Fetter Frauenwitz, ewige Einwirkzeit

Genderdrama 1967 Die Welt ist in Männer- und Frauenfragen, im Gerede darum, auf dem Stand der 1968er Jahre eingefroren. Fay Weldons lesenswerter 67er Roman zum Thema bestätigt das.
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Fetter Frauenwitz, ewige Einwirkzeit, kein Ende

Fay Weldons Erstlingsroman „The Fat Woman´s Joke“ von 1967, könnte heute geschrieben sein, und er beschreibt die individuellen und privaten Dilemmata unserer Zeit so exakt, so ironisch, als stammten die Beobachtungen der Autorin aus der Gegenwart im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.

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Der Nebel und der Smog haben mittlerweile schwer nachgelassen, die oberflächliche Gesundheit und das Leben im Wohlstand verlängerte sich dramatisch. Dafür existiert nun eine global gesundheitsschädliche Finanz-City, und global steht es auch um die Ökologie und das Klima, entgegen allen Geredes, -“Ich spür´ doch nichts."-, nicht gut.

Die intimeren Verhältnisse der Geschlechter haben nichts an gegenseitigem Kränkungspotential verloren, sich sogar wieder mehr vernebelt und hässlich aufgeladen. Der Umgang ist rauh, im Kern ziemlich brutal. Geglaubt wird, beäugt man den Sachbuchmarkt und den Alltag, von beiden Geschlechtern praktisch alles, nur nichts verbindendes. Von verquasten hirnphysiologischen Ableitungen, die den freien Willen und die individuelle Entscheidung hinweg erklären möchten, über den Beziehungsmenschen als Tier, bis hin zur heilenden Spiritualität des Hypersex, alles kann, alles darf, aber müsste nicht sein. Jeder Blödsinn der zwischen Buchdeckel und auf Webseiten passt, wird angenommen. Oft mit der billigen Ausrede: „Ich bin eben so, mir tut das aber gut.“ - Nur tue ich so anderen was Gutes?

Es soll wohl so bleiben, verfolgt man die tägtäglichen Rosenkriege und Wertungsschlachten in den digitalen Foren und die Hauptbeschaftigung der Alltags-, Society- und Leben- Redaktionen der Republik, die darin nur Beispiele für globale Trends der Mittelschicht liefern, die sich an die Werbebranche angeschlossen hat. Erschreckend, dass alles schon vor 40 und 50 Jahren genau so war. Erschreckend, dass die gleichen Muster aber auch schon in der Nachfreud- und Weimar- Zeit, liest man die Kolportage- und Angestelltenromane der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, schon genau so gelebt wurden.

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London in den späten 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. In einem Halbkellerloch sitzt „The fat woman“, Esther. Sie liest Science fiction, schaut TV, frisst und erbricht sich krank und kippt sich so manchen Drink hinter die Binde. Sie hat ihren ebenfalls lebensunglücklichen Ehemann Alan und ihren nur fast erwachsenen Sohn Peter verlassen und rächt sich nun an sich selbst und damit an den anderen. - Regelmäßig kommt Phyllis, ihre letzte Freundin, vorbei. Sie hat kein Kind, sie ist dafür schlank und glaubt mit ihrem Ehemann Gerry eine reine Liebe aus lauterem Sex leben zu können.

Sie ist einzig darum besorgt, ihre Figur nicht einzubüßen, um ihrem Mann weiter zu gefallen. Aus jedem Wort spricht die Bewunderung für ihre starke Freundin, der das alles scheißegal zu sein scheint und zugleich fürchtet sie die eratische Dicke. Denn Esther lebt vor ihr destruktiv und redet, was sie sich nie trauen würde. Esther macht auch vor ihrer besten Freundin nicht halt. So erklärt sich Phyllis Wunsch, die Freundin wieder auf den rechten Pfad der Tugend zurück zu bringen, heim zu Alan, heim zu Peter. - Das ist die ältere Frauengeneration.

