Der Business-Künstler auf dem Vormarsch

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„Business-Künstler“:

„Was kommt nach der Business-Kunst?“, fragt die KUNSZZEITUNG, 4-2010, auf Seite Eins.

Als Stichwortgeber dient wieder einmal Boris Groys, der schon 1982 den Künstler als Geschäftsmann definierte, der den normalen Unternehmer weit übertrifft.

Ich würde sagen, es gibt zwei Kategorien von „Künstlerunternehmern“. Der eine beschäftigt tatsächlich, als kleines mittleständisches Unternehmen der Dienstleistungsbranche einen Mitarbeiterstab, vom Pressesprecher und Medienagenten, über den Justiziar, bis zu möglichst vielen künstlerisch-technischen Assistenten, die für den reibungslosen Fortgang des Werkes sorgen, seine quasi markenrechtlich geschützte Präsentation garantieren. Der andere Typus ist der Kleinstunternehmer in Sachen Kunst, er arbeitet sich weiter am Überleben ab.

Zum ersten Typus mag noch, als Merkmal hinzu gedacht werden, dass sein Auftritt und Angebot nicht für Handwerker und kleine Mittelständlern, gar den Bürger auf der Straße erfolgt, sondern, schon um die Einnahmeseite zu optimieren, sein Schaffen sich an die Käufer aus der Welt zwischen den Bankentürmen, strikt entlang der internationalen Finanzgoldküsten und deren Unterhaltungsapparaten richtet.

Den Prototyp des „Business-Künstlers“ gibt, überaus erfolgreich, Damien Hirst. Für öffentliche Ausstellungen und Kuratoren öffentlicher Museen ist der Umgang mit diesen Geschäftsleutekünstlern offenbar nicht mehr leicht. - Die Autoren Johanna und Luc Di Basi berichten von der jüngsten Austellung „Pop Life“ in der Hamburger Kunsthalle. Der Austellungsmacher, Hubertus Gaßner beklagt sich, Assistenten und Anwälte hätten versucht, überall, vom Museums-Shop bis zur Austellung selbst, ihre Vorstellungen durch zu drücken. In einem weiteren Artikel zur Ausstellung (S.15) berichtet Jürgen Hohmeyer über die beteiligten „Künstlermarken“, Jeff Koons, Takashi Murakami, Damien Hirst, sowie über den schon 1990 verstorbenen Keith Haring. Sie alle verkaufen, mit einer Produktions- und Marketingindustrie verknüpft, eine Palette an Kunst-Erinnerungsprodukten für jeden Geldbeutel und werben wie Markenfirmen mit Buttons, Logos und Video- bzw DVD-Produktionen. Die britische Künstlerin und Musikerin Cosey Fanni Tutti, sie heißt als Künstlerin wirklich so, betreibt Läden und produziert Pornos.

Wie auf dem Markt für andere Produkte, z.B. aus denen aus der Design und Modewelt, wird das Auf- und Ab des Marktwertes unter den Branchenkennern danach bemessen, wie viele Events bespielt werden können, wie viele Galerien und Ausstellungshallen in der Jahresproduktion eingebunden sind, wie viele „Assistenten“ man beschäftigen kann. - Gerüchte genügen zur Beeinflussung des Marktwertes und der Marktchancen. Sogar krank machen kann solche Verkaufstüchtigkeit. Neo Rauch erlebte sein Burn-out und tritt nun kürzer, so, wie Anne Wills Lebensgefährtin Miriam Meckel ihre Businesspläne, allerdings nur geringfügig, ändern musste. - Wir dürfen gespannt sein, wann uns Neo Rauch seine Krisen- und Burn-out Werke zum Kauf anbietet, ober er eventuell auch ein Bilder-Büchlein aus dem Leben dazu verfasst.

Die von der KUNSZZEITUNG prognostizierte „Wendezeit“, wieder hin zu gesellschaftskritischer, nicht markenfetischisierter Kunst, dürfte allerdings ausbleiben. Mittlerweile haben die Hauptkäufer genau dieser Kunst gemerkt, ihr Geschäftsmodell wird weiterhin gefördert und von der Gemeinschaft der westlichen Staaten sogar mit Steuergeldern auf ewig abgesichert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die „Business-Künstler“ wieder rufen: „Wir sind wieder da!“

Eine „Neo-Sakralisierung“ (Kunst als Surrogat für Heiliges), wie sie einst der oben zitierte Boris Groys erwartete, wird es wohl so schnell auch nicht wieder geben.

