorn führten. So zeigt es klassisch Stanley Kubrik in seinen Antikriegsfilmen und in Barry Lyndon.
So beschreibt es der kriegsbegeisterte Ernst Jünger, so wird es für die US-Marines und andere Einheiten im Vietnam Krieg beschrieben. Dort hatten Offiziere der Kampftruppen die höchsten Verluste bezogen auf die Gesamtzahl.

Allerdings, die wirklich Klugen ließen sich krank schreiben, entzogen sich dem Militär, wurden freigestellt oder waren schon Stabsoffizier.

Was derzeit wohl wirklich passiert, dass Forscher ihre Überlegungen zu dem, was in der Evolution wirklich eine Spezies "voran" brachte, oder den Wandel beschleunigte, revidieren, so wie es eine schleichende Entwertung des Genbegriffs gibt. Die Merkmale, die es erlauben Verwandtschaften der ganzen Menschheit chronologisch zu verfolgen, sind genau genommen zwar Teil der Erbinformation, aber meist keine Gene, die für ein Funktions- oder Steuerungseiweiß kodieren.

Ob Intelligenz von Vorteil oder Nachteil ist, das mögen Wissenschaftler gar nicht mehr so gerne eindeutig beantworten.

Die biologische Fittness, also das was günstig ist für die Arterhaltung, ist nicht mehr einfach aufzudecken.

Ich sehe da eine Analogie zur Teilchenphysik, die so sperrig und unhandlich wurde, weil immer neue Effekte zu beobachten sind und sich ein Teilchenzoo entwickelte. Im Moment geht es ja um das, hick, Higgs-Boson-Teilchen, ein "hypothetisches Austauschteilchen".
- Ich glaube, man muss ein wenig angeschickert sein, um zu begreifen, wie unglaublich verfilzt alles ist.

Jetzt kommen Sie, lieber Merdeister.
Leute die das erkennen, den Filz des Lebens, die haben es wohl wirklich schwer. Das wollte die Evolution wahrscheinlich nicht, dass statt das Leben zu leben, zu viel
darüber nachgedacht wird. - Nein, auch schon wieder falsch, die Evolution denkt nicht, sie läuft ab, wie die Zeit im Raum.

Schönen Feierabend noch und eine gute Woche für Sie

Christoph Leusch

PS:
Interessant ist übrigens, dass die Schweizer Psychologin Stern, die sich nun gegen ihre Vereinnahmung durch unseren zweitgrößten Oberaufreger aller Zeiten wehrte, in ihrer Antwort den Begriff Gen im Zusammenhang mit Intelligenz trotzdem noch verwendet, obwohl es eben kein solches Gen, nicht einmal eine Gengruppe gibt. Ich glaube, manchmal führt uns die eigene Sprache auf Abwege.

Wer ehrlich ist, der räumt auch ein, es steht nicht allzu gut um die Definition des Begriffs Intelligenz und manche Zeitgenossen haben sich doch auf ein viel platteres Maß für Intelligenz eingelassen, das lautet: "Intelligent ist, wer reich ist." (Passend zum Wochenthema)