PRISM oder neulich in der U-Bahn

Whistleblower Jeder regt sich über Kleinigkeiten auf. Ist das große Ganze zu groß, um es zu begreifen?
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Wie viele Menschen nutze ich die Zeit in den Öffentlichen, um meinen mehr oder weniger wichtigen Privatkram mit Hilfe meines Smartphones zu erledigen. Schnell nochmal klären, was es zum Abendessen gibt... "Kannste noch die Kino Karten reservieren oder doch lieber Biergarten? Haste Ma zurück gerufen?" Ein schneller Blick in den Google Kalender, Wetter App checken, wichtige Mails gekommen, Paket von amazon ist unterwegs, yay! et cetera... Kennt jeder.

Plötzlich merke ich, dass mein Sitznachbar kackfrech mitliest. Ich drehe mein Handy etwas von ihm weg. Juckt ihn nicht. Stattdessen rückt er etwas näher und starrt weiter auf mein Display, kichert sogar, als meine nervige automatische Worterkennung mal wieder einen meiner Sätze zur Unkenntlichkeit versaut. Ich drehe mein Handy von ihm weg und werfe ihm diesen Blick zu, beim dem meine Schüler wissen, dass gleich der Mond platzt, wenn sie nicht sofort spuren.

Jetzt muss er doch begriffen haben, dass ihn mein Privatleben nichts angeht. Ich hasse es, wenn Menschen in solchen Situationen nicht meine Gedanken lesen können. Ich will anderen nicht sagen müssen, dass sie sich so nicht verhalten sollen. Erzogen wurde er doch schließlich von jemand anderem, hoffentlich...

All mein Hoffen bringt nichts, er versteht meine Blicke und Gesten nicht und will offenbar wissen, wie meine Feierabendplanung weiter geht. Weil ich immer noch keine Lust habe, ihn verbal auf sein Fehlverhalten hinzuweisen, stehe ich also auf und setze mich kurzerhand auf einen anderen Platz. Bäng! Das hat gesessen! Also weiter gehts. Wo war ich? Facebook, richtig. Überlege rasch, wie ich das gerade Erlebte in einen witzigen Status rein formuliert bekomme, als ich merke, dass mein neuer bester Freund hinter mir steht und erneut gespannt mitliest. Jetzt denke ich das erste mal in meinem Leben darüber nach, einen fremden Menschen zu schlagen. Dreist! Doch er hat Glück, ich muss aussteigen. Albtraum beendet! Oder?!

Jeder, dem ich diese oder eine ähnliche Geschichte erzähle, beginnt zu nicken, schüttelt den Kopf und kann eine eigene, annähernd empörende Geschichte zum besten geben. Man redet sich in Rage und tobt darüber, dass manche die Privatsphäre anderer nicht mehr respektieren. Unfassbar!

Wenn ich dann nachfrage, warum man sich da so ärgert und angegriffen fühlt, plustern sich alle auf. "Was geht den das an, was ich zu Abend esse, in welchen Film ich gehe, wann ich mit meiner Ma zuletzt gesprochen habe, wie mein Facebookprofilbild aussieht???" Stimmt! Was geht den das an?

"Sind doch alles unwichtige Daten... kann doch jeder wissen... interessiert doch eh keinen... ich hab nichts zu verbergen..." Sind dagegen die Argumente, wenn ich andere Menschen auf PRISM, TEMPORA oder BDA anspreche.

Da erfahren wir von einem mutigen Menschen, der mit diesem Wissen nicht mehr sein normales Leben gemeinsam mit seiner Freundin in seinem netten Häuschen auf Hawaii einfach so weiterleben kann, in welchem Maß wir seit langem einen so kackfrechen Sitznachbarn haben, der unseren ganzen "ach so unwichtigen" Privatkram mitliest und regen uns nicht auf?

Ich schon. Ich bin wütend genug, um aufzustehen und zu kämpfen. Ich will nicht in einer Welt leben, in der ich mich permanent beobachtet fühle.

Ich bin glücklich, dass es Menschen wie Edward Snowden, Bradley Manning und Julian Assange gibt. Sie geben ihre Existenz auf, um uns aufzuklären und werden Verräter geschimpft, verfolgt, verhaftet und verurteilt. Sie werden sobald keine solche Feierabendplanung per Smartphone durchführen. Sie haben keinen Feierabend mehr!

Empört euch endlich oder lasst in der U-Bahn euren Nachbarn mitlesen, ohne euch zu ärgern. Alles andere wäre inkonsequent!

Constanze Rosengart, 36, Mensch, Pirat, Grundschullehrerin

20:42 05.07.2013
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