Auf dem Pulverfass

Klimaschutz Die Verpressung von ­Kohlendioxid im ­Boden soll energie­politische Weichen stellen, doch es birgt Risiken. Politiker in Schleswig-Holstein fürchten ein neues Gorleben

Kohlendioxid (CO2) ist nicht giftig. Sonst könnten wir es nicht einfach in Kartuschen kaufen und damit Leitungs- zu Sprudelwasser aufpusten. Als Kohlensäure lassen wir uns damit die Kehle kitzeln. CO2 ist natürlicher Bestandteil der Luft. Wir atmen immer ein bisschen da von ein und ein bisschen mehr davon aus. Die Pflanzen brauchen es für die Photosythese. Aber wenn es eine bestimmte Konzentration übersteigt, wird es gefährlich. Als eines der schädlichsten „Klimagase“ sorgt CO2, das bezweifelt heute kaum jemand mehr, für die Erwärmung der Erde und das Abschmelzen der Pole.

Weil die Energiekonzerne sich künftig mehr als bisher um ihre CO2-Bilanz sorgen müssen, planen sie das Rauchgas CO2, das besonders Kohlekraftwerke in großen Mengen ausstoßen, durch das CCS-Verfahren (Carbon Capture and Storage) „reinzuwaschen“. Das Gesetz, das dieses Verfahren der Abscheidung und Endlagerung von CO2 gewährleisten sollte, wird nun in dieser Legislaturperiode nicht mehr beschlossen. Als es im März auf den Weg gebracht wurde, sollte es möglichst schnell den Gesetzgebungsprozess durchlaufen, doch die entschiedene Kritik von Umweltverbänden und die Uneinigkeit von Experten ließ bei einigen Politikern, die dem Verfahren ursprünglich zugetan waren, schließlich Skepsis aufkommen.

In Schleswig-Holstein stieß CCS auf den entschlossenen Widerstand der Bevölkerung. Dort will der Stromkonzern RWE im Herbst Probebohrungen durchführen, denn das nördlichste Bundesland besitzt die geologischen Bedingungen, die sich laut Konzern besonders gut für CO2-Endlager eignen. In kürzester Zeit bildete sich eine Bürgerinitiative, die tausende Unterschriften gegen das Vorhaben sammelte. Vom neuen Gorleben ist nun die Rede: Dünn besiedelt und unterschätzt, was das Protestpotenzial angeht, ähneln sich Wendland und norddeutsche Tiefebene. Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen (CDU) wurde das Thema im Wahlkampf schließlich zu heiß und Mitte Juni sprach sich der schleswig-holsteinische Landtag einstimmig gegen das CCS-Gesetz aus. Carstensen erklärte, sein Land werde nicht das „CO2-Klo“ der Republik.

Doch die nächste Bundesregierung wird das CCS-Gesetz wieder aus der Schublade holen, denn der Druck der Stromkonzerne ist groß. Weil wir in Deutschland riesige Kohlevorräte haben, die Fachleuten zufolge weitere 300 Jahre „reichen“ könnten und dazu noch billig sind, setzen die großen Stromversorger weiter auf die Kohleverstromung und auf CCS. Sie wollen 30 neue Kohlekraftwerke bauen. Doch was passiert, wenn das Gestein sich bewegt oder andere natürliche Vorgänge für eine Leckage sorgen und das CO2 entweicht?

Erstickungstod am Nios-See

Kamerun, 1986. Eine gewaltige CO2-Wolke führte dort zur Katastrophe: Das Gas löschte drei Dörfer aus, 1.700 Menschen starben. Was war passiert? Aus dem Nios-See, der auf vulkanischem Erdreich liegt, stieg nachts explosionsartig eine riesige CO2-Blase auf und erwischte die Menschen in den umliegenden Dörfern im Schlaf. Farb- und geruchlos sinkt das CO2, das schwerer ist als Luft, zu Boden und führt innerhalb von Minuten zum Erstickungstod. Unsere normale Luft enthält etwa 0,04 Prozent CO2, ausgeatmete Luft enthält etwa vier Prozent. Gefährlich wird CO2 in einer Konzentration von acht bis zehn Prozent: da führt es zu Bewusstlosigkeit und schließlich zum Tod.

