Stille Strasse 10, Pankow

Rentnerproteste Seit Wochen besetzen Senioren ihren Club. Sie wollen bleiben und erhellen damit unfreiwillig die Verteilung der Staatsgelder.
Stille Strasse 10, Pankow

Foto: Magda

Fast alles, was mehr oder weniger zum Umfeld der Sympathisanten der protestierenden Senioren zählt, war schon vor Ort: in der Stillen Straße in Pankow. Hinter deren Hausnummer 10 steht verborgen von Hecken, Bäumen und Büschen eine vormals gutbürgerliche Stadtvilla. Mit ihrem heute morbid gewordenen Charme ist sie das Schmuddelkind der Gegend um den Majakowskiring geworden. Dort – wo einst Ulbricht & Co logierten – ist Neues entstanden. Auch gut bürgerlich, aber, man sieht es, mit richtig viel Geld gebaut.

Das Bezirksamt Berlin-Pankow, Hausherr und Betreiber des in der Villa ansässigen Seniorenclubs, hat kein Geld für die dringend gewordenen Sanierung des Hauses und den Senioren gekündigt. Es geht um rund 2,5 Millionen Euro. Die Rentner haben das Geld auch nicht. Und bleiben weiter im Haus. Das Bezirksamt hat den Telefonanschluß abstellen lassen, ein Hausmeister soll verjagt worden sein, als er die Schlösser auszutauschen versuchte. Mehr aber auch nicht. Niemand traut sich an die älteren Herrschaften heran, die mittlerweile dabei sind, sich über Berlin hinaus Protest-Kult-Status zu erobern.

Auch Leute aus der Nachbarschaft sollen schon da gewesen sein: nette Menschen mit belegten Brötchen und Kaltgetränken unterm Arm. Ihnen, die in den richtig teuren Häusern ringsum wohnen, tun die armen Rentner wohl leid. Nun, so arm sind die sicher nicht alle, doch dieses Bild trägt eine versteckte Frage in sich: Was sind 2, 5 Millionen gegen den ESM/ ESF –und- so-weiter -Komplex? Nichts. Könnte man glauben.

Doch das Leben ist immer konkret. Zweieinhalb Millionen sind mehr als sich der Bezirk Pankow leisten kann. Der nämlich muss das tun, was in ganz weit oben angesiedelten Gefilden von Politik und Wirtschaft seit langem en vouge ist: Sparen. Ein Bezirk in Berlin, vergleichbar einer Kommune, hockt am Ende der Verteilungskette staatlichen Geldausgebens. Und hat andererseits das Pech, dass der Bürger es hier am schnellsten und sehr deutlich merkt, wenn es knirscht im Gebälk. Oder bei den Straßen, den Schulen, Kitas, der Verwaltung etc.

Auf der anderen Seite gibt Berlin über 3 Milliarden Euro für Sozialleistungen aus. Das ist Spitze in der Republik. Und jetzt wird es kompliziert: Sollte die Verteilung dieses Geldes hinterfragt werden – und ein ganz bisschen den Rentnern in der Stillen Straße 10, Pankow, abgegeben werden? Das gebe aber ein Geschrei.

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Ihre Freitag-Redaktion

07:52 26.07.2012
Geschrieben von

Constantin Rhon

Realist mit liberaler Grundhaltung.
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Ausgabe 38/2021

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