Haiti - Peau noire, masques blancs

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Haiti-Peau noire, masques blancs

Weiße Salbe, Voodoo-Ökonomie und die Vergesslichkeit der Aufklärung:

In Europa setzte 1755 ein gewaltiges Erschrecken ein, als das Erdbeben von Lissabon Zehntausende in den Tod riss. So früh schon, keimten die aufklärerischen Zweifel, ob der unendliche Glaube an die Machbarkeit, alles auf dieser Erde ließe sich buchstäblich zum Menschenwerk erklären und die Welt sei "durch zu arbeiten", wie später die klugen, Hegel-geschulten Marxisten schrieben, ausreicht, um die Menschheit vor dem „Angriff“ der Natur und ihrer Eigenart schützen zu können. Gleichzeitig erschütterte das Erdbeben den Glauben an einen gütigen Gott.

Eines ist uns heute klar: Eine völlige Versicherung des Daseins aus menschlicher Praxis wird es nie geben. -Das ist tröstlich. - Zugleich aber, wird deutlich, dass ganze Teile diese Welt nicht einmal das Menschenmögliche bekommen haben! Viel weiße Salbe wurde aufgetragen, Entwicklungshilfe geleistet, UN-Truppen und Beamte stationiert, gute Gefühle jahrzehntelang zu Hause verbreitet. Aber an vier bis fünf Millionen Slum Bewohnern und ländlich Bitterarmen, bei ca. 9 Millionen haitianischer Bevölkerung, an diesem beschämenden Verhältnis, hat die vor über zwei Jahrhunderten deklarierte Unabhängigkeit des Inselstaates nichts geändert.

Der Tod und die Wiedergeburt eines zerstörten Landes ist immer möglich. Wer wüsste das besser als wir Deutsche. Aber, trotz der Parolen-Schilder und der neu gewebten, nationalen Fahnen, die bald nach Katastrophen wieder auf weiß geschlämmten und getünchten Präsidentenpaläste und den ebenso weißen Villen in den armen Staaten dieser Welt wehen, ist spätestens zehn Jahre danach, das meiste Geld auf die Einlagekonten und in Investments des westlichen Kapitalmärkte zurück gewandert. Die elitäre Jugend der beglückten Länder studiert derweil an den Universitäten der USA, zu Oxbridge, oder an der Sorbonne, natürlich Jus und vor allem Bussiness Administration, um zu wissen wie man aus nichts Wirklichem, immer noch mehr Geld macht, und wie zu Hause Alles bleibt wie es ist.

Überall in den gemäßigten Zonen dieser Welt, natürlich vor allem in den Vereingten Staaten, in Großbritannien und in Frankreich, sitzen die Haitianer mit den weißen Masken, die Exilierten, die Wirtschaftflüchtlinge und alle jene, die schon gewohnheitsmäßig Erst- Zweit- und Drittwohnsitze rund um den Globus anmelden. Wie es Frantz Fanon gesagt haben würde, tragen sie ihre weißen Larven und die schwarze Haut darunter spannt und schmerzt, weil das Desaster, der Weltuntergang der Antillen, nur bloß legt, was sich dort über Jahrzehnte gerade nicht änderte.

Die Hochzeit von Port-Au-Prince

Hans Christoph Buch wird in den letzten Tagen häufig befragt nach seinem Haiti und er gibt, verzweifelt, ohne es sich allzu sehr anmerken zu lassen, Auskunft. So, wie er das schon in seinem großen, aber schwer zu lesenden Roman, „Die Hochzeit von Port-Au-Prince“, tat. - Nein, in diesem 1984 erschienenen Buch wird die Naturkatastrophe nicht vorher gesagt. Herr Buch ist kein Nostradamus und ausdrücklich kein Voodoo-Priester. Dafür aber, bescheibt er im einzig bekennend architektonisch gegliederten Roman der deutschen Nachkriegsgeschichte, eine nationale und koloniale Palastruine mit drei Flügeln. Je einen aus dem 18., dem 19. und dem 20.Jahrhundert.

