Fair is foul and foul is fair

Intellektuelle und der Krieg Was sind und was leisten Intellektuelle, was können sie zum, seit Menschengedenken, unverdaulichen Krieg sagen und schreiben, das nicht schon von spezialisierten Facharbeitern formuliert wurde.

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Ihre Freitag-Redaktion

Fair is foul and foul is fair

(Mein langer Blogartikel bezieht sich auf Michael Andricks scharfe Kritik an Marina Weisbands Rundfunk Wortmeldung, was Intellektuelle ausmache und von ihnen nun zum Krieg in der Ukraine gesagt werden könne. Ich nehme ganz bewusst nicht Stellung, zur Frage pro oder kontra Waffenlieferungen. Der Beitrag ist Michael Angele gewidmet, der die Debatte beim dF verantwortet. Ich unterbreche, zu diesem Zweck, meinen völlig unmöglichen „bds“- Boykott des Blattes und der „Community“)

Tatsächlich foulen und faulenzen auch Intellektuelle, wenn es um die Ausstellung ihrer Kompetenz, in der erregten Debatte, geht. Das heißt, sie strengen sich gerade dann nicht ausreichend an. Ich denke das jedenfalls, höre ich Marina Weisbands knappe Rundfunk-Analyse und Definition, lese ich Michael Andricks Erwiderung dazu. - Aber es gilt, bei aller Unübersichtlichkeit des Zusammenrumpelns, „Fair is foul and foul is fair: Hover through the fog and filthy air “, das Hexeneinmaleins.

Zwei Fragen sind da miteinander vermengt: Was ist eine Intellektuelle und durch was zeichnet sich diese soziale Gattung, dieser soziale Typus, in Kulturen aus? Zweitens, was kann derzeit, auf intellektuelle Art und Weise, zur Einschätzung des russischen Angriffskrieges gegen den Nachbarn Ukraine gesagt, geschrieben und fühlbar gemacht werden, um vielleicht einen besseren Rat zu geben, mit dem der Krieg glücklich beendet oder seine Unausweichlichkeit, nach dem Willen des Aggressors, angenommen und beantwortet werden muss.

Was ohne intellektuelle Anstrengung verständlich ist

Ganz ohne jegliche intellektuelle Anstrengung lässt sich sagen, dass der Krieg sofort endet, kapitulierte der angegriffene Staat, signalisierte er zumindest die Erfüllung vieler, nicht nur territorialer, Forderungen des Aggressors, löste er sich gar auf oder ließe sich eingliedern, hier in die Russische Föderation, oder erhielte er zumindest eine garantiert russlandfreundliche Regierung.

Wir wissen mittlerweile von den Träumen in Putins Reich, dort einen Regime change durchzusetzen und Ländergrenzen neu zu definieren. Die Ukraine wechselte höchstwahrscheinlich, mit solchen tiefgreifenden Veränderungen, nicht nur ihrer außenpolitische und wirtschaftliche Ausrichtung, sondern müsste wohl innen- und sicherheitspolitische Eingriffe vornehmen und dulden, um auf das gegenwärtige Repressionsniveau Russlands oder der Donbas- Republiken zu kommen, wie das der von Moskau abhängige Nachbar Belarus bereits leistete.

Es kostet auch nicht viel Hirnschmalz und Verständniswillen, wenn man sagt und schreibt, wir, die EU – Staaten, die NATO- Staaten, wären selbst von einem solchen Ausgang territorial, bezogen auf Menschenopfer und materielle Verluste, bezogen auf die eigene Lebensweise und den Konsum, zumindest zunächst, kaum oder überhaupt nicht betroffen. Nicht einmal die Sanktionen der kriegführenden Macht, als Folge und Reaktion auf unserer derzeitige Beteiligung, das schrittweise Ende der Gas- und Öllieferungen, müssten wir weiter ertragen.

Einzig unsere Werteorientierung, die in den letzten Jahrzehnten schon durch andere Konflikte und Dauerprobleme mächtig ins Wanken geriet, erhielte einen weiteren Dämpfer. - Das ist die eisige, von drohender Kälte angeregte, wenn auch sehr klippschulartige Logik, die völlig ohne jeden Intellektualismus verstanden werden kann.

