"Stockfehler"-Mensch, Schirrmachers "Ego"

Effizienzmenschen Wie aus Citoyens spielsüchtige und egoistische Nummer 2 Klone werden, beschreibt Frank Schirrmacher in seinem Buch "Ego". Murti-Bing- Pillen vollenden das Glück.
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Stockfehler“-Mensch, Schirrmachers „Ego“

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E.R.Nele, Chained, 2010

I Pinball wizards

„(...)He stands like a statue,
Becomes part of the machine.
Feeling all the bumpers
Always playing clean.
He plays by intuition,
The digit counters fall.
That deaf dumb and blind kid
Sure plays a mean pin ball! (...)“

(„Pinball Wizard“, The Who, aus: „Tommy“, 1969, http://www.youtube.com/watch?v=aOUqRZkR8dE )

„Stockfehler, schon wieder ein Stockfehler von Gomez!“ Das Lieblingswort des Sportjournalismus bezeichnet nicht Materialfehler, die jenseits der Obsoleszenz, jener eingebauten Alterung, selten auftreten. Das Wort hat sich in unsere Hirne eingebrannt, weil die Zeitlupe die menschlichen Fehlerteufel auf den Plätzen, Pisten und Rennbahnen gnadenlos einfängt. - Gomez, der Wandstürmer der Nation, er drischt regelmäßig Bälle aus zwei Metern über das Tor. Seine überragenden athletischen Fähigkeiten, seine wunderbar antrainierten Reflexe, -sie gemahnen an den Tanzbären aus Kleists „Marionettentheater“-, werden zunichte wegen einiger frei flottierender Assoziationen, ein wenig Versagensangst und zu viel Nachdenklichkeit. Gomez, die menschliche Aktie mit Verfallsdatum, sie nutzt nicht alle ihre Chancen, sie ist keine fehlerfreie Tormaschine. - Das lässt sich bisher nur in der Computersimulation des realen Spiels ausmerzen!

Server speichern, wie unsere Such- und Findbewegungen, unsere Reisen und unsere Kaufmuster ausehen. Sie halten fest, wo wir uns äußern und wie wir es tun, reisen wir nun mit Pseudonymen im Web oder geht alles auf den Klarnamen. Wer sein Webimage nicht pflegt, dafür keine zusätzlichen Dienstleister beschäftigt und notfalls nicht klagebereit und -fähig ist, der behält seine Stockfehler und auch eine Menge Verdächte im Profil. Jedermann und jede Frau lebt mit einem, für sie eher geheimen, digitialen Dossier, neben der allfälligen, allzu bereitwilligen Selbstauskunft in den sozialen Netzwerken.

Die „Fehlerkette“, die „Fehlergeneigtheit“ menschlicher Geschicklichkeitsspiele, sie ist in Wahrheit gar keine Spieleigentümlichkeit mehr, sondern längst und fast selbstverständlich ein Personenkennzeichen. Die Spiele sind hoch reguliert. Die Marktspiele sogar, aus Gründen der höheren ökonomischen Effizienz, der besseren Profit-Perfomanz, ganz absichtlich als verdeckte Spiele angelegt, in dem sich die Spielteilnehmer als egoistische Automaten begegnen und möglichst nicht persönlich kennen, auch wenn man alles über den Konkurrenten in Erfahrung zu bringen versucht, weil Egoismus die einzige zählende Charaktereigenschaft ist, mit der die Finanzmarkt-Algorithmen, die sich nun in alle anderen Bereiche der Gesellschaft, von der Partnersuche bis zur Kultur, eindrängen, erfolgreich betrieben werden können. - Nur so funktioniert das Highspeed trading und das Speed dating!

II Marktkonforme Demokraten

>>I may win on the roundabout
Then I'll lose on the swings
In or out, there is never a doubt
Just who's pulling the strings
I'm all tied up to you
But where's it leading me to?<<

(Puppet on a string, Bill Marin und Phil Coulter, gesungen von Sandie Shaw, 1967)

Frank Schirrmacher hat in seinem jüngsten Buch „Ego“ den Versuch unternommen, dieser Stockfehlerhaftigkeit des Menschen, -längst ist sie zum allgemeinen und privaten Trauma außerhalb des Sports geworden-, ihre Würde zurück zu geben. Er geht der Entstehungsgeschichte des neuen Menschen, der Nummer 2, nach, der die zukünftige Basis für die, von Angela Merkel ausgerufene, „marktkonforme Demokratie“ bildet. Die Entwicklung besteht im Grunde darin, den Bürger je individuell, dafür aber massenhaft, in eine effiziente Handlungsmaschine zu verwandeln.