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In einem anderen Stadtteil sitzen die jungen Frauen Susan und Brenda zusammen. Twiggy-Typ Susan, -sie könnte auch das Model Veruschka von Lehndorf aus Blow-Up sein-, arbeitet gelegentlich als Sekretärin, ansonsten malt sie. Brenda kommt diesem Figurtyp nur knapp nahe. Ihre Oberschenkel sind zu dick. Susan sagt es ihr direkt ins Gesicht. Brenda bewundert die selbsternannte Künstlerin und noch mehr, deren promiskes Sexleben. Susan hat eine Affäre mit Alan, Esthers Ehemann. Später noch eine, mit Peter, Esthers Sohn, so wie davor ungezählte Affären, mit leichtem Hang zu Schriftstellern und Künstlern.

Beide Frauen, Esther und Susan, jeweils bewundert von ihren Freundinnen, ergehen sich darin, selbst in eigener auswegloser Lage die treuen und anhänglichsten Seelen an ihrer Seite zu erniedrigen. Dafür sind die Freundinnen ja da. Susan zu Brenda: „Du weißt nichts über Sex, Kunst oder irgend etwas anderes. (…) Du bist manchmal ziemlich blöd.“

Trotzdem halten Brenda und Phyllis zu ihren, je auf eine andere Art, moderneren Busenfreundinnen. Phyllis zu Esther, die klug ist, alles kontrolliert und lenkt, bis auf sich selbst, Brenda zu der fast gleich alten, hübscheren Susan, die sich ein Vergnügen daraus macht, verheiratete Männer am Arbeitsplatz abzuschleppen oder in Pubs wildfremde Typen aufzugabeln, um mit ihnen ins Bett zu steigen. - Eigene Fantasien werden eingespeist und am Modell der mutigeren Freundinnen abgearbeitet.

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Musik zum Thema: Rosy Tin Teacaddy, ein langjährig zusammenlebendes und musizierendes Paar, eine Offenbarung. Ihr Lied Checkmates greift das Thema auf.

http://soundcloud.com/rosy-tin-teacaddy/checkmates

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Den Höhepunkt des ersten Teils des Romans, bildet ein gemeinsames Abendessen der beiden Paare Esther und Alan, Phyllis und Gerry, bei dem die eloquente Esther das notorische Fremdgehen ihres Mannes ebenso aufdeckt, wie seinen Hang, sich selbst einen Ausgleich als Schriftsteller zu seiner elenden Tätigkeit als Werbemensch zu schaffen. Sie hält nichts von ihm, ebenso nichts vom männlichen, aber dummen Gerry und noch weniger vom Geist ihrer Freundin, so wie sie von ihrem eigenen Körper in keiner Beziehung etwas hält. Trotz allem, werden Alan und Esther von ihren befreundeten Gästen angehimmelt. Gerry macht Esther an und Phyllis macht Alan schöne Augen. Beide werden dafür später Spielmaterial des Paares, das seinen Frust über die öffentliche Beschimpfung des je anderen in einer darauf folgenden, 14- Tage-Diät abarbeitet, die bei Esther in einer Phase von Bulimie endet. Esther schläft mit Gerry, Alan fügt Phylls seiner Eroberungsliste ein.

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Schier unendlich drehen sich die die dialogischen Szenen dieser Paarbeziehungen. Es wird gestänkert und gelästert, dass sich die Balken biegen und kein cooler Witz zu Paaren und Passanten bleibt unausgesprochen. Reichlich bieten sich den Frustierten, aber in ihrem Frust weiter drehenden Protagonisten, Gelegenheiten, Selbstzerstörungsakte einzuplanen, sich die Kante zu geben, die eigenen Pläne und Ziele, ach was, auch die der anderen, in Grund und Boden zu reden und zu saufen. Ein paar Dialogfetzen klären das Atmosphärische:

Pub: „All´ diese riechenden Leute, so abgefüllt, dass sie nicht mehr wissen was sie tun. Wie kannst du in einem Pub überhaupt mit jemandem reden?“

Ehe: „Die Ehe ist für mich eine viel zu starke Institution.(...) zu bedeutungsschwer und mächtig.“

