Wie finanziert man Ideale?

Im Gespräch Bruno Haas, Erbe eines großen Vermögens, spricht über die Möglichkeiten, durch den Einsatz von gestiftetem Geld die Welt ein wenig zu verbessern

Der Freitag: Herr Haas, ist Geld für Sie eine Belastung?

Bruno Haas: Wenn man wie ich als junger Mensch geerbt hat und gleichzeitig linke Vorstellungen hat, steht man tatsächlich erstmal vor einem Problem, weil man denkt, die Gesellschaft sollte eigentlich anders sein, vor allem die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Gleichzeitig profitiert man persönlich von der ungleichen Verteilung. Aber wenn man sich damit auseinandersetzt, kann es auch eine Chance sein, mit diesem Geld die Gesellschaft mitzugestalten. Ich bin Idealist und sehe es als Herausforderung, meine Ideale und das Geld, das ich habe, miteinander zu verbinden.

Haben Sie von Ihren ­Eltern nicht nur ein Vermögen, sondern auch das Links-Sein geerbt?

Ich würde es so sagen: Ich bin der grundsätzlichen Auffassung, dass es die Solidarität ist, die eine Gesellschaft zusammenhält und dass diese zu stärken ist – wenn man so „links“ definiert, bin ich ein Linker. Meine Eltern waren zwar nicht bürgerrechtsaktiv, aber schon sogenannte Achtundsechziger – aus Statussymbolen haben sie sich nie etwas gemacht. Sie haben mir den Wert von Gerechtigkeit und Solidarität vermittelt und wie wichtig es ist, den Kontakt zu Menschen zu halten, die weniger haben.

Seit vielen Jahren engagieren Sie sich als Stifter in der Bewegungsstiftung. Warum gerade dort?

Die Bewegungsstiftung ist eine ganz einmalige Stiftung, weil sie anders als andere Stiftungen einen grundlegenden Wandel der Gesellschaft anstrebt. Sie unterstützt Initiativen mit Geld und Know-How, die Grundlegendes verändern wollen – und das war genau das, was ich suchte. Ich bin 2003, ein Jahr nach der Gründung der Stiftung, dazugekommen und konnte bei dem Aufbau mitwirken. Mittlerweile sind wir 103 Stifterinnen und Stifter, die sich drei Mal im Jahr treffen, um sich über die Vergabe von Fördergeldern auszutauschen. Ich schätze die Diskussionen und das Gesprächsklima im Stifterkreis sehr.

Können Sie mitbestimmen, was mit Ihrem Geld passiert?

Nein, die StifterInnen der Bewegungsstiftung entscheiden nicht selbst über die Vergabe des Geldes – was ich sehr befürworte. Von den fünf Sitzen des Stiftungsrates, wird nur eine Person von den Stifter- Innen gewählt, die Förderempfehlungen des Stifterkreises sind nicht bindend. Stifterinnen und Stifter können sich aber auch in der Evaluation und Begleitung der Projekte einbringen. Es geht uns – anders als herkömmlichen Stiftungen – nicht so sehr um Berichte über den jeweiligen Erfolg von Projekten. Uns ist es wichtiger, den persönlichen Kontakt mit Projekten zu halten.

In welchen Bereichen ist die Bewegungsstiftung aktiv?

Zu den Förderprojekten gehören zum einen profes­sionell arbeitende und bekannte Organisationen wie Urgewald, die zum Thema Kontrolle von Unternehmen und Auslandsinvestitionen recherchieren und publizieren und Lobbycontrol, eine Initiative, die über die Einflussnahme auf Politik recherchiert. Zum anderen fördert die Stiftung aber auch weniger bekannte oder junge Organisationen wie zum Beispiel die Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten oder die ­Ilisu-Kampagne, die den geplanten Staudamm in der Türkei verhindern will – eine Kampagne, die mir persönlich besonders am Herzen liegt.

Sie gehören zu den ­ursprünglich 23 Initiatoren „Vermögende für eine Vermögensabgabe“. Auf welches Echo ist die Initiative gestoßen?

