Milchpreisdesaster

Landwirtschaft Die Milch der Bauern ist nichts wert, es sei denn, sie produzieren industriell und eingebunden in ein globales Produktionssystem
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Milchpreisdesaster

Bild: JEAN-PIERRE MULLER/AFP/Getty Images

Die Milch des Bauern ist nichts wert

Was fangen wir nur an, mit „Breast Milky“ und ihrem „Funky Dung“? Schließlich sind nicht die landwirtschaftlichen Nutzer der Pink Floyd Cover-Kuh – einst hieß sie „Lulubelle III“ vom Stamme der Holstein-Friesians und ihren hochproduktiven Schwestern – mächtig in der Bredouille, sondern diejenigen, die mit Kühen und Weideflächen arbeiten, die nicht effizienzoptimiert sind.

Die multipleartige Produktion der Massenkuh, produziert zerstörte Familienlandwirtschaften in Europa, geschädigte Böden weltweit, kranke Menschen in den Futtermittelanbauländern, und – in Phasen der Überproduktion aus immer leistungsfähigeren Eutern – regelrechte „Schweinezyklen“ bei den Preisen, die vor allem die kleineren Milchproduzenten zur Aufgabe zwingen. „Rieseneuter“ und „Megagülle“ schaffen Probleme. Beide Produkte bleiben aber – das ist die Crux – als einzige marktfähig.

Wieviele Cent brauchen die Milcherzeuger?

Jakob Augstein schrieb seine jüngste SPON-Kolumne zur Krise der deutschen Milchwirtschaft und streitet sich im Spaß mit Partner Blome, warum die milchproduzierende Landwirtschaft chronische Maroditis hat.

Die Bauern im Allgäu – überhaupt in allen EU-Gegenden, in denen noch viel Weidewirtschaft und familiäre Hofwirtschaft betrieben wird – sind fast am Ende. Von 20 Eurocent für einen Liter Milch können sie nicht existieren. Auch nicht von 30! – 42-45 Cent müssten in ihre Kassen wandern, damit eine traditionelle bäuerliche Kultur- und Landschaftspflegetechnik, die die Regionen immer noch prägt und sie auch sehr gut versorgen könnte, erhalten bliebe. Wesentlich größere, stallgebundene und effzienzoptimierte Betriebe, wirtschaften sehr wohl auch mit 25-27 Cent erfolgreich und stehen Schwächephasen des Preises durch.

Die Großen bleiben, die Kleinen geben auf

Die Allgäuer Landwirte – Augstein malt ein schönes Bild friedlich wiederkäuender Weidekühe – können mit ihrem Vieh zum Beispiel nicht mit den Milchfabriken in Niedersachsen oder Brandenburg mithalten. Wer nur 25-55 Kühe im Stall und auf der Weide hat, der produziert nicht auf der Ebene eines Fabrikanten, der 100, 200, 500 oder gar mehr als 1000 Kühe einstellt und in ein praktisch globales Produktionsmanagement eingespannt, Milch erzeugt.

Wer robustes Weidevieh vorhält, der kommt nicht auf 10000 gar 13000 oder 15000 kg/Jahr an Milchleistung, aus einer Kuh. Er konkurriert – zunehmend vergeblich – mit den höchstleistenden Holstein Friesian (HF)-Kühen, deren forcierte Züchtung einst in den USA und Kanada erfolgte und heute als der globale Goldstandard gilt. Deren Zuchtrassen haben kaum etwas mit dem unempfindlichen Fleckvieh aus Norddeutschland und den Tiefebenen Europas zu tun, die einst durchaus Wind und Wetter trotzen konnten.

Hochleistungskühe brauchen ständig große Mengen an Futterproteinen, sowie an schieren Kalorien, an Vitaminen, Mineralstoffen, Medikamenten und in den USA, die überall noch eine Schippe in der Produktion drauflegen, Hormone: das bovine rekombinante Somatotropin, für 15-20% der Bestände, ein Wachstums- und Stoffwechselbeschleuniger. Nur nebenbei: Die Firma Monsanto produziert gentechnisch nicht nur Totalherbizid-resistente Nutzpflanzen, sondern auch das Rinderhormon.

