Weltheilung als milde Gabe

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Der Nebel sehr großer und sehr kleiner Zahlen und die Öffentlichkeit

Die Initiative der amerikanischen Milliardäre (Billionäre) kommt zu einem sehr passenden Zeitpunkt, wenn auch der in Frage kommende Beitrag von ca. 100-150 Milliarden US Dollar als Vermögensgrundstock der Stiftungen, verglichen mit der angehäuften staatlichen Schuldenlast der USA und dem fehlenden, aber in Zukunft irgendwie aufzubringenden Geld für eine soziale US-Krankenversicherung, eine sehr kleine „Gabe“ sind.

Andere Reiche waren in der Finanzkrise durch ihr Gebahren in Verruf geraten. Für einen Moment, ein paar Monate, ärgerte sich auch ein, seit Tocqueville immer wieder als großzügig-vergesslich beschriebenes, amerikanisches Volk in seinen öffentlichen Medien und auf den Millionen Bloggerseiten im Web, über Manager, Banker und Spekulanten, die selbst während ihrer letzten Arbeitstage für ihre heruntergewirtschaften Unternehmungen nicht bereit waren auf persönlichen Luxus, bezahlt auf Rechnung der Einleger, der Betriebe, des Staates, zu verzichten, und Erfolgs- wie Abgangsprämien einstrichen, auch wenn nach einer Firmenübernahme plötzlich ein Drittel, die Hälfte oder sogar alle Angestellten und Arbeiter der ehemaligen Belegschaft entlassen wurden.

Dieses öffentliche Image wird von den sympathisch auftretenden Eheleuten Gates und dem eher im Hintergrund wirkenden Warren Buffett nun verbessert. Gewaltige Summen der Mildtätigkeit und philanthropischen Hilfstätigkeit scheinen im Spiel zu sein.

Keineswegs kann man den Milliardären absprechen keine guten Ziele zu verfolgen! Gerade diese Superreichen arbeiten im Stiftungswesen schon länger zusammen. Sie entwickelten für ihre Stiftungen klar formulierte Vorgaben und sicherten sich rechtzeitig die Unterstützung befreundeter, in der Öffentlichkeit beliebter oder sehr bekannter Persönlichkeiten, vom Pop-Sänger bis zum Ex-Präsidenten Clinton. Und sie kooperieren mit einigen großen NGOs.

Das Stiftungsmodell

Die Beteiligten überschreiben sehr große Teile des Privatvermögens an ihre Stiftungen, deren Zwecke und Ziele sie aber weiterhin voll und ganz, selbst kontrollieren können. Die benannten Ziele und Zwecke müssen denen einer Liste des Steueramtes der Vereinigten Staaten entsprechen. - Diese Liste ist sehr allgemein gehalten.

Umgekehrt erfolgt dann eine weitgehende Steuerbefreiung. Die staatliche Steuerbehörde unterscheidet noch zwischen „operierenden“ Stiftungen, also solchen, die selbst ein gemeinnütziges Geschäft betreiben möchten und dafür Einahmen, Spenden und natürlich auch öffentliche Subventionen oder Zuschüsse einsammeln (mehr staatliche Kontrolle, gewisse Besteuerung), und jenen, die im Rahmen ihrer Zwecke und Ziele, große Spenden (Grants) an Personen und Institutionen ihrer Wahl weiter geben (kaum staatliche Kontrolle). Eine solche, „nicht-operierende“, Stiftung ist die Bill und Melinda Gates-Foundation.

Der Rahmen. Globale Unsicherheit, obwohl wieder viel großes Geld verdient wird

Auch wenn, die Finanzwirtschaft und die Investorenökonomie derzeit wieder an Fahrt gewinnt, weil sich die Hauptbeteiligten längst wieder auf das gegenseitige Treu und Glauben und den ungefähren Wert ihrer nun, von den wirtschaftlich größten Ländern staatlich abgesicherten Assets verständigen konnten. Auch wenn die Geschäfte mit Geschäftsanbahnungen, dieser wirklich lukrative Markt der guten Provisionen und teuren juristischen Verträge (Claims abstecken, nennt sich das bei Sloterdijk.), wieder viel Geld abwirft, sogar die Industrieproduktion wieder anzieht, bleiben trotzdem die gewachsenen sozialen Klüfte, z.B. in der US-Gesellschaft, z.B. in Europa, viel massiver jedoch in der dritten Welt und den Schwellenländern, bestehen.

