Mahnmale

Kolonialismus Kommentar zu dem Artikel in der Freitag, Nr. 21, 24. Mai 2017, Hamburgs koloniales Erbe, Michael Marek und Sven Weniger. (Politik, Seite 05)
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Kommentar zu dem Artikel in der Freitag, Nr. 21, 24. Mai 2017, Hamburgs koloniales Erbe, Michael Marek und Sven Weniger. (Politik, Seite 05)

Hamburgs koloniales Erbe

Aufarbeitung

Die erste Stadt in Deutschland will ihre Kolonialgeschichte näher beleuchten. Dazu sind ein Park und Studien geplant.

Ich möchte hier in einigen Worten wiedergeben, welchen Eindruck ich nach Durchlesen dieses Artikels gewonnen habe. Ein Kommentar:

Was mir dieser Artikel aufzeigt, so wie ich es nach meiner Interpretation verstehe, dass es bei der historischen Aufarbeitung "mal wieder" darum gehen soll, dass die Straßennamen umbenannt werden. Zusätzlich fällt das jetzt erst ins Auge, dass man bisher auch ein Mahnmal für die Opfer des Hamburger Kolonialismus "vergessen hat".

Nach jahrelangem Hin und Her wurde der Tansania-Park 2014 in Geschichtsgarten Deutschland - Tansania - Gedenkort Deutscher Kolonialismus in Afrika" umgetauft. 400.000 Euro stellt die Stadt Hamburg für die Aufarbeitung bereit. Es ist unklar, ob der Etat dafür überhaupt reicht.

Hier in Tansania bekommt man eine Idee davon, wie ideologiefrei die Zeit, die einigen in Deutschland als schuldbeladen aufstößt, den Nachfolgern der Betroffenen erscheint; wie unbefangen Tansanier mit der gemeinsamen Geschichte umgehen. Was in Deutschland Erinnerungen an Hitlers Autobahnbau weckt, wird von den wenigen, die sich in Tansania überhaupt für Geschichte interessieren, als Errungenschaft gesehen. Die deutschen Kolonialherren haben sich beim Aufbau von Verwaltung und Infrastruktur weit mehr um die Entwicklung des Landes gekümmert als deren britische Nachfolger.

Dass die Besatzer vor allem an der Ausbeutung der Bodenschätze Tansanias interessiert waren, scheint nebensächlich. Nebensächlich auch, dass Carl Peters, deutscher Kolonialist, Afrikaforscher und Rassist, nach Bagamoyo kam mit gefälschten Verträgen, die er mit einigen der Stammesfürsten unterzeichnete, die aber keine Ahnung davon hatten (die Stammesfürsten), was sie eigentlich unterschrieben. Mit diesen Fälschungen beanspruchte Peters das Land der Stämme, ohne dafür zu bezahlen.

Zwar sind diese Menschen von damals alle tot, werden überlagert von den Errungenschaften, was doch der beste Grund ist, einen Schlussstrich unter die Konflikte der Vergangenheit zu ziehen.

Wer generell nur die Verbrechen der Vergangenheit als Aufarbeitung/Aufklärung/Fortschritt/Wissenschaft sieht, der leugnet die gegenwärtigen Errungenschaften aus ihrer einstigen Infrastruktur, denn man (jeder) benützt sie heute. Sonst dürfte man in keinen Zug mehr steigen und auch keine Autobahnen benützen. Man muss das trennen. Denn die Verbrecher, die Menschen zu Opfern machten, sie benützten und ausbeuteten, sind nicht mehr zur Verantwortung zu ziehen, weil sie in Gräbern liegen, weil sie begraben sind.

Dies hat mit mangelndem Geschichtsbewusstsein nichts zu tun, oder warum sollte man keine Zugstrecken, Schifffahrtslinien oder Autobahnen nützen, wenn das aber alle weltweit tun. Oder will ein geschichtsbewusster Historiker darauf verzichten aus historischem Geschichtsbewusstsein. Die Tansanier wollen zu Recht auf diese Errungenschaften nicht verzichten, so wie man generell auf die Infrastruktur der Vergangenheit nicht verzichtet hat. Als ob das nun pauschal im Einmachglas der Geschichte verpackt werden könnte. Dass es sogar möglich war, mit dem Fortschritt der Gegenwart etwas zu erreichen und die Toten sind begraben, die man auch nicht mehr ausbuddeln kann. Dennoch ist Aufklärung ja möglich. Hierfür gibt es bessere Möglichkeiten mit Dokumentationen, Berichten und Bildung. Wozu zusätzliche Vergangenheitssymbole oder Monumente erschaffen, wo es alles nur eine Arbeit der Verbreitung und Aufklärung ist, aber keiner weiteren baulichen Veränderungen im Straßenschilder- Park- und Mahnmalwald von Kriegsverbrechernamen mittels Objekten braucht, außer derer in der Gegenwart, denn diese gibt und gab es immer noch, was man auch ganz einfach überprüfen kann, weil die Personen leben und auch dort leben, wo sie heute sind. Entweder man ist noch da, oder man ist verschwunden oder verschollen. Wenn jemand vermisst ist, dann sucht man danach, aber nicht mit Geldern einer Stadt.