1950 gab es 1 500 000 Milcherzeuger in Deutschland. Aktuell bleiben davon noch 75 000 übrig. Von einst 3400 milchverarbeitenden Betrieben, bestehen heute noch 150! Diese Entwicklung wird auch nicht dadurch gebremst, dass drei Viertel der weiterverarbeiteten Milch aus Molkerei-Genossenschaften stammt, die anteilig auch den Milchbauern gehören!

Bei der landschaftsangepassten und bedarfsgerechten Fleischproduktion, bei Getreide und Futttermitteln, ja, selbst beim Gemüse- und Salatanbau, gibt es ähnliche Schwierigkeiten aus dem Globalsierungs- und Industriealisierungswahn der Landwirtschaft. Sie geraten nur seltener spektakulär in das Blickfeld der großen Öffentlichkeit.

Milchwirtschaft, in Deutschland: 25 Milliarden Umsatz, Gewinn variabel

Die Milch ist zweifellos ein mythisches und zugleich reales Leitprodukt der Landwirtschaft, das auf dem Weg in die Vollindustrialisierung, über die Förderung von Agrarkonzernen und Großbetrieben in den Zeiten der EU-Erweiterung, weit vorangeschritten ist.

Sie kommt weder frisch, noch naturbelassen, sondern zerlegt und wieder zusammengesetzt, sowie lange haltbar gemacht, zur übergroßen Mehrzahl der deutschen Verbraucher. In den neuen Beitrittsländern der EU, besonders aber in den noch regulations- und kontrollschwächeren Staaten wie Ungarn, Rumänien oder Bulgarien, wird mittlerweile ebenfalls ertragsoptimiert für Auslandsmärkte produziert, und dazu haben sich dort internationale Agarinvestoren in die Flächen eingekauft.

Die in Deutschland erzeugten 32 Millionen Tonnen Milch stellen einen Wert von 10-12 Milliarden Euro dar. Fast 50 % der deutschen Milchverarbeitung geht in den Export, vornehmlich in EU- Nachbarländer, aber auch nach China, erstaunlich viel auf die arabische Halbinsel und nach Nordafrika, in die USA, bis zum Embargo, 2014, auch nach Russland. Knapp 37% gelangen in den deutschen Lebensmittel- Einzelhandel. Der Rest geht an speziellere Weiterverarbeitungszweige. Die gesamte Milchverarbeitung erzielt mit ca. 30.000 Beschäftigten ein Umsatzvolumen von 25 Milliarden Euro.

Der schnelle Verfall des Milchpreises

Warum ist nun aber unsere Milch so schnell noch viel billiger geworden? Vorweg: Der Milchpreis war lange vorher schon für die bäuerliche und familiäre Landwirtschaft prekär. Das Höfesterben schreitet kontinuierlich voran, hier und bei unseren großen europäischen Nachbarn (Frankreich, Polen, Niederlande). Nicht die Primärproduzenten, sondern die Weiterverarbeiter und der Lebensmittelgroßhandel bestimmen, wie teuer die Milch eingekauft und verkauft wird. Die EU-Staaten sind agrarpolitisch industriell und konsumtechnisch entlang von Konzerndimensionen und Einzelhandelskonzentrationen orientiert. Darauf ist das Regelwerk der EU-Agrarmarktordnung, trotz aller Reförmchen, ausgerichtet.

Zum derzeit beschleunigten Untergang der kleinen Produzenten trug, es klingt zunächst paradox, die endgültige Abschaffung der Milchquoten, 2015, bei.

Warum? Die großen Produzenten steigerten – mit geringem zusätzlichem Investitions- und Betriebsaufwand – sofort ihre Milchmengen. Die Familienbetriebe konnten das nicht in gleichem Maße und schon gar nicht zum gleichen Produktionspreis tun.