Wann hat das begonnen und wie ging die Ökonomie, die sich selbst über den Kopf gewachsen ist, dieses ultimative Hirnwäschespiel an? Wie kommt es, dass Märkte, von denen wir nur diesen ominösen Namen, „die Märkte“ überhaupt kennen, uns längst ausforschen und so beginnen können, uns vorherzusagen, was wir wollen, was wir sollen und was wir selbst, gemessen am Markt, noch wert sind? Warum liefern wir uns so aus und befördern diese Klickspiele zu unserer Selbstentmachtung, gegen kleinste Belohnungen?

Fehlten früheren Generationen die technischen Möglichkeiten, durch „Tracking“ (Verfolgung von Interaktionsmustern, Ortswechseln, Gesprächspartnern und sämtlicher ökonomischer Entscheidungen), ein virtuelles „Abbild“ der Person oder gar ganzer Institutionen, bis hin zum Staat aufzubauen, so ist das mit der computerisierten Datenerfassung längst Realität geworden.

Eine andere, neue Realität beschreibt Schirrmacher ausführlich, denn sie vergrößert unser Ausgeliefertsein noch. Die gesammelten und ausgewerteten Ergebnisse werden uns direkt zurück gespielt. Wir bekommen Weltangebote und Informationen, -der Begriff ist verführerisch ungenau-, aufgrund einer berechneten Prognose, die sich zu einer hohen Wahrscheinlichkeit aus den verfügbaren Datensätzen zu uns, zur Masse in der wir gerade schwimmen, ergab, gerade weil wir kommunizieren und konsumieren. Man weiß was wir mögen, man weiß, was wir wollen, auch aus Angst gar nicht mehr dabei zu sein. Allzu viele solcher proaktiven Angebote können wir nicht ablehnen, weil wir sonst ausgemustert werden.

Der marktkonforme Demokrat hat auch sein multiples Scheitern, als selbstverschuldete Verschwendung seiner Möglichkeiten am Markt oder aber, als persönliche Marktverweigerung, längst begreifen gelernt. Er ist es jetzt selbst schuld, wenn aus ihm kein Alpha Plus-Spieler, nicht einmal ein Epsilon Minus-Teilnehmer für die schweren ersten Runden wird. Er ist für sein spielerisches Unglück und Ungeschick selbst verantwortlich!

Schirrmachers Beschreibungsprojekt der Misere ist irgendwie links, es ist moralisch, und es ist sehr gut geschrieben. Er möchte den Bürger in uns retten, der sich noch Citoyen nennt und drauf und dran ist sich nur noch Bourgois schimpfen zu lassen oder zur Null hinter dem Komma zu werden.

III „Welcome to the machine“, die „Quants“ bei der Arbeit

„Welcome my son, welcome to the machine.
Where have you been?
It's alright we know where you've been.
You've been in the pipeline, filling in time,
Provided with toys and 'Scouting for Boys'.

(...)
Welcome my son, welcome to the machine.
What did you dream?
It's alright we told you what to dream.
(...)“

(Pink Floyd, vom Album „Wish you were here“, 1975, geschrieben als Kritik an der profitorientierten Musikindustrie)

In mehreren Wellen ging den besten, im militärisch-industriellen Komplex arbeitenden Wissenschaftlern die Arbeit aus. Mitte der 50er bis Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, dann wieder während und kurz nach der Reagan-Ära, war die Arbeit an der militärischen Abschreckung getan. Es gab die Bomben, Trägerraketen flogen mit zielsuchenden Mehrfachsprengköpfen, die Wach- und Frühwarnsysteme der Supermächte übernahmen die Supercomputer, die nicht in den Darkrooms einschliefen, wie einst die menschlichen Radar-Controller. Computerprogramme errechneten Gefahrenwahrscheinlichkeiten und drohten glaubwürdig die totale Vernichtung an, weil sie ihre Entscheidung unweigerlich wahr machen würden. Alle vertrauten der Automatisierung, die auf Coolness, auf den Superzusammenstoß setzte, vor der alle Angst hatten. Mit dem Ende der Sowjetunion, sie hatte sich in dieser Konkurrenz totgerüstet, fehlte nun der ideologische Gegner und damit die Zielprojektion für den ersten „Sternenkrieg“, das SDI-Programm Ronald Reagans.

