Die Liebe ist stärker als der Tod

Fragmente der Liebe Roland Barthes schrieb mit "Fragmente einer Sprache der Liebe" einen Klassiker der Liebesliteratur. Dessen Einfühlsamkeit und gedankliche Dichte überzeugen noch heute.
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Un couple normal, abgefallenes Türschild, Kleberreste

Die Liebe ist stärler als der Tod - Sechs Thesen nach Sechs

Die Liebe ist stärker als der Tod (Romantitel, Heinz G.Konsalik)

„Qui annonce reçoit réponse/Qui demande a récompense“www.youtube.com/watch?v=JB6-sH5jozA&;;;;;;;feature=related ("Petite annonce amoureuse", Kate and Anna McGarrigle) (Erst Lesen, dann Hören!)

Über Sex, den kleinen Tod, wurde in den letzten Wochen, hier beim „Der Freitag“ und landauf, landab, viel ge- und zerredet. Das war vor und zu Ostern.

Ginge es nach der Bandbreite der Ausführungen, dann wäre viel, eigentlich alles gesagt. - Tatsächlich reicht die Informationstiefe in den so genannten Publikumsmedien vom Stellungslexikon bis zur breitflächigen Diskussion um Missbräuche aller Art, vom Zwang und alle Spielarten der Perversion, bis hin zum Lexikon der Schamrasur und zum "unglaublich spannenden" Suizid.

Am Ende hat die Biologie einen staatstragenden und hintergründigen Einfluss, weil die Samenstränge im Frühjahr mit der Tageslänge wachsen und die Eierstöcke saftiger werden und die Hirnanhangsdrüsen, stimuliert von gutem Wetter und mehr Licht auf der Zirbeldrüse, kräftig trope Hormone aussenden.-Ich möchte so nicht fortfahren!

Von Liebe wurde nicht geredet und geschrieben. Die verweigert sich der Beschreibung, was eine Teilwahrhaftigkeit ist, denn Annäherungen sind jederzeit erlaubt. Es sträubt sich aber, dieses eigentlich intime und nahe Gefühl unter den Menschen. Weder Tipps für mehr Spaß im Bett oder auf den sonstigen Spielwiesen, noch alle Ratschläge, die Brüste und Penisse und sonstigen Sexualorgane im Ausschnitt und im Schritt, auf jedem Tritt gender- und alterskohortengemäß aufzuhübschen und ins rechte Licht zu rücken, helfen da weiter.

Eyerybody loves somebody sometime (Barry Manilow)

Nun, Ostern ist vorbei, es kann über die Liebe geschrieben werden. Die eigentliche Intimität beginnt mit der Liebe Not.

Abhilfe und Rat wird seit den Zeiten der Schriftlichkeit gesucht und nie ausreichend gefunden. Allenfalls ein wenig Linderung steht in Aussicht, wenn man zwei Dinge immer im Auge behält. Die Liebe ist immer möglich, jederzeit kann sie um die Ecke kommen und manches Mal ist sie nur verschütt´, weil im Alltag, in der Gewöhnung an die Lieben und Liebsten, an die Geliebte, oder den Geliebten, das Gefühl als Störung auftritt, wenn plötzlich der Gedanke einfällt, „ich liebe, ich werde geliebt“.

„Fragmente einer Sprache der Liebe“ (Roland Barthes Buchtitel)

Ich bin zu blöd, um über die Liebe nah und zugleich kompetent sprachbewußt Auskunft geben zu können. Also lasse ich hier Roland Barthes und andere zu Wort kommen. - Sie dürfen auch singen, um so der Not eine Wende zu geben. Die „Fragmente einer Sprache der Liebe“ erschienen 1977, sind mittlerweile prominent klassisch und zugleich schon wieder völlig vergessen. Drei Jahre später war Barthes tot, sieben Jahre brauchte es, bis die erste deutsche Übersetzung erschien. Seither wird nachgedruckt.

