Der Staat, Leviathan mit schwarzen Spiegeln

Staatskunst+Kritik Kunst und Medien liefern lesbare Oberflächen der Ansichten vom Staat. "Das Reich ohne Mitte", eine Ausstellung der Kunsthalle Mainz, gibt brauchbare Antworten
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Der Staat, Leviathan mit schwarzen Spiegeln
"Sky Mirror" von Anish Kapoor in New York

Foto: Mario Tama/ AFP/ Getty Images

Der Staat, Leviathan mit schwarzen Spiegeln

Das dumpfe Unbehagen an der demokratischen Kultur

Die letzten Jahre nach der Jahrtausendwende werden in den westlichen Demokratien durch ein Unbehagen an der demokratischen Kultur geprägt. Dieses ungute Gefühl ist bisher nicht wirklich aggressiv und laut geworden. Es wird auch nur von etwas nachdenklicheren Menschen genauer definiert.

Dass etwas grundsätzlich faul sei, in den demokratisch verfassten Staaten und es ungerecht zugehe, glaubt jedoch schon eine Mehrheit, die noch gar nicht weiß was sie machen soll oder stumpf meint, es müsse immer alles so bleiben. In einer solchen Gemengelage gewinnen erst einmal Populisten und Konservative, weil sie laut „Sicherheit“, „keine Experimente“ und „Stärke“ rufen. - Wer will schon schwach und unsicher sein, wer will gefährlich Neues wagen, bei so viel Unwissen und Ungewissheit?

Wenn auch jeder revolutionäre Impetus bisher fehlt und allzu sehr Hoffnungen immer noch mit großen Einzelnen in der Politik verbunden werden, zuletzt mit dem ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten, so herrscht doch selbst bei vielen Bessergestellten und gar Konservativen ebenfalls ein grundsätzliches Misstrauen, weil ganz offensichtlich die völlig ökonomisierte Welt, ohne Werte und lebensnotwendige Bekenntnisse für das soziale Zusammenleben, den Globus eher tyrannischer, unsicherer und zunehmend lebensfeindlicher werden lässt.

Staatspolitiker gaben, mit Zustimmung ihrer Wähler, die Garanten- und Balancefunktionen der Demokratien und Republiken freiwillig auf und begründeten dies als ökonomische Notwendigkeit, als Reaktion auf den ökonomischen Prozess.

Schleichender Werteverlust

Demokratische Staaten verfügen zwar über Gewaltenteilung, regelmäßige Wahlen, eine noch halbwegs freie Medienlandschaft und, jedenfalls auf dem heiligen Verfassungspapier, unverletzliche Individual- und Sozialrechte. Immer öfter finden sich die Aussagen, Reden und fleißigen Texte dazu nicht mehr in Übereinstimmung mit der gelebten Realität, die täglich den einfachen Bürgern soziale und gesellschaftliche Sicherheiten raubt. Andererseits scheuen Demokratien vor Staatsverbrechen, geheim oder völlig offen, nicht mehr zurück.

Die Pressefreiheit ist doch nichts wert, wenn alle Medien stromlinienförmig nach Quoten und TEDs berichten. Kultur zählt nichts mehr, wenn nur noch das Bayreuth-Ritual und andere Charts wirklich was gelten. Recht und Ordnung sind ein Nichts, wenn es kleine Gruppen, Eliten, gibt, die ersichtlich mehr damit anfangen dürfen und können, als die große Mehrheit. Wenn Kapitalisten jährlich 10, 15, gar 25 % Gewinn aus der Anlage ihres Kapitals ziehen wollen, an der Börse gar noch mehr verlangen, dann müssen zwangsläufig viele andere, wenn nicht eine Mehrheit der Gesellschaft, allein schon für deren erhöhte Gewinnchancen und deren Durchsetzungswillen auf ihren gerechten Anteil verzichten. Wenn diese Leute sich weiterhin durchsetzen dürfen und sie Politiker bei Wahlen durchbringen, die dieses Gesellschaftsmodell teilen, dann kann es nicht mehr gerecht, ehrlich und offen zugehen.

Das Empfinden der Ungerechtigkeiten ist überall da, aber der Unwille den Zustand zu akzeptieren, bleibt bisher bloß ein kollektives Unbehagen, mehr nicht.

