Undoing Gender Trouble II

Geschlechter Um Gender und Geschlechter herrscht Streit, obwohl Natur, Kultur und philosophische Nachdenklichkeit, seit den ersten Mythen, Akzeptanz und Milde nahelegen. Teil II
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kiss of the spider woman (1985) , Regie Héctor Babenco, nach dem Roman, El beso de la mujer araña (1976), Manuel Puigs: https://www.youtube.com/watch?v=H_fjf01iebc; Weniger auf die Nebenhandlungen achten, als auf die Entwicklung Molinas. Der lange Film ist ´ne Flimmerkiste an ausgespielten Motiven der Selbstfindung und Selbstdefinition, die äußerst politisch werden können.

Warum Judith Butler nach Gender Trouble, Undoing Gender schreiben musste

>> I think we see here the concrete limits to any notion of autonomy that establishes the individual as alone, free of social conditions, without dependency on social instruments of various kinds.<< (Ich glaube, wir bermerken hier die Grenzen jeder Ansicht von Autonomie, die das Individuum als allein, frei von sozialen Bedingungen, ohne Abhängigkeit von sozialen Verfahren verschiedenster Art, festlegt) ( Judith Butler)

Macklemore & Ryan Lewis, „Same love“, 2012, geschrieben von Ben Haggerty, Ryan Lewis, Mary Lambert;

https://www.youtube.com/watch?v=F2j0EFkmXwo

<< If I was gay, I would think hip-hop hates me/Have you read the YouTube comments lately?/"Man, that's gay" gets dropped on the daily/We become so numb to what we're saying/A culture founded from oppression/ Yet we don't have acceptance for 'em/ Call each other faggots behind the keys of a message board/ A word rooted in hate, yet our genre still ignores it/Gay is synonymous with the lesser/ It's the same hate that's caused wars from religion/ Gender to skin color, the complexion of your pigment>>(...)<<When I was at church they taught me something else/If you preach hate at the service those words aren't anointed/That holy water that you soak in has been poisoned>>(...)<<And a certificate on paper isn't gonna solve it all/ But it's a damn good place to start/ No law is gonna change us/ We have to change us<<

Vielleicht mahnt die Beschreibung des „Kampfes“ um die eigene Person, viel mehr noch, die regelrecht gewaltsame Eroberung des eigenen Körpers, nicht einfach immer nur ja zu sagen zur Selbstveränderung, sondern Rat zu suchen, bevor allzu schnell Freiheit in Großbuchstaben auf die Fahne gemalt wird, obwohl weniger gut definierte und tatsächlich weniger gut wirkende Kräfte auf das Selbst wirken?

Die Inkongruenz mit dem gegebenen Körper ist auf jeden Fall etwas, was zur Sorge (Fürsorge und Selbstsorge) Anlass gibt und nicht etwa einfach eine witzige Spielart auszugestaltender Chancen der Persönlichkeitsentfaltung. Zu leichtfertig damit umzugehen, mag verlockend sein, führt aber, genau wie andere Zugriffe auf den völlig materialisierten und gerade nicht individuellen und egoidealisierten, eigenen Körper, bei verändernder kosmetischer Chirurgie, bei irrsinnigen Gewichtsreduktionen und Steigerungen aller Art, exzessiven Trainings, Spezialdiäten, Körper-Tättowierungen, allen Selbstanpassungen die sich das Ich ebenso hartnäckig abfordert, wie es gesellsellschaftlich zunehmend erwünscht und gar gefordert ist, zu einem sozialen Druck auf Individuen, ihr So- sein keinesfalls zu akzeptieren, sondern es bewusst zu manipulieren, wie das ehemals externe und strenge Moral- und Sittenvorstellungen erzwangen.

Bei aller Freiheit tritt hinzu: Manche Menschen sind tatsächlich eher krank, gestört, verstört, ver- und zerstörend, und sie tun sich deshalb nichts Gutes an, sondern gefährden sich und andere mit Wünschen, die unabweisbar werden. Manche sozialen Umstände sind pathologisch oder besser anomisch und erzwingen Konformität unter dem verlockenden Angebot, Probleme mit dem Selbst völlig mechanistisch durch Eingriffe aus der Welt zu schaffen.