„Die Notwendigkeit des vorliegenden Buches hängt mit der folgenden Überlegung zusammen: dass der Diskurs der Liebe heute von extremer Einsamkeit ist. Dieser Diskurs wird wahrscheinlich (wer weiß?) von Tausenden von Subjekten geführt, aber von niemandem verteidigt; er wird von den angrenzenden Sprachen vollständig im Stich gelassen:....“ Was sich selbst so in die Ecke gestellt sieht, das kann nur auf „winzigem Raum eine Bejahung“ sein. „Diese Bejahung ist im Grunde das Thema....“

Wer über die Liebe sprechen will, der schreibe als liebendes Subjekt, nicht über Symptome, nicht über eine möglichst bald zu kurierende Krankheit, allenfalls über eine solche, die man sich sehnlichst wünscht und zu der man sagt, daure ewig, daure ewig, selbst wenn man weiß, wie schnell sie vergehen kann. Barthes schreibt mit „>>dramatischer Methode<<“, als ohne eine wissenschaftliche Metasprache. - Aber nur keine Angst, liebe Leser, es wird nie banal, jeder muss sich beim Lesen anstrengen. Keine Furcht, es endet niemals in einem Dialogskript, das aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ stammen könnte.

Andererseits bin ich, wie Barthes, der festen Überzeugung, dass es auf der ganzen, weiten Welt nichts gibt, was nicht erklärbar und nichts, was nicht verstehbar ist, und das gilt auch für den Fall der Liebe. Die Würde der Erkenntnis liegt in der Mühe, diese Erklärbarkeit im Dialog, im Diskurs würde Barthes sagen, herzustellen. Er selbst, Barthes ist die Hauptperson. Er ist der Liebende, aber er ist durch Übung zur Selbstdistanz fähig. - Im Hintergrund, das mag hier aber nur am Rande interessieren, stehen bei ihm zuerst die Mutter und dann einige andere Männer.

Drei Mittel werden in den Fragmenten angewandt, um bei seinem ozeanischen Thema hart am Wind zu segeln:

„Die Figuren“: Sie entstehen aus den Redebruchstücken, die sich im Diskurs, den Barthes nicht als Streit, sondern als ein Hin- und Her-Laufen oder auch als eine „Verwicklung“ der Teilnehmer deutet. Sie sind kein ideales Schema, sondern Gebärden und Sprachgesten die Liebende immer wieder aufführen. „Eine Figur ist dann zustande gekommen, wenn wenigstens einer sagen kann: >>Wie wahr das ist! Diese Sprachszene kenne ich doch.<< (S.16)“ - Leser und Linguisten müssen dafür nicht mehr aufwenden als ihr eigenes „Liebesgefühl“.

Im Buch steht als Kopfleiste über jeder Figur ein kurzer Text, den Barthes, ein großer Liebhaber Brechts, wie die Tafeln in den Lehrstücken des Dichters verstanden wissen möchte. - Sie schaffen die nötige Distanz.

Zweitens braucht ein solches Buch irgend eine Ordnung. Die älteste Ordnung neben den Zahlen, sind die Buchstaben des Alphabets. Das ist willkürlich, passt aber zur Art des Fischzugs zu dem Barthes uns Leser einlädt.

Was hasst er am öffentlichen Diskurs über die Liebe? - Die öffentlichen „Liebesgeschichten“ suggerieren Kausalität und Finalität und werten sogar moralisch, wo doch die Not einer inneren Notwendigkeit herrscht, da, wo geliebt wird. - Der „Freitags“-Leser mag sich vielleicht erinnern, dass der große Heinrich Mann eine alkoholkranke Halbweltdame liebte und der bürgerliche Affekt, selbst noch in den Kommentaren der bürgerlichen, aber doch intellektuellen Familie Mann, einer Krankheitsbeschreibung glich. Fiktiv: „Er, Heinrich, leidet, er ist nicht bei sich, er hat sich, aus Gram, wegen seines mangelnden Erfolges, im Leben, in der besseren Gesellschaft, also ganz kausal, eine uns nicht passende Partnerin gesucht.“ So, wie in der Jugend dem Einen oder Anderen erzählt wurde: „Du liebst, das dauert, das tut weh, und es geht auch wieder vorbei!“

Für eine Fragmentesammlung bieten sich, drittens, „Quellen“ an. Der „Werther“, das „Gastmahl“ Platons, Zen-Texte, die Psychoanalyse in der Lacanschen Erweiterung, die Mystiker des Hoch- und Spätmittelalters, Nietzsche und die „deutschen Lieder“. Dazu das, was man von Freunden und Bekannten aufschnappt. - Unmöglich kann ich alle achtzig Stichworte vorführen.

