Herfried Münkler und die Studenten

Weltpolitologie Der theoretische Politologe Herfried Münkler wird von anonymen Studenten mittels eines Watchblogs beobachtet. Er sollte sich freuen, auch wenn es ein bisschen zwickt
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I Herfried Münkler und die Studenten

Professor Münkler ist seinen Studenten wichtig. Gut so! - Gilt das auch umgekehrt?

Münkler- Watchblog und andere

Herfried Münkler, theoretischer Politologe, fähig zu welthistorischen Betrachtungen, Regierungsberater, Bundeswehr- Ausbildungsbeauftragter für die neuen Offiziere der neuen Berufsarmee und Talkshow- Veredler, wird von einigen seiner Studenten beobachtet (http://hu.blogsport.de/ ). Sie betreiben einen anonymen Watchblog zu seiner Überblicks- und Einführungsvorlesung an der Berliner Humboldt- Universität.

Schnüffler, die das Privatleben eines hochangesehenen Gelehrten ausforschen oder ihn gar stalken, sind diese Studenten jedoch keinesfalls. Das ist auch gut so, denn da muss es absolute Grenzen geben.

Auch wenn sie nur einen kleineren Teil aller Fachstudenten repräsentieren, belegt ihr Vorgehen doch, dass an der Hochschule eine seltsame Normalität eingetreten ist, die man für vergangen und gebannt hielt. Wie in anderen Bereichen unserer Gesellschaft, die sich derzeit mit viel Dekorum und immer häufiger, wässrigen präsidialen Auges, mit vielem Gerede von Freiheit, Demokratie, Werten und Transparenz, aber auch ebenso vielen Doppelmoralen, als alternativlos präsentiert, fallen an der Universität plötzlich Diskursdefizite auf.

Die Hochschulen hierarchisieren sich erneut, nachdem sie, bereits länger schon, verschult wurden. Zahlreichen Studenten und Professoren passt das, andere bemerken die dadurch eintretende Verengung, die eigentlich wissenschaftsfremd ist. Die Traditionspflege, mit der Rückkehr der Talare, Hüte und Bullenzeugnisse, mit Professoren als Patriarchen ihres Seminars oder gar ihrer Fakultät, wirkt ordentlich und exzellent, bringt aber nicht viel Neues unter die Sonne.

Münkler, auch das registrieren die Studiosi, reagierte mit einem pädagogisch- didaktischen Unfug auf die ihm bekannt gewordenen, kritischen Watchdogs im Netz und die verteilten Adresszettel ihrer Webpage. Er drohte seinen Studenten, ganz in alter Paukermanier, sie so mit seinem Stoff zu beschäftgen, seinen persönlichen Erwartungshorizont hochzusetzen, dass sie gar nicht mehr auf dumme Gedanken kommen könnten.

Watchblogs für die akademischen Reiche der wirtschafts- und politikbezogenen Studien, besonders aber für die direkt anwendungsbezogenen und mittlerweile von Firmeninteressen bestimmte Technik- und Naturwissenschaftsfächer, wären ein Gebot der Stunde! Ganz offenbar sind die Hochschulen in vielen Fächern nicht mehr in der Lage, eine sachliche interne Kritik zu organisieren, überhaupt streitbare Diskurse zu stiften.

Watchblogs wären auch für Großkonzerne, Klinikverbünde, Behörden, Geheimdienste und die heute dominanten, wirtschafts- und industrienahen Forschungsgemeinschaften, sowie die politischen Stiftungen angebracht, so, wie Abgeordnete und Politiker, durch Abgeordnetenwatch.de (http://www.abgeordnetenwatch.de/ ) und Lobbyisten, durch LobbyControl.de (https://www.lobbycontrol.de/ ), beobachtet werden.

Studenten- Lernen, Lehren, Streiten

Wie es sich für die postmoderne, post- 68er- und postdemokratische, freie Universität in Deutschland gehört, auch das dokumentiert die anonyme Watch- page, entwickeln die Studenten wieder gehörige Furcht vor ihren Professoren und Ordinarien, ihren Prüfern und Testierern. Diejenigen, die beglaubigt was werden können, pflegen gerne alte akademische Zöpfe und nennen es Tradition. Sie dürfen sich als Studiosi und Alumni in postmodernen hyperkomplexen Architekturskulpturen, unter Anleitung von Eliteforschern, selbst veredeln lassen oder sitzen in den Graduierten- Kollegs hinter Humboldtfassaden. Es ist fast wieder so, wie es einst war, bevor es den großen universitären Nachkriegssturm im Wasserglas gab.