Müssen wir uns auf solche Erstickungs-Szenarien einstellen, wenn ein zukünftiges unterirdisches CO2-Endlager kollabieren sollte? Wenn Risse in der Erde entstehen und riesige Mengen CO2 unkontrolliert entweichen? Schon seit 1996 lagert der norwegische Konzern Statoil jährlich etwa eine Million Tonnen CO2 in Gesteinsschichten von Erdgasfeldern unter der Nordsee. Doch deutsche Kohlekraftwerke stoßen jährlich 350 Millionen Tonnen CO2 aus. Mit diesen Mengen hat man bislang keine Erfahrung. Immerhin weiß man, dass ehemalige Gasfelder über die Bedingungen verfügen, Gas viele tausend Jahre lang speichern zu können.

Auch Ölfelder eignen sich, wie zum Beispiel im kanadischen Weyburn, wo man ebenfalls bereits CO2 in den Boden verpresst. Dort hat es den gewollten Nebeneffekt, dass der Ölförderdruck sich erhöht. In Norddeutschland setzt man auf „saline Aquifere“, poröse, wasserführende Gesteinsschichten in mindestens 800 Metern Tiefe. Das salzhaltige Sedimentgestein soll wie ein Schwamm das CO2 aufnehmen können, vorausgesetzt, darüber ist das Deckgestein dicht. Diese Speicherart wird seit 2004 im brandenburgischen Ketzin durch das Projekt CO2SINK des Geoforschungszentrums Potsdam getestet.

Die Energiepolitik verlangt derzeit nach einer Weichenstellung. Wollen wir massiv in die erneuerbaren Energien investieren und einen raschen Ausbau von Wind, Solarkaft und Biomasse fördern? Oder gibt es Abhängigkeiten und Interessen, von denen man nicht lassen will, wie bei Kohle und Atomstrom? Es ist dies eine Gretchenfrage, die die Politik beantworten muss. Klar ist, eine Umstellung auf die Erneuerbaren wird es nicht von heute auf morgen geben. Da hört es sich ganz überzeugend an, wenn gesagt wird: Die CO2-Abscheidung ist in der Palette des Energiemixes eben ein unverzichtbarer Teil. Aber ist sie das wirklich?

Keine dauerhafte Sicherheit

Ob eine Technik sich durchsetzt, ist häufig nicht eine Frage der Vernunft, sondern des politischen Willens. So war es bei der Atomkraft, die so teuer war wie keine andere Energieform und doch durchgesetzt wurde. Und so könnte es auch mit der Abscheidung und Speicherung von CO2 kommen. Das Verfahren ist nicht wirtschaftlich, sagen Fachleute, denn die Abscheidung, der Transport in Pipelines, die erst noch gebaut werden müssen, die unterirdische Verpressung und nicht zuletzt die Überwachung (Monitoring) der Endlager sind extrem aufwändig und teuer. Und es biete keine dauerhafte Sicherheit, betonen Umweltverbände.

RWE und Vattenfall arbeiten indes seit Jahren an der Erforschung und Erprobung verschiedener CCS-Verfahren und wollen ihre Millionen nicht umsonst investiert haben. In der Kalkulation der Konzerne scheint sich das teure Verfahren immer noch zu rechnen, Kohle ist billig zu haben und der Staat geht in Haftung, wenn es Probleme gibt mit den Endlagern, so die Vorstellung. Die unflexiblen Grundlastkaftwerke, die auf Dauerbetrieb ausgerichtet sind, passen aber nicht so recht mit den dezentralen und flexiblen Systemen der erneuerbaren Energien zusammen. Ganz abgesehen davon, dass die riesigen unterirdischen CO2-Speicher sich nicht mit Zukunftstechologien wie Geothermie und Druckluftspeichern vertragen. Manche argumentieren indes, das CCS-Verfahren sei eine notwendige Übergangstechnologie, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Man würde Zeit gewinnen – so zum Beispiel auch der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber.

Doch dies könnte ein Trugschluss sein. Denn wenn jetzt „grünes Licht“ gegeben wird, für den Einsatz von CCS, dann wird der Zug erst einmal Fahrt aufnehmen. Die „Übergangstechnologie“ wird sich etablieren und die neuen Kohlekraftwerke werden ein paar Jahrzehnte laufen. Und die Menschen sitzen möglicherweise auf den Gaslagern wie auf einem Pulverfass. Statt dessen könnte man das viele Geld, das jetzt in ein zweifelhaftes Verfahren gesteckt wird, sinnvoller für die weitere Erforschung und Investition in die erneuerbaren Energien verwenden. Und in die Forschung, wie CO2 im Energiekreislauf nutzbar gemacht werden kann.

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Ihre Freitag-Redaktion

05:00 02.07.2009
Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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Ausgabe 42/2021

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