1. Love of my life - you've hurt me /You've broken my heart and now you leave me (Freddy Mercury)

Die Literatur und die Musik sind voll der Bilder der „Abwesenheit“. „>>Der Abwesende<<“, für Barthes, „die Abwesende“ für andere, lässt den Liebenden zurück. Liebende sind wie Seeanemonen auf einer Krebsschale, sessile Wesen und am Standort ausgesprochen taktisch. - Ausgerechnet der Werther durchbricht diese geheime Konvention, er entfernt sich unwiederbringlich durch die Selbsttötung. - Ein Hauch, ein Duft des anderen, eine wieder gefundener Brief, ein Geschenk, eine Abbildung oder ein Symbol, zum Beispiel die vertrockneten Reste einer Schwertlilie zwischen irgend welchen Buchseiten, zufällig aufgeblättert, setzen die Klage in Gang: „...; ich, der ich liebe, bin meiner umgekehrten Bestimmung nach seßhaft, unbeweglich verfügbar, in Erwartung, an Ort und Stelle gebannt, nicht abgeholt wie ein Paket in einem verlassenen Bahnhofwinkel.“ - Der Einsiedlerkrebs, der/die Geliebte, ist schon weiter gezogen, ihm war dieses Haus zu eng, ich will es nicht glauben und es gleich beklagen.

Barthes meint mit einiger Berechtigung, die Figur der Abwesenheitsklage sei historisch die der Frau. Sie sei treu, der Mann ein Jäger, ein „Aufreißer“, was schon wie Jägersprache klingt. Folglich gilt „bei jedem Manne , der die Abwesenheit des Anderen ausspricht, sich Weibliches äußert: dieser Mann,...,ist auf wundersame Weise feminisiert. Ein Mann ist nicht deshalb feminisiert, weil er invertiert ist, sondern weil er liebt. Die Abwesenheit zu ertragen, muss das Vergessen einsetzen. „...ich unterwerfe mich sachkundig der Dressur, mittels deren man mich früh an die Abwesenheit der Mutter gewöhnt hat-....“ - „Der Liebende, der nicht manchmal vergisst, stirbt an Maßlosigkeit, Ermattung und Gedächtnisüberreizung (wie Werther).“

Der Diskurs, den Barthes nicht schätzen würde, lautete: „Wir hatten nicht mehr die gleichen Interessen und Ziele. Daher trennten wir uns“

2 „Love is everything“ (Jane Siberry)

( www.youtube.com/watch?v=T19UODyJpVA&amp;;;;;;;;feature=related (gesungen von k.d.lang))

„Bejahung. Entgegen und trotz allem bejaht das Subjekt die Liebe als Wert“ - Das ist schwierig in einer Gesellschaft, die buchstäblich alles einer Bilanzierung unterwirft. -„Die Welt stellt jede Unternehmung vor eine Alternative: vor die Alternative von Erfolg oder Misslingen, von Sieg oder Niederlage. Ich berufe mich auf eine andere Logik:....“

Sex ist zählbar. Guter Sex, eingetragen in ungezählte Tagebücher und Geheimschriften, mit kryptischen Zeichen versehen, mit und ohne Orgasmen, plus-minus, keine große Kunst das festzustellen! -Aber wo fängt eine Liebe an und wann endet sie?

Für Barthes heißt Bejahung der Liebe, sich von den vielen Vorschriften, was denn ein angemessenes Liebesobjekt sei, wie denn die Liebe in den Zeiten des postmodernen Bürgertums auszusehen habe, frei zu machen. Die „Priester“, das sind für ihn die Kräfte, die beständig dazu drängen die Liebe von dem eher zufällig begegnenden anderen Menschen auf ein festes ideales oder reales Objekt zu übertragen und die Interpretationshoheit dafür zu übernehmen. -„Priester“ in diesem Sinne können viele sein. Politiker, die die Vaterlandsliebe pflanzen wollen, katholische und evangelische Geistliche, die Gefallen darin finden, wenn ihre Konfessionsgenossen meinen, die Liebe Gottes und die Liebe für einen Gott reichten auf dieser Erde, Therapeuten der Liebe, die sie als Mechanismus deuten, dem es durch Sublimation, Verschiebung auf anderer Objekte und Ziele, durch Rationalisierungen, durch Verhaltensschulung zu Leibe zu rücken gelte, weil sich die Liebe eben oftmals am Leben und an den Wünschen der Gesellschaft stößt.