Die demokratische Universität scheint heute immer weniger ein Ort der Kritik und des Diskurses sein zu können. Als Lernort, der Modul- und Block-Schule immer ähnlicher, produziert sie viel Einförmigkeit und kaum neues Denken. - Weil das so ist und die Furcht tief sitzt, wer zum Beispiel Münkler kritisiert, kritisierte später einmal auch seinen Chefredakteur, seinen politischen und/oder beamteten Vorgesetzten, seine Universitätslehrer, seinen Stiftungsvorstand oder seinen Think tank- Direktor, - die Kritiker verhielten sich nach den neuen Spielregeln dann örtlich und situativ diskordant, gar dissozial-, bleiben die Studenten anonym. Einen anderen Grund gibt es dafür nicht. Konservative Medienleuten und der Angegriffene selbst, unterstellen alllerdings Hinterhältigkeit, Feigheit und asymetrische Kriegsführung.

Professor Münkler möchte man zurufen, dass, selbst wenn seine Studenten völlig daneben lägen, mit allen ihren Interpretationen seiner Auslegung des Gangs der Dinge und der Beurteilung seiner Art der Lehre, er doch Außergewöhnliches geschafft hat, das heute nur noch wenigen seines Faches vergönnt ist. Er hat Zuhörer und Leser zu einer Reaktion bewegt, nicht nur hinzuhören und fleißig mitzuschneiden oder aufzuschreiben, sondern Stellung zu beziehen. Er ist Reibstein, statt akademische Exzellenz oder Mandarin. So sollten wissenschaftliche Politologen doch sein!

Der ewige Selbstbegründungszwang

Für die Gesellschafts- und Geisteswissenschaften erklärt sich die neue Starrtheit in Ordentlichkeit auch aus ihrem fortgesetzten Ringen um die Anerkennung ihres Gebrauchswerts. Als Berater, Vorplaner, Ideengeber der politischen Repräsentanten und der Führungseliten zu gelten, das wertet auf.

Vorsichtige Beobachter und Entdecker neuer Möglichkeiten, kritische Hinterfrager und Prüfer der vorgestellten Realitäten, sind da weniger marktkonform und sprechen oftmals nicht den verlangten Slang, der sich bei jenen Politologen und Politikern einstellte, die sich Jahre- und Jahrzehnte lang in sehr ähnlicher Zusammensetzung, in den Fachgesellschaften und auf großen Tagungen der außenpolitischen und sicherheitspolitischen Gesellschaften treffen. Mögen auch die öffentlich zugänglichen Dokumente dieser Aktivitäten erschreckend langweilig und gleichförmig ausfallen, nur so von wiederkehrenden Floskeln strotzen: Damit werden die Think tanks real befüllt!

Theoretische Politologen wollen praktisch wirken. Herfried Münkler ist damit Nachfahre antiker Vorbilder. Der Wunsch, sich nach dem effizientesten politischen System zu sehnen, ist mindestens seit Platons Zeiten bekannt. Der dachte, er könne im sizilischen Griechenland, den Tyrannen Dionysos II. von Syrakrus beeinflussen und beraten, weil er sich im Besitz einer staatspolitischen, elitären und überlegenen Erkenntnistheorie wähnte. Wer einmal zu diesem Erkenntnishorizont gelangt, der blickt auf eine ganz seltsame Art ironisch auf das andrängende zahlreiche Fußvolk. - Leider nicht in einem Fontaneschen Sinn.

Unterhalb des Weißwurst- Äquators, in den noch stärker formierten, deutschen Regionallandschaften, tummeln sich an Universitäten allerdings eindeutig unbedeutendere theoretische Politologen und Staatswissenschaftler, die zu allen alten Dichotomien von Gut und Böse, Macht und Ohnmacht, politisch erwünscht und andererseits unbedingt gegnerisch, noch viel stärker neigen und manchmal sogar notorisch parteiisch „forschen“. Einige haben es, nach der „Wende“, auch in die neuen Bundesländer geschafft.

