Des Hungers unsichtbare Narben

Welthunger Seit der Jahrtausendwende eilt die Welt statistisch von Erfolg zu Erfolg, gerade beim Hunger. Staaten und Medien feiern. Es könnte am unvollständigen Maßstab liegen.
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Des Hungers unsichtbare Narben

Foto: Spencer Platt/AFP/Getty Images

Des Hungers unsichtbare Narben

Wieviel Kalorien sind genug? - II

(Dieser Beitrag schließt an "Wieviel Kalorien sind genug?- I" an. Da geht es, nun sogar passend zum Kriegsende- Gedenken, um den historischen Nachkriegshunger der Deutschen und das Wunder der Errettung vom üblen Schicksal. Es werden Erklärungen zur Einheit Kalorie und weitere Literaturangaben geboten, https://www.freitag.de/autoren/columbus/wieviel-kalorien-sind-genug-i )

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Wandbild der argentinischen Künstlerin Milu Correch, Mainz-Kastel, 2013, Foto: C. Leusch

Jane Siberry (Issa), Calling all angels, http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=pF0ddOhYhjI

>>(...)Oh, a man is placed upon the steps, a baby cries
High above, you can hear the church bells start to ring
And as the heaviness, oh the heaviness, the body settles in
Somewhere you could hear, a mother sing

Then it's one foot then the other as you step out on the road
Step out on the road, how much weight, how much weight?
Then it's how long and how far and how many times
Oh, before it's too late?

Calling all Angels, calling all Angels
Walk me through this one, don't leave me alone
Calling all Angels, calling all Angels
We're trying, we're hoping, but we're not sure how (...)<<

(Jean Siberry /Issa, Calling all Angels, von ihr gepielt und gesungen, im Haus des Initiators der Plunket Society, Sir Frederic Truby King, oberhalb Wellingtons (NZ))

Fredric Truby King erkannte, als einer der ersten Wissenschaftler, die außerordentliche Bedeutung eine regelmäßigen und ausgewogenen Ernährung für das Überleben und die Gesundheit Schwangerer und ihrer neugeborenen Kinder. Die von ihm mitbegründete Plunket- Society setzt sich seit 1907 für die Beratung,Versorgung und Betreuung von Müttern und Kindern in Not ein. Sie ist heute in Neuseeland, Australien und Großbritannien eine der bekanntesten NGO-Hilfsorganisationen. Wiewohl die Plunket- Society sehr erfolgreich arbeitet, blieben Truby Kings Ansichten zur Ernährung, zur Ausbildung in der Kinderpflege und Geburtshilfe, zu Strenge in der Erziehung, nicht ohne berechtigte Kritik. - Wer aber so viel leistet, der irrt auch viel ( http://www.teara.govt.nz/en/biographies/2k8/king-frederic-truby )).

Das ewig unerfüllte Versprechen der globalen Staatengemeinde

Die FAO veröffentlicht regelmäßig ihren Statusbericht zum Welthunger. Seit der Jahrtausendwende beobachtet sie einen deutlichen Fortschritt im Kampf gegen das ethisch anstößige und sachlich-materiell letztlich völlig unnötige Massenphänomen. Die UN- Unterorganisation geht aktuell von 805 Millionen (2014) Menschen aus, die dauerhaft, das heißt, länger als ein Jahr, unter Hunger leiden.

Seit der Annahme der Charta der Vereinten Nationen, 1945, besteht die völkerrechtliche Pflicht, den Hunger in der Welt abzustellen. Seit 1996 existiert die Absichtserklärung der Weltgemeinschaft, ausgehend vom Stand des Jahres 1990, die chronische Unter- und Fehlernährung in der absoluten Zahl bis 2015 zu halbieren. Damals lagen die FAO- Schätzungen bei rund einer Milliarde dauernd hungernder Erdenbürger. Für die 200 Millionen, die seither dieser schwersten Form der Mangelernährung entkommen sind, klopfen sich viele Politiker und die globalen Bürokratien der Weltgemeinschaft auf die Schultern.

