Journalisten als Kritiker. Öde Skribenten?

TV und Pressekritik Die Aushängeschilder der TV-Vollversorgung geraten unter Pressekritik. Die ist manches Mal gnadenlos. Das ist aber auch erwartbar, weil die Programme schlecht sind

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Das Paradebeispiel, warum TV-Kritik so erwartbar (und trotzdem nicht immer falsch) ist: Die Mallorca-Ausgabe von "Wetten dass ...?" mit Markus Lanz 2013
Das Paradebeispiel, warum TV-Kritik so erwartbar (und trotzdem nicht immer falsch) ist: Die Mallorca-Ausgabe von "Wetten dass ...?" mit Markus Lanz 2013

Foto: Alexander Hassenstein/ AFP/ Getty Images

Journalisten als Kritiker. Öde Skribenten?

>>We can not make good news out of bad practice<< und >>We are currently wealthy, fat, comfortable and complacent. We have currently a built-in allergy to unpleasant or disturbing information. Our mass media reflect this. But unless we get up off our fat surpluses and recognize that television in the main is being used to distract, delude, amuse and insulate us, then television and those who finance it, those who look at it and those who work at it, may see a totally different picture too late.<< (Zitate*, Egbert Roscoe Murrow) – Der Zustand hält schon geraume Zeit an.

Eher eine Nebensache aus den unermesslichen Weiten des medialen Weltenraums, der von den bienenfleißigen Heinzelwesen hinter den digitalen Frontseiten des „der Freitag“, im folgenden immer dF abgekürzt (stimmt nicht), aus dem Netz gefischt, das heißt, vorher gelesen wurde, beschäftigte plötzlich mein, so vor sich hin tuckerndes Wochenendgehirn.

Christian Jakubetz, schreibt auf blog-cj.de, das ist ein Medienblog, über „Die Lanz-Stromberg- Filterbubble“ (http://www.blog-cj.de/blog/2014/02/23/die-lanz-stromberg-filter-bubble/ ).

Kritiker überhaupt

Es geht da um die erwartbare Kritik, der zum Fernsehen verdammten Fernsehkritiker. Einem Metier der Presse, das immer noch gewisse Wachstumschancen bietet, weil das „Web“ noch keine so richtig populären Veranstaltungen anbietet, über die in einem vorgegebenen Takt, das ist wichtig, zu berichtet wäre, die es auch nur entfernt mit der Sogwirkung der Telemedien aufnehmen könnten.

Der Weg in die ganz andere Welt ist zwar gebahnt, denn eine Mehrheit der westlichen und eine erstaunlich kenntnisreiche Minderheit der östlichen Menschheit, ist zumindest zeitweise im Netz und glaubt, als virtuelles Kollektiv befragt, es sei wichtig und sinnvoll da zu sein. Aber eine ritualisierte und systematisierte Form der Webkritik, sei sie nun Kult oder Kultur, hat sich bisher nicht herausgebildet.

Als Medienkonsumenten schauen wir weiter Olympia zu, wie sie auf dem Eise tanzt und manchmal dabei hinfällt. Wir beobachten SkicrosserInnen, Skispringer und Shorttrackerinnen (Mischschreibweise nach Dath/Kirchner, Der Implex), wie sie sich für Medaillen selbst und gegenseitig zerlegen. Wir schauen täglich die Republiknachrichten, weil wir sonst am nächsten Tag für uninformiert und nicht mitspracheberechtigt gelten könnten und zu wenige uniforme Engramme wiedergeben, beim ersten Morgenkaffee und in der Mittagspause. Wir lieben kommunistisch Krimis, fast ist es egal, woher sie kommen, was sie zeigen und wie sie gemacht sind, Hauptsache, sie haben einen Klaus Doldinger-Jingle nebst Korn und ´nen rennendem Täter, -noch nie lief ein Damenbein davon-, sowie ein Aktenzeichen vorneweg. Alle großen, virtuellen Kollektive schauen Shows, vom Talk bis zur ermatteten Familienunterhaltung, vom Geldbatzen- Trivial pursuit bis zum Lager-TV.

Fernsehkritik steht heute, wie Filmkritik, Literaturkritik, Kunstkritik, überhaupt Kritik, in der schrecklichen Gefangenheit, völlig erwartbar zu sein, weil sie, genau wie wir Rezipienten und TeilzeitrezensentInnen auf ein Meer blicken, das schneller ansteigt, als der Baikal-See austrocknet und die Ozeane sich dehnen.

Christian Jakubetz Satz, „Persönlich ödet mich Journalismus an, der so furchtbar erwartbar ist.“, brachte mich zum Nachdenken. Ist er da spontan, ist er da affektiv besetzt, spricht er wahr oder zumindest wahrhaftig? Gefühle sind, egal wie sie ausfallen, immer real.