Die Aufgaben des demokratischen Staates

Welche Rolle spielt der Staat, der im vergangenen Jahrhundert, das nicht nur ein Jahrhundert der Grausamkeiten, sondern auch eines der sozialen Demokratie war, als Schutzgarant des Volkes, der Bürger, vor den Ansprüchen der mächtigen Privaten, wenn er wieder in die Rolle des Nachtwächters zurückfällt, für die Claims der Reichen, Erfolgreichen und medial Präsenten? Was bleibt, wenn der Staat die Sicherheit vor Lebensrisiken wieder in private Hände legt, wenn er dem Einzelnen beständig entgegen ruft: „Du musst dich um deine Sicherheiten allein kümmern und für das Restrisiko – du als Person, stellst potentiell immer schon eines dar – gibt es zukünftig ein Existenzminimum, dazu allmächtige Sicherheitskräfte und umfassende Datensammlungen, um dir staatliche und private Angebote zu machen, die du nicht mehr ablehnen kannst.“

Das Geheimnis der bisherigen Ruhe liegt in der neuartigen Verfasstheit des politisch-medialen Komplexes. Die glatt polierte, mediale Benutzeroberfläche, hat die Qualität unserer mittlerweile perfekt haltenden, gehärteten Autolacke über feuerverzinktem Feinblech. Die Hauptakteure, es sind selbst in einem bevölkerungsreichen Land gerade einmal ein paar Tausend Leute, machen die Agenden untereinander aus und die Durchblicke bleiben für Normalsterbliche verhängt.

Kunst und Kultur als Ornament des Staates

In der Gründungsstadt der langsam verlöschenden Gutenberg- Galaxis, Mainz -neuerdings Nachts vom Bahnverkehr abgehängt- zeigt die Kunsthalle, eine kleine, im Eintritt moderate, dafür aber intelligente Kultureinrichtung, derzeit die Austellung Das Reich ohne Mitte“. Es geht um die Dienerschaft oder den Widerstand der Kunst, die Verhältnisse einfach abzusegnen, wie sie nun einmal sind.

Vater Staat

Noch bis zum 6. Oktober dieses Jahres empfängt Thomas Schüttes, „Vater Staat“ (2011), eine fast vier Meter hohe Plastik aus Stahl, jeden Besucher, der im höchsten Raum des Ausstellungsortes erst einmal um die, mit dem Rücken zur Tür stehende Figur herum gehen muss. Undurchdringlich wirkt dessen seelenloser Röntgenblick. Unheimlich und raumgreifend zugleich, fasst er jeden Betrachter direkt an, der dorthin aufschaut. Der „Vater- Staat“ macht klein, schüchtern, verlegen, angesichts seiner Härte und Präzision, trotz der rostigen Oberfläche, die allenfalls auf seine fast ewige historische Dauer, sein Altertum, hinweist. Der Körper des Staates, sein „Fleisch“, ist durch einen bodenlangen Mantel verhüllt.

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Thomas Schütte, Vater Staat (Detail), 2011, Villa Waldfrieden, Wuppertal

Obwohl die Figur realistisch wirkt, ist ihre Körperlichkeit durch diese Bekleidung, die vorn mit einem Knoten geschürzt ist, aufgehoben. Unter dem Mantel, so steht zu befürchten, so deutet es die recht magere Taille an, ist vielleicht gar nicht mehr viel, nicht einmal ein Skelett. - Haben wir Respekt und Furcht vor einer Vogelscheuche? - Auf dem Kopf sitzt eine einfache Mütze, die man einst bei einem rumänischen Diktator oder weiter östlich noch heute, in der Form schon einmal gesehen hat, die hier aber auch einfach eine Bauernkappe, eine Schlaumeier-Kappe, die die Unbedarftheit des Hütchenträgers nur antäuscht, vorstellen könnte.

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Thomas Schütte, Vater Staat (2011)

Die Gesichtszüge lösen Assoziationen aus: Ist es Adenauer, Schäuble oder Schily, oder doch nur die Personifikation des unheimlichen Herrn von Staat? - Thomas Schütte wusste wohl, warum er zu dieser Figur zunächst weder einen Titel nennen wollte, noch allzu viele Kommentare abzugeben gedachte.

Germania

„Vater Staat“ bewacht den Aufgang zur weiteren Ausstellung, das hat kafkaeske Züge. Direkt nach ihm folgt „Germania“ (Grundsteinlegung 1877, Weihe 1883), als winziges Modell des monumentalen Niederwalddenkmals oberhalb Rüdesheims, ein Beispiel aus der Zeit der staatlich geförderten, regelmäßig finanzielle Desaster erzeugenden, Nationaldenkmale des Wilhelminismus.