Bei der Abfassung der von fast allen Regierungen der UN-Welt verabschiedeten Millenium Development Goals (MDG), 2000, war man etwas vorsichtiger und wollte zumindest den relativen Anteil Hungernder halbieren.

Das wird man wohl schaffen. Mit der Veränderung der Bemessungsgrundlage der FAO und mit dem Beharren auf eine Zeitdauer von einem Jahr, in der gehungert werden muss, bevor weltweit überhaupt davon geredet und geschrieben wird, vermindert sich das beschämende Problem relativ schnell. Würde der sogenannte „versteckte Hunger“ mitberücksichtigt und fiele die Jahresbedingung weg, müsste mindestens eine weitere Milliarde Menschen als Hungernde anerkannt werden.

Diese Erdenbürger kennen die Geisel der Menschheit innerhalb eines Jahres regelmäßig, leiden ebenfalls an chronischen Ernährungsmängeln, werden davon krank oder dauerhaft in ihrer Entwicklung geschädigt. Bisher spielen sie statistisch, politisch und medial keine Rolle.

Sind genug Nahrungsmittel vorhanden?

Keine Frage! Die derzeitige Weltnahrungsproduktion reichte, jedem Erdenbürger, vom Säugling bis zum Greis, weit mehr als 2500 Kilokalorien/Tag zukommen zu lassen und auch sicherzustellen, dass keine Mangelernährung oder Fehlernährung eintritt. Die Weltkalorien werden jedoch woanders genutzt und verbraucht , gar zweckentfremdet. So, wie eben die Weltenergie, die Weltrohstoffe, das angehäufte Weltkapital, ebenfalls nicht angemessen in Hungerregionen landet.

Das unter diesen Bedingungen massenweise flüchtende „Menschenmaterial“ aus den Subsahara- Regionen Afrikas, aus Afghanistan, aus Somalia und Eritrea, das man gegenwärtig durch die Duldung der Armut, scheiterende Staaten, bewusst politisch und militärisch herbeigeführtes Chaos, den zu unseren Bedingungen freien Märkten, und eben durch den Fortbestand des Hungers zwingt, ohne sich dessen hierzulande sonderlich bewusst zu sein, möchte man aber möglichst ebenfalls nach Nützlichkeit für unsere Gesellschaften vorselektieren.

Die aktuelle Statistik des Hungers

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Ernährungsbedingt, minderwüchsige Kinder, bis zum 5. Lebensjahr, The Lancet,2013

Oberflächlich liest sich derJahresbericht, 2014, der FAO, „The State of Food Insecurity in the World“, wie eine einzige Erfolgsgeschichte: Statt 1,015 Milliarden im Zeitraum 1990- 1992, statt noch 878,2 Millionen für die Jahre 2008-2010, sind es derzeit noch geschätzt 805 Millionen Menschen, die chronisch, d.h. länger als ein Jahr, hungern. Statt 18,7 % der Weltbevölkerung sollen heute noch 11,3 % an Unterernährung leiden. Das Millenium- Ziel wird voraussichtlich nur knapp verfehlt.

Der Rückgang der absoluten Zahlen fällt recht deutlich aus, wenn auch das Ziel des World Food Summit von 1996 nicht erreicht wird. Studiert man den Report jedoch sorgfältig, so mehren sich Zweifel, ob denn der Zweckoptimismus wirklich berechtigt ist. Hinzu tritt das große Unbehagen an der Art und Weise der Erhebung der Ergebnisse und ihrer Grundlage.

Universale Fehlernährung in der Welt der Überflüsse Famine Song, Sinéad O'Connor, von ihrem Album, Universal Mother, 1994 ,(a) Live in der Jools Holland Show : https://www.youtube.com/watch?v=-ZCe8Fw8vyM , b) für die besseren Ohren: https://www.youtube.com/watch?v=Z0K2kaG3VhM .