Das Buch ist vom Anfang bis zum Ende konstruiert, gespickt mit Verweisen zur haitianischen Kultur und Geschichte, zur animistischen und magischen Voodoo-Religion, zum Katholizismus und Evangelismus, die sich längst mit den mytischen afrikanischen Wurzeln der freien Sklavenrepublik verschmolzen haben. Es entstand ein Amalgam mit gesundheitsschädlicher Auswirkung, in sechster oder siebter Generation. - Mit allen literarischen Mitteln ist die biografisch und historisch gestützte Handlung aufgeladen. Neben den Elementen des magischen Realismus und der Traumdeutung, finden sich Stücken aus der kreolischen Lyrik, dazu Passagen, die wie Ausrisse aus alten Reiseberichten klingen. Die eingewebte politische Analyse lässt zumindest ahnen, was die Haitianer zu ewigen Kindern des Kolonialismus hat verkümmern lassen. - Sie haben ihr Gefühl der Inferiorität, den Fatalismus des Negersklaven, die Brutalität des jeweiligen Augenblicks in einer schwachen staatlichen Struktur, völlig verinnerlicht. -Trotzdem leben dort fröhliche und gastfreundliche, ganz warmherzige Menschen. Von Zeit zu Zeit kamen früher Wellen neuer weißer Einwanderer, darunter auch Deutsche, darunter Hans Christoph Buchs Verwandte und Vorfahren.

So ist dieses passagenweise traumverlorene, dann wieder wie eine Gerichts-oder Behördenakte verfasste Buch, eine Kreuzung aus Marquez, Carpentier und Albert Drach- Geschichten, fast schon ein Gerichtsprotokoll und andererseits, ein ganz eigener Traumpfad. - Der Autor dankt seinen Verwandten auf der Insel. Er brauchte drei Dinge, diesen fantastischen Roman zu schreiben: Gastfreundschaft, eine haitiianische Bibliothek und die kreolische Küche.

Exkurs: Über den Suhrkamp-Verlags wird derzeit viel gestritten und gezetert. So als sei früher die Qualität zu Frankfurt viel besser gewesen. Aber, wenn ein Lektorat zu diesem Antillenroman den häufig wiederholten Fehler stehen lässt, es handele sich um das „Sarragossameer“(!) und z.B. auch stehen bleibt, dass Wespen Rüssel tragen dürfen, mit denen sie Fruchschalen aussaugen, dann zeugt das nicht von mehr Exzellenz - Lässliche Sünden sind das jedoch, angesichts eines aktuell und historisch wieder wichtigen Romans, der wunderbar dichte Beschreibungen und tiefe Einsichten zu Haiti enthält. Solch ein Roman kann keine reine Liebesgeschichte und keine geradlinige Generationensaga sein, dafür sind die Verhältnisse auf Haiti zu anders und das Buch zu deutlich ein allein stehendes Experiment.

Nicht Katzen, Kaimane haben sieben Leben - Die märchenhaft reale Gründung Haitis:

Napoleon, ursprünglich ein Inselabkömmling, später Artillerist und Stratege, war nie ein Seemann. - Sehr wahrscheinlich hasste er das Meer. Der Plan zur Rückeroberung einer frankophonen, eigentlich internationalen, Antillenhalbinsel musste daher scheitern, als sich 1802, im Jahr des einzigen glorreichen Friedens des ersten Konsuls mit England, ein „Zeitfenster“ auf tat. Das Expeditionskorps, welches die „Negergeneräle“ schlagen sollte, um die Kolonie wieder an die Republik zu binden, musste scheitern. Die Franzosen konnten zwar den einmal royalistischen, dann wieder revoutionären, legendären Anführer der Sklavenbefreiung Touissant L´Ouverture gefangen nehmen, der sich seinem großen Vorbild und Gegner folgend, ebenfalls zum Ersten Konsul auf Lebenszeit ausgerufen hatte. Doch General Lerclerc und der Großteil des Expeditionskorps krepierten elend am Gelbfieber.