Mit Wibke von Bonin durch die Kunst-TV-Landschaft

Ein eher zum Schmunzeln einladender Artikel auf Seite 2 der Kunstzeitung, ist Wibke von Bonins Berichterstattung über Kunstsendungen im TV. Man könnte auch sagen, erst muss der Mensch genügend Muse und Penunze erwirtschaftet haben, um sich zu Zeiten, in denen sich normalerweise ein Körper für die Reproduktion der Arbeitsleistung erholt, vor ein Fernsehgerät zu legen, um dort, frühmorgens nochmals und nochmals die „Germania-Pläne“ Hitlers für Berlin anzuschauen, oder sich mit Arte zum Frühstück das Werk Chrsitian Boltanskis servieren zu lassen. - Macht nichts, warten wir auf das Unterwegs- Fernsehen und auf die induktions- oder GPS/Galileo gesteuerten Dienst- und Verkaufsfahrten, auf die TV-endlos Schleife für das Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn.

Wibke von Bonin , das sei lobend vermerkt, schaut natürlich, wenn sie schaut, am liebsten Arte, 3sat, WDR, BR alpha, vierundzwanzig Stunden, rund um die Uhr (Scherz!). Um im Dschungel der Möglichkeiten klar zu kommen, hat Sie auch eine Web-Empfehlung auf Lager. Zur Programmvorschau und Auswahl bedient sie sich der Webseite Hermann Ludwigs, auf www.kunstlinks.de/fernsehen.htm . - Ein Hoch auf die Pionierin des Fernsehens über und für die Kunst, denn nicht nur Herrn Ludwigs Programmvorschau ist eine wirkliche Hilfe, auch die Hauptseite der „kunstlinks“ ( www.kunstlinks.de/ ) kann uneingeschränkt als Zugang zur bildenden Kunst empfohlen werden. Was der Kunsterzieher, Hermann Ludwig, der Kunstpädagogik Professor Georg Peez von der Uni Duisburg-Essen, der Goldschmied und Kunstpädagoge Michael Schacht aus Edenkoben und der Kunsterzieher Ernst Wagner, mit ihren institutionellen Partnern seit 1999 aufbauten, verdient Anerkennung und Beachtung und ist für fast jede Frage zur bildenden Kunst ein guter Ausgangspunkt im Web.


Was kommt, wenn öffentlich gespart werden muss?

Weiter oben habe ich schon konstatiert, dass die erneute Hinwendung zu einer sozialen, gesellschafllich bedeutsamen und auf die Mehrheit der Bürger ausgerichteten Kunst, wohl ausbleiben wird. Ganz einfach deswegen, weil die Marktakteure und Marktmächtigen der „Business-Kunst“, nach kurzer Schrecksekunde, es gehe nun dem ökonomischen Ende entgegen, ihre wundersame Rettung über die generelle Staatsabsicherung feieren wollen und zum nächsten Boom aufbrechen. Dieses System hat sich verselbstständigt und benötigt weder ein Massenpublikum, noch Käuferschichten ausserhalb der Kreise der bisherigen Marktteilnehmer. Ist deren Ökonomie gesichert, geht es munter weiter.

Die Bürger der Städte und Gemeinden werden sich aber auf das Sparen einstellen müssen. So berichtet unter dem Titel „Ein ausbaufähiges Genre“ (S.3), Susanne Kaufmann über das Kunst-Kulturleben in Stuttgart. Die Hauptstadt Baden-Würtembergs leistete sich 2005 ein neues „Kunstmuseum“ in „1A“ Lage. Aber, ob auf Dauer der Unterhalt und die Programme in der Stadt finanziert werden können, das muss stark angezweifelt werden. Die Künstler der Region konnten gerade noch verhindern, dass im Rasenmäherstil und zweistellig gespart wurde. Jetzt sind es nur 5% der bisherigen Mittel, die der Rat Stuttgarts aus dem Kulturhaushalt 2010/2011 streicht.