Wie vernünftigere Sonderentwicklungen aussehen könnten, jenseits der ausschließlichen Effizienz- und Profitorientierung, das zeigt in Europa besonders die Schweiz, und, man höre und staune, innerhalb der EU, Österreich. Dort ist das Sterben der Familienhöfe weniger dramatisch. Nichtdestotrotz gilt der allgemeine Trend europaweit. Die kleinen Produzenten sterben, die großen wachsen. Die Milchmengen gehen nicht zurück, im Gegenteil, sie werden nur anders und konzentrierter, mit weniger Arbeitskräften und weniger Kühen, produziert.

In den Verbrauchermarkt-Ketten selbst gilt das Eutergemelk allerdings als ein Produkt, das vorzüglich der Mischkalkulation unterzogen wird, um Kunden mit Billigangeboten locken zu können, selbst wenn es schon immer recht billig verkauft wurde.

Aktuell hat die Bundesregierung – mit ihrer völlig nutzlosen und zudem nur die am weitesten unbeteiligten Bürger treffenden Sanktionen gegen Russland – eine zusätzliche Milchüberproduktion verursacht. Ohne den ausfallenden Exportanteil wachsen die Überkapazitäten. Bei uns trifft das vor allem die sogenannten kleinen und familiären Produktionseinheiten, weil diese beim Preis keine Luft nach unten haben und die Preisflaute nicht überstehen. Hinzu kommt, dass China konjunkturbedingt weniger Milchprodukte importiert und zudem beginnt auf Weltmarktniveau – leider auch mit den gleichen, unerwünschten Nebenwirkungen – zu produzieren.

Hohe Milchleistung, erfordert viel Eiweiß und Energie

Die notwendigen Futter-Proteine und die kontinuierliche, hohe Kalorienzufuhr stammen aus genmodifiziertem Soja, aus Mais, Weizen und Gerste, transgen und konventionell hybrid, aus Roggen, Raps, sowie vom Dauergrünland. Häufig von Äckern, auf denen buchstäblich nichts anderes mehr wächst, weil die Futterpflanzen als einzige resistent gegen Totalherbizide sind.

Die Böden unter diesen Anbausystemen bleiben – trotz der mittlerweile weltweit anerkannten, schonenden, oberflächlichen Bodenbearbeitungstechniken – artenarm, schlecht durchlüftet und überdüngt (Nitrat), mit den bekannten Folgen für das Oberflächen- und Grundwasser. Sie leiden unter verstärkter Wind- und Wassererosion. Sie sind labil, mit Bezug auf längere Trockenperioden, im Rahmen des Klimawandels.

Sehr billig, wird ein großer Teil des Futters aus Übersee importiert. Dort – eher gut vor uns durch Distanz und mangelnden Informationswillen versteckt – produziert der Anbau auch jene Chemiecocktail-Toten und massenhaft chronisch Kranke. Dort entstehen Dauer-Monokulturen, die die Böden auslaugen und die Artenvielfalt reduzieren.

Die Hochleistungskühe müssen Schutz vor allzu viel Wetteränderung erhalten und dürfen sich möglichst wenig bewegen. Sie haben nichts mit dem als Milch- und Fleischrasse gleichermaßen nutzbaren, traditionellen Fleckvieh zu tun.

Milchleistung historisch

Es gibt heute in Deutschland etwa so viele Kühe wie 1935, ca. 12, 5 Mio. Stück, und davon sind eine Million weniger Milchkühe als in den 30er Jahren, nämlich 4,3 Millionen. Diese Milchkühe produzieren im Schnitt (Durchschnitt, das ist nicht der Median und auch nicht eine Abbildung der Bandbreite der Milchleistung, z.B. durch Dezentile!) 8350 kg Milch/Jahr (Milchleistung wird in Kilogramm erfasst, 1 Liter Milch ~ 1,02 kg). In den 1930er Jahren waren es 2500 kg pro Jahr und in den 1980ern ca. 5500 kg.

Interessant ist, dass trotz weiterer Zunahme der Hochleistungs- Bestände die Milchleistung pro Kuh seit den 2010er Jahren viel langsamer anstieg. Der Gipfel der hybridgenetisch erreichbaren Milchleistungssteigerung scheint erreicht, ganz abgesehen von den Kollateralschäden dieser Art Intensiv- Tierzucht und Tierhaltung hierzulande und fern der Grenzen des „Reiches“. Nun geht es nur noch darum, in den letzten Milchvieh-Regionen ebenfalls die HF- Rinder durchzusetzen.