Vorher hatte der strategisch äusserst begabte schwarze Sklave Touissant L´ Ouverture sowohl die Spanier als auch die Briten besiegt, den Anführer der farbigen, mischblütigen Haitianer getötet und sich praktisch zum Alleinherrscher der gesamten Insel Hispaniola gemacht. In einem Staat, der weder Republik noch Monarchie war, der die Thesen der französischen Revolution enthusiastisch aufnahm und die Sklaverei für immer abschaffen wollte, arbeitete die Maschine der Eigentümer Pflanzer weiter.

Touissant L´Ouverture endete in französischer Gefangenschaft. Seine „Negergenerale“ hatten ihn verraten und lehnten auch seine halbgewalkte Rückkehr zum Kolonialsystem der reichen Plantagenbsitzer nur ab, bis sie h selbst an die Macht gelangt waren. Einer, General Dessalines, erklärte sich, am 01.Januar 1804 zum "Kaiser" Haitis. - Auch dafür lieferte Napoleon die Vorlage. - Das war der befleckte Gründungstag des Staates. Bis es so weit war, hatten die brutalen Auseinandersetzungen, jeder gegen jeden, die Rodung der ursprünglichen Tropenwälder und die willkürliche, immer wiederkehrende Vernichtung und Selbstvernichtung von Städten und Plantagen, mehr als ein Drittel des Bodens der Insel völlig unbrauchbar gemacht.

Im Gegensatz zu den Kolonien im späteren 19. Jahrhundert, die vor allem Prestigeobjekte der Weltgeltung der westlichen Mächte blieben, waren die des 17. und 18.Jahrhunderts rund um den Globus perfekte Ausbeutungsmaschinen, mit enormen Gewinnchancen für die Leute an der Spitze der Wertschöpfungspyramide. Nicht umsonst stritten sich daher die Kolonialmächte praktisch ewig und unermüdlich um jeden Ort, an dem Zuckerrohr, Kaffee, Tee oder andere nützliche Pflanzen anzubauen waren. Die Insel Haiti, auf die nach der Ausrottung ihrer ursprünglichen Taino-Indianerbevölkerung ein schier unendlicher Strom schwarzafrikanischer Sklaven floss, lieferte einen beträchtlichen Anteil zur Deckung der chronisch maroden Staatshaushalte Frankreichs und Spaniens. -Von der Urbevölkerung blieb, außer dem Namen der Insel und einigen Kulturesten in der kreolischen Sprache, sowie bei Sitten und Gebräuchen, nichts.

Die Plantagenbesitzerfamilien erwarben in kurzer Zeit und mit brutalsten Methoden fantastische Vermögen, die sie aber nicht für die Landesentwicklung nutzten, sondern möglichst schnell in den europäischen Herkunftsländern oder im Süden Nordamerikas in Zweitwohnsitze, Luxus und standesgemäßes Leben umsetzten. Ihr Druckmittel um die Verhältnisse zu zementieren: „Geht es uns schlecht, dann geht es auch dem Staaatshaushalt der europäischen Könige oder der französischen Republik schlecht, dann verdienen die Händler der Vereinigten Staaten kein Geld.“ - Sie betrieben erfolgreiche Lobbyarbeit bei den Handelsgesellschaften, an denen in Europa und Amerika meist auch jene Leute privat beteiligt waren, die den Staat regierten und lenkten.

Bei Hans-Christoph Buch schnappt schon das geografische Kaiman-Gesicht der Insel zu. Haiti hat als Landmasse die Form eines geöffneten Reptilienmauls. „Krick-Krack“ beißen Krokodile in den faulig-stinkenden Mangrovensümpfen Männer in zwei Hälften, verschlucken sie in ausufernden Träumen und in der Realität , ziehen sie für immer ins modrige Wasser. Allenfalls ein paar Blubber steigen noch an die Oberfläche.