Wozu braucht es also Intellektuelle? Wie tauchen sie auf?

Was können Intellektuelle an zusätzlicher Analyse, an glaubwürdiger Position, an Empathie und Verständnis einbringen, das nicht von den professionellen Spezialisten, für das Geschäft der öffentlichen Meinung, für das Kriegshandwerk, für die politischen und sozialen Wissenschaften, für Wirtschaftsfragen und von den diversen moralischen Fakultäten schon geliefert wurde?

„Intellectuels“, geht es um Nomen est Omen, waren zuerst eine Kultur- und Gesellschaftserrungenschaft Frankreichs, obwohl es den Typus seit der griechischen Antike durchgängig gibt.

Der kulturelle und politische Zentralismus des Landes, die Stadt Paris, alt, groß, vielgestaltig, dicht und divers bevölkert, trotzdem ständig modernisiert und die Struktur des elitären Bildungs-, Verlags- und Zeitungssystems unseres Nachbarn, brachte die klassischen Intellektuellen hervor. Medial sichtbar wurden sie in der Affäre um Dreyfus, den zu Unrecht zum „Bagno“ („Strafbadlager“) verurteilten jüdischen Offizier, in einer Zeit, die neben sozialen Umbrüchen, vor allem auch durch die beständige Bereitschaft zu und der Drohung mit kriegerischen Konflikten geprägt war, sowie an Nationalismus, Kolonialismus und Spionagehysterie litt.

Die soziale und kulturelle Bedeutung dieser Gruppe, lässt sich nicht einfach aus einer Lexikondefinition des Wortes ableiten. Was aber von Anfang an in ihren Debatten sichtbar wurde, was Intellektuelle immer mit Verve vertraten, waren Moral- und Wertgrundsätze, nicht etwa eine bessere Intelligenz, ein größeres Wissen, eine überlegene Kenntnis oder einen besseren Organisationsgrad, z.B. des sozialen Widerstands!

Ich denke, Rundfunk-Rednerin Weisband und Schreiber Andrick, versuchten gar keine intellektuelle Herangehensweise zur Frage, was Intellektuelle ausmacht und was sie zum Krieg aussagen können.

Ich schreibe das, ganz ohne Absicht irgend eine Form der engagierten Meinungen, die praktisch alle diese Äußerungen darstellen, abzuwerten. Jene nicht, die sich mehr Taten und Tatkraft in der militärischen und sonstigen Unterstützung der Ukraine wünschen und jene, die, durchaus mit unterschiedlichen Gründen, dies nicht wollen.

Diese Aktionen und auch das gegenseitige Geplänkel um die Lufthoheit im medialen öffentlichen Raum, bis hin zu Anmerkungen, je eine der Seiten hätte keine Moral, eine falsche, eine Hypermoral, eine Amoral oder sei weitgehend nur von Idealismus, Realismus oder völliger Naivität bestimmt, verfehlen das Plus intellektueller Mühen, das über einen Anspruch mehr zu wissen, der meist überdehnt wird, beim öffentlichen Ratgeben, bei der Anhäufung von Thesen oder eben von Spezialistenwissen, deutlich hinausginge.

Der Zugang zur digitalen und telekommunikativen Medialität, den journalistischen Formaten, sichert, auch wenn das viele Medienleute und Intellektuelle anders glauben wollen, nicht schon intellektuelle Kompetenz. Allenfalls verschafft man sich damit Gehör. Sehr gut gebildet, sind heute eine Menge Menschen und insbesondere JournalistInnen.

Glanz und Elend der Intellektualität

Historisch und kultursoziologisch untersucht wurden: Die Verspätung und Verfrühung der Intellektuellen, ihr Verrat, ihre Irrtümer, ihre lange schon beobachtete Wendigkeit, ihre Lust an der Kehre, ihre Moralität und Amoralität, ihr Anspruch, ihre Prätention, ihre geringe politische Wirksamkeit, in fast allen Gesellschaften und politischen Systemen, seit der Antike, ihre häufig nicht lange stabilen Zusammenschlüsse, in eher informellen Gruppen, ihre oft beklagte soziale Distanz, ausgerechnet zu jenen Menschen, für die sie ihre Stimme erheben, sowie ihr unschätzbar wertvoller Beitrag, wenn sie das kulturelle und gesellschaftliche Wissen und Gewissen repräsentieren, auf das Gesellschaften und Kulturen, meist ex post, zugreifen, um ein Selbstbild zu erzeugen, mit dem sich in Würde und Moral, unter und mit den Anderen leben lässt.