Karlheinz Schmid nimmt das Thema auf und berichtet auf Seite 9 und 10 vom Zustand der öffentlichen Museen. - „Bald wird ’s richtig ernst“, steht im Titel. - Irgendwie ist dieser Artikel missglückt. Nachdem am Anfang über ein Foto des Ausstellungsteams der Bielefelder Kunsthalle, -da sehen alle so superengagiert und begeistert auf den Fortografen-, der Einstieg ins Thema gelingt, wer den zukünfitg im Museum, vor allem bei öffentlichen Museen und Galerien, das Sagen haben wird, Kunsthistoriker, Geschäftsführer,Kaufleute oder Mäzene, und in welche Richtung sich Sammlungen und Ausstellungskonzepte bewegen, driftet der Artikel später in relativ belanglose Spielereien um Musemumsbau, Mäzenaten und Stiftermuseen und die privaten Sammler als Heilsbringer ab. Zwischendurch handelt Schmid, durchaus gut beobachtet, den Hang der Städte ab, einerseits von den Museen und Galerien ein perfektes Eventmarketing zu verlangen, ihnen auch die notwendige Sponsorensuche aufzubürden, aber dann die Etats nur noch kurzfristig und mit Kürzungen zu garantieren. - So kommt sein eher resignatives Fazit zustande: „Die Rettung liegt, leider, nur in privater Hand. Die öffentliche Hand kneift.“

Museumsinsel, Humboldt-Forum, Kunstforum und die Masterplanung Berlin:

Auf Seite 6 und 7 dokumentiert die KUNSTZEITUNG ein ausführliches Interview Hans-Joachim Müllers mit den beiden wichtigsten „Museums-Intendanten“ (meine Schöpfung) Berlins. Hermann Parzinger ist seit eineinhalb Jahren der Präsident der Stiftung Peußischer Kulturbesitz und Michael Eissenhauer leitet seit etwas mehr als einem Jahr die Staatlichen Museen zu Berlin.

Ihr gigantischen Projekte heißen Museumsinsel,Humboldt-Forum, Kunstforum. Dafür müssen sie auch eng zusammen arbeiten.

Das Humboldt Forum wird gebaut und soll „2016, 2017 oder erst 2018“ fertig werden. Den Direktoren kann das letztlich egal sein. Parzinger erläutert nochmals knapp den prinzipiellen Unterschied zur bisherigen Konzeption der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Dahlem. Das Forum soll flexibler ausstellen, nicht dauerhaft immer die gleichen Exponate anbieten. Das Erdgeschoß, die „Agora“, soll, als Herzstück, die aktuelle Kunst repräsentieren und Räume für Performance, Tanz, Theater und Film zur Verfügung stellen. In der zweiten Etage sollen die „Werkstätten des Wissens“ liegen, also Bibliotheken, Archive, Forschungseinrichtungen. Aber, so ist es Parzingers Wunsch oder vielleicht schon der Wille aller Beteiligten, auch diese Etage soll für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Ganz oben, folgen dann die Räume für das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst.

Alles sei „modular“ gedacht, d.h. in der Präsentation veränderlich. -Hier greift Michel Eissenhauer ein. Zumindest die bedeutsamsten Sammlungsteile, z.B. die Westafrikanische-Abteilung, seien aber auf jeden Fall immer zugänglich.

Ein bisschen weit hängt sich Eissenhauer aus dem Fenster, wenn er meint, das Schloss, die Rekonstruktion, sei der ursprüngliche Ausgangspunkt für die nun angestrebte Konzeption eines Weltkulturmuseums. Er bezieht sich natürlich auf die Gebrüder von Humboldt, Alexander und Wilhelm. Aber das Museum des eigentlichen Weltenerforschers Alexander, eher ein geistiger „imaginärer“ Raum ohne verdunkelte Schlossfenster und mächtig- dicke Mauern, -das Alles wird ja sogar in Stellas zusätzlichen An- und Einbauten nun wiederholt-, wäre doch viel eher in unserer Vorstellung ein leichter und luftiger Raum, als die eher biedere Ästhetik der neuen Konzeption es vorgibt. Ein bisschen wilhelminsches Gymnasium und staubtrockene Lehre um jeden Preis wird schon sichtbar, wenn sein Partner Parzinger nun anschließt und betont, man wolle nicht das künstlerische an den ethnologischen Objekten so stark betonen, wie das in Paris, im Musée du Quai Branly der Fall sei.