Wie das unerbittliche, traumatisiernde „Krick-Krack“ ist auch der Machtkampf auf Haiti. Das Expeditionskorps Napoleons kämpft gegen den Guerilla-Feind, gegen dessen Taktik der Nadelstiche und der verbrannten Erde. Es kämpft, bei zunehmender Verzweifung und Krankheit, bald mit den gleichen Mitteln: „Wie bei einer Hydra erneuerte sich die Kraft des Gegners mit jedem Schlag, den Leclerc gegen ihn führte. Der Feind war nirgendwo zu sehen und hörte doch nicht auf, Herr des Landes zu sein. Sieger auf der ganzen Linie, kontrollierten die Soldaten der Republik nichts außerhalb der Reichweite ihrer Gewehre.“ (S.51) Leclerc schreibt vom Totenbett an Napoleon: „(...)Seit meiner Ankunft auf dieser Insel habe ich nichts als Aufruhr, Brand und Mord vor Augen gehabt, und nicht einmal der sichere Tod kann diese schrecklichen Szenen aus meinem Gedächtnis tilgen.(...)(S.54)“- Romane werden selten als Lernmittel genutzt!

Operation „Kaiman“:

Held des ersten „Flügels“ des Romans ist der französische Genieoberst Vincent. Er erhält einen klassischen Auftrag: „Finden Sie Touissant L´ Ouverture und seinen sagenhaften privaten Schatz. Bringen Sie beides in den Besitz der Republik.“ - Der Auftrag endet erfolgreich, jedoch, die Erfüllung führt in die Katastrophe. -Traumbilder und realitätsnahe Handlungsteile verschmelzen. Steckt im Bauch des Riesenkaimans der Goldschatz des haitianischen Herrschers, oder doch nur der unbedarft neugierige Kopf und der Rumpf des ärztlichen Begleiters? Unverdauliches bleibt, als eine Art tropisches Reptilien-Bezoar, im Magen des Kaimans liegen. Skorpione und Vogelspinnen kämpfen, Orchideen produzieren süßen und tödlichen Nektar, Unwetter ziehen auf, es beginnt eine Traumsequenz im Kopf des Obersten Vincent. - Oder ist es doch der Fortgang der Handlung?: „An der Hand seiner Mutter beobachtet er mit angstvoll aufgerissenen Augen, wie der Voodoopriester sich langsam erhebt (...). Ein Ruf geht durch die Menge: Boukman! Alles erstarrt und hält den Atem an; aller Augen sind auf den Priester gerichtet. Ein schwarzes Schwein wird herangetragen, dessen Grunzen sich im Toben des Sturmes verliert. Mit einer raschen Bewegung taucht der Priester seine Machete in die Kehle des Tiers. Das hervorsprudelnde Blut wird in einer Kürbisschale aufgefangen und macht dampfend die Runde. Alle trinken davon, ...(S.72/73)“- Mysterien und Blutorgien wie beim Künstler Hermann Nitsch ereignen sich. Die Menschen geraten in Trance, in konvulsivische Zuckungen und in einen Zustand höchster Beeinflussbarkeit. Hemmungslose Lust und hemmungslose Aggressionen sind plötzlich möglich. - Das soll uns später noch einmal, in anderem Zusammenhang, beschäftigen.

François-Dominique Toussaint L’Ouverture stirbt gefangen, auf der Festung Fort de Joux im französischen Jura. Seine Zelle ist dort noch heute zu besichtigen. Der Oberst hatte ihn befehlsgemäß verraten und ausgeliefert, obwohl L´Ouverture ihm das Leben rettete, und dafür stirbt er wenig später, ganz folgerichtig, als Kugelfang für seinen Kaiser. - Keiner gewinnt, keiner verliert, aber alle erfüllen ein anscheinend unausweichliches Schicksal, eine Art Voodoo-Geschichte.