Es herrscht Krieg in Europa. Was kann helfen, ein Probleme dieser Tragweite intellektuell und einigermaßen schnell zu durchdenken, die geistige Situation der Zeit zu erfassen und die eigene Lage, mit ihren Handlungsmöglichkeiten, zu erkennen?

Gewiss hilft ein ausreichender Fundus an historischen Vorerinnerungen, die es gilt zu reaktivieren und zu evozieren. Gewiss hilft dieses entwickelte Erinnerungsvermögen, aus geschultem Gedächtnis. Intellektualität ohne Memoria und Anamnese ist, jedenfalls nach meiner Überzeugung, kaum denkbar.

Die Erinnerung und das historische Gewissen

Im Falle eines Krieges, fördern zum Beispiel Erinnerungen an historische Aggressoren, an deren Kriege und wie andere und besonders schwächere Individuen, Völker und Gruppen auf sie reagierten, ein besseres Verständnis.

Welches Vorgehen zeitigte Erfolge gegen den Aggressor, zum Erhalt oder zur Wiedergewinnung dessen was einem selbst und einer Gesellschaft, in der man lebt, heilig ist, nicht nur für eine ferne Zukunft und kommende Generationen, sondern zum Zeitpunkt der Krise, zur Zeit des Konfliktes, zum Über- und Erleben der aktuell Lebenden und Leidenden?

Eine erste handlungsleitende Erkenntnis könnte sich da bestätigt finden, denkt man intellektuell nach: Versuche ein Bündnis, eine breite Front, Partner, andere Nationen und Völker, möglichst viele Öffentlichkeiten, da wo sie noch existieren und nicht gleichgeschaltet sind, zu gewinnen, die dir aktiv helfen und auch für dich reden, schreiben und einstehen, selbst wenn sie selbst zunächst oder derzeit nicht betroffen sind! - Keine Frage, wer in dieser Hinsicht intellektuell auftritt, ohne sich je so zu bezeichnen.

Da ergeben sich weitere Hinweise aus anderen Fragen. Zum Beispiel: Hätten die Nordkoreaner ihren Widerstand einstellen müssen, als in nie gekannter Form ihre Städte und Landschaften aus der Luft zerstört und Millionen Menschen getötet oder verletzt wurden? Hätten die Nordvietnamesen besser kapituliert, als Napalm überall brannte und die B52- Bomber Hanoi und andere Städte in Schutt und Asche legten?

Man bedenke, dass zu diesen Zeiten das Damoklesschwert eines atomaren Angriffs nicht nur über den regionalen Kriegen hing, sondern real erörtert und besprochen wurde, wie derzeit wieder alltäglich, besonders im und um den Kreml herum und in den russischen Medien. - Heute können wir davon ausgehen, dass die politischen Führungen der Atommächte alle irgend ein Kriegsszenario kennen, in dem sie, gemäß dem Stand der Technik, lokal und regional begrenzt, atomar Krieg führen oder Anschläge tätigen wollen. - Bei letzterem geht es immer wieder um die Weiterverbreitung der Bombe und der passenden Raketen dazu, aber auch um die Rückkehr der ABC- und weiterer völkerrechtlich geächteter Waffen, in konventionelle Kriege und Bürgerkriege und zur terroristischen Verwendung.

Hätte sich die Kommune von Paris gar nicht erst zum Widerstand entscheiden sollen, angesichts der übermächtigen Umzingelung? Ab wann war deren Kampf unsinnig und aussichtslos, ja geradezu menschenverachtend, vor allem für jene, die sich ihr angeschlossen hatten und jene die einfach nur in der Stadt Paris lebten und trotzdem getötet wurden, ja, auch unsinnig für die brutalen Angreifer aus dem eigenen Land?

Als die Deutschen tief in Russland standen, die Rote Armee schon geschlagen schien, wäre da der Zeitpunkt der Kapitulation erreicht gewesen, um die definitiv vielfach höheren Opfer danach, auf allen Seiten, eventuell zu verhindern?