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Es spielt die „Wacht am Rhein“ und ein Registerbuch beweist den Ehrgeiz der national gesinnten Bürger, der ihren Geiz noch übertraf. Sie wollten bei dem mächtigsten Staat auf deutschem Boden unbedingt dabei sein und die Siege über seine Nachbarn mitfeiern, durch schiere Größe und tumbe Einfalt. - Was der Bürger in seinem Wahn nicht als Spende aufbrachte, das schoss der Staat aus seinen Steuer- und Zolleinnahmen zu. Eine Reihe von Dokumenten und Stichen schildern die Verhältnisse, und irgendwie vermischt sich der gar nicht hörbare Klang von „Nun danket alle Gott“ mit der Gewissheit, dass jenes protestantische Lied recht eigentlich am häufigsten von Soldaten gesungen wurde.

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Leviathan, nicht schaumgeboren, ungeheuer

Wo und wann begann das alles? Gegenüber, im gleichen Raum, findet sich eine Originalausgabe des Hobbeschen „Leviathan“ von 1651. Aufgeschlagen liegt das berühmte Vorsatzblatt mit dem bekrönten Riesen „Staat“, Abraham Bosses Stich. In der Grafik sind sämtliche Elemente der weltlichen und geistlichen Macht des Herrschers versammelt. Die militärischen, die geistlichen und geistigen Folterwerkzeuge werden dargestellt. Die geistigen Instrumente stehen als teuflische Spieße und sind jeweils bezeichnet. Die Logik des Verstandes, im Einklang mit der Theologie, setzten Hobbes und Bosse mit der Macht der Waffen gleich.

Freiwillig geben die Bürger-Untertanen ihre Macht ab, weil sonst die Wolfsgesetze unter ihnen herrschten und das Chaos des Bürgerkrieges unbedingt wieder ausbrechen müsste. Staatsdenker und Künstler wussten wohl um die Gefahren solcher Machtübertragungen, aber der frühneuzeitliche Philosoph und Politikberater dachte klein von uns, als Gattung. Sich selbst hielt er jedoch für einen guten Psychologen, der er in Wirklichkeit gar nicht war!

Large Two Forms, Bonn das Djidda des Okzidents

1977 hatte die Bundesrepublik längst den paradigmatischen und pragmatischen Kanzler und Staatsmann, eine ikonische Kanzlerfigur, den sich alle, sogar die konservativen Gegner, wünschten: Helmut Schmidt. Den idealen, idealistischen und idealisierten Emigranten und Exilanten, war die Republik mithilfe einer Staats- und Amtsposse, zu der unser aller "Willy" auch einen Teil beitrug, wieder los geworden.

Auf dem Höhepunkt der Macht, Helmut Schmidt wurde nicht verehrt und geliebt, nicht als politischer Mensch im Amt verstanden, der für seine Mitbürger weit in die Zukunft sah, sondern als Macher und Bestimmer bewundert, der selbst einem unerfahrenen amerikanischen Präsidenten die weltpolitischen Notwendigkeiten erklären konnte, brauchte es für die Leere des Platzes vor der gebauten und verbeamteten Kanzleramtsmaschine zu Bonn eine Füllung.

Tatsächlich kam die Hilfe und Rettung unverhofft, weil der Wüstenstaat Djidda plötzlich für Henry Moores „Large Two Forms“ keine Verwendung mehr hatte. Zu erotisch sollen die Rundungen der Abstraktion gewesen sein, kolportierte Schmidt in seinem Vorwort „Kunst als Ausdruck und Symbol für Menschlichkeit“ zu „Kunst im Kanzleramt. Helmut Schmidt und die Künste“ (1982). - Der greise britische Künstler wollte sein Werk allerdings viel lieber in der Parklandschaft zwischen Kanzleramt und Palais Schaumburg aufgestellt sehen, nicht vor dem gebauten Apparat der Staatsmaschine.

Die makellosen Rundungen der Mooreschen Großplastik waren hart erschliffen und herauspoliert. Keine Naht durfte sichtbar sein. Störungslos korrespondieren die beiden Formelemente und machen eines auf jeden Fall begreiflich: Die Demokratie und der demokratische Staat sind schon 1977 von einer solchen höhergradigen Komplexität und Differenziertheit, dass jede dezidierte Stellungnahme, jede erkennbare Positionsbestimmung, zugunsten dieser glatten, großen, runden und glänzenden Oberflächenformen aufgegeben wurde.

Ist das nicht ein Symbol der Schwachstelle aller demokratischer Politik in Deutschland? - Die Leere füllt sich nur unbestimmt und abstrakt. Sie soll dabei wenigstens eine schmeichelnde und schöne Form annehmen.