Wenn man aber Tendenzen in der Gegenwart sieht, die aus dieser kononialzeitlichen, verbrecherischen Vergangenheit herrührten, diese Tendenzen auf die Gegenwart bezieht, so dass vergangene Fehler wiederholt passieren, dann ist das Politik im Allgemeinen oder Gegenwartsforschung eben genauso. Also dann ist es beides, nämlich Vergangenheit und Gegenwart. Das kann man nicht den Historikern alleine überlassen, sonst wären es Gegenwartsforscher und hierfür könnte man auch das zustäzliche Geld als begründet ansehen.

So konnte man es auch mit den Errungenschaften des Autobahnbaus unter Hitler verstehen. Diese Errungenschaften und auch weitere Errungenschaften überlagern diese Vergangenheit. Tote die begraben sind, lassen sich auch nicht mehr zum Leben erwecken oder sonst irgendwie umbenennen. Aber das Eine ist die Gegenwart, wo man sensibel reagieren muss auf Tendenzen aus der Vergangenheit und den Erfahrungen hiermit, wofür es aber keine weiteren Vergangenheitsforschungen braucht, sondern nur eine Verbreitung oder Forschung in Überbleibsel, lebende Überbleibsel, die heute noch existieren, aber nicht danach, wenn diese Überbleibsel mausetot sind. Ansonsten hat man zu lernen daraus, was bekannt ist. Was bekannt ist, ist eine Sache des richtigen Informationsflusses. Forschung darüber, wie man Informationen verbreitet, so dass sie sinnvoll benutzt werden können. Modernes Internet und Videos, Dokus im Netz.

Selbstverständlich auch danach forscht, falls sich noch unbekannte weitere Rückschlüsse aus Vergangenheit ziehen lassen, die sich bis heute auf die Gegenwart auswirkt. Nur was da ist, ist eben schon da, und wenn man es nicht nutzt, dann sind es andere Probleme, aber keine Probleme der Stadt Hamburg.

Wären es Probleme der Stadt Hamburg, dann wäre es eher eine Sache der Aufklärung, warum die Stadt Hamburg seither eventuell vehement die Aufklärung verhindert hat, bzw. welche Versuche es seither gab, darüber aufzuklären und warum dieses denn immer wieder verhindert worden sein soll? Aber darüber hört man nichts. Nur dass jetzt das Projekt gestartet werden soll, was man seither nicht versucht hat? Weil man wie oft und wann daran gehindert wurde? Da ist eine Lücke, wofür die Stadt Hamburg aufkommen soll mit Geldern? Weil ja dann die Stadt Hamburg sozusagen bewusst diese Lücke "produziert" hätte? Das kann es meiner Meinung nach nicht sein.

Ich habe sogar in anderen Textbeiträgen gelesen, dass es Juden gibt, die die Naziverbrecher zwar nicht vergessen, dennoch im Laufe der Zeit etwas milder werden konnten (wenn das auch mit Recht sehr wenige sind, die milder werden konnten, weil es aus Gründen möglich war, die in diesem Lauf der Zeit danach passiert sind), denn es ist Geschichte, die sich nicht mehr rückwärts abwickeln lässt. Verzeihen kann man es gewiss nicht, aber dennoch mag es für ganz wenige unter ihnen eine Hilfe gewesen sein, weil sie in eine bessere Zukunft danach blicken konnten, weil sie es auch wollten und gleichzeitig Möglichkeiten für sie da waren, dass sie leichter etwas vergessen konnten, wenn auch nur etwas, aber es war nicht unmöglich. Was kein Vergessen ist, aber eine Entwicklung, die wieder hoffen ließ, dass kein Mensch ein solcher Idiot ist, dass er Fehler aus der Vergangenheit noch einmal zulässt. Das hat mehr mit Gegenwart zu tun als mit Vergangenheit, denn wer Fehler aus einer gescheiterten verbrecherischen Vergangenheit wiederholt, gehört ständig unter die Kontrolle der Gegenwart, was im Fluss ist. Die Tendenzen solcher Verbrechen, wenn sie sich zu wiederholen drohen sollten, müssen immer rechtzeitig erkannt werden. Was aber Aufgabe der Gegenwart ist, diese eben dann wieder rechtzeitig zu erkennen.

