Schrat oder Schadjournalist, ganz ohne Bart?

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Schrat oder Schadjournalist, ganz ohne Bart?

Warum hochmütiges Kolumnenschreiben auf Abwege führt

Was wäre der gehobene Journalismus, ohne beständige Beschäftigung mit dem Aussehen, den Krankheiten und Eigenarten anderer Leute, die ihm täglich, durch die auschließliche Lektüre der ihm in der Pressemappe gereichten Konkurrenzblätter, ein- und auffallen ( www.sueddeutsche.de/kultur/deutscher-alltag-ein-maennlein-steht-im-walde-1.1025641 )?

Leser lesen am liebsten Schmuddel-Kolumnen. Inhalte oder Sachberichte interessieren sie weniger, als die überkandidelte Meinung zu Allerlei. - Ach so, witzig sollten sie noch sein, die Textsäulchen und mehrdeutig, damit der Herr Redakteur nicht juristisch genagelt werden kann. Witzig selbstverständlich immer auf Kosten anderer, niemals im Zusammenhang mit der eigenen Person.

So, wie es den Schreiber dieser SZ-Kolumne nicht zu Themen reizte, er den mühevollen Aufwand dazu wohl scheute, -da müsste ja zumindest im Internet recherchiert oder auch einmal irgend ein Buch zur Hand genommen werden-, bleibt es dann bei der Bissigkeit gegen Wehrlose. - So gibt es also die „Schratigkeit“ bei der SZ gratis und dazu gleich direkt vom Boss, sogar im Internet, das nun in seinen Augen ganz besonders von „parteilosen“ (Was soll damit angedeutet werden?) Schraten bevölkert ist, weil er, der Chef der SZ, das so deklariert. - Dafür braucht er allerdings keine spezielle Kleidung und keinen Bart, sondern nur einen Kolumnistenwillen, in diesem Falle ganz besonders sensibel und volkskundlich vorzugehen.

Kurt Kister ist so ein Männlein und steht im Walde, weil er, -Ist das mittlerweile typisch für diese Art CEO-Journalism?-, einfach ´mal drauf los schreibt. Herr Kister hat danach natürlich weder rote Schamflecke im Gesicht, noch einen Bart. Er rasiert sich ja, ganz offensichtlich nicht nur an Haaren und Stoppeln, sondern auch intellektuell, glatt ab.

So trägt er, statt dessen, offen seinen Dünkel und seine Oberflächlichkeit zur Schau. Daher urteilt er gerne über das Äußere fremder Menschen, besonders solchen, bei denen er erwarten kann, sie setzten ihm keine Macht und keinen Willen entgegen. Das ist der moderne „Kostet-nichts-Journalismus“, der, nur weil er oben ist, ist. Nur so kann man sich das Niveau einer solchen Kolumne leisten, weil der große Mantel Journalismus und im Notfall eine Rechtsabteilung schützt.

Wer irgendwo in der dünnen Höhenluft des Alltagsjournalismus oben angekommen ist und gar nicht mehr weiß, was er noch tun soll, der schreibt solche Artikelchen, die nicht nur den Hochnas selbstentlarven, sondern, auch auf eine ganz eingefleischte, grundehrliche Primitivität schließen lassen. - Das fiel auch schon dem bayrischen Journalistenverband (BJV) auf. Der 3/2006 ein bezeichnendes Porträt zeichnete (www.art-its.de/gedrucktes.html , Leider für mich armen Laien nicht in anderer Form greifbar. Einen gewissen Hang Herrn Kisters, Witze nur in eine Richtung zu kennen, die kann man aus dem Kurzporträt des BJV, die Lupe anklicken, schon ablesen, denke ich.). - Das prägte sogar die Reportage, sagen wir eher Kolportage, für die Herr Kister einen 2.Preis, benannt nach Egon-Erwin Kisch, aber nicht in seinem Geiste, im Namen Henri Nannens, 2003 gewann: „Wolfslächeln und Nadelstiche“ (www.stern.de/kultur/buecher/kurt-kister-wolfslaecheln-und-nadelstiche-510496.html ).

