conrad lluis

Forscht zur Bewegung der indignados (Empörte) und ihren Auswirkungen auf Spaniens Politik und Gesellschaft, lebt in Barcelona, liebt den Bergport.
conrad lluis
RE: Eine neue, raue Zeit | 12.11.2019 | 22:06

Ehrlich gesagt bedauere ich es, wenn der Artikel allzu normalisierend wirkt. Das sollte nicht sein. Als Spanier (und Katalane) versuche ich, die Lage darzustellen - ohne Beschönigungen, aber auch ohne Dramatsierungen. Über Sprachregelungen lässt sich streiten: Der PP ist nun einmal Teil europäischen Volkspartei, ERC bezeichnet sich oft gerne vor Wirtschaftsvertretern als die "true liberals" - und dass Podemos eine solide Wählerbasis hat, darin stimme ich ihnen zu. Natülich ist Podemos in gewisser Art "anders" und nährt sich von den Protesten der indignados (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/2014-die-anderen), aber die Partei schwamm eben auch mit auf der Welle der "nueva política", die so schnell gealtert ist.

Danke jedenfalls für Ihren Kommentar.

Übrigens geschehen gerade schnelle Wendungen in der spanischen Politik. Nach kaum 48 Stunden scheint ein Bündnis zwischen Podemos und PSOE ausgemacht: https://elpais.com/politica/2019/11/12/actualidad/1573560059_012843.html

RE: Gewalt soll es richten | 27.10.2019 | 21:50

Hier nur noch eine kleine Ergänzung zum Artikel. Diejenigen unter Ihnen, die Spanisch verstehen, dürften diese Interviews von der Zeitung El País mit jungen Unabhängigkeitsprotestler/innen interessant finden:

https://elpais.com/politica/2019/10/25/actualidad/1572000781_836538.html

Aus meiner Sicht spiegeln sich in den Haltungen der Interviewten recht prägnant einige der Motive wieder, die nun die Unabhängigkeitsbewegung, gerade ihren jüngeren, weniger gemäßigten Flügel durchziehen.

RE: Ausdrücklich revisionistisch | 01.05.2019 | 17:51

Lieber Engelbert Volks,

Sie haben aus meiner Sicht recht mit Ihrer Einschätzung, dass die Spanische Rechte noch stark von der Franko-Diktatur geprägt ist, ja bis heute neben Korruption und Vetternwirtschaft auch ein zumindest verfälschtes und verklärendes Bild des Franquismus vor sich her getragen hat. Es ist kein Zufall, dass Spaniens "moderate Rechte", der PP, einst (1977) von sieben franquistischen Ministern gegründet wurde. Eine "moderne", christ-demokratische Partei gab und gibt es in Spanien höchstens in der Peripherie, im Baskenland und Katalonien, mit dem PNV (Partido Nacionalista Vasco) und der alten Convergència (obschon auch diese von Korruption zerrüttelt wurde).

Wen es interessiert, der/die kann noch die Beiträge im Ressort Zeitgeschichte nachlesen, die ich zur Transition von Diktatur zu Franquismus geschrieben habe.

So etwa: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/1977-zucht-und-zuegel

Auch ein Text von Sophie Arndt und mir dürfte interessant sein, geht er doch der Frage nach, wie Spanien jahrzehntelang von einer bestimmten, teils auch sehr autoritären Kultur geprägt worden ist:

https://forum-recht-online.de/wp/wp-content/uploads/2016/10/7.-FoR-2_16-ArndtMartell_Spanien.pdf

RE: Aus Träumen erwacht | 27.02.2019 | 08:34

Danke für Ihre Beobachtung. Sie haben recht, die Wahrscheinlichkeit, dass die Rechte bei den nächsten Wahlen eine Mehrheit erlangt, ist hoch. Dennoch ist in Zeiten wie diesen, da sich Spaniens Parteienlandschaft (immer noch) im Fluss befindet, keineswegs ausgemacht, dass die drei rechten Parteien gemeinsam eine parlamentarische Mehrheit organisieren können. Zieht man die Umfragen herbei, so steht ihre Chance dafür nur bei knapp über 50 Prozent.

Dazu: https://elpais.com/politica/2019/02/26/actualidad/1551198441_192237.html

Was auch eintreten könnte, ist wieder eine Pattsituation, in der sich der linke und der rechte Block ungefähr die Waage halten - sich also die jetzige Situation fortsetzt, nur in einer Stimmung der zunehmenden Polarisierung und Gereiztheit.