Umgekehrt halten aufgeklärte und säkularisierte Gesellschaften nicht erotisch vollzogene, lang anhaltende und von der Gelegenheit nicht beeinflusste Liebe ebenso für befragenswürdig, wie die Enthaltsamkeit für ein schieres menschliches Unding, welches nur noch den „Gestörten“ zugetraut wird.

3. Makellosigkeit

Der Geliebte/die Geliebte, ist plötzlich, für einen Moment, ganz anders, irgendwie „entstellt“, fremd, es genügt eine Winzigkeit („Entstellung“).

„Diese Stelle ist ganz unscheinbar: eine Geste, ein Wort, ein Objekt, ein Kleidungsstück, irgend etwas Ungewohntes, das in einem Bereich zum Vorschein kommt (sich bemerkbar macht), von dem ich das nie vermutet hätte, und das geliebte Wesen jäh in eine seichte Welt zurückversetzt.“

Wichtig ist, nur Liebende können diese Entstellung überhaupt wahrnehmen. Für die Anderen gilt: „Was ist denn schon dabei.“, „Das wäre mir nie aufgefallen.“ Liebenden fällt diese kleine, für sie hässliche, beschämende, irgendwie störende Eigenart auf. - Sie cremt sich fünfmal am Tag vor ihm das Gesicht ein. Er zieht sich die Socken aus und schneidet sich die Fußnägel, vor ihr. Sie lacht bei Zoten, das hat sie doch nie gemacht. Er lästert über Frauen im Allgemeinen.

Die Liebe bevorzugt glatte Bilder vom jeweils geliebten Anderen. Jede Störung, jede Banalisierung wird als „Säureattentat“ auf die glatte Bildoberfläche empfunden. - Bei Barthes ist es „das Geräusch des Aufschlitzens der glatten Hülle des Bildes.“ Vor allem können Worte oder Satzfragmente die eigentliche „kleine Stelle an der Nase“ sein. Sie sagt mir „wir >> führen eine wertvolle Beziehung<<“, sie sagt immer „nä?“ zwischen ihren Satzteilen, so als bräuchte sie pausenlos eine Bestätigung. Es ist aber nur eine Marotte, ein Tick, ein kleiner sprachlicher Schönheitsfleck. Werther erlebt seine Lotte als Klatschbase (Entstellung) unter ihren Freundinnen. Ein Plappermaul, das kann doch unmöglich seine Liebe sein, ein Weibchen unter vielen anderen.

4. „Hallelujah“ (Leonhard Cohen)

( www.youtube.com/watch?v=P_NpxTWbovE (gesungen von k.d.lang))

Vom Blitz getroffen, „Hingerissenheit“

Während des Zustandes der Verliebtheit, einer ganz archaischen Zeit ähnelt die Sprache der Liebe der des Krieges. Erobern, rauben, gefangen nehmen, das sind Ereignisse, die auf eine Zeit verweisen, als noch Sabinerinnen von Männern geraubt werden mussten, um den Inzest im eigenen Stamm zu verhindern, das ist das Archaische am Raub der Helena. - Während es im alten Mythos aber um eine reale Aneignung geht, der Räuber das „Subjekt des Raubes“ bleibt und dafür bestraft wird, ist im „modernen Mythos“ der romantischen und „leidenschaftlichen Liebe“ das Liebes-Objekt der „Raubende“. - „Du hast mir den Verstand geraubt, du hast mich gefesselt“, lautet eine denkbare Sprachfigur im Alltag der Liebe. Der Liebende (m/w) wird feminisiert. - Das Thema beschäftigt Barthes sehr, denn die seltsame Umkehr der Verhältnisse stammt, so vermutet er, aus einer christlichen, zumindest aus einer religiösen Wurzel.