Ich will damit darauf hinaus, dass es keine Entschädigung ist, wenn man Straßennamen umbenennt oder Mahnmale errichten will, die man zu lange vorher vergessen hat zu errichten. Als ob ein Opfer davon einen Nutzen hat, wenn man tagelang oder nur minutenlang vor einem Mahnmal niederkniet. Es ist gut, wenn sie errichtet wurden, aber eigentlich sollte man auch mal die Opfer fragen, welche Entschädigung sie sich selbst gewünscht hätten. Hätten sie die Entschädigung bekommen, dann hätten sie sich, wenn sie den Wunsch gehabt hätten, diese Mahnmale selbst finanzieren können, was auch der Sinn einer Entschädigung ist, wenn man überhaupt von Entschädigung sprechen kann, indem man ein Mal errichtet und ob man ein Mal als Entschädigung überhaupt haben möchte. Nicht alle Opfer brauchen ein Mahnmal und wenn, dann ist das letztlich auch Sache der Opfer unter sich, sich frei zu entscheiden.

Wenn man aber Straßennamen und sonstige Erinnerungsbauten einfach umbenennt oder was immer man damit sonst machen kann, sie abreißen oder neu errichten. Ist es nicht nur eine Arbeit an der Oberfläche, aber eben keine Aufarbeitung?

Sind für die Aufarbeitung nicht Filme oder Bücher oder Gespräche wichtiger als die Arbeit an Fassaden, die zwar das Auge sieht, so als ob das nur mit Denkmälern möglich wäre, weil man ohne Denkmäler die Kraft für das Wort nicht findet, für Gespräche oder Texte. Ein Mal ist ein Mal und kein Text oder Gespräch. Als ob es damit getan wäre, wenn man an der Fassade kratzt, was aber an der Vergangenheit nichts ändern kann. Richtige Aufarbeitung sieht anders aus. Dazu gehört guter Unterricht in Schulen oder weiteren Einrichtungen, denn Architektur alleine bleibt stumm und ist dazu noch kostspieliger als Einrichtungen für Kommunikation. Die Opfer werden ja damit ausgeklammert, was Opfer unter Aufarbeitung verstehen, indem man Straßennamen umbenennt, was ein Opfer nicht als Aufarbeitung sehen muss.

Man muss Opfern die Chance lassen, ihren Opferstatus selbst zu bewerten, wofür man ihnen das Wort geben muss, wie sie selbst mit der Vergangenheit umgehen. Wenn sie ja doch durch Überlagerungen der Zeit zu Errungenschaften gekommen sind, die sie auch als solche sehen dürfen, heißt das nicht, dass die Vergangenheit vergessen und verziehen ist, aber es heißt auch, dass sie überlagert ist - auch durch Besserungen.

Wenn die Nachgenerationen über die Schrecken der Vergangenheit kein Geschichtsbewusstsein entwickelt haben, dann hilft nur Aufklärung, wofür es einen besseren Stoff gibt als Architektur, denn ohne Aufklärung folgt keine Veränderung nach, die die Schäden der Vergangenheit sichtbar gemacht hat, weil die Aufklärung dann ja unsichtbar war und ohne Auswirkungen auf die Gegenwart. Da kann man das nicht an irgendeiner Architekur von Malen festmachen, mit Architektur hat das gar nichts im Sinn, diese ist willenlos und nur ein Produkt und kein Schandfleck.

Der Stoff heißt Unterricht, der Stoff heißt Literatur, der Stoff heißt Film, der Stoff heißt Internet, der Stoff heißt Zeiterleben. Der Stoff heißt Information. Tote Materie und Symbolik mit Malen ist keine Aufarbeitung, denn mit Architektur lässt sich hinterher gewiss nichts geradebiegen. Sie ist nur ein Produkt und eine Fertigung der Gegenwart. Die Mittel für Aufklärung und Aufarbeitung stehen zur Verfügung mit Medien, Internet, aber es braucht keine weiteren Zusatzkosten durch Austausch von Straßenschildern oder welches Bauwerk nun sonst noch als ewiges Gedenk-Mahnmal nachträglich auch noch neu erschaffen werden sollte, weil man die Mittel nicht nützt, die bereits vorhanden sind - Kommunikation. Dafür muss man sensibilisieren, Weiterentwicklung nicht in Gedenk-Malen aus der Vergangenheitsversion.

