Dr. Monroe-Arztserie aus Inseleuropa

Fernsehärzte Sind wir an "In aller Freundschaft" und "House" in drei Ebenen dumm geworden? Die britische Miniserie "Monroe" startet den Entblödungsversuch

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Dr. Monroe-Arztserie aus Inseleuropa

Screenshot Arte

Dr. Monroe (Monroe)- Arztserie aus Inseleuropa

Fast alle Menschen lieben Arztserien, nur viele Ärzte lieben sie gerade nicht. Vom Kitsch-Vorabend bis zum wöchentlichen Menschen in 3-Ebenen und jeglicher nur denkbaren anderen Untersuchungstechnik à la „House“, gibt es für jeden Geschmack was in der Flimmerkiste.

Deutschland hat tiefenseelische Erinnerungen und Bindungen an den Arztgeschichten-Kitsch. Die „Schwarzwaldklinik“ dräut im Kollektivgedächtnis und dazu einige Jetztzeiterfahrungen, z.B. mit der reichlich drögen und sehr realitätfernen Dauerserie „In aller Freundschaft“, bei der die Serienärzte ganz offensichtlich nicht nur über grenzenlose Kompetenzen, sondern auch über ein unverrückbar stabiles Persönlichkeitsprofil verfügen. - Arztserien neigen dazu, überwiegend Klischees zum Krankenhaus, zu den Ärzten und Pflegern zu vermitteln und diese zu verfestigen.

Aus Großbritannien kommt nun auf Arte „Monroe“ (Dr. Monroe), die Mini-Serie um einen Neurochirurgen und seine tägliche Arbeit, die genau die Grenze einhält zwischen einer spannenden fiktiven Handlung und dem Versuch, einigermaßen realistisch die Fallentscheidungen in einer Klinik zu zeigen. Gesättigt mit jeder Menge britischen Humors und Lebensart, zieht diese Miniserie dem Bild der Halbgötter in Weiß, die da meist in OP-Grün auftreten, den Zahn, ohne die Personen in ihren Fehlern und Charaktereigenarten zu desavouieren. Man "verliebt" sich in die Fallpatienten, diesen Dr. Monroe, seinen Anästhesisten, die rivalisierende Kardiochirurgin und die weiteren Akteure, weil sie normal abgedreht sind.

Anders als beim ausgelaufenen US-Dauer-Projekt "House", ufern die Einzelfolgen nicht in eine Abfolge um die Beziehungsgeschichten der Protagonisten aus, die dann irgendwie plausibel gemacht werden müssen. Der Abstand zwischen der Kompetenz des Hauptprotagonisten und dem Rest der Krankenhausmannschaft ist hier ebenfalls auf ein Normalmaß reduziert.

Die Würze liegt bei Monroe in der realistischen Darstellung der Entscheidungsdilemmata entlang der Fälle und jenes alltäglichen Konfliktes, dass Ärzte mit dem realen Ausgeliefert-sein ihrer Patienten und deren Angehörigen umgehen müssen und damit schon reichlich Probleme haben, wenn sie sich nicht völlig abschotten. In jeweils knapp 45 Minuten kommen ein oder zwei Fälle zur Sprache und die Mediziner, an deren Kompetenzen keine Zweifel gehegt werden, -sie sind fachlich gut, aber bevorzugen sehr unterschiedliche Kommunikationsstile-, zeigen sich bei den jeweiligen Lösungen keineswegs als Übermenschen. Sie machen, was sie können und leiden daran, was ihnen alles nicht gelingt.

Warum Monroe viel überzeugender wirkt als die Dauerserie „In aller Freundschaft“, liegt zum einen daran, dass die vielen Rahmenhandlungen nicht unnötig ausgewalzt werden, und andererseits die SchauspielerInnen für die jeweiligen „Fälle“ jeweils ein eigenes Gewicht erhalten, eine richtige Hauptrolle spielen dürfen. - Trotzdem hat es in GB nur zu zwei Staffeln von je sechs Episoden gereicht, bevor das Publikumsinteresse wieder einbrach.

Schade, denn „Monroe“ besticht vor allem auch durch die Filmsprache (Die ersten drei Folgen, Regie: Paul McGuigan) und die ausgezeichnete Filmmusik (Dominik Scherrers fein komponiertes Grundgerüst mit wunderbaren Streicherparts, Schlagwerk und elektronischer Musik, reichlich Independent- Pop und Singer-Songwriter Liedern, passend zur Szenerie).

