Schönheit ihr Lieben, hat ihren Preis - I

Kunst oder Leben? Drei Feuilletons sollen ergründen, warum die Verbindung von Kunst und Leben mehr erfüllende Perspektiven eröffnet, als die bürgerliche und marktkonforme Trennung
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Schönheit ihr Lieben, hat ihren Preis - I

Schönheit ihr Lieben, hat immer einen Preis- I

Drei Feuilletons, eine Mini-Serie

( Georgi Kay singt Björks „Jóga“ , Teil des Soundtracks zu Jane Campions BBC-Mini-Dramaserie, „Top Of The Lake“, http://soundcloud.com/insyncmusicservices/joga-georgi-kay (1), Hintergründe und Videos zur Serie, die zuletzt auch in ARTE lief, mit einem kurzen BBC-Interview der Regisseurin und Co-Drehbuchautorin, http://www.bbc.co.uk/blogs/tv/posts/Top-Of-The-Lake )(1)

I

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Milu Correch, Los Hombres Son Cómplices de Cuanto Son Indifferentes, Graffito, Mainz-Kastel, 2013 (3)

Die schön-hässlichen Künste

( Joseph Beuys im Gespräch mit Hermann Schreiber, 1980, http://www.youtube.com/watch?v=XZTZW-k-TB8&feature=player_detailpage )

Um künstlerische Schönheit zu erzeugen, ist fast immer ein hoher Aufwand an Zeit und Willen notwendig. - Nicht unbedingt wortwörtlich! Bekanntlich schrieb Dvořák in der neuen Welt Kompositionen schon einmal spontan und schnell auf die Manschetten seiner Hemden und Picasso fertigte im Durchschnitt täglich mindestens drei Kunstwerke an. Eher ist es in jenem Sinne gedacht, dass Komplexität und erweiterte Inhalte, also solche Sachen, die nicht von vornherein platt sind, sich nicht von allein einstellen wollen.

Die „Kunst fällt vom Himmel“- Haltung ist ebenso arg schlicht, wie jene Auffassung von der Kunst als Handwerk, nicht einmal die halbe Wahrheit verkündet. Die Frage, was Kunst denn sei, sie bleibt notwendig offen. Nur Annäherungen gelingen halbwegs.

Wichtiger ist aber die Frage, ob Rettendes aus der Akzeptanz der Kunst als Seinsmöglichkeit in jeglichem Alltag erwachsen kann.

Kunst muss so wenig sofort verstanden werden, wie auch das glatte Gegenteil im Urteil, Kunst sei alles, was besonders schwierig zu machen und noch schwerer zu verstehen ist, eher nur die geringe Denkanstrengung elender Rezipienten und Rezensenten ausdrückt. Noch viel schlimmer klingen leichtfertig und verächtlich hingesprochene Sätze, wie: „Das kann ich auch.“, „Meine kleinen Kinder machen ohne Aufsicht gerade Ähnliches.“ - Meist werden die Beweise für diese bescheidenen Ansichten nicht angetreten oder sie fallen sogleich auf die Nase, befragt man sie auf ihre Psychologie und Logik hin.

Selbst Kunst zu produzieren, ist jedoch der einzige Weg, sich von allen diesen Vorurteilen schnell und gründlich zu befreien. Vor allem, weil die Anlage und Gabe dazu in jedem Citoyen und jeder Citoyenne, -seit vorvorgestern auch im „Citoyet“-, vorhanden ist, lehrt das Selbermachen Grenzen kennenzulernen und bescheidener im Urteil zu sein.

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Muschelaffe, Rokoko-Groteske aus dem Grottenhaus im Schlosspark Veitshöchheim, 1772/73

(The B52´s, „Private Idaho“, 1980, http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=EEEl4dZzV8g . Ist es nicht schön und schrecklich zugleich?)