Auch da hatte er es von Anfang an mit äußeren Merkmalen, am Ende des Textes, jedoch besonders mit der Körpergröße und Form Gerhard Schröders. - Ich erspare mir weitere Highlights aus dem kolumnistischen Schaffen Herrn Kisters, es gibt sie ja reichlich. Immer wieder beziehen sich seine Texte auf das Äußere von Personen. Seine Obsession mit Äußerlichkeiten ist geradezu legendär. - Wo wird das gelehrt und zur Stilikone für herausragenden Journalismus hochgejubelt?

Ob viele Leitartikel von Format reichen, die Herr Kister, ich weiß es ja, auch noch verfasst hat, um das wieder gut zu machen? Die hier gewählte Sprache erinnert jedenfalls an die LTI, sie nähert sich zwanglos dem Schriftleiterschuldeutsch und kommt dem Stürmer- und Völkischen Beobachter-Jargon längst vergangener Zeiten bedenklich nahe, in dem von den Juden, den so genannt Arbeitsscheuen und Unwerten und den Langhaarigen (z.B. den Jazzern) genau so, in der gleichen äußerlichen und besonders aufs Äußere zielenden Form gesprochen und geschieben wurde, und man mit dem Bildmaterial ähnlich bösartig und schlampig umging, wenn man ungeliebte, oder zumindest für unwichtig gehaltene, Mitmenschen, einschätzen und nieder machen wollte.

Originaltext im Auszug:

„Historisch gesehen ist der Schrat ein stark behaarter Naturgeist, der isst, was er sammelt und zwischen den Wurzeln großer Bäume wohnt. (…) Viele Schrate verließen in den siebziger Jahren die Wälder respektive die soziologischen Seminare, um Nicht-Politik in einer Nicht-Partei zu machen. (…) Eher bedroht ist der normale Waldschrat, der bärtig ist und Rohgewirktes trägt. (…) Zwar ist der politische Lebensraum der Schrate immer noch die grüne Partei. Aber auch in der Linkspartei tummeln sich etliche; dort gibt es zudem Unterarten wie den Cuba-Schrat sowie den Ex-DKP-KBW-BWK-Schrat. Denkt man dann noch an das riesige Heer der parteiungebundenen Internetschrate, muss einem nicht bange sein um die Zukunft des Schrats. “, so die Kister-Sprache. - Wenn da keine Erinnerungen wach werden, zu welchem Anlass sollten sie sonst wohl ins Gedächtnis treten?

Hoch über allem schwebt Kurt Kister und verteilt seine Urteile, linkisch.

Bei Herrn Kister ist es letztlich aber einfach dumpfes Ressentiment, fehlende Recherchetätigkeit und schlechte Sprache, vielleicht sogar chronische Langeweile oder gar Überlast im Job, so hoffe ich doch ganz zuletzt noch für ihn. Denn das Klima in der SZ scheint angespannt, weil es da zunehmend „Etagen“ gibt, die sich einkapseln, nachdem sie oben angekommen sind. Wir dürfen auf weitere Arbeiten des Chefs entlang der Äußerlichkeiten fest rechnen. Seinen Beitrag könnte man aber auch getrost Afterjournalismus nennen. D.h., eine Journalismusform ohne Auftrag und Notwendigkeit, der sich einzig und allein darin suhlt, über irgend jemanden herfallen zu können, weil man es eben kann.

Die Begründung:

Gezeigt werden bei der SZ-Online, Dieter Drabiniok, grüner MdB a.D und Professor Dr. Gert Janssen, einst Dekan und Prodekan der Universität Oldenburg, grüner MdB a.D.

Allerdings sah sich die, ach so professionelle, SZ-Redaktion nicht in der Lage, die Bilder anständig zu betiteln. Das ist Arbeitsverweigerung und grobe Bräsigkeit, im schlimmeren Falle aber Absicht. Denn sie wollten ja nicht Herrn Drabiniok oder Professor Janssen abbilden, sondern „Schrate“ zeigen. Der Stürmer lässt grüßen. Bildunerschrift: „Viele Schrate verließen in den siebziger Jahren die Wälder respektive die soziologischen Seminare, um Nicht-Politik in einer Nicht-Partei zu machen. Jetzt ist aus der Nicht-Partei eine Volkspartei geworden.

Die nationalkonservative und völkische Presse der Weimarer Republik und davor, des untergehenden Kaiserreichs, schrieb so, u.a., über Erich Mühsam, Kurt Eisner und Theodor Lessing.