Hätten die Madrilenen, Katalanen und Internationalisten nicht früher aufgeben müssen, angesichts der militärischen Überlegenheit der Franquisten und ihrer Helfer, angesichts der zeitigen Abwendung der Moskauer Kommunisten, die lieber eigene Linke und Freie jagten?

Hätte das Gemetzel des amerikanischen Bürgerkrieges durch Selbstaufgabe der Unionisten beendet werden müssen, als die Truppen des Südens kurz vor Washington standen? - Solche Evokationen helfen weiter, um einer wägenden Entscheidung näherzukommen.

Das Existenzial der Haltung

Sicherlich nutzt eine intellektuelle Haltung, im Sartreschen Sinne, der sich den Intellektuellen als den, aus eigenem Antrieb, dauerhaft und öffentlich engagierten Menschen denkt (Rückerinnerung: Der Existenzialismus ist ein Humanismus, die Romane der „Les chemins de la liberté“), der sich entscheidet und kontinuierlich, darauf kommt es sehr an, in der Öffentlichkeit präsent ist, ohne einen expliziten politischen Auftrag dazu. - Ich denke, die Dauerhaftigkeit des Engagements ist eine Grundvoraussetzung, um vom Intellektuellen reden und schreiben zu können.

Zur Intellektualität gehört unbedingt dazu, sich den eigenen Irrtum nicht nur ausmalen zu können, sondern ihn auch, bezogen auf die eigene Dezision, bezogen auf die eigene Wahl, vorweg auszuformulieren. Eine intellektuelle Petition für dies und das, dreht es sich um Fragen wie die von Krieg und Frieden, muss daher die eigene Negation zumindest ansprechen.

Realisten und Idealisten

Ich finde, in den letzten Wochen und Monaten hat besonders ein Zweiglein am Baume der Wissenschaften eine besondere intellektuelle Trockenperiode durchgemacht: die Politische Wissenschaft oder Politologie und ihr Umfeld. Sie tritt als Expertenschule des Realismus auf und stellt in sicherer Überzeugung Prognosen für die Entwicklung und den Ausgang dieses Krieges an, die sich redlich intellektuell nicht halten lassen.

Die Vorhersagewahrscheinlichkeit, für das Zutreffen ihrer Thesen zum Ukraine- Krieg, liegt nicht höher, als die der von ihr gescholtenen „Idealisten“. Das gilt auch für das Maß und die Zahl der Opfer und der Folgewirkungen, die entstünden, mit und ohne unsere oder die militärische Hilfe anderer Staaten. Ein gewichtiger Grund dafür ist, dass der Aggressor bereits weit auf das Gebiet seines Opfers vorgedrungen ist und, bis zu seiner spürbaren Niederlage dort, praktisch allein über die Eskalation oder Deeskalation entscheiden kann. Schon er, aber nicht nur er, ist damit unkalkulierbar!

Weil das so ist, kann auch nicht intellektuell redlich behauptet werden, die „realistischen“ Einschätzungen seien an der Faktizität gemessen und daher wahr, gültig und maßgeblich, die idealistischen Ansichten nicht. - Tatsächlich muss doch mindestens mit dem europäischen und nationalen Idealismus der Ukrainer, der Opfer, gerechnet werden, wie einst mit dem der spanischen Republikaner oder dem der Kommune.

Soll also heute die Reaktion auf einen Aggressor, der die Wert- und Moralvorstellungen unserer Gesellschaften, aber auch jene der UN, maßgeblich im eigenen Land und nun als Angreifer verletzt, vor allem von möglichst intellektuell agierenden Realisten formuliert und verantwortet werden?

Oft uneingestanden, folgt der „realistische“ Ansatz ebenso einer Moral, die selbst Werte setzen und das Verhalten anderer bestimmen, zumindest beeinflussen möchte, aber am derzeitigen Wunsch und Willen der angegriffenen und terrorisierten Nation vorbeigeht, selbst wenn die Realisten behaupten, sie dächten sich dabei viel Gutes, nämlich keine Toten mehr und keine Zerstörungen, auf dem Boden der Ukraine.