Parsifal, der unwissende, tumbe Ritter ist unschuldig, ganz ohne Wunde, und so wird er den Gral der Erlösung, eine allerdings unmenschlich erweiterte Liebe, nie finden. Es gilt also, die Mutter zu verlassen, die Zügel zu verhängen, die Abenteuer zu bestehen und alle Fragen falsch zu stellen, bis der Schmerz und die Wunden davon so groß sind, dass daraus erlösende Liebe werden kann. - Eine Eigenschaft, die Barthes Müttern eher zugesteht, als Männern und Frauen. Bei den Mystikern des Mittelalters, er verweist beständig auf den flämischen Augustinerprior und Mystiker Johannes van Ruysbroeck, der ähnlich wie Parsifal und der Autor selbst, vaterlos aufwächst und sein ganzes Gelehrtenleben damit zubringt, die religiös auf Gott hin gelenkte, absolute Liebe, auf die allzu Irdischen zurück zu reflektieren, erspürt er das.

Was geht der hypnotischen Hingerissenheit, der „Liebe auf den ersten Blick“ voraus? -„Ein Dämmerzustand“: das Subjekt ist gewissermaßen leer, disponibel und ,,ohne es zu wissen, offen für den >>Raub<<, dem es anheim fallen wird.“, schreibt Barthes. - Kann das einem Axolotl, einem Working- poor, einem Manager, einem Besitzumstellten heute überhaupt noch passieren? Ohne noch viel dazu zu schreiben, scheint es mir, als läge hier ein wesentlicher Unterschied zwischen der bürgerlichen, aber romantischen und daher häufig verzweifelten Liebe und dem Verhältnis, der Partnerschaft, der Beziehung, der Ehe, nach und in Verträgen, nach bürgerlichem und kanonischem Recht.

Die gängige gesellschaftliche Disposition ist die, eine Leere auf jeden Fall zu vermeiden.- Leere wird nicht geschätzt!

Selbst die Biologie verändert sich, wird „verliebt“, wie ich es ausdrücken würde. Im Reich der Tiere „ist der Auslöser der sexuellen Mechanik“ , wie Barthes klug anmerkt, „kein spezifisches Individuum, sondern nur eine Form, ein farbiger Fetisch, ein „Auslösereiz“ (m.Einf.),....Was mich am Andern abrupt berührt (mich hinreißt), ist die Stimme, der Abfall der Schultern, die Zartheit der Silhouette, die Wärme der Hand, der Ausdruck eines Lächelns usw. Was kümmert mich also die Ästhetik des Bildes? Irgend etwas passt sich genau meinem Verlangen an (das ich gar nicht kenne); ich nehme also nicht die geringste Rücksicht auf Stil.“ - Meine Liebe sagte mir einmal, sie habe sich in meine Tischsitten verliebt. In die Art, mit Messer und Gabel umzugehen und dabei ein Gespräch zu führen. Lange fand ich das witzig, verstanden habe ich es erst mit dieser Stelle bei Barthes. -Selbstverständlich kann das Bild auch ein Ton sein oder eine Geste, eine Bewegung der Hüfte, der typische Gang, den ich schon von Weitem erkenne, den ich liebe und erahne, manchmal sogar höre.

5. La maladie d´ amour

„Elle court, elle court/La maladie d´amour,/De sept à soixante dix sept ans (…) Elle fait chanter les hommes et s'agrandir le monde./Elle fait parfois souffrir tout le long d'une vie./Elle fait pleurer les femmes, elle fait crier dans l'ombre/Mais le plus douloureux, c'est quand on en guérit. (...)“

(Revaux, Sardou, Dessca, „La Maladie d´amour“, 1973, http://www.youtube.com/watch?v=dGvN3seTy7c )

Ich liebe dich

„ICH-LIEBE-DICH“ - Mit dieser ganzen und hohlen, mit dieser „Holophrase“, ein Begriff Lacans, kämpft der Philosoph und Linguist genau so, wie wir übrigen Sterblichen. Denn nach dem ersten Geständnis, das immer ein Wagnis ist, bleibt diese Figur leer. Eine ewige Wiederholung, solange die Liebe anhält. Die Phrase lässt sich aber ohne Peinlichkeit höchstens noch durch den Namen des/der Geliebten ergänzen. „ „Ich-liebe-dich“ ist stellenlos-unbestimmt. Das Wort ist, nicht mehr als das des Kindes, keinem sozialen Zwang unterworfen; es kann ein sublimes, feierliches, leichthingesprochenes, es kann ein erotisches, pornographisches Wort sein.“