Küche: „Die Küche der Sussmans war vollgestopft mit Gewürzen, Geschmacksverstärkern, Bioware und Mörsern, Zwiebel- und Knoblauchketten, und Tontöpfchen mit Olivenaufstrich und Ausschnitten aus Mrs. Beetons* Kochbüchern. Da war kaum noch Platz für menschliche Wesen,....“

Diät; Essstörung: „Eine meiner Freundinnen ging auf Diät und verlor allen Appetit fürs Essen. Sie brachten sie in die Klinik, aber es war zu spät, sie starb. Ihr Magen war auf die Größe einer getrockneten Bohne geschrumpft. Oder war es eine Walnuss?“

Links sein und Erinnerungen: „ Ihr seid einst zu Protestmärschen aufgebrochen, oder nicht? Und zu linken Treffen. Ihr habt Spruchbänder zusammen mit anderen getragen. Ihr habt geholfen die Welt zu retten. Die Welt ist die gleiche die sie war, aber was ist mit euch passiert, als ihr den Versuch aufgabt, sie zu retten?“

Beziehungsende: „...Er wollte, ich sollte anders sein, als ich war und das erschien mir als die größte und zerstörischste Verletzung.“

Beruf: „Verbring´ einen nützlichen Tag damit, deine Beziehungen zum Rest des Teams zu verbessern. Schreibe Memos, um deine Vorgesetzten daran zu erinnern, dass du existierst-....Geh´ auf eine Inspektionsreise, es muss etwas geben, was zu überprüfen ist. Frag´deine Mitarbeiter ob sie glücklich sind.“

Sekretärinnen: >>„Wirklicher Mut“, sagte er, besteht darin Leiharbeitssekretärinnen mit wunderschönen Beinen und eigenwilligen Gedanken einzustellen.“<<

Kommunikationskrieg: „Und ich versuchte ihn jeden Tag zu enttäuschen. Ich verbrachte mein Leben damit gegen Alan Krieg zu führen,...“ (...)

Das Ehe/Beziehungsbett: „An diesem Abend lagen Alan und Esther in dem Doppelbett, das sie seit 18 Jahren teilten.(...) Früher nahmen sie glücklich die zwei Fuß in der Mitte in Beschlag. Nun nutzten sie die Ränder.“

Das Verdikt, und mustergültig endgültig:

>>„...Ich hasse Männer.“„Ah, das ist es also.“ „Ich hasse nicht dich persönlich, nur deine Rasse.“ „Mach´ dir um mich keine Sorgen, ich werde es überleben. Und du, du bist natürlich frei, deine eigenen Wege zu gehen.“(...) „Danke vielmals. Du sagst die süßesten Sachen.“ Oh, lass´ uns schlafen.“ „Morgen gibt es Kochfisch“ (immer noch auf Diät, m.Einf.) „Einfach verehrungswürdig“, sagte sie, „Das Leben ist so voller Herausforderungen.<<

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Das Ende kommt rasch und unerwartet in Teil drei. Esther verlässt ihr Kellerloch und kehrt zu Alan zurück. Phyllis, die den abgemagerten Alan einmal zu Brutalo-Sex im Bett hatte, bleibt bei Gerry. Susan, die Sexbombe, heult sich, nachdem sie Alan als Spielmaterial entlarvt hat, bei dessen Sohn Peter aus. In Gedanken sucht sie immer noch nach dem Lebenskünstler an ihrer Seite, der ihr den Ausbruch ermöglicht. Brenda hält derweil Händchen mit einem wildfremden Mann, so als wollte sie die Unterrichtsstunde bei Susan noch einmal vertiefen.

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>>„Wives always win in the end“, said Phyllis hopefully; she had moved into profile against the light , so that her new and improved breasts stood out to advantage. It was for Alan´s benefit but he took no notice. „All they have to do is hold out long enough.“ „You silly prissy samarmy common bitch,“said Esther. (...)“But it´s true,“, Phyllis persisted, with a note of hysteria in her voice. „Wives win.“ „And what a victory, over what.“ „Please will you both calm down,“ said Alan. „There is no point in you staying here wasting money.(...)“<<

Ende

Christoph Leusch

(auch für die schlichte Übersetzung)

10:44 17.11.2011
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig. Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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