Zumindest dies, die unausgesprochene Unsicherheit in den Thesen, die geringe Prognosefähigkeit und die Unumgehbarkeit von moralischen und gewissensmäßigen politischen Entscheidungen, die immer Opfer produzieren, aufgrund eigener, nicht fremder Wertvorstellungen, ob man sich nun „Realist“ oder „Idealist“ rufen lässt, kann intellektuell sichtbar gemacht werden! Ebenso der Wert und die Bedeutung dessen, was mit Freiheit und Selbstbestimmung gemeint sein könnte, die es mit Worten, Taten, Geld und Sachmitteln zu verteidigen gilt, solange es noch Nationen, Gesellschaften und Einzelne gibt, denen das was bedeutet.

Schwindende Wirkmacht der Worte, angesichts der Macht

Es gilt über eine Frage nachzudenken, die sich Berufsintellektuelle und auch medial tätige, besonders politisch engagierte, Medienprofessionelle zu selten stellen: Wirkt sich die intellektuelle Position, sich niemals auf das Rechthaben zu konzentrieren, gesellschaftlich und politisch aus?

In der Russischen Föderation wurde jahrelang, mit allen erdenklichen Mitteln, auch mit Gewaltanwendung und mit beständigen Drohungen, mit der Hilfe der Sicherheitsorgane, daran gearbeitet eine einheitliche Ansicht von der Notwendigkeit der „Spezialoperationen“ und der Art und Weise ihrer Ausführung sicherzustellen. Nichts wurde dem Zufall oder der freien öffentlichen Diskussion überlassen.

Der Ablauf der bisherigen Geschehnisse hat nicht nur zu einer Massenflucht von Ukrainerinnen und ukrainischen Familien geführt, sowie dort Verwüstungen angerichtet und vielfach den Tod, Verletzungen und Misshandlungen gebracht, sondern auch die noch öffentlich sichtbaren Intellektuellen des eigenen Landes diszipliniert, formiert, sanktioniert, zum Schweigen gebracht oder ausgetrieben.

Wen man ideologisch nicht brauchte, wer widersprach, den setzte man professionell und systematisch außer Gefecht. Ganz ohne Frage, erleichtert eine solche Einheitlichkeit durch Repression die Kriegsführung und sichert eine gewisse Zustimmung unter den einseitig informierten Staatsbürgern ab, die weiterhin an eine Dividende glauben und an die kommende Siegesparade, die gefühlte nationale Demütigungen und eine eher bescheidene Wirtschaftsentwicklung ausgleicht. Man kann das intellektuellen Realismus der autoritären Staatsführung nennen, auf dem Weg in die Diktatur.

Während in den historischen Auseinandersetzungen europäischer Intellektueller, mit der Gesellschaft, mit den herkömmlichen Bildungseinrichtungen, vor allem aber, mit dem Staat oder Herrscher, es ihnen oft gelang, ihren Einfluss und damit den der Öffentlichkeit, für die bis dahin keine formalen Regeln und gesetzlichen Vorgaben zu ihrer Beteiligung existierten, zu erweitern, bedroht die autoritäre und illiberale politische Entwicklung nicht nur die Existenz einer größeren und damit wirkungsvolleren Schicht Intellektueller, sondern sie minimiert deren informelle Einfluss- und Einwirkungsmöglichkeiten, bis auf ein Nichts. - Ich denke, das ist ein starkes Motiv, mit Entschiedenheit gegen Staaten vorzugehen, die diesen Weg einschlagen.

Bei uns herrscht allenfalls, wenn überhaupt, eine gewisse gegenseitige Geringschätzung, unter einigen öffentlichen Intellektuellen, die sich schon mit wenigen Briefen und Äußerungen in Lager spalten oder so medial präsentiert werden. Allerdings ist das gar nichts, im Vergleich zu den Auseinandersetzungen in den Dreyfus- Zeiten. Dazu herrscht in vielen freien Gesellschaften, nicht nur bei uns, eine untergründige Stimmung, man müsse sich Intellektuelle und deren Öffentlichkeit gar nicht mehr leisten, komme ohne sie (besser) aus. Das hat auch seine Geschichte und verweist immer auf ein mögliches Ende in autoritären und totalitären Gesellschaften, die sich die Abschaffung der Intellektuellen leisten können und auch wollen, die alle Mittel dazu an der Hand haben.