Dieter Drabiniok war vor seinem Abgeordnetenmandat als Maurermeister tätig. Er gründete die Partei die Grünen mit und übrigens auch noch den VCD (Verkehrsclub Deutschland). Seit 1990 ist er nicht mehr aktiv politisch tätig. Er lebt nun von Hartz IV. Aus dem Wald oder von irgend einer soziologischen Fakultät, kam gerade er nicht. Wer knapp informiert sein möchte, der lese den Wiki-Eintrag ( de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Drabiniok ) oder folgenden Interview-Artikel:

www.brandeins.de/archiv/magazin/nie-wieder-vollbeschaeftigung/artikel/der-bart-ist-ab.html . Der stammt auch nicht aus der Feder eines Liebhabers der Grünen oder der K-Gruppen, bleibt aber in der Sprache sachlich und inhaltlich korrekt. Bei Herrn Drabiniok kann man nun wirklich nicht davon reden, er habe sich aus dem Universitätsmilieu der Soziologie und der universitären K-Gruppen für die Grünen entschieden, deren Mitglied er immer noch ist. - Aber Kurt Kister hat sich, wider besseres Wissen, aus Leidenschaft, aus der Chefredakteurs-Vogelperspektive, -wer weiß es-, für die Schmiere entschieden. - Drabiniok erklärt in dem Brand eins-Interview sehr gut, wie er sich neben den schon damals reichlich vorhandenen „Politikern“ fühlte. So sah Dieter Drabiniok aus, und das andere Bild zeigt ihn aktueller: p4.focus.de/img/gen/G/4/HBG4KmIn_Pxgen_r_1100xA.jpg

Prof. Dr. Gert Jannsen, der zweite Abgebildete, war Geowissenschaftler am Fachbereich 3 Sozialwissenschaften der Universität Oldenburg. Dort hatte es, lange vor seinem Bundetagsmandat eine Professur inne. Wie schreibt die Universität Oldenburg zur Pensionierung ihres Prodekans und Dekans am 14. Dezember 2004: „Gert Jannsen verlässt die Universität Oldenburg. Mit dem Geographen Prof. Dr. Gert Jannsen, der in den Ruhestand getreten ist, verliert die Universität Oldenburg eine der repräsentativsten Figuren ihrer akademischen Interdisziplinarität. Jannsen, der an der Freien Universität Berlin Geographie, Geologie, Meteorologie und Mathematik studierte, erhielt als Geograph 1975 einen Ruf an die Universität Oldenburg. Von 1983 bis 1985 war er Bundestagabgeordneter für die Grünen. In den Gründungsjahren der Universität gehörte Jannsen dem heute nicht mehr existierenden Institut für Geographie an, später dem Institut für Politikwissenschaft. Dieser Wechsel machte insofern Sinn, weil die Geographie, die Jannsen vertrat, eine „Human- Geographie“ war. Vor allem mit Hilfe der Chaostheorien versuchte er Ereignisse unserer Zeit zu „isolieren“ sowie „mikroskopisch“ zu analysieren und dadurch ihre Verbindung mit der Natur und der politischen Umwelt zu bestimmen. Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Tätigkeit wurden in dem von uns beiden geleiteten Seminar „Einführung in die politische Ökologie“ zur Diskussion gestellt. Die Arbeit Jannsens als Wissenschaftler und als Hochschulpolitiker (er war Dekan des ehemaligen Fachbereichs 3 sowie Leiter des Instituts für Politikwissenschaft) war immer von Seriosität, Ruhe und kollegialem Verständnis geprägt. Er ist ein Mensch, für den die Idee der Demokratie nicht nur in Theorien, sondern vor allem in einer konsequenten kommunikativen Praxis liegt (Fernando Mires, www.presse.uni-oldenburg.de/mit/2004/346.html ).

Auch hier sind wohl eher andere Kenntnisse geschult worden, als sie Kurt Kister andeutete und unbedingt denunzieren wollte. So sah Professor Janssen zum Zeitpunkt seiner Pensionierung aus. www.presse.uni-oldenburg.de/mit/2004/fotos/346_jannsen.jpg

Tut mir leid, aber diese Art Kolumen-Journalismus finde ich zum Kotzen!

Christoph Leusch

20:23 22.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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