In ihrem Buch „Undoing Gender“, einer Zusammenstellung von Artikeln und Essays, die Judith Butler nach ihrer plötzlichen Berühmtheit mit „Gender Trouble“ schrieb, erklärt die Philosophin über viele Seiten hinweg, welche Spielmöglichkeiten von Sex und Gender denkbar sind, sofern sie überhaupt Teil einer bewussten oder individuellen Selbstwahrnehmung werden und welche Reaktionen westlichen Gesellschaften dazu bilden.

Vielleicht am eindringlichsten formuliert, sind jene Kapitel, die sich beinahe ausschließlich mit der Transsexualität befassen.

>> Indeed, the correlations between gender identity and sexual orientation are murky at best: we cannot predict on the basis of what gender a person is what kind of gender identity the person will have, and what direction(s) of desire he or she will ultimately entertain and pursue. Although John Money and other so-called transpositionalists think that sexual orientation tends to follow from gender identity, it would be a huge mistake to assume that gender identity causes sexual orientation or that sexuality references in some necessary way a prior gender identity.<< (Judith Butler)

Trägt ein Mensch biologische Merkmale beider Geschlechter und/oder antizipiert er ein anderes oder gar mehrere andere, als sein morphologisch aktuell vorhandenes Geschlecht, hat er häufig ein großes Problem. Auch jeder Mensch, jeder Transsexuelle, der sich persönlich eindeutig definiert sieht, jedoch andere sexuelle und soziale Verhaltens- und Ausdrucksweisen, als jene die mit der Geschlechts- Wahrnehmung durch andere verbunden sind, an den Tag legt, hat ein Problem. "Schwierigkeiten" haben auch Menschen, die sich in ihrer Transsexualität wohlfühlen, aber, aufgrund ihres Aussehens oder ihres Verhaltens anders eingeordnet und angesprochen werden, von denen wir ein anderes Aussehen und/oder Verhalten erwarten. Zuletzt haben es alle jene Menschen schwer, die, obwohl sozial, wie auch biologisch, für ihre Umwelt eindeutig festgelegt, ein anderes Geschlecht wünschen. - Ja, nicht zuletzt haben alle ein Problem, die Verhaltensweisen und Aussehen bezüglich des Geschlechts bei Kindern, Jugendlichen und sonstigen Schutzbefohlen vorschreiben oder definieren wollen, die Genderrollen implizit oder explizit vermitteln.

Mit dem individuellen Wunsch, verändernd in das Sein des eigenen Körpers einzugreifen, ein anderes Geschlecht in Aussehen und Verhalten leben zu wollen, was nicht einmal damit einhergehen muss, zum Beispiel andere Partner zu finden oder auch nur eine andere Sexualität leben zu wollen, stellt sich die Frage der Bewerkstelligung dieser Veränderung.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der feste Wunsch sich im Geschlecht zu verändern, meist einen hohen Grad an Freiheit und Selbstbestimmung repräsentiert, wenn er nicht durch Partner, Familien und Surrogate, z.B. staatliche Stellen oder Religionen, dominiert wird.

Wünsche kosten, Leiden kostet

Judith Butler kommt zur Sache. Viele Transsexuelle sind mit der Frage konfrontiert, wie ihr Wunsch nach Änderung finanziert werden soll.

So lange es nur um das Aussehen geht, ist das vielleicht noch eine leichte Übung, mit den eigenen ökonomischen Mitteln. - Menschen sind, seit es sie gibt, Künstler der Kosmetik und Ästhetik, Spezialisten der Verwandlung und Meister der Verkleidung. Aber was nun, wenn es sich um die Bezahlung chirurgischer und hormoneller Behandlungen dreht, diesen Wandel herbeizuführen und dauerhaft zu erhalten?