RE: Podemos von rechts | 06.02.2018 | 23:35

@ rosa48: Sie haben recht, Arrimadas hätte ich im Artikel erwähnen sollen. Ich sehe es eigentlich auch so, dass sich ein großer Teil des Aufstiegs von Ciudadanos durch ihre Kampagne in Katalonien und damit durch Arrimadas erklärt. Aber die politischen Grundlinien von C's bleiben dieselben, ob sie nun von Rivera, Arrimadas oder Juan Carlos Girauta vertreten werden.

Auf Arrimadas und Katalonien bin ich nur bereits in einigen Artikeln zum katalanischen Konflikt eingegangen - ich dachte, es wäre schön, Ciudadanos nun einmal eher aus der zentralspanischen Perspektive zu beleuchten. Und da ist nun einmal Rivera tonangebend - der sich ja nur all zu gerne als alleiniger Parteichef geriert.

RE: Gespalten nach rechts | 23.12.2017 | 17:34

In Ordnung, dann war es ein Missverständnis.

Ihre generellen Einschätzungen teile ich. Dass dieser generellen Forderung nach einem Referendum nicht nachgekommen wird, ist ja eines der Kernprobleme der gegenwärtigen Situation.

Nur wäre ich vorsichtiger als Sie, von "den Katalanen" im Singular zu sprechen, als gäbe es nicht verschiedene Meinungsströmungen in der katalanischen Gesellschaft - auch im Unabhängigkeitslager gibt es durchaus verschiedene politische Sensibilitäten. Von "Junts per Catalunya" von Carles Puigdemont, der Nachfolgepartei der alten konservativen Traditionspartei Convergència von Jordi Pujol als einem konservativen Bündnis zu sprechen - das sollte man m.E. aber schon. Gerade wenn man nachzeichnet, welche Politik diese Partei in der Regierung seit 2010 betrieben hat.

RE: Gespalten nach rechts | 23.12.2017 | 16:12

@wernst: Ich weiß nicht, wo Sie bei mir gelesen haben, dass in dem Artikel Wähler nach Alter sortiert werden. Ich meinte nur, dass tendenziell verschiedene sozio-ökonomische Milieus verschieden wählen. Wenn Sie die Wahlergebnisse nach Regionen oder nach Vierteln visualisieren, werden Sie dies recht klar nachvollziehen. Etwa hier in Barcelona: http://www.lavanguardia.com/local/barcelona/20171223/433819814761/resultados-elecciones-catalanas-barcelona-barrios-vecinos.html

In den Texten, die ich für den Freitag schreibe, versuche ich, relativ differenziert und vor allem ehrlich zu sein. Meine Kenntnis von Katalonien? Nun, ich bin hier geboren und aufgewachsen, meine Familie lebt in Barcelona, nach dem Studium in Deutschland und der Schweiz lebe ich seit Ende 2013 in Barcelona - und promoviere zu spanischen Protestbewegungen. Sie können mit der Perspektive nicht einverstanden sein, aber Bequemlichkeit oder Ignoranz sollten Sie nicht so schnell als Anklage bedienen.

RE: Gespalten nach rechts | 23.12.2017 | 10:25

Dies war jetzt nur eine persönliche, sicher auch holzschnittartige Einschätzung. Für mich weist aber die gegenwärtige Entwicklung nicht in eine positive Richtung, sondern erst einmal eher in eine weitere Verhärtung der Positionen und der Vertiefung der politischen und gesellschaftlichen Gräbe, die sich in den letzten Monaten und Jahren auftaten.

RE: Gespalten nach rechts | 23.12.2017 | 10:21

Nun, ich teile Ihre optimistische Deutung nicht. Aus meiner Sicht bleibt dreierlei festzuhalten:

1. Die Kräfteverhältnisse im Parlament haben sich nicht grundlegend verändert. Die Unabhängigkeitskräfte haben auf parlamentarischer Ebene, in Abgeordnetenzahlen gesiegt, die anderen Parteien (ihre Gegner und das linke Bündnis Catalunya en Comú) in absoluten Stimmenzahlen. Für mich ist das ein Mandat für eine Verständigung, um Kataloniens Eingliederung in Spanien neu zu verhandeln, ein Referendum zu vereinbaren und die Reform von Spaniens Verfassung und Territorialordnung anzugehen. Zwei Lager mit verfestigten Wählerblöcken stehen sich gegenüber... Wie soll es weiter gehen, wenn nicht mit Dialog zwischen Ihnen?

