Der unnatürliche Tod eines Grünfinken

Vogelmord Ist das Windrad unser Lieblingsmordwerkzeug für die gefiederten Freunde? Der Fensterscheibentod eines kleinen Grünfinken erzwingt die Fahndung
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Der unnatürliche Tod eines Grünfinken
Mensch, Vogel, Katze: Wer tötet wen?

Foto: Chris Ware/Keystone Features/AFP/Getty Images

Windräder und der unnatürliche Tod eines Grünfinken

Neulich, das Frühjahr eröffnete gerade und so öffnete ich mein Fenster sperrangelweit, gab es kurze Zeit darauf ein seltsames Geräusch. In etwa so: „Dlamp“. - Ganz weich ausgesprochen, sonst keinen weiteren Ton.

Wenn was „Dlamp“ macht, will ich schon wissen, was das ist. Sonst macht ja höchstens noch die sounddesignte Türe des Nachbarinnen- Porsches ein ähnliches Geräusch, schlägt die gute Frau, durchschnittlich einmal täglich, an lauen Abenden, das Flügelteil ihres seltenen Exemplars zu.

Da lag was unter dem Fensterrahmen. Ein kleines grünes Etwas, zitternd, zuckend, ein Federbällchen fast ohne Form, doch eindeutig ein Vogel, genauer ein Grünfink. Nichts gab es noch zu retten, das sah ich sofort ein. Ein Flügel stand gebrochen, bizarr ab. Der Schnabel war zerquetscht und ein wenig Vogelblut lief aus den Trümmern. - Jetzt ist es Zeit, dem Leid ein Ende zu machen, dachte ich. Gerade wollte ich mir ein Herz fassen und es tun, da war das Tierchen auch schon tot.

So, wie dieser Grünfink, enden die meisten synanthropischen, das sind die kulturfolgenden, Vögel unseres und des nordamerikanischen Halbkontinents, wenn sie nicht vorher eine Katze gefressen hat, sie an Vogelkrankheiten oder Altersschwäche verstarben oder durch Eingriffe in ihre natürlichen Lebensräume vom Austerben bedroht wurden oder fast schon ausgestorben sind.

Was lese ich aber in den lokalen Zeitungen des deutschen "Reichsgebietes"? Was verbreiten TV- Tatorte unter krimiverrückten Deutschen?: Windräder töten massenweise Vögel und Fledertiere, unter Umständen auch Mücken, Fliegen und Schmetterlinge, und stellen daher, statt die Natur zu schützen, eine unbedingte und unmittelbare Gefahr für das fliegende Naturleben dar. Zudem, das steht meist im zweiten Argument, sind Windenergiemühlen unnatürlich hässlich, landschaftsuntypisch und daher eine große Schande für unser naturkulturelles Bewusstsein und Erbe.

Dagegen ist, geht es so weiter, weder vor der Küste, noch im Binnenland, je ein einziges neues Windrad noch zu errichten.

Ausgerechnet in Deutschland, im Land des eher reduzierten Vogelschutzes und trotzdem der meisten Vogelhäuschen weltweit, dem Land, des aus Effizienzgründen eher sparsamen Birdwatchings, schlagen die Wellen besonders hoch, wenn Windräder gebaut werden. Eine gute Gelegenheit, einmal genauer nachzuschauen, was dran ist, am Massentod der Vögel durch Windräder.

Dazu begebe ich mich in das Hauptland aller pragmatischen Statistiker und unumschränkte Reich des Öl- und Gaskapitalismus, in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Es ist nun durchaus so, dass diese große Nation, geht es gegen Tiere, besonders Wappentiere, von tiefsten Emotionen und romantischen Gefühlen getrieben wird. Aber eine Tugend, die an anderer Stelle ihnen oft negativ ausgelegt wird, lohnt hier nun ganz besonders. Amerikaner können zählen und zusammenrechnen, und sie tun es gerne. - Schaue ich nun nach, was dort an Daten erhoben wurde,- in diesem Punkte ist das Land der Tapferen und Freien besonders akribisch und offiziell-, seit geraumer Zeit veröffentlicht es einen Jahreszustandsbericht der nationalen Vögel ( http://www.stateofthebirds.org/ ), komme ich zu einem ausgesprochenen Aha- Erlebnis.

Im Zahlenwerk wird auch abgeschätzt, wie es sich mit der Tötungsmaschine Windrad, im Vergleich zu anderen Tötungs- und Todesarten- Projekten verhält (http://www.stateofthebirds.org/abundance/anthropogenic ). - Der Hauptfeind der gefiederten Freunde, nach dem allgemeinen Habitatverlust (Habitate, das sind die artspezifischen Lebensräume), ist die Hauskatze!

Übertragen auf unsere bescheidenen Katzenverhältnisse heißt das: Tötet nur jede vierte der ca. 12 Millionen deutschen Katzen einen Singvogel pro Jahr, sterben durch Katzen mindestens zehnmal mehr Vögel, als durch Windräder, selbst wenn alle möglichen Standorte genutzt würden. Die Scheiben aller deutschen Privathaushalte, -nicht die der Hochhaustürme-, killen zehnmal mehr Vögel, als alle existierenden Windanlagen der Republik. So ginge es weiter, mit den Verkehrstoten unter den Vögeln, den verendeten oder untergepflügten Aves aufgrund der Intensivlandwirtschaft, der mit Strom gemordeten Flieger...,pp.

Christoph Leusch

(Dieser Beitrag erhielt seine Initialzündung durch Felix Werdermanns, "Das Windrad als Tötungsmaschine", https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/das-windrad-als-toetungsmaschine )

19:24 16.06.2015
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