Es geht auch anders

Entschulung Das Unterrichtsmodell „Statt Schule“ in Brandenburg versucht sich an neuen Lernformen, um eine Antwort auf die spezifischen Probleme des Teenager-Alters zu geben

Zille führt Besucher über ein verwunschenes, überwuchertes Gelände, das von drei langen geraden Reihen hoher Pappeln durchzogen wird. Etwa 40 Meter vor dem Ufer eines großen Sees haben Schüler eine Hecke aus Holz, Laub, Ästen und Gestrüpp aufgeschichtet. „Das ist unsere Benjeshecke“, erklärt Zille. Dahinter, nah am Ufer, zeigt Zille auf eine kleine Ausbuchtung des Sees: „Dort wird vielleicht einmal unser Hafen sein“, sagt sie. Hier muss schon einmal eine Bootsanlegestelle gewesen sein. Jetzt ragen nur noch ein paar dünne Pfähle ein Stück weit aus dem Wasser, auf denen früher vielleicht ein Steg lag.

Nach der kleinen Führung wird die 13-jährige Zille, eigentlich Cecilia, von ein paar Klassenkameradinnen wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzitiert. Ein paar Schülerinnen legen einen Betonweg frei. Sie kratzen und hebeln an einem dicken Teppich aus Moos und Wurzelwerk, der den Plattenweg so dicht überdeckt, dass er teilweise nicht mehr sichtbar ist. Zu DDR-Zeiten diente dieses Gelände als Ferienlager für Kinder von Stasi-Mitarbeitern. Seit der Wende ist hier nichts mehr passiert, die Natur hat sich den Ort zurückerobert. Zwei Dutzend Ruinen von kleinen Ferienhäuschen, vollkommen überwucherten Baracken stehen hier. Sie werden demnächst von einer Räumfirma entsorgt. „Unter einer wohnt ein Dachs“, erzählt Zilla, und es klingt wie ein kleines Geheimnis.

Vermessen, hacken, sägen

Auf diesem Stück Land realisiert die Potsdamer Montessori-Schule zusammen mit der Heinrich-von-Stephan-Schule Berlin-Moabit ein besonderes Projekt: Rund zwei Dutzend Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen vermessen, hacken, sägen, graben und kochen hier. Sämtliche Klassen dieser Stufen verbringen jede vierte Woche ihres regulären Unterrichts hier. Ackerflächen sollen einmal angelegt werden, Bienenhäuser sind geplant, ein mobiles Sägewerk, eine Wetterstation und vieles mehr. Aber bislang ist das nur ein Traum, denn das Gestrüpp ist an manchen Stellen so dicht, dass man sich eine Machete wünscht. Strom und fließend Wasser gibt es nicht. Aber eine Feuerstelle, auf der die Kochgruppe einen großen Topf mit Suppe für das Mittagessen vorbereitet. Und ein Toilettenhäuschen – ein schickes Plumpsklo ohne Tür, aber mit Vorhang. Irgendwann einmal soll sogar der gesamte Unterricht der siebten und achten Klassen auf dem Seegrundstück stattfinden. Morgens gibt es zwei Stunden regulären Unterricht, danach wird praktisch gearbeitet.

Ist das noch Schule? Was man auf einem solchen Stück Land lernen könne, entspricht zu hundert Prozent dem Lehrplan, da ist sich Ulrike Kegler vollkommen sicher. Sie ist die Schulleiterin der Montessori-Schule und hat das Projekt ins Leben gerufen. Um beispielsweise einen Baum zu fällen, benötigt man algebraische Mittel, um die Höhe zu berechnen, damit man weiß, wie weit er fällt. Bruch- und Zinsrechnung, graphische Darstellung von Körpern, Land vermessen, Budgets verwalten – Mathematik lässt sich hier draußen ganz praktisch erleben. Das Unterrichtsmodell, das unter dem Namen „Statt Schule“ für zunächst fünf Jahre von der Stiftung Brandenburger Tor gefördert wird, versucht sich an neuen Lernformen, um eine Antwort auf die spezifischen Probleme des Teenager-Alters zu geben.

Die Schwierigkeiten von Schulen häufen sich gerade in den Jahrgangsstufen sieben und acht: Schulschwänzer, Gewalt, Mobbing, mangelhafte Sprach- und Lesekompetenzen, Computerspielsucht, Jugendkriminalität. Sicher, die Schule kann sie nicht alle lösen, aber sie muss sich fragen lassen, wie sie darauf reagiert. Viele Schulen gehen die Sache schrittweise an: Anti-Gewalt-Trainings, Projekttage, Schulsozialarbeit. Sie lindern die Not, ohne Grundsätzliches zu ändern, versuchen, die Schüler wieder zurückzubekommen in den Schulbetrieb.

Handy und Computer sind nicht mehr so wichtig

Vielleicht hat die Leistungsverweigerung, das störende und aggressive Verhalten von Jugendlichen mit der ihnen unangemessenen Form schulischen Lernens zu tun. Am Schlänitzsee wird deshalb ein anderer Weg gegangen. Nach nur wenigen Tagen sind den Jugendlichen ihre Handys und Computer nicht mehr so wichtig. Hartmut von Hentig hat mit seinem Buch Bewährung. Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein eine Art Drehbuch für Projekte dieser Art geschrieben. Der mittlerweile 84-jährige berühmte Pädagoge und Gründer der Bielefelder Laborschule hält in seinem Alterswerk ein Plädoyer für „Entschulung“ und versteht den Begriff vor allem als Gegensatz zur „verschulten“ Schule. Insbesondere macht er Vorschläge für das komplizierte Alter der 13- bis 15-Jährigen, die die größten Schwierigkeiten haben, sich anzupassen, weil sie an der Schwelle zum Erwachsensein stehen. Lehrer machen die Erfahrung, dass diese Schüler besonders schlecht über normalen Unterricht ansprechbar sind. Macht man dagegen mit ihnen Projekte außerhalb von Schule, beteiligen sie sich plötzlich, engagieren sich und können sich konzentrieren. Alles, was außerhalb des Schulgebäudes stattfindet, öffnet die Schüler. Von einer Pädagogik des Ortes spricht Ulrike Kegler deshalb auch. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, der dem Bedürfnis der Jugendlichen entspricht, selbst aktiv zu sein, sich zu beteiligen, sich nützlich machen, zu gestalten – sich zu „bewähren“, wie Hentig es formuliert. Am Schlänitzsee haben sie Gelegenheit dazu.