Kritik, die uns entspricht

Moderator und Showmaster Markus Lanz wird von den Kritikern der Süddeutschen Zeitung, des SPIEGELs, sowie den anderen üblichen Verdächtigen, erwartbar herunter geschrieben, gar lächerlich gemacht. Auch das, belegen die zitierten Beipiele Christian Jakubetz', stimmt. - Es sei, wie es ist.

Dieser Satz aber, „Persönlich ödet mich Journalismus an, der so furchbar erwartbar ist.“, ging mir nicht aus dem Sinn. Er ist wichtiger und ernster zu nehmen, als die erwartbare Kritik an der Kritik, die ihr Recht hat.

Tatsächlich habe ich das auch schon ein paar Mal gedacht. Der Gedanke flutscht immer dann durchs Hirn, wenn erwartbar wieder einmal ein Frust in mir hochkocht, warum die Welt, die täglich so erwartbar ausfällt, nicht plötzlich das Unerwartbare bietet, nicht einmal in der Form der Nachricht von ihr und der Kritik an ihr. Da sollen doch gefälligst, wenigstens die Fernsehkritiker, hier stellvertetend für alle anderen Kritiker, mir, dem Leser, Zahler und Gebührenentrichter das Unerwartete, die Sensation, die Überrraschungen vor die Leser- und Seheraugen bringen.

Und dann das: Die Kritiker sind genau so Frustrierte, wie unsereins. Sie schauen heimlich „House of Cards“ oder delektieren sich halböffentlich am eher unmöglichen Beleidigungs- und Selbstinszenierungsstil von Joko & Klaas, im Pack oder einzeln.

Das Elend der Wunscherfüllung

Was können Journalisten überhaupt noch tun, wenn sie über das Erwartbare in der Welt nicht mehr erwartungsgemäß schreiben und erzählen dürfen, weil das Publikum lieber Erregung, Unterhaltung und Selbsterfahrung bevorzugt? - Die bisherige Sex & Crime-Story, die Anhänglichkeit an Glaube, Liebe, Hoffnung, die Erwartung der drei Erlösungen, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sie bleiben ohne Ende, wie so manches Fernsehformat, das abgelaufen ist und trotzdem weitersendet.

Das ist zu erwarten. Ödet es uns wirklich an? - Ich hätte nie geglaubt, einmal so weit zu kommen, weil ich im tiefsten Inneren zu einfach stukturiert bin und also immer wieder darauf herein falle. Es ist ein Knäul aus Gewohnheitsmacht und Anlage, wie die Geschmackserinnerungen aus der Kindheit, nur weniger im Stande der Unschuld angefüllt.

Aber Journalisten sind wirklich noch viel bescheidener dran als ich, denn sie sollen ja, selbst zu den entlegensten und seltensten Fällen, den Odds and Sods des Lebens, die in der Welt nun einmal Sache sind, um Himmels willen nicht anfangen, unerwartbar zu schreiben. - Wer bliebe noch übrig, vom Zustand der Dinge zu berichten wie sie sind? Bleibt da niemand mehr übrig, muss, um einmal noch zum Aufhänger des Gedankens zurückzukehren, z.B. auch an einer schlechten Fernsehsendung etwas dran sein.

Nein! Für das Unerwartbare im Großen und Kleinen, können die Journalisten eigentlich gar nicht sorgen, weil sie dann ihren Beruf und ihre Berufung verfehlen.

Was man ihnen vorwerfen kann, dass sie, sich ödend, selbst leidend, so wie wir, zu Frusthandlungen verleiten lassen, um sich am Unterhaltungsprogramm und seinen Figuren abzuarbeiten. Dabei werden einige unberechenbar in ihrer Abrechnung mit der materiellen und personalen Welt, die sie nun einmal beschreiben müssen und keine andere ausbacken dürfen. Das wäre nämlich unprofessionell, auch wenn es menschlich ist.

Journalisten können keine Welt erzeugen, niemals das Unvorhergesehene, das Überaschende produzieren, es sei denn sie erklärten sich zu Berufskünstlern. Sie können aber berichten, wenn Wunder geschehen und ob es tatsächlich welche waren.

Das ist heute ganz offenbar eine sehr umstrittene These, sowohl real, als auch virtuell. Sie führt aber an den Punkt des kindlichen Verlangens in uns, von Presseleuten zu erwarten, sie sollten neben die reale Welt eine der Mythen und Magien zaubern, weil uns, das ist das Verrückte daran, die Welt unterkomplex und langweilig vorkommt und wir daher vom Journalisten erwarten, er solle unerwartet schreiben, wie die magischen Realisten der Literatur, damit wir uns nicht öden und eher bereichert fühlen.

Christoph Leusch

*http://en.wikiquote.org/wiki/Edward_R._Murrow

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