Genau in jenem Augenblick, in dem man diese einfache Erkenntnis annimmt, weitet sich der emotionale und geistige Horizont und das Reich der Freiheit hebt zumindest für dieses ureigene Stück Land im Leben an. Unter widrigsten Verhältnissen und gegen die größten äußeren Widerstände, existiert hier zumindest ein privates Idaho, das, wie die Fähigkeit zu lieben, nicht einfach durch die Verhältnisse oder die Willensakte anderer Personen, die das alles abstreiten und ausreden wollen, weggenommen, geleugnet, geraubt, enteignet oder abgestritten werden kann.

Wer sich auf diese, wie mir scheint, simple Einsicht einlassen kann, der spürt Kraft, Hoffnung und Tiefe im eigenen Tun und in dem der je anderen, selbst wenn die Welt zu widersprechen scheint. - Die Kraft hat eine Richtung.

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Künstlerisch zu wohnen, ist immer und zu jeder Zeit eine Menschenmöglichkeit. Nur der Bourgois kennt allzu häufig ein folgenloses, dafür aber sicheres Kunsturteil. Er schwankt dabei, entweder das Eigene für absolut zu setzen, weil er es mit Individualität verwechselt, oder aber, für sich eine andere, vorgegebene, allgemeine, mehr oder minder akzeptable Ansicht zu übernehmen, um sich nur ja sicher zu fühlen. - Dabei entsteht keine Güte, in jeglicher Hinsicht der Wortbedeutung.

Beweis: Bayreuth und Salzburg

Materiell meist gut situiert und auch mit ausreichender Muse, neben aller Geschäftstätigkeit, neben allen Arbeitsessen und weiterer berufsnotwendiger Gesellschaftsprogramme, gesegnet, ist das Publikum der Festspielorte ein schon weitgehend verabredetes und formiertes. In Bayreuth und Salzburg treffen sich nämlich mehrheitlich Kunstenttäuschte der ganzen Welt, von Rechts, wie von Links, in einer höchstgradig zertifizierten Mitte.

Sie fliegen und fahren ein, um attestiert Einmaliges zu erleben. Kaum einer wandert oder pilgert wirklich aus Liebhaberei. Ihre Oper um die Ecke, ihr Theater vor Ort, ihre Philharmonie und ihre Tanzkompagnie, der Schuppen hinter dem Nachbarshaus, zählen nicht mehr viel, zählt so wenig wie sie selbst. - Letztere Selbstentwertung und Selbstunsicherheit wird aber gerade nicht eingestanden und daher ein großer Aufwand zur Verschleierung betrieben.

Die Verunsicherung im Selbst, an der nahen und der fernen Welt, an den nächsten Anderen ist zu groß, um dort die Möglichkeit von Kunst überhaupt zu entdecken, wo sie nicht oder noch nicht, durch extrem hohe Glaubwürdigkeitsfaktoren abgesichert ist. So etwas leisten, in The Material World, turmhohe Gagen, der materielle Aufwand für Inszenierungen, exklusive Zugänge, teure Eintrittsbillette, gehörig viel Prominenzmeinung, schlicht die verständlichen Preisschilder der angebotenen Produktion. Nur stärkste Marken bieten ausreichende Sicherheiten. - Erstaunlicherweise, finden sich in dieser Anschauung altehrwürdige Oberschichten, neue Eliten und jene, die heute gerne Mittelschicht genannt werden.

Auf akkreditierten Musenhügeln und in Kunsttempeln, - gerade wird wieder einer in Hamburg fertig gebaut -, angesichts des Jedermanns und seiner Buhlschaft, sie möge nur ein süßes Mäulchen, ´nen Hintern und zwei Hesperosäpfel besitzen, zu Bayreuths Weihefesten, wenn die neun Walküren parforce singen, gilt die Prokura, dem Guten, Schönen, Wahren versichert näher gekommen zu sein. - Salzburg und Bayreuth, das sind große und groß geschriebene Policen des anerkannten Geschmacks, mehr aber auch nicht.