Dazu gehört folgende Wahrheit. 1807, während des vierten Koalitionskrieges, sitzt Heinrich von Kleist, gefangen als vermeintlicher preußischer Spion, vier Wochen auf dieser binnenländischen Gefangeneninsel, Fort de Joux. Inseln und Insellagen passen zu diesem Dichter. Er erfährt von der Geschichte L´Ouvertures und schreibt, 1811, „Die Verlobung in St. Domingo“. Dann kommt schon der Tod mit Henriette Vogel am „Stolper Loch“ bei Berlin, diesem ursprünglichen, diesem abgründigen Namen. - Heute heißt es „Kleiner Wannsee“ und jeder denkt nur noch an einzupackende Badehosen und die Villen der Neureichen.

Der Mittelflügel:

Die Nord-Süd-Kommission 1977-1980 hatte keinen Einfluss. Da steht fest, auch wenn Hans-Christoph Buch das zweite Buch seines Romans dem Brandt- Bericht widmete.

Nun kommen die Deutschen und damit seine eigene Familiengeschichte ins Spiel. Ein typischer Kolonialkonflikt entbrennt, Kanonenbootdiplomatie, die Politik der Winkelzüge, diplomatischen Noten und Demarchen, in formvollendeter bürokratischer Höflichkeit, in formvollendetem Ton der weißen, der imperialen Überlegenheit, in formvollendeter Ignoranz aber auch der wechselnden Machthaber Haitis, gestaltet sich der Akt der Affäre um den Geschäftsmann Lüders als Akten-Briefroman-Kapitel.

Wir schreiben das Jahr 1897 und nur ein Jahr später werden die pferdelosen „Rauhreiter“- "Teddy " Roosevelts, die Historienmaler lügen allesamt, Kuba kassieren, um die Interessen der Vereingten Staaten und ihrer Anleger zu sichern. Nur so kann man Präsident werden, in den Zeiten der imperialen Cholera. Auf Haiti hat sich seither nicht viel verändert. Am Beginn des dritten Buches jedoch, baut ein deutscher Apotheker aus dem Odenwald ein „Pharmacie“ in Port- au- Prince, wird reich, wird arm, heiratet seine buchstäbliche Traumfrau, und doch zerinnt Alles, Staub zu Staub.

Emil Lüders fühlt sich ungerecht behandelt und es stimmt. Gerade ist wieder einmal eine haitiianische Regierung eher den Briten und dann ihren fast natürlichen Nachfolgern, den Amerikanern, wohl gesonnen. In die USA ist es nicht weit. In New Oreleans lebt die größte kreolische Diaspora, der Handel mit den Vereinigten Staaten wächst. Es gilt seit 1821 die Monroe-Doktrin. Da sind die spät um einen Platz an der Sonne ringenden Deutschen immer im Hintertreffen. Aber schon in den Briefen Lüders, die Hans-Christoph Buch genauso ausführlich zitiert, wie die diplomatische Korrespondenz, klingt der eigentliche Grundton an: „Was die Aussagen eines Haitianers der unteren Klasse wert sind, dessen Hauptcharkteristikum, neben seiner Bösartigkeit, die durchtriebene Falschheit ist, davon weiß jedermann in diesem Land ein Lied zu singen. In dieser Hinsicht stellt der Haitianer selbst den Araber in den Schatten (S.93).“

Lüders, der deutsche Kaufmann, verlangt ein Exempel. Man müsse sich „in Form eines bedingungslosen Ultimatums, das sich auf das Recht des Stärkeren stützt: mit dieser Methode haben die Engländer, und in noch höherem Maße die Amerikaner , ihre größten Erfolge errungen und ihren Bürgern einen geheiligten Respekt verschafft, den wir Deutsche in Haiti leider noch nicht genießen (S.95).“, durchsetzen.

Es folgt ein Gezerre an Noten und Schriftsätzen und die jeweilige nationale Presse gießt eifrig Öl ins Feuer der „Affäre- Lüders“. Es geht um die nationale Ehre und Anerkenntnis. Da wird es wirklich, wie fast immer in der Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte, ganz besonders gefährlich. - Von der Vossischen Zeitung, über die Frankfurter Allgmeine, bis zu stramm deutschnationalen Blättern fordert man überall die „harte Hand“.