Mathematiker, Quantenphysiker und erste IT-Spezialisten, von den Bankern in Nadelstreifen kurz „Quants“ getauft, brachten, neben anderen Kleidungsgewohnheiten, die Spieltheorie, die Probabilistik und den mathematisch begründeten, vollständigen Egoismus als Algorithmus in das Brokering und Trading der Banken, kurz, in das System der Finanzmärkte ein. Der durchschlagende Erfolg der wissenschaftlichen Gewinnmaximierungsstrategien der erstaunlich häufig aus der RAND-Corporation stammenden Wirtschaftstheoretiker und ihres elitären Nachwuchses, stattete die intellektuellen Magier des vollendeten Egokapitalismus mit einer schier unangreifbaren Glaubwürdigkeit aus.

Die „Quants“ konstruierten die Vermehrung des angelegten Geldes als „Spiel“. Es funktionierte wunderbar. So gut, dass am Ende egoistische Computer, mit einem Wust an vertraulichen Daten gefüttert, Spiele spielten, die innerhalb weniger Jahre wenige Zehntausende weltweit steinreich, einige Hundertausend nur reich und alle zusammen überheblich werden ließ.

Die Verursacher der Subprime- Krise verkauften zuletzt Schuldverschreibungen und Kredite für Häuser, die nicht abbezahlt waren, für die einige von ihnen vorher irrsinnige, völlig überhöhte Wertermittlungen als Gutachten beauftragt hatten, um darauf Kredite zu gewähren, die Provisionen brachten. Die Konsumenten die die Häuser kaufen sollten, sie waren blank, hatten keine Sicherheiten! Die konstruierte man fikitiv über die Bewertung der entstehenden Immoblien.

Alle waren es eine Zeit lang zufrieden. Die Anleihe- und Schuldverschreibungspakete, von Rating-Agenturen mit unglaublich niedrigen Risikoprognosen versehen, erhielten die Bestnote, das Triple A. Sie mussten nur entsprechend schnell kreisen. Je schneller hin- und her verkauft wurde, desto seltener gelang es noch, eine reale Basis, das Primum movens allen späteren Unglücks, zu finden und angesichts des gähnenden Nichts laut Halt zu schreien, denn das hätte das System in seiner übermächtigen Relevanz gestört.

Heute, fünf, sechs Jahre später, hat es die ganze Welt, sofern sie was zu sagen hat, anscheinend akzeptiert: Dieses Spiel ist systemrelevant, auch wenn es immer wieder chaotisch und katastrophisch ausgeht. Bisher hat kaum ein Mensch mit Macht „Nein“ dazu gesagt. Vielleicht ist die Macht nur noch im System, nicht mehr bei der Politik?

Frank Schirrmacher belegt glaubwürdig, dass die Finanzmärkte aus der großen Krise nichts lernten. Ihr Hauptvorwurf lautet heute: Politiker, Kunden und Konsumenten, hätten sich nicht vertrauensvoll genug auf das Spiel eingelassen, seien auf dem Status jener RAND-Sekretärinnen stehen geblieben, die sich für die ersten Testspiele als untauglich erwiesen hatten. - Noch zu viele Randbedingungen der Persönlichkeit wirken störend!