Parzinger sieht Museumsinsel und Humboldt-Forum als Einheit und beruft sich auf die Vision zur Museumsinsel aus dem 19.Jh., „Das muss auch die Vision zu Beginn des 21.Jahrhunderts sein, in dem die globalisierte Welt längst Wirklichkeit geworden ist.“ - Dahlem wird als Museumsort schrittweise aufgegeben.

Die zweite futuristische Dauerbaustelle der Museen ist das Kulturforum, scherzhaft oder auch mit halbem Ermst, Museumsinsel II genannt, mit Lage auf dem Trockenen. Ein wenig öde wirkt es da, zwischen Piazetta und Potsmaer Straße und die KUNSTZEITUNG fragt zu Recht, warum denn große, publikumswirksame Ausstellungen die die Aufmerksamkeit auf die Galerie der alten Meister lenken sollen auf der Museumsinsel stattfinden, während die hervorragenden Sammlungen in der Galerie selbst wenige Besucher ziehen, vergleicht man das Interesse dort, z.B. mit dem für das Städel in Frankfurt.

Die beiden Direktoren sehen die städtebauliche Ödnis, verteidigen aber ihr Konzept. Schließlich stehe der schon von den Vorgängern etablierte Masterplan auf festem Boden. Zwischen Piazetta und Potsdamer Straße will die Stadt Berlin tätig werden und ein Besucherzentrum und eine Café-Gastronomie einrichten. Eissenhauer beschreibt den Potsdamer Platz und seine Umgebung gar als Freilichtmuseum für Architektur.

„Das Kulturforum Postdamer Platz ist ja auch ein Museum der Architektur des 20.Jahrhunderts. Man kann hier an Gebäuden- von der Inkunabel der Moderne, von Mies van der Rohes Nationalgalerie, über die Scharoun-Bauten, den vielgeschmähten Gutbrod- Bau

bis hion zum hybriden Wiederaufbauwillen nch dem Fall der Mauer- die ganze Baugeschichte des 20.Jhrhunderts großartig verfolgen.“ - Schade nur, dass dieses Freilichtmuseum auch noch Stadt ist, denn solche netten Bonmots täuschen nicht darüber hinweg, wie schlecht eine lebende Stadt fährt, wenn Museumsdirektoren sie in ganzen Ensembles als museale Beipielobjekte sehen möchten.

Michael Eissenhauer verteidigt tapfer und klug das geplante Konzept, angelehnt an die Bodesche Idee, die Künste und das Kunsthandwerk nicht getrennt sondern gmeiensam zu zeigen. So werde eine Austellung zur Porträtkunst der Renaisance 2011 im Bode-Museum Bilder und Plastiken zusammen führen.

Hermann Prazinger assisitiert und meint, reine Skulpturensammlungen, wie z.B. die im Bode -Museum seien nicht mehr tragfähig und müssten integrierenden Konzepten weichen. Nun, auch für diese Vorstellung gibt es Gegenbeispiele, z.B. in Frankfurt am Main, das Liebig-Haus, aus wenn die Dimensionen andere sind.

Klar ist jedenfalls, der Wille der beiden Leiter, das Bode Museum in der nächsten Zukunft als Hauptausstellungsort der Alten Meister zu entwickeln. Klar ist auch, der Platz reicht für die vielen Sammlungen trotzdem nicht. In der Neuen Nationalgalerie wird es auch nach der Sanierung und nach Umbauten für die Kunst des 20.Jahrhunderts nicht genug Raum geben, und so müssen Teile der Sammlung alter Meister weichen.

Eissenhauer formuliert zumindest den Anspruch, die Neue Nationalgalerie müsse nach dem Umbau einen Teil der Sammlung Pietsch, das sind vor allem Werke der Künstler die unter den Nazis als entartet galten, aufnehmen und zeigen können. Auch er sieht eine wirklich tragfähige Gesamtlösung, eine Galerie des 20. Jahrhunderts als Hauptaustellungsort, noch in weiter Ferne.