Tatsächlich gibt es einen Intellektuellentyp, der sich bei uns vermehrt und medialisiert hat. Früher nannte man ihn „freischwebend“. Kritisch - theoretisch betrachtet oder mit einer existenzialistischen Haltung gesehen, lässt sich ihm weniger Vertrauen entgegenbringen, weil sein Engagement so seltsam erratisch aufscheint. Das Ethos der Freiheit zum Engagement, es blitzt allenfalls einmal kurzfristig auf. Ansonsten erscheinen diese Intellektuellen oft nur, was Marina Weisband ansprach, wie Ausübende eines modernen und modischen Berufes, die von Zeit zu Zeit ihre Medialität steigern, das heißt, ihre Geschäftsgrundlage sichern.

Kriegslust und Siegesgewissheit, statt Selbstbeschränkung und Moral

Zum Ende: Was mir an intellektueller Analyse derzeit weitgehend zu fehlen scheint, ist eine Betrachtung der enormen (Lust-) Befriedigung, die die Entscheidung Krieg zu führen den Aggressoren und vielen ihrer staatsbürgerlichen Anhänger bringt, völlig unabhängig davon, wie oft sie öffentlich betonten, sie seien dazu genötigt worden. Die Nötigung trifft in Wahrheit, mit großer Regelmäßigkeit, die Angegriffenen.

Diese Zufriedenheit, sich endlich entschieden zu haben, quillt selbst aus den Schweiß- und den Sprachporen der Diplomaten des aktuellen Aggressors. Die Zufriedenheit, jeden Tag des Krieges, die Zerstörung als Tagwerk, als Tätigkeit, Tat, Planung und Absicht vorstellen zu können, den „Fortschritt“ in Aktion zu erleben und zu verkünden, wo doch sonst immer alles dauert, in der Welt der schleichenden und überfordernden Krisen und des Zwanges zu Kompromissen, erlöst sichtlich.

Gewissheit und Zufriedenheit, den Feind endlich nicht nur zu kennen, sondern ihn gewaltsam zu stellen und zu eliminieren, taugt lange viel mehr, als die endlosen Mühen um Verständigung. Da herrscht eine Gewissheit, nennt sie ruhig Siegesgewissheit, wenn sie auch trügerisch ist, die schon am ersten Tag der willentlichen Entscheidung, den Krieg zu führen, eintritt und fast nie von allein endet.

Zufriedenheit, angesichts wirklicher und relativ schnell eintretender politischer und materieller Wirkungen, statt jahrelanger Verhandlungen, statt des ewigen Lamentierens, Klagens und Streitens in der eigenen und in fremden Öffentlichkeiten: endlich Macht und Politik, statt Diplomatie und Vollversammlung. Das wirkt. - Kaum eine Vertragsbindung muss man noch kennen, kaum eine Konvention einhalten. Die lange Vorbereitung zahlt sich endlich aus.

Diese einzigartige Macht und Freiheit zu spüren, die es ohne den Krieg gar nicht geben könnte, gehört analysiert und besprochen, statt immer davon zu reden, der Krieg sei ein politischer Unfall, ein Versagen der Diplomatie, eine Folge allseitiger politischer Fehleinschätzungen, das Ergebnis politischer Kränkungen und Missachtungen.

Hinzu tritt die Befriedigung des Aggressors darüber, dass der Gewalt mit so wenigen anderen Mitteln begegnet werden kann. Das Opfer wehrt sich heftig. Gut so! Das gleicht an, in seinen Augen! Das reduziert die Wahlmöglichkeiten und formiert die Eigenen und, was meist nicht mitbedacht wird, auch den Gegner. Der Aggressor betont unablässig, er agiere heute nur analog der Gegenseite, so wie diese, vor Jahr und Tag, an beliebigen anderen Orten. Alles wird auf ein Wir gegen sie, ja, gegen alle, reduziert.

Die Freude darüber, steht regelmäßig dem aktuellen Kriegsherren ins Gesicht geschrieben. Sie prägt auch die stundenlangen Medienereignisse seines Landes, mit vielen Fahnen, vielen Uniformen, vielen jungen Damen und Herren, in adretten Kostümen, vielen Zotenreißern, auf Kosten des Feindes und der „unfreundlichen“ aber für verweichlicht gehaltenen Staaten, vielen Vernichtungsfantasien, sowie zahlreichen, nicht abreißenden Bekenntnissen, zum Weg der Führung. - Wir Deutsche haben dazu, wie andere Nationen auch, reichlich historisches Material und reichlich Literatur angehäuft.