Weil das so ist, weil „Ich-liebe-dich“, - besser wäre ein Einwort wie „szeretlek“ aus dem Ungarischen-, so eindeutig ist, keinen Sinn, keinen Wunsch, keinen Willen, sondern nur eine Feststellung transportiert, weil es so nahe an der „(mütterlichen, liebenden)“ Zweisamkeit liegt, weil es wie ein im gewissen Sinne reiner Sprechakt daher kommt, ist es weder von der Linguistik, noch von der Semiologie fassbar. „Seine Instanz (von der aus es sich aussprechen lässt) wäre eher die Musik.“

Was sind die Antworten auf das „Ich-liebe-dich“, wenn es also zum Ernstfall des ersten Aussprechens, zur eigentlichen Muthandlung gekommen ist? „Gesellschaftliche Antworten“ gibt es viele, unter anderem „>>ich „dich“ (meine Einf.) nicht<<, >>das glaube ich nicht<<, >>warum das aussprechen?<< usw. Die wirkliche Zurückweisung aber lautet: >>keine Antwort<<;....“ - Keine Antwort, das ist das gemeinste Sprachspiel, die Verweigerung, weil es den Fragenden, in diesem Falle, den Liebenden, nicht nur als möglichen Partner ablehnt, sondern ihn „als sprechendes Subjekt“ vernichtet. - Dieses Spiel wird bei weitem nicht nur in Liebesdingen gespielt, sondern auch bei anderen „passenden“ Gelegenheiten. Keine Antwort, sie kann nicht erzwungen werden, ist die brutalste Form der Machtausübung, weil der Fragende, der Bekennende sich auslieferte und nun ohne Antwort bleibt. Das ist der größte anzunehmende Unfall in einer Sprache.- Nicht antworten erzeugt Hass.

Die erwünschte Antwort auf das „Ich liebe dich.“, ist, „So wie ich dich.“, oder „Ich liebe dich auch.“ - Schon ein kraftloses „Ich auch“, so Barthes, reicht nicht, denn der Jubel wird nur angst- und zweifelsfrei erlebt, wenn die Antwort stark und klar ist. In der Fantasie, malt sich der Liebende aus, die eigene Äußerung falle gleichzeitig mit der bejahenden oder ebenso fragenden Phrase des Geliebten. - Ein Motiv für die große, ganz wahrhaftige Bühne, ein Motiv für die Oper und das Theater. Zwei sich gegenseitig Liebende, die sich mit der Formel ansingen und mit den Geständnissen geradezu anspringen.

Das wäre die sichere „Aufhebung jeder Buchführung“, ein existentieller Verstoß, in einer ökonomisierten Welt, die nur Tausch, Gabe und Diebstahl kennt, wie Barthes, Pierre Klossowski paraphrasierend, anführt. Durch diese unmögliche Fantasie der gleichzeitigen Liebesbeteuerung treten die liebenden Subjekte in einen „absoluten Materialismus“ ein. Also eine Fülle, die es sonst auf der Welt schwerlich gibt, weil dort Konten und Besitztümer angelegt werden müssen.

In der Sprache die es ernst meint, heißt „Ich-liebe-dich“ zu sagen, „auf eigene Gefahr hin“ an diesen Wert zu glauben, ein Risiko einzugehen. Die Sprachformel ist kein Symptom, sondern eine Aktion (Barthes, Ich-liebe-dich). „Ich spreche, damit du antwortest, und die gewissenhafte Form der Antwort (der Brief) bekommt einen effektiven Wert, nach Art einer Formel.“ - Das wird in Liebesdingen häufig missachtet. Entweder wird der Satz nicht ausgesprochen, innerlich gehemmt oder von der „Buchführung“ geplagt und bezwungen. Oder aber, die Antwort bleibt unvollständig, halbherzig. Nicht einmal die Zurückweisung gelingt.