Wie der Hunger in der Welt gemessen wird. Altes Wissen, neue Statistiken

http://2.bp.blogspot.com/-0h2bNvtWMZA/VUlE6FmQQKI/AAAAAAAABMo/ZWg6-1sNupw/s1600/Malnutrition%2Bin%2BNigeria%2CNormal%2Cwasted%2Cstunted.JPG

Verfremdung, nach einem Foto aus einem Vortrag Dr. Davis Omotolas, Overview of Nutritional Status of Nigerians, UNICEF, Lagos, März 2011. Man beachte die Kopfgröße des normalgewichtigen und durchschnittlich großen Kindes, links; die uns eher bekannte, sofort auffällige Figur des akut und schwer unterernährten Kindes in der Mitte und jene des eher unauffälligen, nur durch den Vergleich, z.B. der Kopfgröße , des Brustkorbumfangs und der Körperlänge bemerkbaren, chronisch unter-und /oder mangelernährten Kindes, rechts.

Nigeria ist besonders im Norden schwer vom Hunger betroffen, während sich gleichzeitig in der prosperierenden Oberschicht und in den städtischen Mittelschichten des Südens, das Übergewicht als Zivilisationsleiden in ungeahntem Ausmaß einstellt. Diesen Zustand teilt Nigeria mit seinem afrikanischen Konkurrenten Südafrika.

Grundsätzlich lassen sich zwei Wege beschreiten, um chronischen Hunger, Unter- und Mangelernährung zu untersuchen:

Die eine Methode, relativ aufwendig und mühsam, dafür aber aussagekräftig, sind Studien, die Hungernde, insbesondere Schwangere, Neugeborene, Kinder und Jugendliche gründlich untersuchen und neben der körperlichen Untersuchung auch neurologische, psychiatrische, kognitionspsychologische und neuropsychologische Befunde erheben, sowie dem Hunger mit den Mitteln der modernen Pathologie, wie bei einem Verbrechen, auf den Grund gehen.

Dies ist, man staunt nicht schlecht, der klassische, ältere und wissenschaftliche Ansatz, seit den späten 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Er kam irgendwann in den 90er Jahren vor der Jahrtausendwende aus der Mode, wie zum Beispiel eine der federführenden AutorInnen der verdienstvollen 2007/2008er – The Lancet- Artikelserie zum Thema, Sally Grantham-McGregor, schrieb, die dazu eine umfängliche Literatur-Recherche anstellte.

Warum? Ganz einfach: Dieses Forschung ist relativ teuer, schonungslos in den Ergebnissen und eindeutig! Man kann sich da nichts zurecht tricksen.

2013 betätigte die ebenfalls in The Lancet publizierende Maternal and Child Nutrition Study Group, in der sich auf das Thema spezialisierte Wissenschaftler aller Kontinente zusammengeschlossen haben, die früheren Ergebnisse. Sie forderten, zusammen mit dem Herausgeber-Board der medizinischen Fachzeitschrift, eine neue, umfassende Strategie gegen den Hunger der Mütter und ihrer Kinder.

In einer der klassischen Studien, die Ancel Keys an Freiwilligen jungen Männern, 1944/45, durchführte, um die Versorgungsbedürfnisse Europas nach dem sich abzeichnenden Ende des Zweiten Weltkriegs abzuschätzen (Minnesota Starvation Experiment), kam nach 24 Wochen des Fastens mit 1600 kcal/die, unter Beibehaltung der in Westeuropa üblichen, gemischten Nahrung und üblicher mittlerer Aktivität, heraus, dass alle Teilnehmer ungefähr 25 % ihres Ausgangsgewichtes verloren und ihre physische und psychische Leistungsfähigkeit kontinuierlich nachgelassen hatte. Noch drei Monate nach dem Ende des Versuchs litten sie allgemein an Müdigkeit, Hungerkrämpfen, Muskelkater und Schmerzen. Die jungen, völlig gesunden Männer, zeigten weiterhin Symptome von Antriebslosigkeit, mangelnder Selbstdisziplin und schlechter Konzentrationsfähigkeit, sie waren oft gedrückt und depressiv, konnten nicht mehr lachen, vertrugen weder Kälte, noch Wärme. Ihre Herzfrequenz lag niedriger und der allgemeine Muskeltonus blieb lange abgeschwächt.