Derweil läuft die Sanierung auf der Museumsinsel weiter. In diesem Frühjahr öffnet der Kolonadenhof zwischen Alter Nationalgalerie und Neuem Museum, in zwei Jahren soll die James-Simon Galerie fertig gestellt sein und parallel dazu wird die Sanierung und Erweiterung des Pergamon-Museums anlaufen. - Kein Wunder also, wenn Hans-Joachim Müller von der KUNSTZETUNG nachfragt, ob sich solche gigantischen, das „Ganze“ in den Blick nehmenden Vereinigungsvorstellungen nicht überholt hätten.

Nur wenig Trost spenden die heeren Worte der beiden Direktoren, die James-Simon Galerie werde, wie das Erdgeschoss im Humboldt-Forum, nicht nur für Verbindung im Gesamtgefüge sorgen, sondern auch eine Möglichkeit bieten, unterschiedliche Teile der Sammlungen oder fremde Leihgaben miteinander zu konfrontieren, sogar aktuelle Kunst- und Kultur-Themen in diese gewaltige Museumslandschaft ein zu beziehen.

Maria Lassnig im Lenbachhaus München

Wie man mit 90 Jährchen noch wild und erfrischend gut malt, das führt eine Austellung im Lehnbachhaus in München vor. Sie ist der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig gewidmet und zeigt Bilder aus den letzten 15 Jahren. Die Vitalität der alten Dame, das wird man hier so sagen dürfen, überrascht und macht froh. Wäre doch alt werden, wenigstens zum Teil, genau so, wie Astrid Mayerle die Künstlerin beschreibt. Auf Seite 15 der Kunstzeitung gibt es auch ein aussagekräftiges Bild Lassnigs zu sehen. Das „Landmädchen“, a nackerte Oalde auf ´em Mofa. Eine alt gewordene, kräftig fleischige Jungfer-Magd sitzt auf ´nem roten Mofa und fährt selbstbewusst, nicht ohne gewissen Griesgram im Gesicht, los. Wer also in München vorbei kommt, der schaue dort vorbei, das klingt nicht nur interessant, sondern ist es sicher auch.

Schön, wie es Frau Mayerle gelingt, typische und schlagende Zitate der Künslerin in den knappen Artikel einzubinden: „Ich bin ein Realist, der mit dem Realismus nicht zufrieden ist“, „Die Leut´ ham mir immer gsagt, du hast so einen langsamen Blick“. Astrid Mayerle empfiehlt besonders die Selbstporträts: Maria Lassnig zielt mit einer Wumme aufs Publikum, Maria Lassnig hält sich den zweiten Colt an die Schläfe.

Sind Mäzene die wahrhaftigen Bürger? Das Beispiel Frankfurt

Ein wenig peinlich wirkt Max Holleins Text zum bürgerlichen Engagement in der Kulturförderung. Da sitzt er vor Goethe in der Campagna, der (General-)Direktor der Frankfurter Kunstmuseen Städel (bildende Kunst, vom Mittlealter bis an die Gegenwart heran), Liebighaus (Plastik und Bildhauerrei), Schirn (Wechselaustellungen), in blank geputzen, gelben Bau-Stiefeln, gelehnt auf einen Stapel der gebundenen Ausgabe des aktuellen Städel- Museumskatalogs, direkt neben seinem Text.

Der Zweispalter ist ziemlich inhaltsleer, so wie das Foto groß ist und die Prätention die es vermittelt. Wer denn hier auf das private Engagement wirklich wartet, auf die bessere Gesellschaft, die er zum Eintritt gerne per Handschlag begrüßen möchte, könnte besser nicht bebildert sein.