„Ihr seid schlechte Spieler!“, heißt es, „Wir müssen, um Spiele nach dem Nash-Gleichgewichtsmodell zu spielen, jeden von euch zu einem „Trader“ erziehen, der vornehmlich egoistisch handelt und auch bereit ist, seine Person, sein Privatleben, seine Wünsche und Antriebe, ja sogar seine Alltagsgedanken und Gefühle, als handelbare Sache einzubringt. - Ihr spielt doch Poker, das enigmatische Spiel, also spielt gefälligst auch in der Wirtschaft und beim Konsum, dann wird alles wieder gut.“

Die Enttäuschung über den Einbruch an der Börse und das Ende so mancher Bank nach Lehman, haben Wall Street, City of London und Canary Wharf längst verdaut. Gerade entsteht die nächste Hyperakkumulation. Die Börsen streben neuen Höchstständen entgegen. Das sich rasch ansammelnde Geld kann nur für zwei Dinge verwendet werden: Weiter zu spielen oder materielle Objekte jeder Art, z.B. Immoblien, zu horrenden Preisen aufzukaufen und darauf zu hoffen, sie bei Gelegenheit noch teurer weiterverkaufen zu können, um dann wieder ein wenig zu spielen.

Der Staaten kriegen das Geld nicht, nein, sie speisen noch Sicherheiten aus Steuergeldern und aus einer einmalig günstigen Geldwirtschaftsversorgung mit Zinsen knapp über Null-Prozent ins Spielsystem ein.

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IV Unser böser Doppelgänger, die Nummer 2

I wish I had an evil twin

(Magnetic Fields, Stephin Merritt, aus "i- The magnetic fields album", 2004)

( http://www.youtube.com/watch?v=UO6R276hBeM )

„I wish I had an evil twin
running ’round doing people in
I wish I had a very bad
and evil twin to do my will
to cull and conquer, cut and kill
just like I would
if I weren’t good
and if I knew where to begin“

(….)

my evil twin would lie and steal
and he would stink of sex appeal

all men would writhe
beneath his scythe
he’d send the pretty ones to me
and they would think that I was he
I’d hurt them and I’d go scot free

I’d get no blame and feel no shame
’cause evil’s not my cup of tea


down and down we'd go
how low one would not need to know
all my life there should have been
an evil twin“


>>(...)Wir sind die Roboter
Ja tvoi sluga (=I'm your slave)
Ja tvoi Rabotnik robotnik (=I'm your worker)
Wir sind auf Alles programmiert
Und was du willst wird ausgeführt (...)<<

( http://www.youtube.com/watch?v=zQbjC82x3Rg ; Kraftwerk, „Die Roboter“, erster Titel aus dem Album „Mensch-Maschine“ von 1978. Auf dem Album (Seite 2) findet sich der titelgebende Song, „Die Mensch-Maschine“. http://www.myvideo.de/watch/1740827/Kraftwerk_Die_Mensch_Maschine )

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist heute nicht mehr unbedingt notwendig, weil die Software die Hardware beherrscht. Nummer 2, das ist nicht unser Abbild im Netz, nein, das ist unser Wert und unser neues Ego, nachdem eine algorithmische Auswertung stattfand.

Nummer 2 ist das Rückspielresultat! Was heute noch mühsam über die Schnittstellen- Programme, Ausbildung, Arbeitgeber und Medien jeglicher Art besorgt werden muss, geschieht zukünftig im direkten Downstream zum User. Sogar therapeutische Algorithmen konnten Psychologen längst entwickeln. Sie gestalteten den großen Berater als (Re-)Answering-Maschine, die die klientzentrierte Gesprächsführung anwandte. Heute feiern ZEIT und SPIEGEL Selbstheilungs-Apps in schöner Regelmäßigkeit journalistisch ab. Die neuen Programme entlasteten angeblich die Spezialisten der Seele, die sich dann um die „schwierigeren Fälle“ kümmern könnten. Das Alltagsgeschäft der Psychohygiene erledigen die Apps.

Menschen werden glücklich sein, wenn ihnen von XXL.com oder -.org etwas eingespielt wird. Bevor sie merken, dass von nun an sie die egoistische Biomaschine sind, nicht mehr, kommt die programmierte Zufriedenheit. Das Verhalten wird dann dauerhaft immer mehr dem ähneln, das Kinder vor ein paar Jahren, häufig in Begleitung ihren Eltern, an den Tag legten, als sie vor Buchhandlungen nächtigten, um die ersten Exemplare des neusten Harry-Potter zu ergattern oder Konsumenten an den Tag legen, die regelmäßig den Apple-Store stürmen, um die neuste Basis für ihre Apps einzukaufen. - In ein paar Jahren braucht Apple keine Hardware mehr. Die Übertragung erfolgt über Satelliten, durch eine Handauflegematrix, durch optische Übertragung, direkt ins Hirn der gechipten User, Kunden, Klienten, Patienten.

