Schachtelsätze

Einfalten, Ausfalten Überlegung zu einem Hauptproblem der festgelegten Schrift und des darüber hinweg ratternden Denkens und Sprechens.
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Schachtelsätze

Stornoway, The Great Procrastinator:

http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=FcNh_PrzRWk

>>(...)and there's a junction up ahead, i'm trying to read the signs
but this traffic's made me blind
and i'm a scientist with far too many metaphors
and far too little data to conclude in time

and you, you are the indecision maker
you, you are the path unknown
and i, i am the great procrastinator
pondering my way home (...)<<

(Für Wolfram Heinrich, der sich nur selbst resozialisieren kann, wie wir anderen auch. Der sich aber wenigstens Mühe gibt, auch einmal über solche Abseitigkeiten, wie es Schachtelsätze zu Beginn des 21. Jahrhunderts nun einmal sind, ein paar Gedanken zu machen. Das Soziale steckt auch in der Sprache und vor allem, wie man den Anfang mit ihr hinbekommt.)

>>Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs von Preußen; der geduldige Künstler, der in langem Fleiß den figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee versammelnden Romanteppich, »Maja« mit Namen, wob; der Schöpfer jener starken Erzählung, die »Ein Elender« überschrieben ist und einer ganzen dankbaren Jugend die Möglichkeit sittlicher Entschlossenheit jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der leidenschaftlichen Abhandlung über »Geist und Kunst«, deren ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement über naive und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines höheren Justizbeamten geboren.<<

Wäre der Schachtelsatz eine solche, dann klappte er auf und wieder zu, wäre nichts als eine Wunderkiste, hätte aber mehrere Leben und verriete seinen Inhalt trotzdem nie ganz, denn geschähe das einmal, präsentierte er sich also nur wie eine lösbare Formel, mancher altmodischen mathematischen Formalität recht ähnlich, bei der vieles im Denkgehäuse verborgen liegt, aber trotzdem regelmäßig angewendet wird; zerlegte da nicht jeder, der einen solchen Satz denkt oder ihn liest, der ihn selten nur hört, dessen Schachtelungen unter einem kaum merklichen, jedoch wachen Selbstbeobachtern glücklich auffallenden, Stottern des Geistes, bevor er widerspräche, um mit dieser Art Aussprache zu beweisen, dass da nichts sein könne, außer den Wänden und Deckelklappen einer leeren Sprachschachtel, aus der trotzdem ein ewiger Hauch der Unverständlichkeit entweicht, eröffnete so die Sprache den Schachtelsatz im Geist oder spräche ihn gar laut, zu dir oder zu mir, oder zu einem viel größeren anonymen Publikum?

Daher lassen sich Schachtelsätze zwar produzieren, sträuben sich aber gegen die Reproduktion in der Sprache, die nicht schon zu einer Schreibe geworden ist. Die Sprache geht der Schreibe voraus und sie beherrscht die Welt, während die Schachteln des Denkens, einmal festgeschrieben, immer wieder neu ein- und aufgefaltet werden, wenn sie nicht still, irgendwo in einer Ecke des Speichers herumwabern, in der hirngestützten Denkbewegung des Lesers herum und herunter kommen, die wiederum nie ganz gleich derjenigen des Nächsten ist, was nun das Gebotsgeheimnis, „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“, auflöst, als Folge der Unhintergehbarkeit der Differenz selbst einfachster Sätze in der Sprache, die immer ein vereinzeltes Denken bleiben.

Die Sprache ist also die je neue Auflösung des Schachtelsatzes in jedem Leser und die Rückkehr des Gedachten vom Papier oder Bildschirm, gar von jener alten Wand mit der Flammenschrift, aus jeglicher Schriftform also, in das Leben eines je Anderen. Teppichweberei, Muster über Muster, Schichtenmalerei, deren Ende, -wir wünschen uns das nicht sehr gern, wir mögen eher einige Klarheiten-, offen ist; oder vielleicht noch treffender, zugleich eine offene, leere Schachtel aus der etwas flog und ebenso eine, von der wir gutmütig annehmen wollen, sie hätte noch einen Inhalt und also am Grunde noch etwas Verborgenes.

Gegen diese letzte Vorstellung ist jede Gegenwehr zwecklos, aber trotzdem notwendig, weil sie die in Sprachen sprechenden und schreibenden Wesen von jenen Augenblickstieren unter uns unterscheidet, denen beim ersten Lesen schon das Verständnis auf die Stirn geschrieben steht, die in einer schönen Welt aus einfachen Reizen und Reaktionen glücklich leben und sterben können, wie ein biologischer Automat, der an sein eingebautes Haltbarkeitsdatum gelangt ist.

Das Sprechen geht dem Schreiben voraus. Das Sprechen holt das Schreiben ein und heim.

Christoph Leusch

Zur Belohnung für den Durchhaltewillen: Mama ´s best cookies: Joni Mitchell, "Be Cool"

http://www.youtube.com/watch?v=SOWk9rWfoYg

21:04 27.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

Kommentare 146

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