„Das Echo“, Berlin, plärrt ins Land der dichtenden und denkenden Leser, „die einzige Sprache, die Haiti versteht, ist der Kasernenhofton des deutschen Feldwebels!...Haiti ist nichts anderes als ein nach Amerika verpflanztes Stück Afrika. Schickt endlich Leute wie Leist und Peters als Vertreter hierher. (S.103)“ - Ein Nachgeben Haitis bewirkt nichts, denn Satisfaktion, so sind die Spielregeln, erfolgt privat im verbotenen, aber üblichen Duell, öffentlich und staatlich hingegen, durch Entschuldigungsschreiben und Entschädigungen. Am 1.November 1897 steht dann in der Vossischen Zeitung, „...die von der Negerrepublik zu fordernde Genugthuung kann nicht hoch genug bemessen werden. (S.128)“ und der Kladderadatsch, so etwas wie eine „Titanic“ des Kaiserreichs, dichtet am 21.November 1897: „Warnung nach Haiti“, Ein Rüthchen wird gebunden/Für einen schwarzen Stift,/Eine Stelle wird gefunden/Wo ihn das Rüthchen trifft//Knecht Ruprecht haut empfindlich/Und zieht die Höschen stramm,/ Drum rath´ ich dir verbindlich/Werd´ artig, Gen´ral Sam! (S.134)“ - Die hohen Parteien versichern sich ihrer gegenseitigen Wertschätzung und Friedensliebe. Ansonsten aber, denkt die halbe Welt böse voneinander. „S.M.S Charlotte“ und „S.M.S Stein“ laufen aus, Amerika schickt die „U.S.S Marblehead“. Ultimaten werden an Haiti gestellt, die haitianische Regierung stürzt wieder einmal und Lüders, die "persona non grata", ein Haitianer, dann wieder Deutscher, verlässt mit 20.000 Dollar Entschädigung die Insel.

Im dritten „Flügel“, die Luftreiche deutscher Auswanderer:

Heinrich Heine träumt dichtend von einer Seelen- und Artverwandtschaft der deutschen Fichte und der morgenländischen Palme. Hans-Christoph Buch schreibt nun, im letzten Teil, am nächsten entlang der eigenen Familienbiografie und dazu ganz dicht entlang der deutschen Geschichte. Nun müssen die Traumsequenzen wieder her. - Das ist nur folgerichtig.

1898, die S.M.S „Spreewald“ bringt Großvater, Apotheker, und Odenwälder Louis Buch und seine Gemahlin Pauline, nebst deren zweijährigem Söhnchen aus erster Ehe nach Haiti. Die Wälder haben das Seefahren gelernt.

Die eigentliche Ursache dieser Auswanderung liegt jedoch nicht in der Suche nach dem Glück, sondern in einer jugendlichen Wunscherfüllung. Franz Lizsts Nasenwarze, mit Borwasser ein halbes Leben lang traktiert, führt den jungen Kommis aus der Apotheke seines Lehrherren in Weimar ins Haus des Komponisten. Dort fällt sein Blick auf einen Globus, an dessen einem Fuß, als Allegorie für die neue Welt eine halbnackte Frau, mit „sprechendem Blick“ zu sehen ist. Das Glücksversprechen ist ein Traum, halb eingehüllt von den Klängen des am Klavier improvisierenden Komponisten (S.183). - Magisch mystisch stammt der Globus aus dem Besitz jener Schwester Napoleons, Pauline, die mit dem unglücklichen General Leclerc verehelicht war und selbstverständlich hatte Liszt den Globus vom letzten Kaiser der Franzosen, dem dritten Napoleon, zum Geschenk erhalten.- Louis Buchs Gattin heißt dann zwangsläufig Pauline und wird an der Tropenfahrt ihres zweiten Mannes so furchtbar leiden, wie Napoleons Schwester an den Tropen litt.