DAVAMESK B 2: Nummer 2 und die ultimative Glückspille

(Wiktor Grodecki, "Insatiability", 2003, nach Witkacys Romanvorlage, http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=_8EF2YVtv7Y )

Die Murti-Bingisten:

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E.R.Nele, Yesterday&Tomorrow, 2010/11

Was macht man mit Hirnen, die bereits kolonisiert sind, aber noch diesen inneren Stachel besitzen, den Graham Greene den „Human Factor“ nannte, der bei Schirrmacher Bildung und Persönlichkeitsentwicklung, nicht Karriereplanung und Casting heißt? Was macht man, wenn es einfach noch zu viele Menschengärtner gibt, die Eden auf Erden noch bestellten wollen und darauf bestehen, es sei nicht nur ein Gefühl oder eine mehr oder minder wirre Vorstellung im Kopf? Die großen Kolonisatoren menschlicher Innenwelten müssen eine Pille oder einen Algorithmus mitbringen, um damit ein unstillbares, anhaltendes Glücksgefühl in Körper und Geist auszulösen, wie auch immer die erlebte und gelebte Gegenwart aussehen mag.

Die wohl trickreichste Prognose zu diesem Thema findet sich, von Huxleys „Brave New World“ abgesehen, im zweiten Teil des Romans „Insatiability“ (Nienasycenie”) des polnischen Schriftstellers und Künstlers Stanislaw Ignacy Witkiewicz (Witkacy). Die Science fiction dieses Romans, er wurde 1927 geschrieben und kam 1930 heraus, beschreibt den Aufstieg Chinas und die Eroberung der westlichen Welt, einschließlich Polens, durch die „gelbe Gefahr“, angedacht für das Ende des 20. Jahrhunderts. Dabei setzen die militärisch überlegenen Eroberer, die aber wissen, dass man nur behält, was man auch geistig kontrollieren kann, eine Wunderpille ein. Sie erlöst von tiefem Sinn und jeder Verhangenheit in Nachdenklichkeit, sie hebt jeden Widerstand auf.

Die Murti-Bing Pille, lässt die Selbstaufgabe und Erniedrigung okkupiert zu sein klaglos ertragen, ebenso die ewige Langeweile in der Dekadenz auszuhalten, wie alle Grausamkeiten unter der diktatorischen und völlig willürlichen Herrschaft. Murti-Bing macht glücklich und sexy in jeder Situation! Zipico, der Zögling und Verzögling, Mörder und Verräter, einer der Hauptpersonen dieses Wahnsinns, wird zufällig Statthalter der Chinesen. Wie jene Dystopien, die Frank Schirrmacher erwähnt, -dieses Buch ließ er aus-, wurde „Insatiability“ zunächst als historische Prophetie, in diesem Falle der Deutsch-Sowjetische Unterwerfung Polens, gedeutet, zumal Witkiewicz sich 1939, angesichts der polnischen Niederlage, das Leben nahm.

Der Roman ist aber viel mehr eine Beschreibung der Methode, mit der sichheute der Sieg der Psychopharmakochirurgie und der Nummer 2 anbahnt, ohne dafür Androide, Roboter, die Monster der Gothic novels und der Romantik, mechanische Puppen oder den Golem durch die Welt stapfen zu lassen.

Unsere Hüllen bleiben, genau wie sie sind, nein, schönheitschirurgisch verbessert! Das Blut fließt, die Unterdrückung herrscht, dennoch grinsen wir alle um die Wette und ertragen unser persönliches, selbstverschuldetes Schicksal. Sogar die Reproduktion ist auf die einfachste, weil biologische Weise geregelt. Eine Geburtshilfe à la Ellen Louise Ripley, für die Reproduktion allmächtiger Aliens, ist unnötig. Man braucht keine große Fertigung, das besorgen die Menschen, in vitro oder in vivo fertilisiert, auch zukünftig weiter selbst.

