Überwachung, ja bitte!

Black Box für AKW Einige Pannen-Meiler werden von der Atomaufsicht verpflichtet, die Gespräche in der Leitstelle aufzuzeichnen. Endlich mal eine sinnvolle Überwachungsmaßnahme

Nach Flugzeugabstürzen ist sie das wichtigste Fundstück, um die Unglücksursache zu ermitteln: die Black Box aus dem Cockpit, in der sich Flugschreiber und Stimmrekorder befinden. Man kann sich fragen, warum nicht an zentralen Stellen von sicherheitsrelevanten Betrieben, in denen sich Havarien abspielen können, ähnliche Aufzeichnungsmethoden existieren. In einigen der pannenanfälligsten deutschen Atomkraftwerke soll dies nun passieren. Laut Anordnung des schleswig-holsteinischen Sozialministeriums, das auch für Reaktorsicherheit zuständig ist, wird die Warte des AKW Krümmel künftig per Audioaufzeichnung überwacht.

Bislang hat es in Deutschland keine solche Maßnahme gegeben. Warum eigentlich nicht? Jahrzehntelang genossen die Konzerne einen unglaublichen Vertrauensvorschuss der Atomaufsichtsbehörden, obwohl sie durch ihre miserable Informationspolitik nach zahlreichen Pannen dieses Vertrauen immer wieder enttäuschten. Mit dieser falschen Toleranz seitens der Behörden ist nun offensichtlich Schluss. Bald sollen auch die AKW Brunsbüttel und Brokdorf mit einer Überwachungstechnik für die Leitebene ausgestattet werden. Mit Hilfe von Geräten, die Stimmen und Geräusche aufzeichnen, kann man so nach Störfällen das Krisenmanagement zurückverfolgen und Entscheidungen rekonstruieren, gegebenenfalls auch Führungsversagen oder anderes Fehlverhalten besser beurteilen.

Chaotisches Notfallmanagement

Der Vattenfall-Konzern, der die Pannen-AKW Krümmel und Brunsbüttel betreibt, hatte sich bislang gegen eine solche Überwachung gesperrt. Man könne später Stimmen schlecht zuordnen, außerdem würden Mitarbeiter durch die Aufzeichnung verunsichert. Mit Recht erteilt die Atomaufsichtsbehörde nun eine Anweisung von oben. Sie ist die Folge von Erfahrungen mit zwei Störfällen im AKW Krümmel am 28. Juni 2007, die zu einer Schnellabschaltung des Reaktors und einem Trafobrand führten. Am gleichen Tag ereignete sich auch ein Störfall in Brunsbüttel. Bei der späteren Auswertung der Havarie kam heraus, dass sich im Leitstand des AKW Krümmel offenbar zeitweise 25 Leute aufgehalten haben und ein großes Durcheinander herrschte. Nach und nach war das verheerende Notfallmanagement ans Licht gekommen. Darüber hinaus musste der Vattenfall-Konzern herbe Kritik an seiner Informationspolitik einstecken. Bundesumweltminister Gabriel prüfte seinerzeit sogar, dem Konzern die Betriebsgenehmigung für Atomkraftwerke ganz zu entziehen.

Bis heute sind die Alt-Reaktoren in Krümmel (26 Jahre alt) und Brunsbüttel (32 Jahre alt) nicht wieder am Netz. Die Instandsetzungsarbeiten dauern nach wie vor an. Ursprünglich sollte Brunsbüttel laut Atomausstieg 2009 ganz abgeschaltet werden. Doch der lange Stillstand zögert diesen Termin hinaus. Vattenfall möchte nun die Pannenreaktoren Ende des Jahres wieder anfahren. Dann höchstwahrscheinlich mit Tonaufzeichnung in der Leitwarte. So einleuchtend und einfach diese Maßnahme ist – die Aufzeichnung der Gespräche des Führungspersonals helfen lediglich, nachträglich eine Situation zu rekonstruieren, ein Mehr an Sicherheit, wie nun von verschiedener Seite gemeldet wurde, bringt sie selbstverständlich nicht.

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Ihre Freitag-Redaktion

12:00 01.03.2009
Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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Ausgabe 15/2021

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