Die elitären Narrative ähneln sich

Was nebenbei auch auffällt: Der Politologe hat zwar ein Gespür für Exzellenz und Eliten, das dazu passende Korrektiv fehlt ihm jedoch. - Die Wahrnehmung der zunehmende Asozialität der wirtschaftlichen und politischen Entscheider, die gar nicht so progressiv, effizient und wohlwollend für die eher politikfernen und nicht partizipierenden Mehrheiten wirken, wie sie es immer behaupten, wird nicht abgebildet und auch nicht, deren beträchtliche Eigeninteressen.

Die elitären Erzählungen/Narrative ähneln sich: Es muss begründet werden, warum sich maßgebliche Politiker wieder für den imperial angeführten Krieg, als mögliches Mittel der Fortsetzung der Politik einsetzen sollten, statt für die Stärkung und Reform der UN.

Es muss eine glaubwürdige Erzählung her, warum es gut ist, Entscheidungskompetenzen aus den Institutionen der demokratisch gewählten Vertreter, in die Hände besser steuerbarer und vor allem nicht einsehbarer, klandestiner Organisationen und Strukturen, sowie informeller Zirkel zu verlagern, in denen ein ganz selbstverständlicher Elitismus eintritt. Auf den immer mehr anwachsenden Reibungsverlust der Diskursverfahren, auf die Bürokratisierung, wird mit der Empfehlung machtpolitischer Effizienztechniken geantwortet, die denen der Wirtschafts- und Finanzwelt ebenbürtig sein sollen, sie sogar nachahmen oder gar übertreffen.

Es muss vor allem ausreichend begründet werden, warum sich das Wahlvolk und seine Volksvertreter, im Rahmen eines Imperiums und zum Nutzen als effizienter Teilstaat in dessen Binnenbereich, auf mehr Abgabe von Kontroll- und Widerspruchsmöglichkeiten einlassen sollten, dafür aber Kriegsbeteiligung, Handeln für fremde Interessen, ewiges Misstrauen seitens des Imperiums und die Schädigung der eigenen wirtschaftlichen und geopolitischen Position ebenso hinzunehmen hätten, wie einen partiellen Verfall der eigenen Grundwerte.

Die Deutsche Universität nach den Gebrüdern Humboldt

Die Freiheit vom Dienstherren, von Auftraggebern, für die man tätig wird, seien sie privat, seien sie staatlich, war einst einmal das Credo beider Humboldt- Brüder für die neubegründete preußische Reform-Universität. Die agierte, in einem eher streng kontrollierten Gesellschaftsumfeld, apolitisch und zunächst auch reichlich wirtschaftsfern. Wilhelm von Humboldt, -heute wäre er in der allermeisten Hinsicht ein klassischer Neoliberaler, Mitglied der FDP oder der Grünen 4.0, plädierte früh für nicht viel mehr, als eine sicherheitspolitische Garantenfunktion des Herrn vom Staat (Hegel). - Rechtssicherheit und Ordnung, Regulierung der Ehe- und Familienverhältnisse und des Erbrechts, seien seine einzigen Kernaufgaben (http://gutenberg.spiegel.de/buch/ideen-zu-einem-versuch-die-grenzen-der-wirksamkeit-des-staats-zu-bestimmen-2640/1 ).

Daraus entsteht zwar durchaus ein Gebilde mit reichlichen privaten Freiheiten, aber selten eines, das man im modernen Sinne demokratisch und vor allem sozial nennen könnte. Der Reichtum aller, das Wohlergehen der Vielen, hängt dann einzig und allein vom Privatwillen der vorgeblich Fähigsten ab. Von deren Gabewillen, wie es Peter Sloterdijk ausdrücken würde.