Auf der Schiffspassage stellt sich heraus, dass Pauline nicht, wie alle Welt glaubt, an der „mal du mer“ erkrankt ist. Der kreolische Schiffsarzt Dr. Dupuis, jetzt auf dem Rückweg in seine Heimat, hatte auch in Wien studiert. Ihm ist es ein Leichtes, die wahren Ursachen heraus zu finden. Pauline leidet an der Frauenkrankheit Europas, der Hysterie, gerade entdeckt von Dr. Freud, Dr. Breuer und Professor Charcot. - Sie kann keine Freude am Sex haben, obwohl schon ein schwül -warmer Landwind, der „Pesthauch der Mangrovensümpfe, eine ekelerregende Mischung von Land und Meer, Faulschlamm und Brackwasser, in dessen trüben Untiefen es von Aligatoren wimmelt, die mit ihren gezackten Schwänzen den modrigen Untergrund aufwühlten, eine unzüchtige Vorstellung“, in ihr aufwallen lässt (S.186).

Was sie ihrem zweiten Mann nicht anvertraut, sie ewig „unpässlich“ macht, das ist das "Geschenk" des ersten Gatten. Sie erzählt es Dr. Dupuis. Der hübsche und tapfere Ulanenleutnant hatte vor Sedan nicht nur gesiegt, ein paar wandernde Granatsplitter ab bekommen, auf die seine Verrücktheit und sein früher Tod in der Öffentlichkeit zurück geführt werden, sondern auch die Syphilis im Siegestaumel und im Bordell erworben. - Trotz der Unbedenklickeitserklärung der Ärzte, sie, Pauline, hatte gar nichts geerbt vom „Gift der käuflichen Liebe“ (S.187), ist jede körperliche Nähe eine Wiedererinnerung. Der Schiffsarzt erreicht eine deutliche „Besserung“, der Mangrovensumpf erinnert sie nun an den „Faulbrunnnen“ in der Kurstadt Wiesbaden. Nach einer nächtlichen Provokation durch den Therapeuten, mit Augenrollen, „Arc de cercle“-Krampf, -der Körper spannt sich wie eine Brücke-, und anschließender Ohnmacht, ist Pauline wie „neu geboren“. Doch Haiti wird für sie zu einem Gefängnis der Lüsternheit. Ohne Ausweich kehren mit den mannigfaltigen Abfall- und Faulgerüchen die Depressionen und die Hysterie zurück, jeder Kaimanschwanz schlüpft ihr gleich unter den Rock, schweißige Neger erregen sie unbewusst und vorbewusst: „...,vielleicht war es auch das Schaukeln der Barkasse oder der muskulöse Rücken des vor ihr auf der Ruderbank sitzenden Negers, von dessen schweißglänzender Haut ein süßlicher Tiergeruch ausging, der ihr heftigen Ekel einflößte (S.189).“

Meisterlich erzählt Buch, wie sein Vorfahr die Apotheke zu Port-au- Prince, gegen alle Schwierigkeiten, aufbaut. Die Deutschen leiden auch kolonial an einem Komplex ihrer Verspätung als Nation und daher noch mehr, an der Zurücksetzung durch eine kleine, arme und in ihren Augen unzivilisierte Nation von Negern und Kreolen. Aber die Haitianer brauchen Arzneien und so floriert bald das Geschäft mit den importierten Produkten. Zur Eröffnung der Apotheke hält der kaiserliche Ministerresident eine rassistische Rede, die aber niemandem besonders auffällt, bis er den „deutschen Handelsmann“ für tüchtiger hält, als die anwesenden und geladenen Franzosen und Engländer. Diese gehen unter Protest. Was die Inferiorität der Haitianer angeht, da sind sich die Kolonialmächte einig!