Setzt die Wirkung der Murti-Bing Pillen ein, fühlen sich alle gut, ob sie nun in gerade in der Scheiße leben müssen, z.B. in jener, die die Coltanräuber in Afrika für uns verursachen, oder am Rande des Suizids in Textil-Sweatshops werken. Wir aus dem Westen, begegnen dem Elend klimatisiert: „Mein Gott, welch´ ein Glück, dass wir, warum auch immer, Wohlfühlsphärianer sind!“

Als Murti-Bingisten haben wir, auch nach der Besichtigung des Elends noch das Gefühl, die Hungerkinder lachten mehr, seien irgendwie trotzdem glücklicher, dankbarer auch, für jegliche kleine Zuwendung. Selbst über ihre Hungerbäuche hinweg und mit ihren jahrelang fehlernährten Dystrophiegehirnen, spielten sie trotzdem lebendiger mit ihren Blechdosen und Kreiseln aus Schrott, als unsere eigene Nachzucht sich je am neuesten iPad, der Spielekonsole oder während des Tiefschnee-Skiings um Aspen herum begeistert. Zur sprunghaft wachsenden und vernetzten Social-TV-OLED-Wandfläche umgekehrt proportional, schrumpft die Empathiefähigkeit für alles, was nicht Berggorilla oder Wal heißt, gegen Geld besichtigt oder gar gefüttert werden kann.

Noch immer können viele Europäer und Amerikaner Schreiben, Lesen, Rechnen und Lieben, und sie könnten daher wissen, auch wenn das derzeit keinen ökonomischen Wert mehr hat, dass es auf diese anderen Dinge des Lebens ankommt, die das Soziale und die Gesellschaft wahrhaftig begründen.

Die gute Gesellschaft, die Bürgergesellschaft, will uns Frank Schirrmacher sagen, ist eine ohne die Herrschaft des Egoismus, auf dessen Vollendung wir gerade zusteuern. Sie ist eine der Werte, eine der nicht reduzierbaren, nicht käuflichen und nicht verhandelbaren Moral. Eine, die jedem das Versprechen gibt und danach dann auch strebt, er müsse keine Angst und Furcht haben. Maschinenwesen, Pillenschlucker, ökonomische Effizienzmaschinen, Effizienzmenschen interessieren solche Überzeugungen und Gefühle nicht mehr.

Christoph Leusch

Das Buch: Frank Schirrmacher, "Ego, Das Spiel des Lebens",München, 2013.

Interessant ist, dass Schirrmacher sehr viele biologistische und psychiatrische Kapitelüberschriften wählte, aber diesen Angriffspunkt auf das Ich des Citoyens nur am Rande erwähnt, bei der Ultra-Minibiografie der "Beautiful Mind", des Mathematikers und Nobelpreisträgers John Nash, der wesentliche Grundlagen der spieltheoretischen Gesellschaft erfand.

Das Literaturverzeichnis Schirrmachers, hauptsächlich über die "Kindle"- Editionen erschlossen, ist sehr umfangreich. Ein Steinbruch. Die verwendeten Anmerkungen reduzieren die Stofffülle auf ein menschliches Maß.

„Insatiability“ (Nienasycenie”) der Jahrhundertroman des polnischen Schriftstellers und Künstlers Stanislaw Ignacy Witkiewicz, 1930 erschienen, ist nicht in deutscher Sprache greifbar. Ein Desiderat, nein, ein Frevel, auch wenn es schwer ist Witcacy zu übersetzen. Witkiewicz malte übrigens die Monster, die bei Schirrmacher beschrieben werden.

Die vorzügliche englische Ausgabe besorgte Louis Iribarne, von der Universität Toronto, 1977, erschienen bei der Northwestern University Press, zuletzt 1996. Es lohnt sich, diesen Roman antiquarisch zu bestellen. Noch mehr würde es sich lohnen, ihn jetzt und gleich ins Deutsche zu übersetzen und zu verlegen.

Christoph Leusch

15:22 11.04.2013
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig. Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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