Wieso brauchen Historiker zur Aufarbeitung Gelder der Stadt Hamburg, weil es vorwiegend in Hamburg Schifffahrtslinien gab, Kriegsschiffe, Versorgungsschiffe, Postschiffe, all das hat einen Hamburg-Bezug. Und dafür sei die Rolle der Hamburger Handelskammer und des Senats entscheidend, weil sie in der Vergangenheit der Kononialzeit profitiert hätten (Schifffahrtslinien). Und dieses vorgeschlagene Forschungsprojekt der Aufarbeitung wird der Handelskammer so vorgeschlagen, dann aber nicht bewilligt, weil keine Gelder hierfür bereitstehen.

Denn ich denke es kommt auf das Mittel an und nicht auf die Bewilligung, wenn das Mittel das falsche ist, wofür man eine Bewilligung braucht.

Wenn jetzt Gelder für Forschung von Historikern gefordert werden, haben es die Historiker versäumt, gründlich zu forschen, was sie jetzt nachholen möchten? Schifffahrtslinien aus der Kononialzeit mit Geldforderungen begründet, die man doppelt begründen muss, weil es Schifffahrtslinien gab, was man seither nur so gemunkelt hat oder was? Entweder man wusste es oder man wusste es nicht, aber man wusste es schon eher. Und das ist dann der Grund für zusätzliche Forderungen?

Indem nachträglich Namen umbenannt werden? Oder ist Hamburg für einen Streit unter Historikern verantwortlich? Weil es andere Historiker geben mag, die zwar darüber berichtet und aufgeklärt haben, nur kommunikativ die Verbreitung vernachlässigt wurde. Wer hat das wohl vernachlässigt? Oder war das nur halbherzige Aufklärung von diesen Historikern selbst? Oder war es die Stadt Hamburg oder andere Historiker, weil es nicht ihren Forschungen entsprach, aber nun auf einmal ja doch? Weswegen sie ja jetzt doch auch forschen wollen. Aus welchen vermischten Gründen auch immer, aber dafür ist nicht die Stadt Hamburg alleine verantwortlich. Dafür sehe ich keinen Grund, dass die Zuständigkeit alleine bei der Stadt liegt, aber die Historiker das nicht selbst auch zu finanzieren in der Lage sind. Wessen Anliegen es ist, der muss es auch finanzieren.

Zweitens muss man auch den Sinn für die Gegenwart nachweisen, was ich in Straßenschildern, die ausgetauscht werden, nicht erkennen kann. Auch nicht in der Umbenennung der Namen von Parkanlagen und sonstigem "Gestein".

Denn das eine sind sinnvolle Sanierungsmaßnahmen in der Gegenwart und die Infrastruktur der Gegenwart. Beschädigte Straßenschilder austauschen, Schlaglöcher und marode Brücken sanieren. Das sind die Aufgaben einer modernen Stadt.

Das andere ist Historie, die man kommunikativ aufarbeiten muss, was sich nicht mit Baustellen und Orten überschatten lässt, als ob man den Staub der Vergangenheit mit einer Baustelle oder Ausgrabungsstätte wegräumen könnte, weil die Verbrecher im Grab liegen und weiter dazu schweigen werden. Wo man der Worte und der Aufklärung nicht in der Lage ist, entstehen sinnlose Geldforderungen. Und das heute in der Gegenwart, heute, wo es Internet und viele andere Informationskanäle gibt. Und es zeigt sich ja dann auch deutlich, woher das herrührt, dass jetzt einige Historiker aufzuwachen scheinen, was doch nur daher kommt, dass man zu lange der Aufklärung nicht fähig war. Was sie dann auch noch mit weiteren Forschungen zu beweisen suchen, als ob sie dem Beweis selbst nicht trauen, dass doch alles die Geschichte ist. Was ist ein Historiker, der Geschehnisse, die passiert sind, auch noch doppelt untermauern muss, doppelte Geschichtsforschung?

Entweder ein Historiker kennt die Ergebnisse oder er kennt sie nicht. Kennt er sie nicht, dann sind es gewiss auch begründete Forderungen auf Nachforschung. Aber was, wenn der Historiker doch die Ergebnisse kennt. Dann ist es doppelte Forschung und dann ist es eine Doppelmoral, daraus weitere Gelder herzuleiten. Wo es Erkenntnisse und Wissen aus der Geschichte gibt, die der Historiker kennt, dann muss er diese Erkenntnisse verbreiten und dokumentieren. Das ist die Aufgabe des Historikers, wofür auch Geld da ist, weil das keine Aufgabe der Architektur ist. Man muss eben wissen, welcher Topf es ist, von dem man fordert. Straßenschilder sind es definitiv nicht.

17:19 08.06.2017
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