Ganz sicher ist der Staat Bundesrepublik nicht von jener dröhnenden Leere, die ihm Radikale und vor allem damals die Terroristen vorhielten, die schließlich selbst, in jenem Deutschen Herbst und danach, mit ihren Gewaltakten, zu inhaltsleeren, absoluten und schrecklichen Gesten griffen, jede Substanz eines weiterführenden Widerstandes tilgend.

Aber nicht recht greifbar ist diese Sozialmaschine Staat schon. Sie lief nur besser, für einen größeren Anteil der Gesellschaft. Herrschaft durch effiziente Verfahren und strukturierte Verwaltungsakte, sie wird vorsichtig und abstrakt, mit solcher Kunst gelobt und anschaulich gemacht. - Ob das wirklich erotisch ist?

Cor-Ten Stahl vor der Einsegnungshalle

Das zweite, in der Ausstellung vorgestellte Staatskunstwerk der Bundesrepublik, nun vor dem Kanzleramt zu Berlin, ist Eduardo Chilidas Stahlplastik „Berlin“ (2000), ausdrücklich mit Bezug zu den zwei Großformen Moores, vom neuen und zugleich alten Staat beauftragt.

Wirken Chilidas Plastiken mit einem Bezug zur Landschaft und zur Perspektive einer Horizontlinie, so lässt der Aufstellort vor dem Berliner Regierungssitz alle diese Bedingungen vermissen. Die Großformen entsprechen jenen der Serie „Windkämme“, „Peines del Viento“, die vor San Sebastian im spanischen Baskenland an einigen Uferklippen in die Bucht der Biscaya hinausgreifen, dort gichtumspült und windumtost rosten und manches Mal zu singen beginnen.

Der Verleger und Gründer des Wort & Bild Verlags Rolf Becker und dessen Ehefrau sponsorten die die beiden, eigentlich titellosen, dann aber, unter Berufung auf Chilida, „Berlin“ getauften, gestauchten und gedrehten Elemente. Sie wirken eher wie Greifer, ruhig auch Ineinandergreifer. Allenfalls sind es kantig stilisierte Arbeitshände oder große (Wirtschafts-) Kraftarme, statt Windkämme oder Äolsharfen.

Die Skulptur solle atmen können, bemerkte Chilida. Vor der großen Schachtel gelingt dies jedoch nicht.

Ob des greisen Künstlers Cor-Ten- Stahl tatsächlich auch die Schwierigkeiten der Deutschen Einheit symbolisiert, wie zur Einweihung behauptet, das ist eine Sache der Interpretation und des Glaubens, im Vertrauen auf die eher spärlich mitgeteilten und kolportierten Absichten aller Beteiligten.

Die Freiheitsstatue als Boatpeople-Trümmerfragment

Der in Vietnam geborene Danh Vo hat die Freiheitsstatue, im Original ein Geschenk der französischen Republik an die junge amerikanische Demokratie, in originalgroßen, getriebenen Kupferblechfragmenten nachgebildet. Das „scattered“, verstreut und zerteilt, auf und neben Paletten lagernde Wahrzeichen New Yorks, wurde zum Strandgut, wie die vielen der Wracks der gestrandeten Boote, die fast täglich an Europas Küsten ankommen, weil der Atlantik zu weit ist.

Boat-People kennen keine Heimat mehr, keinen schützenden Staat, nur Ohnmacht. Trotzdem sind sie auch mächtig, denn an ihrer eher geringen Zahl machen sich massive Überfremdungsängste der Deutschen und der Europäer fest.

Danh Vo nennt seine Arbeit aus den Jahren 2010-2013, „We the people“. Sofort legt das Räderwerk im Betrachterhirn los und sucht nach der Herkunft und Bedeutung. Es ist die amerikanische Verfassung, die in ihrer Präambel mit diesen Worten beginnt. Wir Deutsche könnten nur sagen, es hat kurz einmal einen Beginn bei uns gegeben, „Wir sind das Volk“, bevor es endgültig „Wir sind ein Volk“ hieß. Diese Bestimmtheit des Volkswillens zu unveräußerlichen Rechten, die kennen wir nicht.

Lenin kommt zurück

In den Turmobergeschossen der Kunsthalle Mainz wartet der ironische Witz der Kunst, geht es um Vater Staat. Sieben Minuten darf man bei Sommerhitze und in völliger Dunkelheit nicht einschlafen und tatsächlich reibt man sich verwundert die Augen, warum nun plötzlich freudig erregte Massen, teils in sozialistisch wirkenden Uniformen, teils mit Fähnchen unbekannter Nationalität, lachend und wohl auch begeistert singend, obwohl kein Ton dazu läuft, ahnt man es, die Wiederaufrichtung einer überlebensgroßen Lenin-Statue feiern. Auch ein paar Besoffene irren durch die Szenerie.