Das fatale Schicksal Paulines, kann noch einmal aufgehalten werden durch ein magisches Voodoo-Ritual, das psychotherapeutisch wirksamer ist, als die Mühen des Dr. Dupuis. -Allein für diese Passagen lohnt sich das Lesen! - Pauline gerät im magischen Maismehlkreis, unter den Beschwörungsformeln der Voodoopriesterin Délira Délivrance in eine Trance. Trommeln, Massen von Hähnchenblut allüberall, die Massagen der Gehilfinnen der „weisen Frau“, sie helfen. Eine Art „Cargo“ oder „Tabu“, eine Haarlocke der Kranken, zusammen mit ihren abgeschnittenen Fingernägeln werden in einer Rumflasche verkorkt, mit Pech versiegelt und an einem unbekannten Ort von der Heilerin vergraben. - Aufschub für Pauline. Sie lernt das Kreolische und muss doch nach Deutschland zurück. Die Melancholie ist eine Phasenkrankheit. Vorher wird sie jedoch noch kreolische Köchin, die sowohl Suppenschildkröten als auch junge Kaimane zubereiten lernt und die Mangos nach Regionen bestimmen kann. Sie kocht mit ihren Haushaltsgehilfinnen nicht nach Henriette Davidis, sondern verwendet Papayas, Chadettes, Pampelmusen, groß wie Kindsköpfe, grüne Bananen, Korossols, saure Cachimans, Queneppes, wilden Reis, Süßkartoffeln, Maniok und Bohnen in allen Varitäten, dazu schwarze Morcheln, genannt Djon-djon und den schärfsten Pfeffer der Welt, Piment z´oiseaux (S.199). - Das Schicksal holt Pauline trotzdem ein. Im Moment ihres Todes, vielleicht auch ein Blinzeln früher, während sie auf der Rückpassage nach Haiti ist, zerbricht ein unwissender und gieriger Geschäftsmann auf der Schatzsuche im verwaisten Garten des Apothekers Buch die "Cargo"-Flasche. -Voodoo ist auch nur eine zeitliche Kur.

Dieser biografische Roman wäre nicht fantastisch, wenn nicht der Großvater das geheimnisvolle und sagenhafte Rezept für die Herstellung von Coca-Cola, im Austausch für die Hilfe der Vereinigten Staaten für das zerüttete Land Haiti und seine berohte Existenz her gäbe.- Am 28.Juli 1915, nach Jahren wechselnder Regierungen und wirtschaftlichen Untergangs, landen die Amerikaner. Sie wollen es besser machen und bleiben mit Truppen und Verwaltung bis 1934. Zwanzig Jahre lang wächst die Wirtschaft. Fast Alles an Infrastruktur wird in diesen Jahren erstmals aufgebaut. Straßen, Brücken, Elektrizität und Telefonleitungen, Krankenhäuser, Schulen und Banken entstehen. Haiti blieb trotzdem „ein Faß ohne Boden (S.235)“. Es kostete schlicht zu viel und die gute Macht schafft nicht mit wirklicher Überzeugung. Für die wichtigsten US-Verwalter gilt das Land als ein „gottverdammtes Niggerland (S.232)“. Mit dem Abzug der Amerikaner bleibt nur noch Platz für die Teufel. - Männer vom Schlage der Duvalier Sippe übernahmen das Kommando und nutzten es: „M´mandé-ou couteau/M´mandé-ou machette/M´mande-ou népée-a/Pou´´m´fini ac li./Saignez,saignez, saignez! (S.294)“ - Buch übersetzt aus dem Kreolischen: Gib mir dein Messer/Gib mir deine Machete/Gib mir dein Schwert/Damit ich ihn ermorden kann./Blute, blute, blute!“

Viel wäre noch von der schönen Toni, dieser kreolischen Tochter des Apothekers, von den Onkeln und andere Figuren des Romans zu sagen. Die historischen Ereignissen in Deutschland, die sich ausbreitende Nazi-Herrschaft und die Verwicklung der Protagonisten darin, bleiben nicht ausgespart. - Allein, der Platz reicht nicht und es trüge hier nicht mehr viel dazu bei, weil das vom Autor so traumhaft und traumatisch beschrieben ist, dass hierfür das Buch zu lesen wäre. Christoph Leusch

18:46 07.02.2010
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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