Was man schon 1945 wusste, fassten Ancel Keys und Kollegen in einer ersten epochalen, zweibändigen Monografie The Biology of Human Starvation“(1950) zusammen.

Seither sollte die Weltgemeinde eigentlich wissen, dass eine Schranke von 12 Monaten Dauerhunger, auf dem Niveau leichter Tätigkeit und eben ohne ausgewogene Ernährungssituation, ein rein statistisches Konstrukt ist, das uns zwar hilft ruhiger zu schlafen, aber moralisch eher skandalös bleibt.

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Nach den alten Berechnungsmethoden der FAO, hat der chronische Hunger in der Welt kaum abgenommen! http://1.bp.blogspot.com/-5QbL93nBUNI/VUlECwIGp1I/AAAAAAAABMY/VB1SLdqhUek/s1600/Biegsame%2BFAO-Kurven%2Cbewegungsarmer%2BLebensstil%2CWeltagrarbericht.JPG

Legt man einen realistischen Lebensstil zugrunde, dann gibt es derzeit mindestens 1300 Millionen chronisch Hungernde, nach den konservativen Bemessungsregeln der FAO! Die Daten der beiden Grafiken stammen aus den globalen und regionalen Reports des International assessment of agricultural knowledge, science and technology for development (IAASTD) (Ausrufezeichen und Linienfarbe vom Textautor zugefügt/verändert).

Heute, 2014 und 2015, kritisieren einige große NGOs, kritische Ernährungswissenschaftler, sowie ein paar Ärzte diesen Missstand und fordern eine breite Diskussion dazu, ob wir richtig messen, ob unser Maßband nicht doch nur unseren Interessen, nicht aber den Bedürfnissen der Hungernden, angepasst ist. Das Konzept des „versteckten Hungers“ (Hidden hunger) und die Bereitschaft, die Definition des chronischen Hungers zu ändern, speisen sich aus diesen, lange bekannten, physiologischen, psychologischen und medizinischen Erkenntnissen zur menschlichen Entwicklung. Aber in der politischen und wirtschaftlichen Planung macht man damit bisher keinen Stich!

Die zweite Methode, heute die allgemeine Praxis der FAO, weiterentwickelt zu einem globalen Standard, sehr ähnlich dem ebenfalls eher aussageschwachen Gini-Index für das Einkommensgefälle, analog der aktuellen, absoluten Einkommensarmutsgrenze von 1,25 Dollar/Tag oder 2 Dollar/Tag der Weltbank, verschleiert jedoch über eine sehr grobe Erfassung statistischer Ermittlungen die tatsächliche Lage.

Jeweils bezogen auf einzelnen Länder, definiert sie das durchschnittliche Kalorienminimum, das ist der aktuell größte „akzeptable“ Unterschied zwischen der verfügbaren Kalorienmengen in einem Staat, selbsterzeugt, importiert, über die Welternährungsprogramme beschafft, zu derjenigen Kalorienmenge, die Hungernden dort durchschnittlich auf Haushaltsebene zur Verfügung stehen muss, um bei sehr leichter Tätigkeit (Schreibtischarbeit ohne hohe intellektuelle Anforderung) zu überleben.

Mit dem länderbezogenen FAO- Kalorienminimum stirbt niemand und niemand erleidet zusätzliche Körperschäden, treten nicht schwere Krankheiten auf, bestehen keine Hygienemängel und kein Parasitenbefall, gibt es bei Krankheiten ein ausreichendes versorgendes Umfeld und genügend Medizin, muss nicht täglich um die Existenz gekämpft werden. - Wir alle wissen, diese Bedingungen sind in den allermeisten Hungerländern gar nicht gegeben! Die Arbeits- und Lebensbedingungen dort, entsprechen nicht dem FAO- Standard der leichten Arbeit.