André Rießler und Matthias Peeters leiten mit jeweils einer Lehrerin die Schüler auf dem Gelände an. Rießler führt als Bootsbauer eine Werkstatt in der Montessori-Schule, in der jedes Jahr von den Schülern ein Kanu gebaut wird. Einige davon liegen jetzt in einem Schuppen am Seegrundstück und warten darauf, zu Wasser gelassen zu werden. Wenn alles klappt wie geplant, wollen Peeters und Rießler hier mit den Schülern Landwirtschaft betreiben, Äcker anlegen und ein paar Tiere halten. „Das hier“, Matthias Peeters lässt seine Hand schweifen, „ist das Grundlegende für alles andere. Hier hat man alles, was man zum Leben braucht, die Natur, ein Stück Land – man muss nur lernen, damit umzugehen.“ Der Landwirt Peeters hatte früher einen eigenen Hof im Hunsrück, auf dem er pädagogische Projekte betreute. „Die Fragen entstehen hier von selbst, im Umgang mit den Dingen,“ sagt Peeters. Und letztlich ginge es doch darum, die richtigen Fragen zu stellen.

Rießler und Peeters sind Praktiker, finden für alles eine Lösung. Wie transportiert man zum Beispiel einen Baumstamm von 300 Kilo ohne Maschinen von einer Ecke des Geländes in die andere? Mit Hilfe von Eisenstangen als Hebel wird der Baumstamm zunächst für den Transport in die richtige Lage gebracht. Dann dienen die Stangen als Teil eines Geschirrs, in das sich alle einhängen, um den schweren Stamm zu ziehen. Jeder muss mitmachen und ziehen, was das Zeug hält, sonst geht es nicht. Auch das ist eine gute Erfahrung: gebraucht zu werden.

Eine richtige Toilettentür

Übrigens hielt auch die Pädagogin Maria Montessori schon vor 80 Jahren das Leben auf dem Land für geeignet, Jugendliche auf das soziale Leben vorzubereiten, dort zum Beispiel einen Bauernhof oder eine Gaststätte zu betreiben. Sie war überzeugt, dass die erwachsen werdenden Kinder es fern der Familie leichter haben, den für die Entwicklung notwendigen Ablösungsprozess von den Eltern zu durchleben. Hartmut von Hentig betont aber, dass die „Entschulung“ der Mittelstufe nicht als „Ent-Intellektualisierung“, oder gar Affekt gegen unsere von Wissenschaft und Theorie angeleitete Zivilisation missgedeutet werden dürfe. Aber auch den Schülern, die sich lieber mit einer Fremdsprache beschäftigen oder mit gedanklichen Dingen, kann nach seiner Überzeugung das praktische Arbeiten über einen gewissen Zeitraum gut tun.

Für die Jugendlichen aus Berlin-Mitte, die noch nicht so lange in das Projekt involviert sind, ist es allerdings schon eine große Hürde, überhaupt den Weg aufs Land anzutreten. Viele verlassen ihren Moabiter Kiez so gut wie nie. „Etwa jeder dritte Jugendliche aus der Heinrich-von-Stephan-Schule hat noch nie das Brandenburger Tor gesehen, obwohl es nur drei Kilometer entfernt ist von ihrem Kiez“, sagt Schulleiter Jens Großpietsch. Dazu kommt, dass immerhin mehr als die Hälfte einen Migrationshintergrund haben, und da hat sich herumgesprochen, dass in Brandenburg Rechtsextreme die Straßen beherrschen. Ende April war es erstmals soweit, und eine Schülergruppe aus Moabit kam für einen Tag an den Schlänitzsee. „Sie haben viele Fragen gestellt, die oft in eine ganz andere Richtung gingen als die der Potsdamer Schüler“, erzählt Rießler. Wenn sie demnächst für eine ganze Woche kommen, soll erst einmal die Toilette eine richtige Tür bekommen.

Wie kann Schule mit den großen Herausforderungen umgehen, vor denen sie heute steht? Vielleicht ein bisschen weniger Ordnung, ein bisschen weniger Regelvollzug, ein bisschen mehr Mut zur Freiheit. Was am Schlänitzsee versucht wird, ist Pionierarbeit. Es ist ein erster Versuch, eine noch unsichere, aber trotzdem selbstbewusste und mutige Antwort auf die Bedürfnisse von Heranwachsenden. Stück für Stück verwandeln die Schüler das verwilderte Land in einen nutzbaren Ort. Es ist ihr Ort geworden, sie haben ihn sich angeeignet.

Als am Ende des Tages die Werkzeuge aufgeräumt werden, fällt Mareike plötzlich etwas ein: „Wir haben bei unserem Plan den Dachs ganz vergessen.“ Die Baracke über dem Dachsbau zu entsorgen wie vorgesehen, wäre das Aus für das seltene Nachttier. Die Schüler werden eine Lösung finden müssen. Man sollte es ihnen zutrauen. Sie machen lassen. Und sie dabei ein kleines bisschen begleiten.

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05:00 07.05.2009
Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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Ausgabe 42/2021

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