Das ist so, weil sich ein Vorurteil rund um das Können nicht auflöst und ein bürgerliches Publikum immer noch an Kunstdinge heran geht, wie an seine persönlichen Beziehungen und die eigene Arbeit, nämlich instrumentell. - Kunst ist da nicht eine Möglichkeit, ein Spiel, eine glückliche Gabe, ein unbedingtes humanes Existenzial, sondern ein Kanon den man zur Abrundung der Konversation annimmt. Kunst wird zu einem allzu weichen Standortfaktor der Person, ohne ernste oder auch heitere Auswirkung auf das reale Leben. So verbleibt die Kunst und ihre Wahrnehmung in einem Sonderreich.

Sie entsteht genau da nicht oder kann genau so nicht wahrgenommen werden. Sie wirkt nicht, wo sie heilsam wäre, sondern kann bestenfalls nur gut reproduziert werden, in einer seltsamen Form der sentimentalen Wiedererinnerung, für die mehr oder weniger gut verdienenden Verunsicherten. - Ich höre schon, gut wäre es gerade nur so, denn sonst herrschte doch in der Welt das reinste Chaos, stünde die Welt und ihre Bewertung auf dem Kopf.

Ginge es tatsächlich um ein wenig mehr reales Leben, bei jener zweitschönsten Nebensache der Welt, wäre es am Ende gar sozial gefährlich und stürzte, -nicht stützte-, die Ordnung.

Weil das so ist, muss die Kunst in dieser Welt selbst toten Hasen immer wieder erklärt werden.

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( Joseph Beuys erklärte sich im legendären Club 2 des ORF zu seiner Kunst, insbesondere zu, „wie man dem toten hasen die bilder erklärt“ (1965). Er setzte auf eine Wiederherstellung der Verbindung jedes Menschen mit den Kunstdingen und mit der Natur, die Bewusstseinskraft und Tatkraft freisetzt; http://www.youtube.com/watch?v=z_VPN8M1SGw&feature=player_embedded ).

Christoph Leusch

1) Die „Links“ hier und in den zwei folgenden Blogs müssen nicht zur Kenntnis genommen werden, obwohl sie die Teile und Themen miteinander verbinden. Sie sind als Zugaben zu betrachten, die aus Zeit und Aufmerksamkeitsgründen in der Kommunikationsform Blog eigentlich keine ausreichende Beachtung finden würden, obwohl sie die Dinge viel verständlicher auf den Punkt bringen, als es mir je möglich ist.

2) Das Bildmaterial kann in besserer Qualität unter dieser Adresse angesehen werden: http://haendlerundheldenmbh.blogspot.de/2013/11/schonheit-ihr-lieben-hat-ihren-preis-i.html

3) Milu Correch ist eine argentinische Streetart-Künstlerin, die in ihren Wandbildern immer wieder explizit soziale und feministische Themen aufgreift. Sie verwendet zwar Elemente der Comic- und Pop-Kunst, der typischen Spray-Graffiti, aber im Bildaufbau und in den abgehandelten Themen orientiert sie sich an der Kunstradition und an den aussagekräftigen "Murales" der Protestkunst Südamerikas. Sie hat ein ganz außergewöhnliches Talent für Porträts und Personendarstellungen. Milu malt auch auf Skateboards und kleinformatig. "Hombres Cómplices" wendet sich gegen den Menschenhandel.

-Street Art Map-Blog, Ping-Pong- Interview mit Milu Correch und Beispielwände, 2012: http://www.streetartmap.com.ar/blog/2012/08/10/ping-pong-con-milu-correch/?fb_action_ids=3897751916583&fb_action_types=og.likes&fb_source=timeline_og&action_object_map=3897751916583:10151118917641195&action_type_map=3897751916583:og.likes&action_ref_map=[]

-Designwars, eine Webseite mit vielen Übersichten zu Milu Correchs Arbeiten : http://www.designwars.com/graffiti_streetart/milu-correch/

-Webseite der Künstlerin: http://www.milucorrech.com/#!

02:01 20.11.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig. Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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