Dazu ist in fast allen westlichen Gesellschaften eine Medizinalisierung gesetzlich vorgeschrieben. Das heißt, es muss eine anerkannte, algorithmisch kodierte Störung oder gar Krankheit attestiert und über einen längeren Zeitraum plausibel gemacht werden. ExpertInnen begutachten und begründen, gegenüber den die Zahlungen leistenden Kassen, gegenüber dem familiären Umfeld, gegenüber staatlichen Institutionen, die medizinische Eingriffe.

Psychologen, Psychiater und Körpermediziner stellen Merkmalsmuster aus Untersuchungen zusammen und bewerten diese. Alles daran ist, ohne es hier werten zu wollen, konstruiert und probabilistisch. - Probabilistisch meint hier, dass die international anerkannten Diagnosen (DSM, ICD) über Symptomkonstellationen mir mehr oder weniger starker Sicherheit zustande kommen. Allenfalls die Vorbedingung, dass irgendwo ein diagnostisch fassbares Leid an ihrem Ist- Zustand von den betroffenen Menschen geklagt werden muss, ist für die Diagnose eine unabdingbare Vorgabe.

Am Ende stellt sich aber meist die schnöde Frage, wer das bezahlen soll?

Einfach und kalt ist es, zu postulieren, jeder der es sich leisten kann, solle seinen Willen bekommen. Schließlich endet so die Freiheit unserer Zivilisation immer da, wo man keine Mittel zu ihrer Verwirklichung hat. Für unbedingte private Wünsche, so das Argument, müsse nicht die Allgemeinheit oder der Kreis der Krankenversicherten aufkommen, sofern keine privaten „Risiko“-Tarife vereinbart wurden, die solche Behandlungen mit einschließen. Vielleicht gibt es ja irgendwo eine private Stiftung die zahlt?

Der andere Weg ist jener, durch Ärzte und Therapeuten eine „Störung der Geschlechtsidentität“ diagnostizieren zu lassen. Die Definition als psychische Störung oder gar Krankheit erlaubt dann weitreichende Eingriffe, die von den Kassen (privat /gesetzlich) bezahlt werden.

Als ein Akt großer Freiheit, kann das allerdings nicht mehr gelten, und auf vorraussichtlich fast undenkliche Zeiten, steht selbst dieses soziale oder versicherungstechnisch private Pathologiemodell der Geschlechtsumwandlung nur äußerst wenigen Menschen unter den wenigen, die den Wunsch verspüren und den Willen aufbringen, überhaupt zur Verfügung. Der Willen zur Veränderung erfüllt sich also nur da, wo es die Ökonomie oder eine allgemeine Auffassung von den Aufgaben der Gesellschaft für das Glück des Einzelnen Sorge zu tragen erlaubt.

Die Definition, „Störung der Geschlechtsidentität“, steht jedoch auf tönernen Füßen, denn allgemein wird ein fester Wille und Wunsch etwas mit sich selbst und durch sich selbst zu tun, als Bestätigung für eine entwickelte, unbelastete und reife Persönlichkeit angesehen. „Ich will“ steht in unserer Kultur meilenweit über, „Ich fühle“ oder "Ich nehme wahr", oder: „Ich weiß nicht“. - „Ich will“ steht zuallermeist für großes Selbstbewusstsein, freie Entscheidung und Selbstbestimmung.

Janne Schra, „Little Bamboo“, aus dem Album „Ponzo“ (2015), https://www.youtube.com/watch?v=0Hnto4r1mv8&list=RD0Hnto4r1mv8#t=13

„If only you knew I’m holding on to you
Cause I’ve never learned to bend like you do
If only you knew how much I look up to you
Always true… my little bamboo“

Selbst die Liebe, deren Gefühls- und Seinszustand oft willenlos macht, der in unseren Gesellschaften ebenfalls große Macht zugebilligt wird, vom medialen Kitsch bis zum verstörend brutalen Ernst, muss sich da hintenan stellen. Wegen der geringeren internen, allenfalls noch stärker negativen, externen Kontrollmöglichkeiten, taugt sie nicht als Vorgabe, in einem sonst zur Selbstausgestaltung neigenden Sein, weil sie sich nicht durch den individuellen und sozialen Willen instrumentalisieren lässt.