2. Auf was der Titel abzielte, ist folgendes: Die beiden großen Lager werden nun von zwei konservativen Kräften angeführt: Das Bündnis "Junts per Catalunya" (JxCat) von Carles Puigdemont auf der einen Seite und die rechtsliberale "Ciutadans" von Inés Arrimadas auf der anderen. Das stimmt mich zumindest nachdenklich. JxCat als linksprogressiv zu bezeichnen, trifft aus meiner Sicht nicht zu. Ich denke an meine Familie, Freunde und Bekannte, die teils dieses Bündnis wählten: Sie taten es oft aus dieser Melange von Sicherheitsbedürfnis. Nationalstolz und dem Vertrauen auf die traditionelle katalanische Politikelite - und das versuchte ich, im Artikel zu beschreiben. Gewiss, die Rechtswende in Katalonien ist nicht vergleichbar mit Nord- und Osteuropa. Aber entscheidend ist doch, dass die "Deutungshoheit" in beiden Lagern wieder von rechten Parteien angeführt wird.

In diesem Sinne: Für mich hat das Unabhängigkeitsbündnis von JxCat und ERC in der letzten Legislatur keine linke Politik betrieben. Der durch Austeritätsdiktate diktierte Status quo wurde verwaltet, in der Wirtschafts- und Sozialpolitik nur wenige Gesetzesinitiativen vorangetrieben, die auch tatsächlich den verarmten Bevölkerungsteilen zu Gute gekommen wäre. Stattdessen wurden alle Kräfte in die Unanbhängigkeitserzählung investiert - die Verwaltung stand dabei über lange Strecken im Stand-by-Modus... Sieht so linke Politik aus?

3. Die Kräfte, die auf je eigene Art und Weise einen Versöhnungskurs setzten, Catalunya en Comú und die Sozialisten, sind bei der Wahl klar im Hintertreffen geblieben. Was mich eben traurig macht, ist, dass die Polarisierung im katalanischen Parlament nicht nur eine zwischen Parteien und Fraktionen ist, sondern sich zusehends in Bevölkerungsteilen niederschlägt. Wenn Sie in Barcelona sind, werden Sie z.T. absolut verschiedene Realitäten erleben: In Vierteln wie Sants, Gràcia (beide alternativ geprägt) oder Teilen der Eixample (bürgerlich) werden sie Unabhängigkeitsfahnen sehen, viele hinter dem Kurs der independència stehen. In der Peripherie dagegen, in Hospitalet, Nou Barris oder Sant Adrià, werden Sie keine Fahnen sehen, sie werden auf dem Markt oder der Straße eher Skepsis und auch Misstrauen gegenüber den Unabhängigkeitsfanfaren erleben. Dass diese beiden Hälften der katalanischen Gesellschaft wieder zusammenfinden oder durch "transversale" (querschnittartige) Kräfte und Bewegungen gebracht werden, schiene mir wichtig.

RE: Nichts Ganzes, nur etwas Halbes | 11.10.2017 | 15:52

Lieber Luddisback,

aus meiner Sicht ist keineswegs klar, wie der katalanische Konflikt enden wird. Natürlich ist die Generalitat, die katalanische Regionalregierung, eher in eine Position der Schwäche, der Zentralstaat dagegen in einer der Stärke. Aber mit Kraft allein - ob von Polizei, Justiz oder Wirtschaftsmächten - wird sich aus meiner Sicht die jetzige Situation nicht dauerhaft entkrampfen lassen.

Zudem: Sie haben recht, in meinen letzten Artikeln zum Referendum tauchte jener Teil der katalanischen Bevölkerung, die gegen die Unabhängigkeit ist, nicht auf. Das hängt mit zweierlei zusammen:

Erstens waren diese "anderen Katalanen" von Barcelonas Industriegürtel - wie sie der Text vereinfachend unter Bezug auf den Schriftsteller Paco Candel nennt - im derzeitigen Konflikt entweder unsichtbar geblieben oder sie partizipierten (denn das tun sie auch) an der Unabhängigkeitsmobilisierungen oder zumindest an den Protesten gegen das Vorgehen Madrids.

Zweitens geschah mit der "antitseparatistischen" Demonstration von letztem Sonntag (8. Oktober) tatsächlich etwas Neues (ob man es nun gut findet oder nicht). So eine große Demonstration für die spanische Einheit, mit schätzungsweise 350.000 Anwesenden, hat es in Barcelona seit Jahren nicht gegeben. Wenige, zu denen ich nicht gehöre, hätten mit solch einer Größenordnung erwartet. Aus meiner Sicht zeigt dies, dass sich gerade in Katalonien in der Gesellschaft etwas bewegt, dass die Gefahr der sozialen Polarisierung wegen der "nationalen Frage" stärker ist als gedacht.

Falls es Sie interessiert, liefert ein älterer Artikel ("Die nächste Revolution") von mir eine kleine "politische Kartographie" Kataloniens. Sie hilft, die verschiedenen Lager hierzulande einzuordnen.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-naechste-revolution