Der globale Blick weitet nur den Horizont für die Vorstellung, dass nicht Missmanagement der Staaten eine Rolle bei der Genese sozialer Schieflagen die größte Rolle spielt, sondern das gegenwärtige Wirtschaftssystem an sich. - Eine Schwäche aller Kritiker dieser Verhältnisse ist und bleibt jedoch, dem bestehenden Welt- Modell allenfalls eine weitgehend theoretische Alternative entgegen halten zu können.

Die Stiftungen machen sich medial gut. Aber im Prinzip arbeiten sie ausschließlich für die aufgestellten Ziele ihrer Gründer. Sie kumulieren mittlerweile eine Macht, an der kaum jemand vorbei kann, weder amerikanische Präsidenten, noch internationale Organisationen.

Die Bill und Melinda Gates-Stiftung, -Warren Buffett muss man sich derzeit immer dazu denken-, verfügt im Bereich Gesundheit etwa über das gleiche Budget wie die eigentlich zuständige Unterorganisation der Vereinten Nationen. - Was sollen Sie, die gut gesinnten Milliardäre, anderes tun, als so gut wie möglich wohltätig zu handeln? Aufessen lassen sich die Vermögenswerte von ihnen und ihren Angehörigen nicht, und Dollars durch Spekulation zu generieren oder zu verlieren, beschäftigt nur Investmentbanker und Spekulanten an Warenbörsen, aber doch nicht gestandene Unternehmer und wahre Philanthropen.

Für welche sozialen Missstände gibt es was?

Sehr interessant ist auch die doch sehr unterschiedliche Verteilung der Mittel der Gates-Stiftung für Projekte.

Ganz oben an steht der Gesundheitssektor und die Welternährung, die Landwirtschaft. - Hier arbeiten die Stiftungen mit den großen Unternehmen zusammen, deren Aktienpakete die Grundlage für die frei verfügbaren Mittel der Stiftungen auswerfen (Dividenden, Geschäftsprofite aus dem Anlagevermögen in Aktien, Währungen, Immobilien und Resourcenlizenzen).

Mechanisch gedacht, bekämpft man den Welthunger mit je zwei, drei gentechnisch veränderten Reis-, Mais-, Kartoffel-, Soja- und Weizensorten, dazu entsprechend gezüchteten, hocheffizient arbeitenden „Fleischeinheiten“, - Huhn auf Reis, Steak und Tostadas, Schnitzel an Pommes -, für die die grünen Biotechnologen der Großfirmen vollmundig neuerliche große Ertragsteigerungen, auch auf eher schlechten Böden, versprechen. Da genügt es dann, die drei, vier wichtigsten Saatgut- und Agroprodukthersteller im Boot zu haben, bzw. mit der eigenen, lockenden Finanzkraft der eingesetzten Mittel auf diese einwirken zu können.

Versprechen werden abgegeben, obwohl schon heute die Landwirtschaft mehr Nahrungsmittel-Kalorien, von den anderen essentiellen Dingen hier einmal ganz abgesehen, liefern könnte, als weltweit wirklich gebraucht würden.

Nur der Realismus, dass weiterhin ein kleinerer Teil der Weltbevölkerung mehr essen und sonstwie nahrungstechnisch verbrauchen möchte, - z.B. auch frei wegwerfen können möchte, verschwenden möchte-, als immer nur pappsatt zu sein, hält die Illusion aufrecht, eine bald an ihre Wachstumsgrenze kommende Weltbevölkerung bräuchte exorbitant viel mehr an landwirtschaftlicher High-tech-Produktion, bräuchte diesbezüglich einen weiteren „Quantensprung“.