Es gab Berichte in allen großen Medien. Wir sind mittlerweile eine Gruppe von 35 Vermögenden geworden. Es ist sehr ermutigend, dass so eine relativ kleine Gruppe von Menschen, die ehrlich an die Öffentlichkeit tritt und von keiner Organisation oder irgendwelchen Medien gestützt wird, trotzdem so breit wahrgenommen wird.

Wer Vermögenssteuer zahlt, kann aber nicht mitbestimmen, was mit dem Geld passiert.

Deshalb fordern wir ja auch eine zweckgebundene Vermögensabgabe, die in einem besonderen Topf verbucht wird. Sie soll fünf Prozent betragen ab einem Vermögen von 500.000 Euro. Sie soll für den ökologischen Umbau der Wirtschaft, für mehr Personal in Bildungs- und Pflegeberufen und die Erhöhung der Hartz IV-Regelsätze verwendet werden. Nach der auf zwei Jahre befristeten Vermögens­abgabe soll allerdings tatsächlich die Vermögenssteuer in Höhe von einem Prozent wieder eingeführt werden, wie sie bis 1997 erhoben wurde, denn die Investitionen in Bildung und Pflege sollen ja weiterfinanziert werden.

Wie wollen Sie verhindern, dass die Vermögenssteuer dann nicht zum Beispiel in die Haushaltskonsolidierung fließt?

Wir können zwar als Initiative etwas anstoßen. Sobald es in Gesetzesform gebracht wird, führen andere das Vorhaben weiter. Dann ist unsere Aufgabe, als wache Öffentlichkeit diesen Prozess zu begleiten und uns kritisch zu Wort zu melden, wenn das Geld zweckentfremdet verwendet wird.

Sie haben vor fünf Jahren schon einmal eine solche Initiative unterstützt – ohne Erfolg. Sehen Sie heute eine günstigere ­Situation für Ihr Projekt?

Unsere Initiative wird von einer breiteren Gruppe getragen als vor fünf Jahren. Außerdem ist einer der Haupteinwände gegen die Vermögenssteuer mittlerweile entkräftet: Steuerflucht ist deutlich schwieriger geworden. Für die Länder, die von Steuerflucht und Steuerhinterziehung profitieren, wird es immer schwieriger, Steuerflüchtlinge zu decken. Allerdings meine ich, dass die Bundesregierung ihren Druck auf diese Länder noch erhöhen und imstande sein sollte, konkrete Sanktionen zu verhängen.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht politisch verändern, damit Reich und Arm nicht immer weiter aus-einanderdriften, und der Staat immer mehr die Zügel aus der Hand gibt?

Diesen Trend aufzuhalten oder gar umzukehren, setzt einen grundlegenden Bewusstseinswandel voraus. Die Vermögensabgabe kann nur ein Baustein sein in einer größeren Strategie. Zum Beispiel war die Erbschaftsteuerreform, bei der besonders die Übertragung von Vermögen auf die eigenen Kinder entlastet wurde, ein Schritt in die falsche Richtung. Erbschaften vergrößern ohnehin existierende Ungleichheiten ohne Zutun des Erbnehmers. Hier könnte man eine Lösung finden, die auf mehr Ausgleich setzt. Und die Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge ist in ihrer jetzigen Form problematisch, da sie Vermögenserträge nicht mehr progressiv besteuert. Auf der internationalen Ebene befürworte ich eine Börsenumsatzsteuer, um dem Problem von exzessiven Finanzspekulationen ein Stück weit den Riegel vorzuschieben.

Führt diese Art von Steuerpolitik nicht dazu, dass Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden?

Nicht automatisch. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel dahin, dass Unternehmer und Kapitalanleger sich in einer gesellschaftlichen Verantwortung sehen und aus diesem Grund nicht aufhören werden, in Deutschland Menschen zu beschäftigen.


Das Gespräch führte Connie Uschtrin

Bruno Haas, 32, ist promovierter Philosoph, Stifter bei der Bewegungsstiftung und Mitinitiator des Appells Vermögende für eine Vermögensabgabe

05:15 13.08.2009
Geschrieben von

Connie Uschtrin

Redakteurin Politik
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