Den Wissenschaften und Künsten kam in dieser minimalistischen staatlichen Ordnung allerdings eine Ausnahmestellung zu, indem sie weder einem Staatsinteresse, noch einem Privatinteresse unterworfen sein sollten, noch im Verhältnis von Lehrenden und Lernenden, eine Hierarchie auszubilden hätten. - Man mag einwenden, dass 1- 2% eines Jahrgangs, aus der Ober- und Bürgerschicht, ausschließlich männlich, vor allem am Eintritt in den Staatsdienst interessiert, vom gleichen Geist des theologisch- humanistischen Gymnasiums beseelt, also von den ewiggleichen Paukern gedrillt, eine recht elitäre Vereinigung der Wissenschaftler abgaben. Aber gerade diese Universität bewegte sich frei, schuf zahlreiche neue Studiengänge und eine freie Forschung, die nicht mehr nur Staatsdiener ausbildete.

II Die neue theoretische Politologie will praktisch werden

Das gute transatlantische Imperium

Erfährt Robert Kagans „Benevolent Empire“ (Kagan,Foreign Affairs, 1998), er meinte damit die Vereinigten Staaten, aus Europas Oppositions- und Intellektuellenkreisen und in den USA selbst, durchaus viel Kritik, müht sich Herfried Münkler, dem globalen Imperium der demokratischen Führungsmacht mehr rationale Würde und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Allerdings übertreibt es der Professor, sowohl mit der Wahrnehmung der Quantität und Wirksamkeit der Kritik des Imperiums, als auch mit allzu viel weißer Salbe für die zunehmend unkontrollierte Supermacht.

Die maßgeblichen westeuropäischen Öffentlichkeiten, vor allem Politiker, Medien und Politikberater, also auch Politologen, denken transatlantisch und eher selten europäisch. Also meint auch Münkler, Europa müsse sich „...gegenüber den USA als ein Subzentrum des imperialen Raumes behaupten und darauf achten, dass sich zwischen den USA und ihm kein Zentrum- Peripherie- Gefälle herausbildet (Herfried Münkler, Imperien, 2005)

Hinzu kommt sein, eher verklausuliert ausgedrücktes, Leiden an der Ineffizienz der EU-Demokratie. Dafür bemüht er immer wieder Vergleiche mit antiken und frühmodernen Staatsmacht- und Imperialmodellen, die Raum, Dauer (Zeit) und eine Mission besessen hätten. Für Notzeiten ist ihm sogar eine demokratisch kontrollierte Diktatur auf Zeit, nach römischem Vorbild, zumindest Anlass denkerischer Mäander (https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/archiv/jahrgang-2010/mai-juni/lahme-dame-demokratie ; https://www.freitag.de/autoren/columbus/darf-s-a-bisserl-diktatur-sein-gnae ).

Eher theoretische Effizienz der Imperien

Weil sich die theoretische Politologie, in der eher irdischen Sphäre einer modernen Alma mater der Hauptstadt, mit eher vielen, eher ärmlichen Studenten an Bord, schlicht langweilt; weil es ihr mit der neuen Demokratie, den neuen Kriegen, in ihrem neuen, effizienten Sinn, nie schnell genug voran geht; weil Demokratie im Inneren, wie in der Außenpolitik ihr zu zögerlich und kraftraubend öffentlich wurde, zu viele Reibungsverluste verursachte, sucht sie in der Menschheitsgeschichte nach den Tatmenschen oder, das ist eher Münklers Weg, nach Effizienz- Systemen.

Das größte Effizienzsystem der politischen Geschichte, sind für Herfried Münkler die Imperien. Das allergrößte Reich aller Zeiten, stellen dabei die USA. Manchmal, in der Verzweiflung überhaupt funktional deutlich überlegene realpolitische Großmodelle finden zu können, genügt schon die Fahndung nach dem System- und Ordnungsdenker, der die für nötig erachtete, höhere Veränderungsgeschwindigkeit, das Delta- Change, bei gleichzeitiger Stabilisierung der Macht, zum Ausdruck bringt.

Besonders bliebt, sind wieder antike, griechsch- römische und frühmoderne Modelle. Im Grunde geht es vom Demos und der Polis bis zu Macchiavelli, Bodin und Hobbes. Danach reiht sich nur noch Fußnote an Fußnote, bis man endlich bei Carl Schmitt anlangt. Diese mäandrierende Liebe für autoritäre, elitäre und vor allem machtorientierte Politikentwürfe, durchzieht die europäische Geistesgeschichte.

