Superkritische Stimmung

Im Gespräch Hitzacker ist eines der Zentren der Anti-Atombewegung, nun findet hier das Sozialforum Deutschland statt. SPD-Bürgermeister Jastram über das Leben mit dem Atommüll

Der Freitag: Herr Jastram, wird das Sozialforum eine Art Auftaktveranstaltung für den sich neu formierenden Widerstand gegen die Atomkraft im Wendland?

Karl-Heinz Jastram: Es wird sicherlich ein Katalysator sein, denn die Organisatoren stammen aus dem Widerstand. Und sie werden diese Botschaft über das Sozialforum in die Welt tragen. Da wird ein Netzwerk geschaffen, das in der Zukunft sicher helfen wird.

Etwa alle zwei Jahre, wenn die Castoren ins Wendland rollen, wird Hitzacker für ein paar Tage in einen Ausnahmezustand versetzt. Ist es nicht schwierig, seit so vielen Jahren mit der Ungewissheit zu leben, wie es weiter geht mit dem Atommüll?

Wir hatten ja bisher durchaus das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Der Atomkonsens und das Moratorium waren zwar nicht der hundertprozentige Erfolg, aber es war doch zumindest ein Fortschritt. Auch ist der Anti-AKW-Widerstand hier vor Ort fest verankert. Es hat sich eine Szene gebildet, Schriftsteller und Künstler haben sich angesiedelt und es kommen immer neue kritische Geister in unsere Region und halten den Widerstand am Leben.

Eigentlich müssten Sie doch enttäuscht sein, dass die große Koalition nicht einen einzigen Schritt weitergekommen ist in der Endlager-Frage.

Man muss realistisch sein. Es war nicht mehr zu erwarten. Die CDU hat geblockt. Bei diesen kontroversen Partnern konnte die SPD immer nur Schlimmeres verhüten.

Sigmar Gabriel hat doch erst im Wahlkampf entschlossen gegen Gorleben argumentiert. Vier Jahre lang hatte er es offen gelassen, ob Gorleben Endlager werden kann und die Erkundung anderer Orte nicht gerade voran getrieben.

Auch Gabriel hatte die Fakten nicht, um gegen Gorleben zu argumentieren. Alle Fakten, die in letzter Zeit auf den Tisch gekommen sind, gehen aus Akten hervor, die lange von Atomkraftbefürwortern kontrolliert waren. Gerade durch die jetzt vorliegenden Akten, zum Beispiel über manipulierte Gutachten, ist hier eine superkritische Stimmung entstanden.

Die Bundesregierung hat vergangenen Freitag mitgeteilt, nach Prüfung der Akten seien keine Gutachten geschönt worden.

Schwarz-Gelb hat nun wieder die Hoheit über die Akten und wird zu verhindern wissen, dass weitere Fakten auf den Tisch kommen. Auf diese Weise könnte es gelingen, das Thema abzukühlen. Wenn dann noch ständig Atom als Lösung für die CO2-Probleme propagiert wird, kann man sich vorstellen, dass die Meinung wieder kippt.

Würde man Ihrem Landkreis, sagen wir, jährlich zehn Millionen Euro anbieten, könnte das nicht eine Art Ausgleichszahlung sein, die es erleichtert, mit dem Endlager zu leben?

Wir hatten ja in der Vergangenheit die Situation, dass dem Landkreis Geld angeboten wurde. Dies ist damals vom Kreistag abgelehnt worden, weil eine Art Wohlverhaltensklausel daran gebunden war. Dies zu unterschreiben hat man abgelehnt.

Der CDU-Bürgermeister von Gorleben unterstützt das Endlager, die Gemeinde Gorleben wird dafür finanziell großzügig unterstützt. In Frankreich sind solche Kompensationszahlungen gang und gäbe ...

Hier sehe ich das nicht. Die CDU hat in diesem an sich stockkonservativen Landkreis stetig an Stimmen verloren. Sie ist zwar immer noch stärkste Partei, aber wir haben im Landkreis eine Mehrheit gegen Atomkraft. Ich glaube nicht, dass die käuflich ist. Aber man muss auch sehen, dass diese Mehrheit nur durch die FDP zustande kommt, die hier - anders als im Bund – gegen Atom steht. Die ist natürlich ein Wackelkandidat.

Schwarz-Gelb wird sich die Laufzeitverlängerung teuer bezahlen lassen. Zockt man hier mit dem Risiko?

Es ist vor allem ein Verschieben in die Zukunft. Es fällt immer mehr Müll an, von dem wir nicht wissen, was damit geschehen soll. Wir hinterlassen unseren Kindern damit eine schlimme Hypothek. Ich komme aus der Chemie-Branche, in der abgeschwächt ein ähnliches Problem besteht. Wir haben in der Vergangenheit leichtfertig Chemie-Müll angehäuft. Jetzt müssen wir sehen, wie wir mit diesen Deponien umgehen. Aber die stinken wenigstens. Das Unheimliche an dem Atommüll ist ja, dass wir von davon gar nichts merken und plötzlich können wir tot sein.

Das Gespräch führte Connie Uschtrin

Karl-Heinz Jastram ist SPD-Bürgermeister von Hitzacker im Wendland. Dort findet an diesem Wochenende das 3. deutsche Sozialforum statt

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Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik

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