Mit dem FAO- Kalorienminimum kann niemand dauerhaft körperlich oder angestrengt intellektuell arbeiten. Körperliche Reserven, um bei schweren Infektionskrankheiten mit Reduktion des Allgemeinzustands oder bei Durchfallerkrankungen zu überleben oder diese ohne bleibende Schäden zu überstehen, fehlen. Gegen den allfälligen Wurmbefall in Entwicklungsregionen besteht keine Abwehr. Gegen sexuell übertragbare Krankheiten, gegen extreme Umwelteinwirkungen, stellen die geschwächten Körper unter dieser Diät nichts zur Verfügung.

Kurzum: Das FAO-Kalorienminimum und die absoluten FAO- Zahlen zum Hunger, verschleiern nicht nur die Dimension des chronischen Hungers, sondern verzerren auch die Wahrnehmung der Realität, indem sie die Welt in größeren Schritten voranschreiten lassen, als es tatsächlich der Fall ist.

Die Methode erweist sich als viel ungenauer und weniger aussagekräftig bezüglich der Auswirkungen der chronischen Hungers, als direkte Untersuchungen an Hungernden. Sie wird aber bevorzugt, weil sie die Vogelperspektive erlaubt und aus diesem Blickwinkel grobe Ländervergleiche möglich werden. - Nur nebenbei sei erwähnt, dass wichtige Länder mir bekannt hoher Rate an Hungernden und Unterernährten, wie zum Beipiel die Demokratische Republik Kongo, Somalia und Afghanistan, -trotz der vielen "Westbefreier" und Aufbauhelfer-, gar keine Daten liefern, obwohl der Hunger dort endemisch ist.

Die WHO, jenes andere Nachkriegsweltwunder der globalen Verständigung, hat sich bisher nicht entschlossen, die FAO-Zahlen einfach zu übernehmen. Für Sie gilt weiterhin, dass durchschnittlich 2100-2200 Kilokalorien/Kopf/Tag, als untere Grenze der notwendigen, Versorgung zur Verfügung stehen müssen.

Aber die WHO hat ja auch einen erweiterten Gesundheitsbegriff, der zunehmend von westlichen Ökonomen, Politikern, Wirtschaftsleuten, stumpfen und sehr abgebrühten Medien in Frage gestellt wird. Er ist ihnen viel zu utopisch, forderte zu viel altruistische Aktivität, insbesondere aber, zu viel Kapital, das ausgegeben werden müsste, statt sich schnell zu rentieren. Lieber publiziert man die statistischen Erfolgsergebnisse und fühlt sich wohl dabei.

Hunger und Mangelernährung, einige Grundlagen

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Der bisher beste, grobe Indikator, um mit einfachen Mitteln den chronischen Hunger unter Kindern und Jugendlichen zu erfassen, ist die Messung der Körperlänge, mit Bezug auf das Entwicklungsalter (Height for age, HAZ). Mit diesem Maß, einem Bestandteil der Z-scores der WHO (WAZ, WHZ, HAZ) , werden auch die Auswirkungen des Hungers bis ins höhere Kindesalter miterfasst und trennscharf abgebildet, was z.B. mit dem Maß, Gewicht zur Körperlänge und Gewicht bezogen auf das Alter, nicht so gut gelingt.

Das beste grobe Maß für den realen Hunger in der Welt, ist das zurückbleibende Wachstum der Neugeborenen, Kleinkinder und Jugendlichen, bezogen auf das Alter. Es schlägt diesbezüglich Gewicht bezogen auf das Alter und ebenso Gewicht im Verhältnis zur Körperlänge, als weitere Messgrößen, die in den sogenannten Z- Scores der UN- Unterorganisationen global erfasst werden, wenn die Regierungen oder Machthaber mitspielen und eine Bürokratie in der Lage ist, Befunde verlässlich zu sammeln.

Sehr gute Anhaltspunkte liefern einfache Blutuntersuchungen, bei denen indirekt, über die bestehende Anämie, Eisenmangel nachgewiesen werden kann. Vitamin A- Mangel, Zinkmangel, Folsäuremangel und Jodmangel können leicht aufgedeckt werden.- Nur wer führt solche Untersuchungen noch durch? Wer hält die Programme über längere Zeit am Leben? Wer zieht dann daraus praktische Schlüsse?