Womit die öffentliche „Buchführung“ nicht klar kommt, das ist die aktive Kraft des „Ich-liebe-dich“, gegen „tausend Kräfte der Welt, die allesamt entwertende Kräfte sind (die Wissenschaft, die Doxa, die Realität, die Vernunft usw.). Oder auch: gegen die Sprache. So wie das Amen an der Grenze der Sprache steht,....“

Was passiert, wenn das Wort nicht zur Sprache kommt?- „Wer nicht ich-liebe-dich sagt (wessen Lippen sich kein ich-liebe-dich entlocken lässt), ist dazu verurteilt, die multiplen, unsicheren, zweifelhaften, kargen Zeichen der Liebe auszusenden, ihre Indizes, ihre >>Beweise<<: Gesten, Blicke, Seufzer, Anspielungen, Ellipsen: er muss sich deuten lassen; er wird von der reaktiven Instanz der Liebeszeichen beherrscht, ist der dienstbaren Welt der Sprache eben darin entfremdet, dass er nicht alles sagt (Sklave ist, wer sich die Sprache beschneiden lässt, wer nur mit Mienenspiel, Gesichtsausdruck, Blicken sprechen kann).“ - Die Ausdeutung des Nicht-Sagbaren, das ist allenfalls die Geburt des Romans, besonders des Liebesromans, der die Liebe „darstellt“, das spürt Barthes. Den Lyrikern, Lügnern, Unsteten und den Musikern traut er mehr zu das "Ich-liebe-dich" als „Verausgabung“, als Willen, zur Aussprache zu bringen: (...)Im wunderschönen Monat Mai,/Als alle Vögel sangen,/Da hab' ich ihr gestanden/Mein Sehnen und Verlangen. (Im Mai /Heinrich Heine)

6. Das Obszöne der Liebe

„Obszön. Von der öffentlichen Meinung der Moderne diskreditiert, muss die Empfindsamkeit der Liebe vom liebenden Subjekt als starke Übertretung auf sich genommen werden, …; aufgrund einer Umwertung der Werte macht also eben diese Empfindsamkeit heute das Obszöne der Liebe aus.“ - Das ist eine berüchtigte Lehrformel, ganz im Sinne Brechts geschrieben. Ganz oben hin, auf das Pappschild an der hochgehaltenen Dachlatte. - Nur demonstriert wird heute viel weniger gegen dieses Faktum!

Ich würde sagen, das ist der Gewöhnungseffekt, die Abstumpfung, schließlich ist Barthes Buch zweiundreißig Jahre alt. Sogar er konnte sich nicht entziehen, ertappt sich dabei, die „Liebe“, um der Obszönität zu entgehen, spöttisch als >>Lieehbe<<, lang gedehnt und verzerrt auszusprechen. Und Thomas Mann, wir kommen langsam ans Ende des Kreises, steuert aus dem „Zauberberg“ bei, „...jedenfalls fand er nicht, dass so häufige Wiederholung dem Worte (Liebe) zustatten käme. Im Gegenteil, diese schlüpfrigen anderthalb Silben mit dem Zungen-, dem Lippenlaut und dem dünnen Vokal in der Mitte wurden ihm auf die Dauer recht widerwärtig, eine Vorstellung verband sich für ihn damit wie von gewässerter Milch-etwas Weißbläulichem, Labberigem...<<“ - So kommt es zu der „historischen Umkehrung: nicht mehr das Sexuelle ist unschicklich, sondern das Empfindsame – verpönt im Namen dessen, was im Grunde nur eine andere Moral ist.“

„Der moralische Zoll, den die Gesellschaft auf alle Übertretungen erhebt, betrifft heute die Leidenschaft mehr noch als das Geschlecht. Jedermann wird verstehen, dass X...>>ungeheure Probleme<< mit seiner Sexualität hat; niemand aber interessiert sich für die, die Y...mit seinem Gefühlsleben haben mag: die Liebe ist eben darin obszön, dass sie das Gefühlsmäßige an die Stelle des Sexuellen setzt.“ - Besser könnte ich es niemals sagen.

So bleibt die Hoffnung, es bessere sich. So bleibt die Macht der Liebe, die trotz ihrer gewaltigen Obszönität immer wieder kleine Triumphe feiert. Es geht auf Pfingsten zu und auf den Mai, und immer noch geschehen kleine Wunder, denn gegen die Liebe Krieg zu führen, das ist, wie es Michel Sardou singt (s.o.), das Schmerzhafteste am Dasein überhaupt.

Christoph Leusch

Literatur: Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe,Frankfurt a.M., (Suhrkamp)1988; Original: Fragments d´un discours amoureux, Paris, 1977

01:41 29.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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