„Wir können noch lauter“

Im Gespräch Auftakt für vierwöchigen Protest: Am heutigen Aktionstag gehen die Studierenden auf die Straße. Warum, erklärt Anja Gadow vom Dachverband der Studierenden fzs

freitag.de: Frau Gadow, überall, so scheint es, stoßen die Proteste der Studierenden auf Sympathie und Zustimmung. Machen Sie etwas falsch?


Anja Gadow:

Sympathie und Zustimmung sind ja nicht schlecht, aber wenn es dabei bleibt, hilft uns das wenig. Dann müssen wir wohl noch ein bisschen lauter werden, damit die Verantwortlichen, an die wir uns richten, realisieren, dass sie etwas ändern müssen. Eine allgemeine Zustimmung müsste auch Betroffenheit hervorrufen, im Sinne von: „Stimmt, da habt ihr recht, da ändern wir etwas“. Es ist das Dreigestirn aus Bundesregierung, Kultusministern und Hochschulverwaltungen, die gemeinsam verantwortlich sind für die miserable Situation an den Hochschulen.

Fangen wir mit der Kultusministerkonferenz (KMK) an. Was fordern Sie von den Ländern?

Die Länderministerien haben die Strukturvorgaben und damit die Regelungsdichte für die Bachelor-/Masterstudiengänge extrem detailverliebt entwickelt und die Hochschulen haben daran mitgewirkt. Die sollte aufgehoben werden. Ein Beispiel ist die so genannte 300-Credit-Regelung, also die Voraussetzung, um einen Masterabschluss zu kommen. Für 180 Credits sollte man mehr Zeit haben können als die derzeit sechs Semester, das ist oft nicht zu schaffen. Das würde als erster Schritt schon helfen.

Und die Hochschulen?

Die Hochschulen haben ein komplett verschultes Studium entwickelt mit extrem hoher Prüfungsdichte, ohne jegliche Wahlfreiheit. Dagegen müsste die Kompetenzorientierung mal umgesetzt werden, wie sie immer im Bologna-Prozess genannt wird, mit weniger Prüfungen. Wir wollen wieder ein echten Studium, das an einer Hochschule stattfindet, die sich auch so nennen kann und nicht eine Schule ist, die nur Universität oder Fachhochschule heißt. Für das Geld, das wir fordern, um die maroden Gebäude zu sanieren oder um mehr Vorlesungsplätze zu schaffen, damit die Leute nicht auf dem Boden sitzen müssen – ist natürlich die Politik, namentlich Bundesregierung und KMK zuständig.

Ihre Vorschläge reformieren quasi den Bologna-Prozess. War Bologna der richtige Weg, nur nicht richtig umgesetzt?

Nein, der Weg war falsch, auch wenn am alten System vieles nicht mehr in Ordnung war. Der Bologna-Prozess wurde in einem reinen Top-Down-Verfahren durchgesetzt. Bund und Länder haben dieses Konstrukt unterschrieben und von oben her durchgedrückt. Es ist kein gewachsener Prozess an den Hochschulen, man hat die Hochschulen damit völlig alleine gelassen, hat keine zusätzlichen Kapazitäten zur Verfügung gestellt. Parallel zu einer extrem hohen Dichte von Studierenden mussten die Hochschullehrer hier etwas umsetzen, ohne in irgendeiner Form freigestellt oder auch nur gut informiert zu werden.

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Wie kann man jetzt das Beste daraus machen?

Man müsste als erstes die Stofffülle reduzieren, ein bisschen Ruhe einkehren lassen und die Regelungsdichte von Kultusministerseite herausnehmen. Und dann sollte man einen breiten Diskurs führen über Fragen wie: Was wollen wir an den Studiengängen haben und was nicht und dann ordentlich entrümpeln. Und zwar ganz unabhängig von Bachelor und Master – die alten Diplomstudiengänge hätten auch entrümpelt werden müssen. Wir sollten nicht an dem System wie wir es jetzt haben festhalten, sondern uns wirklich weiterentwickeln.

Was halten Sie davon, wenn Annette Schavan sagt, sie habe Verständnis für die Proteste?

Das reicht eben nicht. Frau Schavan hat offenbar nicht wirklich eine Bereitschaft, im Hochschulbereich etwas zu ändern. Bevor sie selbst die Sache in die Hand nimmt, schiebt sie andere vor. Die Bundesregierung muss mehr Geld an die Hochschulen und generell ins Bildungssystem geben, damit es wieder funktioniert und das Kaputtsparen aufhört. Die Bundesregierung hat auch die Aufgabe mehr Geld ins BAföG zu stecken und nicht in die Stipendienförderung, weil das kontraproduktiv ist.

Derzeit schieben aber alle Beteiligten den schwarzen Peter dem jeweils anderen zu. Haben die Proteste das Problem zu vieler Adressaten?

Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe, die Zuständigkeiten untereinander zu klären. Es ist ein gewachsenes System, in dem die Politik und KMK eher für die finanzielle Seite zuständig sind und Hochschulen und KMK eher für die Umgestaltung. Aber wir fordern Gespräche auf Augenhöhe mit den Studierenden. Die Professorinnen und Professoren sollen die Studierenden einfach mal ernst nehmen. Während des Bildungsstreiks könnten sich die Hochschullehrer auch einfach mal mit uns solidarisieren, gemeinsam demonstrieren und das Gespräch mit den Streikenden suchen.
14:00 17.11.2009
Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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