Mütter, neugeborenen Kinder und Heranwachsende brauchen viel mehr

Wenn Erwachsene oder ältere Jugendliche hungern oder sich falsch ernähren, dann sind zumindest die Schäden meist reversibel. Bei Feten und Neugeborenen und bei Kindern im Wachstum verhält es sich damit ganz anders. Chronische Mangelernährung oder Fehlernährung führt in sehr vielen Fällen zu diagnostizierbaren Mangelerscheinungen, zur Hinfälligkeit und Krankheitsanfälligkeit und zum Tod, schaut jemand genauer nach. Derzeit gehen Wissenschaftler von jährlich ~3,15 Millionen Todesfällen bei Kindern bis zu 5 Jahren aus, die auf das Konto des chronischen Hungers gehen.

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The Lancet, die UN und die Nutrition Impact Model Study (NIMS), schätzen, dass weltweit jährlich 3 - 3,15 Millionen Kinder unter 5 Jahren an den Folgen der Unter- und Mangelernährung sterben. The Lancet, Maternal and Child Nutrition, Executive Summary, 2013

Kinder die hungern, haben Defizite in der Fein- und Grobmotorik, sowie in der Ausdauer bei physischen und schulischen Aktivitäten. Sie bleiben zu klein, zu untergewichtig und zu schlapp, um sich in einer unterentwickelten Lebenswelt das Nötigste zu besorgen. Z.B., zum Wasser zu gehen, das nicht aus dem Hahn ins Haus kommt; auf dem Feld ausdauernd zu arbeiten, die eigene und die allgemeine Hygiene einzuhalten, den Schulweg, überhaupt einige Alltagswege, tagtäglich zu schaffen. Ausgehungerte Körper sind weniger widerstandsfähig gegen Parasiten und gegen Infektionskrankheiten. Ausgehungerte Körper können oftmals die vorhandene, recht monoforme Alltagsnahrung gar nicht mehr aufnehmen und auswerten.

Chronische Unterernährung der Jüngsten erzeugt jedoch noch etwas viel Schlimmeres, nämlich eine Unterentwicklung des Großhirnrinde und der wichtigsten Leitungs- und Vernetzungbahnen im Gehirn, im Rückenmark und an den Extremitäten, die häufig nicht mehr reversibel ist.

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Die individuelle und soziale Lasten dieser eher stummen Körperschäden, -konservativ geschätzt, sind derzeit 200 Millionen Kinder betroffen- , lassen sich selbst durch größte persönliche Anstrengungen, durch die Aufhebung des Ernärhungsmangels im Jugend- und Erwachsenenalter, durch die Verbesserung der Medizin, die mit der Seuchen und Infektionsbekämpfung zumindest das Überleben sichert, nicht mehr ausgleichen.

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Diese Grafik zeigt, dass der ernährungsbedingte Kleinwuchs sich auch im 21. Jahrhundert auf sehr hohem Niveau hält.

Selbst in den Ländern und Großregionen, die deutliche Fortschritte machten, z.B. in den asiatischen Staaten, liegt der Anteil der durch Hunger kleinwüchsigen Kinder weiterhin bei 20%, einem Fünftel aller aufwachsenden Kinder. Das hat be diesen nicht nur Auswirkungen auf deren Körperbau, sondern auch auf die Hirnreifung und Hirnentwicklung. Besonders ungünstig schneidet Afrika ab. Die Subsahara-Staaten bleiben bei einem Anteil von ca. 30- 40% chronisch hungernder Kinder und Jugendlicher. Selbst in den entwickelten Staaten hungert jedes 20. Kind chronisch und in Südamerika (LAC), jedes zehnte. (Ausrufezeichen und Markierung vom Textautor zugefügt)

Leider wird weder das Millenium Development Programm, noch die Erfassungs-Strategie der FAO diesem Faktum angepasst. So schafft es die Weltgemeinschaft zwar, auf akute Hungersnöte zu reagieren und mit der Kunst der weltweiten, meist von NGOs getragenen, Hygiene- und Versorgungsmedizin die Sterblichkeit an Hunger zu reduzieren, aber die verborgenen Langzeiteffekte chronischen und subchronischen Hungers werden nicht gesehen und daher nicht mit geeigneten und ausreichenden Maßnahmen bekämpft.