Es kommen alle möglichen Bild-Techniken zum Einsatz. Mich persönlich, überzeugten vor allem die vielen, fast fotografischen Close-ups und allerlei gewitzte Einfälle, wie man mit mehreren transparenten Ebenen, die öden Befunde und CT-Scan-Bilder so einbaut, dass der Zuschauer weiß was Sache ist, andererseits die knappe Serienfolgezeit nicht durch Unterbrechungen der Spielhandlung aufgehalten wird. - Nach einer Folge Monroe ist man nun nicht Spezialist für einen Krankheitsfall, hat aber verstanden, was ein normaler Fall im Krankenhaus sein kann.

Für das Serienprojekt wurde eine alte Schule zum ehrwürdigen Altbaukrankenhaus im Brick and Stone-Stil umgebaut, und die Hauptdasteller bereiteten sich Method-acting artig auf ihre Rollen vor. Nesbitt "lernte" bei einem der besten Neurochirurgen Englands.

Die Ziegelmauern sind wichtiger Teil der Serie und sie geraten daher ausreichend häufig unter den liebevollen Blick des Kameraauges, das selbst kleinste Details der Einrichtung erfasst.

Sehr glaubwürdig, spielt James Nesbitt den Neurochirurgen Monroe, der seine Patienten auch schon einmal durch Nichtstun, frei nach Voltaires Diktum, Ärzte sollten häufiger dem Patienten bei der Heilung Gesellschaft leisten und unterhalten, während die Natur ihn heilt, behandelt.

Monroes bester und einziger Freund, der Anästhesist Sheperd, fragt ihn, ob er denn niemals der kontinuierlichen Hirndruckmessung oder dem CCT vertraue! - Monroe schaut seinen Patienten direkt in die Augen und er fasst sie häufig an. Da weiß er schon viel. Er handelt unkonventionell und menschlich, wenn es um seine Patienten geht, und ist fast schon ein wenig behindert, geht es um seine Familie oder die Kollegen.

Dazu sind wiederkehrende Ankerszenen eingestreut, die das besonders zeigen. Liebevoll rasiert er höchstpersonlich immer wieder das OP -Feld auf den Schädeln frei. Jeder neue Fall beginnt mit der Weckerszene zu Hause. Denn eines ist weltweit ein Krankenhaus-Ärzteschicksal, nämlich chronisch zu wenig Schlaf zu finden. Seine Frau Anna, die sich gerade von ihm, wegen fortgesetzter, jahrelanger Unaufmerksamkeit und einer alten Seitensprunggeschichte scheiden lässt, taucht als störender Geist regelmäßig auf und versucht ihn zu erziehen. So wird sie als Hirntumor projiziert, den es radikal zu operieren gilt.

Die Serie ist ein Loblied auf das NHS-Gesundheitssystem Großbritanniens. Selbst Witze entlarven die Haltung der Serienmacher. Bei der Tumor-OP einer Patientin wird deren Lieblingsmusik eingespielt und Monroe frotzelt, das, wäre sie Privatpatientin, Belle and Sebastian live im OP auftreten würden.

Überhaupt die „Fälle“. Der vorerst letzte, ein Afghanistan- Soldat der seine Selbstwahrnehmung, seinen vermuteten „Misserfolg“, mit Ketamin und Alkohol zu überdecken sucht und sich beim Risikospiel als Mauerläufer eine lebensgefährliche Hirnblutung zuzieht, ist so differenziert gespielt, man muss diese Figur glauben und den jungen Schauspieler bewundern. Die Patientin mit dem Hirntumor in der ersten Folge, blickt so gekonnt ungläubig-überrascht in die Kamera, dass der Knalleffekt, ihr messerscharfer Verstand, wie eine eigene Pointe daher kommt.

Noch mehr könnte ich schreiben. Ich empfehle aber nur, sich ausnahmsweise diese Glotzenproduktion anzutun. Es ist ein Gebot der Weisheit, um vielleicht auch zu verstehen, wie unterhaltendes TV sein könnte, hätten wir mehr Ansprüche daran.

Christoph Leusch

Links:

1.Fall

http://videos.arte.tv/de/videos/dr-monroe-1-6--7329700.html

2.Fall

http://videos.arte.tv/de/videos/dr-monroe-2-6--7329704.html

3.Fall

http://videos.arte.tv/de/videos/dr-monroe-3-6--7329708.html

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