Erst allmählich dämmert es, dass der schlitzohrige Deimantas Narkevičius aus Vilnius mit seinem Beta Cam- Videoloop „Once in the XX. Century“ (2004), den Ablauf der Demontage des Denkmals nur geschickt umkehrte. - Berliner haben es gut, denn Narkevičius wird von der Berliner Galerie Barbara Weiss betreut. Da gibt es vielleicht noch mehr zu sehen. - Die Bilder funktionieren vorwärts und rückwärts und die kinderleichte Art der Betrachtertäuschung entlarvt gnadenlos jeden vorurteilsbeladenen Blick auf die Politik, ihr Abbild und unser schludriges Wahrnehmungsverhalten ihr gegenüber.

Narkevičius schrieb 2001, anläßlich der 49. Bienale in Venedig, zu der er eingeladen war: >>I started my work as an artist in a period of dynamic change for my society. The stress and neurosis caused by all the dynamism diverted this society from both historical reflection and future concerns. The ideological "orientation" that dominated for decades was - among other things - an attempt at creating a society above and beyond history. The new political situation re-inserted us into the rotating circuit of history, which inevitably requires a vision. But as we started working on such a vision for ourselves, things re-emerged from the past; phenomena that had been hidden under the surfaces of ideology. They lead us into uncharted, unwanted, unpleasant territory, muddling our vision of the future.´ << ( http://www.culturebase.net/artist.php?699 )

Die Quintessenz: Ein ahistorisches und rein dynamisches Dasein im Hier und Jetzt ist nicht nur schwer erträglich und schwer lebbar, sondern lockt sich selbst zunehmend in die Falle. Apolitisch und kulturlos sein zu wollen, das endet in Barbarei, auch wenn die Rede über sie still bleibt. Nirgends tauchte seither eine dringlich notwendige Vision auf und alte, staatsmännische Rauchkringel schicken gar solche Leute zum Arzt.

Otto Muehls Staatsoberhäupter, Panoptikum oder Bestiarium

Der letzte Raum zeigt Siebdruckporträts des 2013 verstorbenen Aktionisten Otto Muehl. Neben der Politprominenz aus der Vergangenheit, von Hitler bis Mao, vom letzten Schah Persiens, nebst Gattin, bis zu Adenauer und de Gaulle, fand auch mein Lieblingsadliger, der junge Prinz Charles, die Aufmerksamkeit des Künstlers, obwohl er weder die Staatsspitze repräsentierte, noch damals große Bedeutung erlangt hatte. In poppigen Farben und mit reduzierten Linien werden die Charakteristika der „Faces“ betont und ihr Wert als Ikon ironisiert. Die Pop-Art Weltbetrachtung macht Politiker und Revolutionäre mit Mick Jagger, Bono, Madonna oder Lady Gaga gleich. Das Datum dieser Modernität: 1967. - Obamas bekanntestes Wahlkampfplakat zeigte ihn nicht anders! ( http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/5/55/Barack_Obama_Hope_poster.jpg )

Dies alles und noch viel mehr, sehe sich an, wer Zeit, Gelegenheit und Willen hat. Die kleine, lehrreiche und gut kuratierte Ausstellung am ehemaligen Zollhafen in Mainz lohnt.

Christoph Leusch

1) Die Webseite der Kunsthalle Mainz, mit ausführlichen Informationen zur aktuellen Ausstellung: http://www.kunsthalle-mainz.de/de/

2) Kurzportät des litauischen Konzeptkünstlers und Dokumentaristen, Deimantas Narkevičius : http://www.culturebase.net/artist.php?699

3) Knappes, aber genaues Curriculum der Galerie Hofstätter, zu Otto Muehls Schaffen: http://www.galerie-hofstaetter.com/artistBio.php?id=100&lang=jp&folder=Otto.Muehl

4) Zu Danh Vos verstreuten Teilen der Freiheitsstatue,"We the people", deren ca. 300 Teile nun durch die Welt reisen, führt dieses Video der Renaissance Society und der Universität Chicago : http://www.youtube.com/watch?v=sZNOSUlHBOo

5) Raketenstand Germania, das Niederwalddenkmal oberhalb Rüdesheims einmal anders: http://haendlerundheldenmbh.blogspot.de/2012/06/raketenstand-germania.html

Dazu ein bisschen mehr Text: https://www.freitag.de/autoren/columbus/germania-rakete-mit-unberechenbarer-flugbahn

12:35 08.08.2013
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