Christoph Leusch

1) The State of Food Insecurity in the World ,Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), Rome, 2014, http://www.fao.org/3/a-i4030e.pdf

Der maßgebliche, jährliche FAO- Bericht, basierend auf den Konsensus Vorgaben der FAO. Die dort beschriebenen Erfolge sind keineswegs pauschal abzustreiten. Sie fallen aber viel bescheidener aus und lassen erschreckende Lücken erkennen, verwendet man lebenspraktische Vorgaben und bezieht andere Qualitäten des Ernährungszustands der Bevölkerungen ein. Die WHO, UNICEF (das Kinderhilfswerk der UN), NGOs und Wissenschaftler verwenden andere Maße. Einige haben die FAO, die ihre Statements regelmäßig mit der Politik abspricht (wie übrigens auch das Weltklima- Panel, IPCC), heftig kritisiert. Bei allem Dissens, sind sich alle Experten einig, die derzeitige Situation für ethisch unerträglich zu halten und gemeinsam Änderungen zu fordern.

2) Wer sich einen aktuellen und wissenschaftlich fundierten Überblick zu allen, derzeit diskutierten Themen rund um Agrarfragen und Welternährung verschaffen möchte, ohne von der Flut des Wissens ertränkt zu werden, der lese die Broschüre zum Weltagrarbericht, Wege aus der Hungerkrise. Die Erkenntnisse und Folgen des Weltagrarberichts, Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen, heruasgegeben von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft: http://www.weltagrarbericht.de/broschuere.html

Die Publikation fasst die Ergebnisse zusammen, die sich in den Überblicks- und Regionalberichten des International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) finden (http://www.weltagrarbericht.de/report.html ). Auch hier arbeiten Wissenschaftler und NGOs, sowie vorwiegend Politiker und Fachbeamte aus Entwicklungsländern mit. Die Berichte der IAASTD sind kritischer gehalten, als die der FAO, obwohl auch die hier mitarbeitet.

3) FRAMING HUNGER, A Response to The State of Food Insecurity in the World, 2012: http://www.ase.tufts.edu/gdae/pubs/rp/framinghunger.pdf . Eine ganz wichtige Quelle der Kritik an der statistischen und faktoriellen Basis der FAO- Berichte. Dieses Papier von Wissenschaftlern und NGOs war einem Schreiben an die FAO, 2013, beigefügt. - Viele Stellen dieses Artikels verdanken sich dieser Quelle.

4) Nutrition in the Post-2015 Context, Lynnda Kiess
Head, Nutrition and HIV Unit, WFP, Vortrag: https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/1936nutrition.pdf . Lynnda Kiess stellt die wesentlichen Fakten sehr leicht nachvollziehbar dar. Wichtig ist ihr Hinweis, dass der Hunger, sichtbar an der hohen Zahl der ernährunbedingt Kleinwüchsigen, auch weiterhin bei schändlich hohen Zahlen verharrt und die Chancen der Nachkommen auf ein besseres Leben beträchtlich reduziert.

5) The Lancet child development in developing countries series, 2007:

http://www.who.int/maternal_child_adolescent/documents/pdfs/lancet_child_dev_series_paper1.pdf

http://www.who.int/maternal_child_adolescent/documents/pdfs/lancet_child_dev_series_paper2.pdf

http://www.who.int/maternal_child_adolescent/documents/pdfs/lancet_child_dev_series_paper3.pdf

http://www.who.int/maternal_child_adolescent/documents/pdfs/lancet_child_dev_series_commentary.pdf

Wer bis zur Erschöpfung über Kindheitsentwicklung unter den Bedinungen der Entwicklungsländer lesen will, der sollte mit diesen Texten anfangen. Sachliche, trotzdem gut lesbare und publizistisch sorgfältig aufbereitete, wissenschaftliche Artikelserie einer weltbekannten Medizin-Zeitschrift.

05:14 06.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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