Gleichzeitig wird die Bekämpfung von HIV und seinen Folgen zu einem philantropischen Kampf mit großen Millionensummen an Ausgaben, die vor allem wieder in die Firmen gehen, die schon als Aktienwerte so überaus erfolgreiche Wertsteigerungen hinter sich haben.

Effizienznachweis

Man könnte nun sagen, das ist doch egal, Hauptsache es wird geholfen. Wie steht es aber mit der Effizienz und dem Fortschritt durch private Wohltätigkeit?

Klare Hinweise auf ein deutlich besseres, privates Management der Hilfen und Gaben sind nirgendwo rund um den Globus zu finden, auch wenn natürlich jede Stiftung Vorzeigeprojekte kennt und diese ins Rampenlicht rücken möchte.

Im Geist der philanthropischen Stiftungsgründer ist ein wenig von dem Enthusiasmus übrig geblieben, der da lautet, man müsse nur ausreichend Geld und Material aufwenden, dann sei jedes Ziel erreichbar. Analog dem Mondlandungsprogramm im Sinne der Kennedy-Philosophie, geht es gegen AIDS (HIV) und gegen den Hunger in der Welt. - Wir erinnern uns, schon die ausgerufene UN-Dekade scheiterte damit kläglich.

Dass im übrigen die Gelder für das Mikrofinanzgeschäft (Kleinkredite, Junus-Bank) und für die Schulbildung in den Entwicklungsländern, die z.B. Gates-Stiftung derzeit ausschüttet, genau betrachtet, eher dürftig ausfallen, hat gute Gründe.

Im Bildungsbereich fallen hohe, kontinuierlich zu erbringende Personal- und Strukturerhaltungskosten an, die sich die beglückten Entwicklungsländer häufig nicht leisten können oder wollen (das ist dann immer hochpolitisch!). Bei der Mikrofinanzierung lassen sich zwar sofort positive örtliche Wirkungen messen, aber im medialen Blick bleiben diese Erfolge eher unspektakulär, weil sie weitgehend einer lokalen Subsistenzwirtschaft dienen.

Die Milliardäre gehen mit dem technisch-wirtschaftlichen Grundverständnis ans Werk, von dem auch viele Menschen ohne Kapitalien und natürliche viele, die nicht wohltätig spenden wollen, sondern an ihre Gewinne denken, implizit ebenfalls ausgehen. Sie arbeiten mit einem Kapitaleinsatzmodell und halten sich damit für projektorientiert und erfolgreich. Viel verfügbares Kapital wird in definierte Aufgaben und Sachleistungen gesteckt, die aber ohne nachhaltig personell besetzte regionale Strukturen und ohne ein soziales Umfeld, nur sehr kurzfristig funktionieren.

Zumindest die Pressewelt müsste das Verfahren, die gewählte Methode, kennen, denn sie entspricht häufig der Art und Weise, wie ein neues Hochglanz-Presseprodukt am Markt lanciert werden soll oder Relaunches häufig stattfinden. Gerade Herr Poschardt sollte aus eigener Erfahrung berichten können.

Das System der Gabe

Ob nun der Journalist Ulf Poschardt oder der Philosoph Peter Sloterdijk sich mit ähnlichen, gewagten Thesen vor die Öffentlichkeit stellen, bleibt letztlich völlig egal. Beide Male ging und geht es vorwiegend um einen guten persönlichen Ausgangspunkt für neue öffentlich-rechtliche und privatmediale Einladungen. „Dem Affen Zucker geben“, heißt das Spiel. Dazu braucht es Thesen die provozieren, sonst wäre es ja völlig langweilig.

Herr Poschardt muss seinen Einstand als „kreativer Direktor“ bei der Welt, gebührend mit einem kreativen und medialen Knall feiern. Denn nichts sichert solche Plätze besser, als gute oder sogar die ganz schlechte Publicity, sowie unbelegbare und wenig von Sachlichkeit geprägte Behauptungen.

Wie aus guter Philanthropie schlechte sozialphilosophische Thesen abgeleitet werden

Im Ansatz Sloterdijks und Poschardts liegt ein grundlegender Denkfehler, den beide nicht wahrnehmen wollen.