Chancen eines intellektuellen Pazifismus?

Historisch nüchtern betrachtet, scheiterten bisher große und durchaus auch Massen begeisternde, intellektuell gestützte pazifistische Bewegungen. - Dem DADA gelingt Pazifismus, auf kleinstem Raum, schon als Futurist liebt man wieder die kreative Zerstörung und die Ästhetik der Waffe, in der Welt. - In autoritären oder diktatorischen Systemen gilt das grundsätzlich. In offenen und demokratisch verfassten Gesellschaften, zum großen Teil. Die beiden Weltkriege müssen auch als größte Niederlagen des Pazifismus verstanden werden.

Trotzdem lassen sich Teilerfolge nicht kleinreden! Die erste, besonders von Intellektuellen getragene Welle, lange vor dem ersten Weltkrieg, bis in die späten Nachkriegsjahre hinein, erneuerte die Westfälische Einsichtt, dass es möglichst internationale Strukturen der Friedenssicherung braucht, an die sich alle Einzelstaaten halten. Abrüstungen sollten allseitig, sowie gegenseitig kontrollierbar, vonstatten gehen. Die Einsicht der Staaten und Völker hielt jedoch, bis heute, allenfalls kurze Zeit und sie wirkte nicht ausreichend nachhaltig.

Gewissen Erfolg hatten Bemühungen, den Krieg auf den Schlachtfeldern zu humanisieren, durch Regeln, wie mit Gefangenen, Verwundeten, Sanitätseinrichtungen und der zivilen Infrastrukur umzugehen sei und welche Munition, welche Waffen, nicht genutzt werden dürften. Nach und nach, kamen mehr Regularien ins Völkerrecht, die besonders den Krieg gegen die Zivilbevölkerung und den Einsatz von Massenvernichtungswaffen strafbar machten. Allein es fehlt die exekutive Macht, Verbrechen zu verfolgen, um sie dann juristisch zu ahnden, auch wenn es mittlerweile die judikativen Strukturen dafür gibt.

Es kann nicht unausgesprochen bleiben, dass mindestens drei der fünf Vetomächte der Vereinten Nationen sich vorbehalten, aktuell hat dies die Russische Föderation offen erklärt, in gewissen Situationen nicht an die Charta der UN und das Völkerrecht gebunden zu sein. Das haben weder die Intellektuellen der Länder, noch die Pazifisten, noch die kritische Öffentlichkeit, sofern sie überhaupt noch existiert, ändern können.

Dem Präsidenten des derzeit angegriffenen Landes fiel das auf. Seine Rede vor der UN spitzte es zu: Die UN könne sich auflösen, wenn es nicht einmal gelinge, die territoriale Integrität eines Mitglieds, gegen den Angriff eines anderen Mitglieds zu schützen.

Intellektuelle: verhinderte Künstler?

Auch wenn es ein Geschmäckle hat, in Zeiten des Krieges über Intellektualismus als Kunstform oder Kunstanalogon nachzudenken, lohnt sich ein Blick auf diese, häufig auch von Intellektuellen, nun von Marina Weisband, geäußerte Assoziation. KünstlerInnen stehen zuerst für sich und ihre entwickelte Kreativität. Sie können auch intellektuell sein, ganz ohne Frage. Manche Intellektuelle schaffen es als Künstler. Aber die öffentliche Intellektualität, verlangt eine andere Wende, weg vom persönlichen oder wissenschaftlichen, kreativen Spiel, weg von der Artistik und fern ausufernder Fantasie, hin zur Verantwortung und Moral.

Befragenswert, unter diesem Blickwinkel, für uns Deutsche: z.B. das Werk, die Person und die öffentlichen Stellungnahmen, von Joseph Beuys, Christoph Schlingensief, Christa Wolf, Anna Seghers und Bertolt Brecht oder Timm Ulrichs.

Eine Intellektuelle wird man, so denke ich, eher im Nebenschluss und auf längere Sicht.

Christoph Leusch

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