Wo bleibt die Innovation aus dem Fach, an diesem zentralen Punkt?

Die Geschichte der Polis- und Demosstaaten, des absolutistischen Staats, die Grundlehren der frühneuzeitlichen Staatsdenker, des staats- und rechtspolitschen Überdenkers und notorischen Überdehners, Carl Schmitt, zeigen nämlich auch einen völlig unemotionalen Hang, humane und politische Grausamkeiten, einfach aus der vermeintlich erkannten Notwendigkeit heraus, zuzulassen und sie entsprechend auszuüben: Im Namen des Königs oder einer für königlich- und kaiserlich gehaltenen, effizienten Staats- und Rechtslehre.

Auf ein übergeordnetes Recht, z.B. das Völkerrecht, übergeordnete Institutionen, heute die UN, früher den Völkerbund, pfeifen sie. Krieg, Hunger, Aushungern, Vertreibungen, Ausweisungen, Brandstiftung, Plünderung, Sklaverei und imperiale Hierarchisierung, stehen da fein säuberlich aufgezeichnet in den Merkbüchern und Lehrwerken der politischen Meisterdenker, für uns Nachgeborene.

Wenn der Diktator auf Zeit römischen Verhältnissen entspringt, gewinnt dann die Demokratie an Fahrt? Sind wirklich Clausewitz, tiefe Kenntnisse Jean Bodins, eines Begründungsvaters des Absolutismus, die ewige Ventilation des permanenten Ausnahmezustands und ein bisschen Sortiererei der neuen Kriege ausreichend, Wegweisungen zu geben, die nicht furchtbar alt und abgestanden, dazu gefährlich wirken? Das gefährliche politische Denken hat doch Tradition in Deutschland!

Ist es wirklich möglich, das Welt- und Stationierungsreich der größten Macht der Erde, der Vereinigten Staaten, heute noch als Reich der Pazifizierungskriege, der Sicherheit und Ordnung, in deren Raum sich die Demokratie weiterentwickelt, als Benevolent Empire, gegen eine Schar Kritiker zu verteidigen? Das nämlich, unternimmt Herfried Münkler. Dafür opfert er, folgt man seinem Buch „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft- vom alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten“ (2005), eine Reihe von Idealen und realen politschen Gewinnen nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.

Die UN und die vielen supranationalen Schwesterorganisationen, ihre Charten und die entstehende Völkerrechts- Gerichtsbarkeit, werden ziemlich pauschal niedergemacht und einem angeblich effizienteren Imperialmodell der USA, mitsamt der NATO als ihrem Hauptinstrument, gegenübergestellt.

Gute Imperien, von Rom bis zum britischen Empire, nun in Erbschaft des letzteren, die USA, regierten vor allem durch den Sog aus den Peripherien, die sich zum Gravitationszentrum hin bewegt.

Es ist nicht so, dass in diesem und anderen Werken nicht luzide und treffende Analysen zu finden wären, im Gegenteil. Die jedoch überall hervorlugende Sympathie für angeblich effizientere, unter Umständen besser Kosten- Nutzen- maximierte Imperialmodelle, gipfelt am Ende in dem Satz: „Europas Zukunft wird darum ohne Anleihen beim Ordnungsmodell der Imperien nicht auskommen.“

Vielleicht liegt die größte Wirkmacht Europas aber gerade im glatten Gegenteil, nämlich glaubwürdig, nicht mit Macht, sondern mit den komparativen Vorteilen der Gleichzeitigkeit auch größerer Gegensätze, trotz grundlegender Werte, überzeugen zu können? Bezogen auf Afrika oder die Welt des Islam hieße das, die Angst vor dem Würdeverlust, vor dem Gesichtsverlust, vor der ewigen Rolle als unterlegenes Gegenmodell, dort abzubauen. Bezogen auf Russland hieße es, ehrliche Angebote zu machen, es in den EU- Raum einzubeziehen und gleichzeitig seine zweite Ausrichtung weit nach Asien zu achten.

Aus der Frontstellung, die sich derzeit mit unglaublicher Geschwindigkeit erneut aufbaut, haben nur zwei sehr große Mächte einen enormen Vorteil, die sich mehrfach öffentlich entschieden haben, sich selbst jedes Mittel vorzubehalten und je nach Interessenlage zu entscheiden.

