Vor dem Burnout

Kita-Streik Innerhalb der nächsten sieben Tage entscheiden die Erzieherinnen über einen unbefristeten Streik in den Kitas. Die Unterstützung der Eltern sollte ihnen sicher sein

Es könnte so schön sein. Ein britischer Erzieher hat kürzlich auf einer Tagung begeistert erklärt: „Wir haben den schönsten Beruf der Welt. Wir kümmern uns um die Kinder.“ Leider sieht die Realität hierzulande anders aus. Die miserablen Arbeitsbedingungen können gerade den engagierten und begeisterten Erzieherinnen und Erziehern den hohen Einsatz vergällen. Um für bessere Arbeitsbedingungen zu streiten, gab es gestern bundesweit Warnstreiks, viele Kindertagesstätten blieben ganz oder teilweise geschlossen. Ein Tarifvertrag für den Gesundheitsschutz soll die Belastung der Berufsgruppe beispielsweise durch Lärm und das Herumtragen von Kleinkindern besser regeln. Heute beginnt die Urabstimmung über unbefristete Streiks, bis zu 14. Mai gibt es ein Ergebnis.

In Wirklichkeit kämpfen die Kleinkindpädagoginnen um mehr. Ihr berechtigter Unmut über die vollkommen unangemessene Bezahlung ist nicht zu überhören. Sie wollen deshalb neben dem Gesundheitsschutz auch den Druck in den aktuellen Tarifrunden erhöhen. Allerdings können sie derzeit nicht für eine bessere Eingruppierung streiken, weil bis Ende des Jahres noch Friedenspflicht herrscht. In kaum einer Berufsgruppe ist der Widerspruch zwischen den Ansprüchen aus der Politik und der Realität der Arbeitsbedingungen so groß wie bei den Erziehern.

Seit Jahren hört man, wie zentral die Förderung im frühkindlichen Bereich ist, wie wichtig eine gute Grundlage im Kindergarten für den späteren Bildungsverlauf. Die pädagogischen Ansprüche steigen, gleichzeitig haben die Erzieherinnen mit Bedingungen zu kämpfen, die ihre Arbeit erschweren: Kinder mit sprachlichen Problemen, Kinder aus sozial benachteiligten Familien, viele zusätzliche Verwaltungstätigkeiten, Berichte schreiben etc. Und nicht zuletzt: einen eklatanten Personalmangel, der gerade erst wieder in einer Untersuchung von Wohlfahrtsverbänden und der GEW bestätigt wurde. All dies müssen die Erzieherinnen tagtäglich bewältigen und auffangen. Sie werden durch diesen Missstand ausgebeutet und verschlissen. Nicht nur sie tragen die Kosten für die schlechten Arbeitsbedingungen, sondern natürlich auch die Kinder. Da kann man im Wahlkampf wieder schön über Bildungsqualität in den Kitas schwadronieren. Der Erzieherberuf muss endlich auch mit einer angemessenen Bezahlung attraktiver werden, nicht zuletzt weil dann vielleicht auch mehr Männer sich für diesen Beruf entscheiden. Und die brauchen wir dringend.

Doch wenn von Streik die Rede ist, fangen die meisten Medien gleich an zu schreien. Bringen zu Tränen rührende Berichte über geschundene Eltern, die unter dem Arbeitskampf leiden. Auch die Arbeitgeber verweisen gerne auf vom Streik geplagten Eltern. Ja, sicher, berufstätige Eltern mit kleinen Kindern, die keine Oma in der Nähe haben, die mal eben schnell einspringen kann, wissen, wie schwierig es ist, die Kinder in solchen Fällen unterzubringen. Aber Eltern sind meistens nicht blöd. Sie wissen, dass von verbesserten Bedingungen, von zufriedenen Beschäftigten in den Kitas auch ihre Kinder profitieren. Deshalb haben die Erzieherinnen die Eltern praktisch immer an ihrer Seite.

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Ihre Freitag-Redaktion

13:00 07.05.2009
Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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Ausgabe 42/2021

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