Händeringend versucht man, das einseitig gezüchtete Genmaterial der Hochleistungsrassen durch Einkreuzungen zu verbessern, weil mit der Milch- oder Fleischmast-Höchstleistung die Anfälligkeit der Tierindividuen und ihre Ansprüche an die vollregulierte Haltung ebenfalls anstiegen und damit die Nebenkosten der Erzeugung. Keine Frage, diese Art der Milch- oder Tierproduktion ist nur deshalb großindustriell profitabel, weil man in ärmeren und schwächeren Ländern für die Futtermittelproduktion keine fairen Preise zahlen muss und sich um Schutzstandards nicht allzu sehr schert.

Die Entwicklung bei den Milch- und Fleisch-Erträgen deckt sich mit der bei GM-Getreide oder GM-Hülsenfrüchten (Leguminosen). Im Vergleich mit konventionellen Hybridzüchtungen liefern sie kaum noch nennenswerte Ertragsvorteile, kosten aber die Landwirte bei den Patenten und Nutzzungslizenzen für die Saatgut-Spritzmittel-Anbausysteme, an die sie sich praktisch versklavt haben. Gerade in Nordamerika und Kanada gefällt das Bauern, die auf Riesen-Ackerschlägen und mit Großställen der Konkurrenz davoneilen, immer noch staatlich subventioniert (z.B. GM- Mais). Weil diese Produktion hocheffizient und staatlich gestützt ist, muss ihr Überschuss exportiert werden. Die traditionelle Agrarwirtschaft der Entwicklungsländer kann da nicht mithalten. Wenige finanzstarke Agrarunternehmer, zum Beispiel in Südafrika oder Nigeria, ziehen die Konsequenzen. Sie produzieren nun nach US- und EU-Standards, mit weniger Arbeitskräften und den Hochleistungskühen aus Übersee im Stall.

Auswege?

Nur 2% der deutschen Milch wird nach Bio-Standards hergestellt, die den Verzicht auf gentechnisch veränderte Futtermittel, auf Spritzmittel im Anbau der Futterpflanzen, vorschreiben, die regionentypische Rinderrassen nutzen; die vor allem ohne globale Importe, aus der eigenen Grünland- und Nutzpflanzenproduktion, die Ernährung ihrer Tiere sicherstellen und nicht wieder nach Übersee exportieren. - Der Biomarkt bleibt eine Nische. Vom ökologischen Umbau der (Agrar-)Industrie-Gesellschaft ist selbst die Politik der Grünen abgekommen und befürwortet heutet die Förderung von „Bio“ als zusätzliches Marktsegment.

Weil das so ist, entstehen absurde neue Wertschöpfungen, bei denen Allerwelts- Bioprodukte in der Dritten Welt produziert werden, um sie hier bei uns billiger verkaufen zu können. Ohne politische Grundsatzentscheidungen und Weichenstellungen wird es mit der Landwirtschaftsindustrie so weitergehen.

Man muss die bäuerliche und familiäre Landwirtschaft in Mitteleuropa nicht glorifizieren. Dazu ist sie mittlerweile ebenfalls zu sehr in eine systemischen Agrarindustrie eingebunden. Aber die Bedrohung ihrer letzten größeren Reste in den typischen mitteleuropäischen Landschaften hat Auswirkungen auf das Landschaftsbild und die Reichhaltigkeit der Flure. Sie erhöht die Belastung von Oberflächen- und Grundwassern und verstärkt die Abhängigkeit von Patentrechtehaltern und internationalen Agrarfirmen, die die Produktionssysteme verkaufen. Vielleicht ist das unter der Vakuumglocke der politischen Regierungsmaschinen in den europäischen Hauptstädten nicht mehr spürbar, vielleicht ist es dort sogar erwünscht?

Christoph Leusch

Dank an die dF-Redaktion und Moderation, für die behutsame Verbesserung so mancher Grobschlächtigkeit und das optimierte Layout.
12:31 23.05.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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