In seltsamem Kontrast steht dazu, was Herfried Münkler für das Außenministerium, 2014, aufschrieb (http://www.aussenpolitik-weiter-denken.de/de/aussensicht/show/article/die-gefaehrliche-kluft-zwischen-schein-und-tun.html ): Durch zu viel öffentlich verkündete Wertbindung, sei die Außenpolitik des Landes und damit ganz Europas, durch „demokratische Vulnerabilität“ geschwächt, was sich zur „strategischen Vulnerabilität“ auswachse. So könne man z.B. nicht präventiv und präemptriv gegen die anwachsenden Flüchtlingsströme wirken.

Was können die Studenten besser machen?

Aber auch die Studenten machen Fehler, der ihre berechtigte Kritik beeinträchtigt, die es leicht macht, sie in die Nähe puren Krawalls oder schlichter Trollerei zu rücken, indem sie einen gewiss angreifbaren historischen Politologen und ohne Frage bestens gebildeten Intellektuellen, mit der Allerweltsmünze der Aufmerksamkeitsgesellschaft angehen: Rassismus- und Antifeminismus- Vorwürfe sind allzu nahe an der überall wohlfeilen P.c.- Diskussion und die Skandalisierung erscheint dann übertrieben.

Viel wichtiger wäre es, das Lieblingsspiel Herfried Münklers, nämlich seine schon lange anhaltende Äugelei mir dem Autoritären, als Gefahr für die nachhaltigen Ausbesserungsarbeiten am besten unvollkommenen System aller Zeiten zu analysieren. Denn er bildet darin die professionellen Politikmacher der Zukunft, jetzt und heute, aus und er berät aktuell die Politik. Ihm wird dabei eine gewisse Exzellenz zugeschrieben, von Institutionen und Organisationen, die ihn anfragen. Zur wissenschaftlichen Exzellenz gehörte, Kritik anerkennen zu können, sie sich gar ins eigene Haus zu holen.

Die Studenten müssen damit rechnen, mit ihrer Wortwahl, die aus dem Munde Prominenter, Politiker oder polemischer Medialisten, längst alltägliche Münze des Aufmerksamkeitsgeschäfts wurde, sofort ins Abseits gestellt zu werden. Sie erhalten ganz sicher keinen Bonus. An sie legt man Maßstäbe, die sonst in der Medienökonmie gar nicht mehr gelten. An den Kassenhäuschen der Medienrepublik werden nachgerade die schlimmsten Austeiler mit Aufmerksamkeit, Auflagen und Quoten belohnt.

Christoph Leusch

Dieser, gewohnt altbackene und längliche Blog- Artikel verdankt sich dreier der Freitag- Anregungen, ohne die der Blick nicht so fokussiert ausgefallen wäre und sich nicht ausreichend emotionale Energie gebildet hätte, ihn zu schreiben:

Aktuell:

Luisa Hommerich wagte sich, den asymmetrischen Professor und das Watch- Blog vorzustellen:

https://www.freitag.de/autoren/luisahommerich/der-asymmetrische-professor

Jürgen Busche entdeckte spät sein Herz für die widerständigen 68er- Studenten und beklagte die heute eingeschränkte Freiheit der Studien. Allerdings sieht er die Ursachen dafür, es ist ein wenig ein Paradox, eher in der Ausweitung der Studiermöglichkeiten. - Das wiederum, halte ich für ein hartnäckiges und wohlfeiles Gerücht.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/gar-nicht-lustig-warum-es-ein-neues-68-nicht-geben-wird

Langwirkend:

Michael Jäger zeigte mir, was man an an Herfried Münkler hat, aber nicht unbedingt teilen muss. Ich hatte es fast vergessen, weil Münklers Werke, siehe meinen Artikel und die Links, mich auch ein wenig zu Abhebungen auf der Zornsparkasse veranlassten.

https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/imperien-und-die-neuen-kriege

Christoph Leusch

Ohne es wissen zu müssen, halfen u.a., die unter "Info" oben Genannten.
18:57 14.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig. Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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