Alles das, soll sich also, im Falle eines Wunsches nach Geschlechtsumwandlung völlig umdrehen? Der Ausdruck eines festen Willens, soll nun Zeichen einer Pathologie sein? - Nicht gleich kopfschütteln: Pathologischen Willen gibt es, als Merkmal von Persönlichkeitsstörungen, als kollektive Form absolut geltender Ideologien. Aber hier ist der freie Wille gemeint.

Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass Willenshandlungen und Wünsche, sowohl Ergebnis langer, von vielen Faktoren beeinflusster subjektiver Prozesse sein können, als auch, dass sie spontan entstehen, gar nicht unabhängig von jeweilgen Partnern oder dem sozialen Umfeld und ebenso zu Leid und Fehlhandlungen führen können.

Ist die Gesellschaft, sind soziale und private Versicherungen, sind Institutionen, Ärzte und Therapeuten dazu verpflichtet, Änderungswünsche auf jeden Fall mitzutragen und als Dienstleister der individuellen Willen zu dienen, so, wie das auch für andere individualisierte Medizinleistungen fast schon Standard ist, sofern sie bezahlt werden? Müssen Kassen zahlen, müssen wir zahlen? Und welches Prozedere ist dafür notwendig und richtig?

Die Pathologisierung ist auf jeden Fall eine schwere Kränkung für das Selbstbewusstsein von der Freiheit.- Mit einem allgemein akzeptierten, unausgesprochenen Einverständnis, man spiele nur die Regeln durch, ohne wirklich an sie zu glauben, lasse sich pathologisieren, weil damit die multiplen Eingriffe und die notwendigen Medikamente auf Dauer fianziert sind, kann man zwar pragmatisch handeln. Das Faktum vertritt jedoch das Gegenteil dessen, was mit dem Begriff gemeint ist.

Was für Transgender gilt, gilt für allen „Ärger“, allen Streit, alle Arten des gegenseitigen, völligen Missverständnisses, rund um das Geschlecht und die Geschlechter. Dabei signalisieren Natur, Kultur und Verstand des Herzens, viel mehr Milde, im Umgang miteinander.

Christoph Leusch

Literatur:

Judith Butler, "Undoing Gender“, London und New York, 2004

"Beyond Caitlyn Jenner Lies a Long Struggle by Transgender People“, The new York Times, June 14, 2015; http://www.nytimes.com/2015/06/15/us/beyond-caitlyn-jenner-lies-a-long-struggle-by-transgender-people.html

Mary R. Lefkowitz, Die Töchter des Zeus, Frauen im alten Griechenland, München, 1992, Original: "Woman in Greek Myth“, 1986

Hannah Meissner, Die soziale Konstruktion von Geschlecht – Erkenntnisperspektiven und gesellschaftstheoretische Fragen, FU- Berlin, online; http://www.fu-berlin.de/sites/gpo/soz_eth/Geschlecht_als_Kategorie/Die_soziale_Konstruktion_von_Geschlecht_____Erkenntnisperspektiven_und_gesellschaftstheoretische_Fragen/index.html

Platon, Symposion, aus: Platon, Sämtliche Werke, Übersetzung Friedrich Schleiermacher, Hg. Walter F. Otto, Ernesto Grassi und Gert Plamböck, Bd.2, Hamburg, 1957

David P. Schmitt, Sociosexuality from Argentina to Zimbabwe: A 48- nation study of sex, culture, and straegies of human mating, Behavioral And Brain Science, 28, 2005

Deborah Sontag, „Ashley Diamond, Transgender Inmate, Out of Prison, but Not Fully Free“, The New York Times, September 24, 2015; http://www.nytimes.com/2015/09/25/us/ashley-diamond-transgender-inmate-out-of-prison-but-not-fully-free.html?_r=0

13:01 29.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

Kommentare 11