Das Risiko der weißen Kohle

Energie Die Bundesregierung ebnet einer zweifelhaften Technologie den Weg: Der unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid. Das Klima wird so nicht gerettet

Auf den ersten Blick ist es einleuchtend: Warum nicht das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2) aus der Abluft der Kohlekraftwerke abtrennen, in den Untergrund verbringen und dort sicher lagern? CCS (Carbon Capture and Storage) heißt dieses Verfahren, das schon seit einigen Jahren erforscht wird, zum Beispiel durch den Energiekonzern Vattenfall. Der setzt ganz auf den großtechnischen Einsatz von CCS in naher Zukunft.

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Doch die Wundertechnik wäre zu schön, um wahrlich Klimaretterin zu sein. Sie dient den Energiekonzernen eher als Feigenblatt für den ungestörten Weiterbetrieb und die Planung zusätzlicher klimaschädlicher Kohlekraftwerke. Die Verstromung von Kohle wird immer wieder als Argument für Versorgungssicherheit ins Feld geführt, obwohl zahlreiche umwelt- und klimapolitische Argumente gegen sie sprechen. Insbesondere Vattenfall treibt den Ausbau des Braunkohletagesbaus im Osten Deutschlands voran und setzt gleichzeitig auf CCS. Nach optimistischen Schätzungen wäre das Verfahren allerdings frühestens 2020, wahrscheinlich aber erst 2030 einsatzfähig. Doch schon jetzt spielt die CCS-Technik eine wichtige Rolle bei der politischen Durchsetzung von derzeit rund 20 neu geplanten Kohlekraftwerken, weil sie die „Dreckschleudern“ gewissermaßen reinwäscht.

Die Bundesregierung hat nun in ungewöhnlicher Eile ein Gesetz formuliert, das „Abscheidung, Transport und Ablagerung von Kohlendioxid“ regeln soll (CCS-Gesetz). Es ebnet den Energieriesen Vattenfall, RWE und anderen den Weg für die weitere Kohleverstromung. Dabei ist CCS nicht nur riskant und teuer, sondern schafft auch neue Endlager-Probleme. Wenn man das Klimagas CO2 wie geplant verflüssigt und in tiefen Gesteinsschichten ohne Behälter lagert, drohen derzeit unübersehbare Risiken. Besonders ehemalige Erdgasfelder eignen sich als Endlager – die können aber nicht in Augenschein genommen und untersucht werden. Dies birgt die Gefahr von Leckagen, undichte Stellen, durch die das CO2 an die Erdoberfläche dringen kann. Umweltschutzverbände warnen mit Verweis auf die schlechten Erfahrungen mit den Atommüll-Endlagern Asse und Morsleben, dass Politik und Betreiber sich mit ihren Sicherheitsprognosen schon mehrfach verschätzt haben – auf Kosten der Allgemeinheit.

Die Folgekosten soll der Staat übernehmen

Es würde nicht verwundern, wenn es stimmt, was Greenpeace behauptet, dass die Stromkonzerne an dem CCS-Gesetz eifrig mitformuliert haben, denn es nimmt die Betreiber von CO2-Endlagern nicht allzu lange in die Pflicht: Nur 20 Jahre sind die Konzerne zuständig, dann übergeht die Verantwortung auf den Staat. Die Energieproduzenten würden so die Gewinne aus der Verstromung der billigen Ressource Kohle einfahren, spätere Folgekosten für etwaige Komplikationen oder Überwachung bei der Lagerung des CO2 trüge die Allgemeinheit. Dazu kommt, dass das Gesetz äußerst großzügig ist mit dem Reinheitsgrad des CO2. Nicht unerhebliche Beimengen anderer Gase sind erlaubt, was weitere Risiken birgt.

Doch das größte Problem von CCS: Die energieaufwändige CCS-Technik ist nicht wirtschaftlich. Sie reduziert den sowieso nicht besonders günstigen Wirkungsgrad der Kohlekraftwerke weiter. Derzeit laufende Kohlekraftwerke mit CCS-Technik umzurüsten, hieße, teure Pipelines zu einem Endlager zu bauen oder umweltbelastende LKW-Transporte in Kauf zu nehmen. Wäre Kohle nicht so billig und würden die Konzerne nicht indirekt durch kostenlose CO2-Zertifikate subventioniert, würde sich das Ganze niemals lohnen.

All dies ist zwar kein Grund, die CCS-Technik als Übergangstechnologie abzulehnen, aber eine echte Zukunftstechnologie ist sie nicht. Die Gefahr ist, dass die Weißwäsche der Kohle durch CCS als Argument für zusätzliche Kohlekraftwerke missbraucht wird. Wenn die Bundesregierung sich nun mit einem industriefreundlichen CCS-Gesetz zur Handlangerin für Vattenfall macht, setzt sie aufs falsche Pferd. Würde sie es ernst meinen mit dem Klimaschutz, müsste sie stattdessen alle Anstrengungen auf Ressourcenschutz legen, nachhaltige erneuerbare Energien fördern und Energieeffizienz vorantreiben. Kohle ist und bleibt Energie von gestern.

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Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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