Jetzt bekommt das Städel, mit Unterstützung seiner Mäzene noch einen Flügel für die „Kunst nach 1945“. Hoffentlich wird dieser Bau nicht so furchtbar sakralisiert angelegt, wie der letzte Ausbau. Denn was das alte Städel auszeichnete und immer noch ausmacht, eine Eigenschaft, die es mit der National Gallerry in London teilt, ist gerade ein gewisser Hang zur Schlichtheit, und die Möglichkeit für die Besucher, in den großen und im Ton warm gehaltenen Räumen zu verweilen, vor den Bildern zu sitzen. 2011 ist Eröffnung und wir können überprüfen, ob der Anspruch erfüllt wird, oder ob das ganze nur ein zusätzlicher Kulissenraum für wichtige Stehempfänge wird.

Künstler als Selbstvermarkter, die asiatische Normalität: Quantitäten erschlagen Qualität:

Auf Seite 22 berichtet Claudia Dias über den asiatischen Kunstmarkt. „Schamlos kommerziell“, so der Titel, sei das und um Qualität müsse gerungen werden. Frau Dias lässt die Szene selbst zu Wort kommen. Die Region der Sammler, aufgrund schierer Größe, sei nun einmal Asien und Won-Jae Park, Inhaber der Galerie „One and J.“ in Seoul, erklärt freimütig, die meisten Käufer halte er für Spekulanten.

Die Verhältnisse näherten sich, mit der Bankenrettung durch die Staaten und dem garantierten Fortbestand des Investmentbankings, wieder nahezu den Vorcrash-Zeiten. Die Galeristen in Seoul und ihre Business- Kollegen mit asiatischen Wurzeln in New York, kennen sich ökonomisch bestens aus. So freut sich Vishakha Desai, Geschäftsführerin der „Asia Society“, dass Asien mittlerweile die Hälfte des ganzen Welthandels bestreite. Das Bewusstsein folgt dem Sein und so fällt auch zunehmend etwas für die Kunst ab!

Im Unterschied zu Europa, ist die langjährige Bindung der Künstler an eine oder wenige Galerien eher eine Ausnahme. Es gibt zwar Galerien, die sich mit dem europäischen Modell halten können, Hauskünstler jahrelang vom Nicht-Erfolg bis zum Hype zu fördern und pflegen, und den Kontakt auch bei einer einsetzenden Flaute zu halten, so z.B. Bhodi Art, Bose Pascia und Nature Morte in Indien. Die meisten asiatischen Galerien müssen aber selbst auf dem Markt einkaufen, den die Künstler als Unternehmer bespielen. Galerien sind in Asien meist keine Talentagenturen! Viel Kunst geht in Einzelstücken über groß angelegte Auktionen in den Verkauf. Diese Werke werden speziell für die Auktionen produziert.

Anupam Poddar der Mäzen der derzeit größten öffentlichen Sammlung Indiens, der Devi Art Foundation in Neu Delhi, -sie sammelt Kunst aus Indien, Pakistan, Sri Lanka und Afghanistan-, meint, es hätte im Boom des Finanzwirtschaftswunders kaum Fragen nach Qualität gegeben. In Indien gebe es keine entwickelte Kunstkritik und die Kunstschulen des Landes seien völlig veraltet.

Er selbst meide Auktionen, gehe lieber in Ateliers und Galerien, suche da nach Beweisen für ein Werk, nicht nach dem einen Bild oder Kunstgegenstand.

Derzeit gibt es in Asien nur zwei erreichbare öffentliche Sammlungen, die eine nennenswerte Zahl an aktuellen asiatischen Künstlern präsentieren, das Fukuoka Asian Art Museum und die Queensland Art Gallery. Die Ausstellungs-Triennalen beider Häuser sind die einzige Chance für moderne Künstler aus Burma, Laos, Kambodscha und Vietnam, sich intenational zu präsentieren. 2014 kommt noch die National Art Gallery in Singapur hinzu, also in der Metropole, in der die Kunst den höchsten Warenumsatz produziert, um eventuell dort so etwas wie ein Qualitätsanker zu werden. - Aus diesem sehr gut geschriebenen Artikel habe ich viel gelernt. Danke Frau Dias!

Fazit:

Es bleiben noch genügend unbesprochene und lesenswerte Artikel übrig und die KUNSTZEITUNG bleibt mein „Geheim“-Favorit, ausgelesen, auch als Unterlage für den Küchenabfall.

Christoph Leusch

16:05 08.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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