Lautet das Ziel einer Stiftung, einer "Gabeinstitution", nämlich nicht Gewinnorientierung, das ist ja die eigentliche Idee des Non-Profit, dann fallen die bisher messbaren Spielregeln für Erfolge, nämlich Profit aus einer Geschäfts- oder Spekulationstätigkeit pro Zeiteinheit weg, und die Stiftungen stehen vor genau den gleichen Dilemmata wie die Staaten und Regierungen, oder wie die international eigentlich zuständigen Organisationen der UN.

Soziale Investitionen verlangen immer einen beständigen Strom an Einnahmen aus Steuern und Abgaben, um dauerhaft (nachhaltig) zu funktionieren. Ohne ein solches Einnahmesystem, sei es aus Steuern, sei es aus stetig neuen Schenkungen, bricht das System, immer im Rahmen der bestehenden Wirtschaftsordnung gedacht, zusammen. - So einfach kann ökonomisches Denken sein.

Ich wage einmal die Prognose, dass das Modell der Stiftung partiell allenfalls gerade genau so erfolgreich sein kann, wie die staatliche oder überstaatliche Intervention.

Geht es um dauerhafte Verantwortung, operiert man auf dem gleichen, umfänglichen und differenzierten Niveau wie es die modernen Sozialstaaten tun, bleibt auch einem privaten Gabessystem nichts anderes, als Regeln für kontinuierliche und vor allem sichere Einnahmen aufzustellen und diese dann gesellschaftlich durchzusetzen.

Allerdings könnten wir im voll ausgebauten „System der Gabe“, betätigten wir uns einmal als utopische Sozialforscher, keine Unterschiede zum Bürokratismus, zu den Reibungsverlusten durch einen Wust an entscheidungslenkenden, sachfremden (politischen, medialen und ökonomischen) Erwägungen, feststellen.

Eventuell wächst sogar der Anteil an Willkür, an Entscheidung nach Sympathie und Antipathie der Philanthropen und ihrer Berater, im Vergleich mit dem Modell der auf vielen Ebenen öffentlich kontrollierbaren Struktur des sozialen Systems staatlichen Handelns, das dazu immer noch an Gesetze und demokratische Parlamente gebunden bleibt (Die Rechenschaftslegung erfolgt auf vielen Ebenen).

Die globale Effektivität der denkbaren Mega-Stiftungen sänke unweigerlich, ohne den weiteren und vor allem kontinuierlich gestalteten Mittelzufluss. Der erforderte dann bald entsprechende Einnahmegesetze und die Macht der Kontrolleure wüchse.

Die Bill- und Melinda Gates Stiftung ist veranlagungstechnisch völlig transparent. Aber, wohin die Gelder gehen, wer initiativ wird, mit was und warum, das unterläge, sollte sich die eher bornierte Fantasie der Poschardts dieser Welt durchsetzen, dem freien Willen der jeweiligen Stiftungsgründer und ihrer Räte.

Sehr fortschrittlich klingt das neue Heilsmodell des konservativen Feuilletons daher nicht. Eher klingelt und bimmelt es überall ein wenig gefährlich. So, als sehnte sich eine gewisse Gruppe von Menschen, die sich persönlich für besonders leistungsfähig hält, nach einer poststaatlichen Welt, in der ihr freier Wille selbstverständlich nur Gutes tut und jeder ihrer Gedanken schon natürlich hochwertig ist.

Die meisten Science-fiction Weltszenarien aus Hollywood und die Klassiker der SF-Weltliteratur sind da realistischer und ehrlicher, was die tatsächlichen Folgen und die Leistungsfähigkeit solcher privater Machtsysteme angeht, als es je der Karlsruher Philosoph und sein Nachsprech aus Berlins Pressewelt sein können.

Christoph Leusch

PS: Zu diesem Beitrag regte mich Alem Grabovacs Artikel "Disneyland und Sloterdijk"(www.freitag.de/politik/1031-presseschau-zu-milliardaere-spenden-haelfte-ihre-vermoegens )
an. Ich hoffe, ich konnte seinen interessanten Gedanken dort noch ein bisschen was beifügen.

21:54 07.08.2010
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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